Es wird Zeit, in die Stadtquartiere zu gehen…

In der letzten Woche habe ich an einer Zoom-Konferenz zum „Digitalen Aufbruch“ in der Stadt Gütersloh teilgenommen. Der Prozess zu der Veranstaltung läuft schon seit zwei Jahren. Eigentlich sollte bis November 2020 eine Präsentation aller Denklabore und damit eine Digitale Agenda entstehen, wie sich die Stadt digital aufstellen sollte. Dieser Prozess wird nicht fristgerecht final sein, sondern verschoben, sagte  Bürgermeister Henning Schulz, ein Grund ist Corona und die erschwerten Bedingungen der Organisation. Nun ist der neue Termin für den 25. März 2021 fixiert.

Ich war zum ersten Mal beim „Digitalen Aufbruch“ dabei. Habe an einem „Denklabor“ im Rahmen des digitalen Aufbruchs teilgenommen.

Warum ich mich erst jetzt einklinke? Ich war 2015 als parteilose Bürgermeisterkandidatin in Gütersloh angetreten: mein Schwerpunkt lag auf „Digitalisierung“ in der Kommune, meine Wahlkampf war durchweg digital. Ich habe verloren und ein Buch dazu geschrieben: „Wahltag“.

Das Foto zeigt ein Buchcover mit dem Titel Wahltag.
Wahltag

Jetzt, kurz vor der erneuten Kommunalwahl in NRW möchte ich mir einen Einblick verschaffen, wie weit man denn gekommen ist mit der Digitalisierung und dem Aufbruch in der Stadt, nachdem das Thema erst 2018 wieder in die Öffentlichkeit gehoben wurde. In diesen Jahren hatte ich mich nicht eingemischt, weil man dann gerne als Besserwisser dahin gestellt wird. Das wollte ich mir ersparen. Aber das Thema interessiert mich eben immer noch.

Rausgehen 

Nach den 90 Minuten Zoom-Call im Denklabor mit den Schwerpunkten „Start-up-Förderung“ und „Einzelhandel“ wird mir deutlich, dass es für das Gelingen eines digitalen Aufbruchs jetzt eigentlich zwingendermaßen raus in die Stadtquartiere gehen müsste. Also raus aus der Idee, dass die Interessierten schon zum Prozess und in die Beteiligungsformate pilgern werden. Den Nukleus gilt es zu verlassen, die Konzentration auf wenige eingeweihte Teilnehmer am Ende einer so langen Wegstrecke dürfte jetzt durchbrochen werden. Es geht um die breite Mitnahme und direkte Ansprache der Menschen vor Ort. Je breiter und lebensnaher die Ansprache erfolgt, desto besser ist der Effekt der Mitnahme und Teilhabe. Das heißt eben auch, Face-to-Face in den Stadtquartieren, alles an digitalem Bauchladen direkt zu den Menschen zu bringen. Da, wo die Menschen leben und ihre Bedarfe nach digitaler Hilfe entstehen.

Meine Empfehlung: Geht mit dem Diskurs jetzt in die Stadtteile. Auch in Formaten, die Corona erlaubt. Die aufsuchende Politik und der Dialog vor Ort sind notwendige Bestandteile, um eine Stadt in Gänze für die anstehenden Veränderungen zu begeistern und das Wissen und Können der Vielen einzubeziehen. Sonst verpufft ein solches Konzept als simple PR.

In dem Zusammenhang fiel mir auch auf, wie viele Impulse aus dem heimischen Konzern Bertelsmann und den ihr nahestehenden Institutionen kommen: etwa „Schule, Digitale Bildung“ im Kreis Gütersloh oder auch die Anschubfinanzierung des Aufbruchs durch den Sponsor Bertelsmann Stiftung und auch der Impuls für den Einzelhandel, nicht zu vergessen die VoluMalp, aber auch die Start-up-Schmiede „Founders Foundation“.

Ich dachte dabei an meine Podiumsdiskussion mit dem ehemaligen Bürgermeister von Pirmasens, Bernhard Matheis (CDU), der einst eine wohlhabende Stadt führte, bis die heimische Schuhindustrie in Billiglohnländer abzog und der Stadt den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen wegzog. Pirmasens wurde daher gerne als die „ärmste Stadt“ bezeichnet, Matheis hatte sich dem in einem Brandbrief über das Schlechtreden seiner Stadt durch die Medien entgegengesetzt und sich öffentlich mit deutlichen Worten beschwert. Doch eines blieb: Pirmasens hatte sich ausgeruht auf seiner wirtschaftlichen Monokultur. Niemand hätte je gedacht, dass es mal einen Abwärtstrend in der Stadt geben würde, weil alle dachten, es bleibt so wie immer.

In ähnlicher Weise (als von Corona hart getroffene Stadt, der die Steuereinnahmen weg brechen) waren Bürgermeister Schulz und Kämmerin Lang gerade mit der Stadt Gütersloh in der Zeit.Online erwähnt und zitiert worden:

3.921 Betriebe gibt es in Gütersloh, vom Nagelstudio bis zum Weltkonzern. Viel Mittelstand, viel Industrie, viel Export. Allein neun von ihnen erbringen 53 Prozent der Gewerbesteuer. „Wenn von den Großbetrieben nur zwei, drei, vier wackeln, merkt man das sofort in der Kasse“, sagt Kämmerin Lang.

Vielleicht merkt man das Gefährliche der Monokultur nicht nur in der möglicherweise dann leeren Stadtkasse. Sondern auch dann, wenn das Know-how dieser potenten Betriebe weg bricht und die Bevölkerung keine eigene Resilienz hat aufbauen können. Vertrauen in das Können und Wissen der Vielen vor Ort wären also ein guter und vorausschauender Ersatz. Und schon mal frühzeitig zu aktivieren und für ihre aktive Mitarbeit zu sensibilisieren. Wann, wenn nicht jetzt in der Corona-Krise.

 

Wer ernten will, muss säen

 

 

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