Digitale Litfaßsäule

Digital möchten mittlerweile alle Kommunen sein – manchmal ergeben sich allerdings kleine Stilblüten im Brückenschlag zwischen der analogen und der digitalen Welt. Solch ein Bruchstück zwischen Moderne und altem Denken zeigte sich dieser Tage wieder in der Stadt, in der ich wohne. Man plant hier für Ende des Jahres 2018 einen „digitalen Aufbruch“, dessen Grundskizze von der Bertelsmann Stiftung als ortsansässige Stiftung finanziert wurde und die dazu im Vorfeld auch einen externen Berater bezahlt hatte – diesen Akt des Sponsorings allerdings verschwieg der Bürgermeister bei der damaligen Pressekonferenz.

Nun befasst sich die Stadt also einerseits mit dem digitalen Aufbruch – andererseits plant sie eine neue Beschilderung zur innerstädtischen Orientierung für Fußgänger. Säulen, Steelen oder Wegweiserstangen sind im Gespräch. Adressieren soll das geplante System nicht nur Touristen (die hier nicht so stark vertreten sind), sondern auch Einheimische. Ziel könne es sein, die Lust zu wecken, Strecken zu Fuß zurückzulegen, Wege neu zu entdecken oder den Anreiz zu schaffen, mal wieder zu Fuß zu gehen und das Auto stehen zu lassen.

Mich ließ diese Information etwas irritiert und ratlos zurück – und animierte mich zu folgendem Leserbrief, den nun wieder die Neue Westfälische, die über das Vorhaben berichtet hatte, nicht abdruckt-  exclusiv also in meinem Blog: (Update: die NW hat den Leserbrief nun doch abgedruckt, Ausgabe vom 25.9.2018)

Lieber digitale Litfaßsäule

Die Stadt Gütersloh will Besucher und Einheimische mit neuer Beschilderung durch die Stadt lotsen. Ein solches Wegweisersystem soll Orientierung geben, sogar die Laufzeit ausweisen. Auf Seite vier liest man dann über den digitalen Aufbruch der Stadt, der gleichfalls in Planung ist. Beides passt nicht zusammen. Heute trägt jeder seinen individuellen Wegweiser in der Hosen- oder Handtasche bei sich: das Smartphone. Mit Google Maps lässt sich hervorragend durch jede Stadt laufen. Das digitale Hilfsmittel zeigt nicht nur die Route an, sondern berechnet die Wege passend für jedes Verkehrsmittel in für die Laufwege benötigte Zeit um. Getoppt wird das durch Google Street View, das Ziel ist in einer 360-Rundumansicht abrufbar. Und nicht nur das. Mittlerweile kann jeder diese digitale Wegbeschreibung durch eigene Filme seiner Lieblingswege komplettieren. Straßen, Pfade oder auch Abkürzungen werden so gefilmt und als Erweiterung des Bestehenden hochgeladen. Es braucht keine Beschilderung im realen Straßenbild mehr – Wege sind individuell. Wer heute Konkretes in einer Stadt sucht, wird per Smartphone dorthin gelotst: etwa zur nächsten Apotheke, ins nächste Museum oder auch in eine Filiale von einem Megastore. Man muss nur drin sein, im Netz – und damit im Lebensalltag der Menschen verankert. Will eine Stadt also digital aufbrechen, wäre der erste Schritt schon mal flächendeckendes WLAN zumindest in der Innenstadt. Das ist ein Service, den mittlerweile jeder Besucher (und Einheimische) von einer Stadt erwarten darf. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, eine Stadt auch als digitalen Zwilling im Netz zu finden. Etwa mit Augmented Reality, welches mit Hilfe des Smartphones die Wirklichkeit im Virtuellen erweitert: Hält man ein Smartphone auf ein Ziel, ein Restaurant oder auch das Rathaus, erscheinen Zusatzinformationen wie z.B. eine Speisekarte oder eben die Tagesordnung des Rates. Dass eine Stadt an solch einer Agenda arbeitet, wäre mir lieber als tote Schilder aus Stahl. Dann lieber gleich eine digitale Litfaßsäule mit Informationen zur Stadt – und gerne mit einem integrierten interaktiven Chatbot, der mit den Menschen kommuniziert und die wichtigsten Fragen 24/7 beantwortet wie etwa: Wie wird das Wetter heute, wo ist die nächste Ladestation fürs E-Bike oder auch: Zeig mir den nächsten Beutelspender für Hundekot. Das hätte zumindest noch einen Spaßfaktor. Spinnerte Ideen? Mitnichten. Digitaler Aufbruch war in der Welt schon gestern.

 

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