Gelöscht !

In den letzten Tagen habe ich zwei meiner Accounts in den Social Media Kanälen gelöscht. Zunächst war es meine Listung in „Speakerinnen.org“. Heute folgte das Löschen meines Accounts bei LinkedIn.

Und Tschüss nach Jahren einer ungleichen Freundschaft! Ich finde, ich habe da viel gegeben – aber sehr wenig bekommen. Jetzt fehlt mir die Lust und bin nicht mal emotional betroffen von diesem Abschied. Er war längst überfällig. Seit langem war ich da nur noch eine Ruine.

Es bleibt die Erinnerung an diese quierlige Aufbruchstimmung. Damals, als immer mehr Social Media Kanäle auftauchten. Wie auf einer Kirmes der Kommunikation versuchte jeder jedes neue Karussell auszuprobieren, eine Runde zu fahren, den Nervenkitzel eines jeden Gerätes auszuprobieren, die kurzen Glücksgefühle zu spüren, wenn es sich drehte und das Bauchgefühl wie-in-der-Luftschweben kribbelte.

Es war aufregend, sich als digitale Persönlichkeit zu entwerfen, in den Neuland-Kanälen unterwegs zu sein, sich dem Netz und dem da Draußen vorzustellen, eine digitale Eigenerfindung zu sein, eine zweite Realität. Mit all dem Können und Gewordensein im Gepäck: Berufsabschlüsse, berufliche Positionen, digitales Können, sonstige Leistungen, Empfehlungen und wie toll wir doch alle waren. Das Aufhübschen wurde zum Hobby. Wir waren wie blankgeputzte Blechkarossen auf einer internationalen Automobilmesse. Und erst die Qual der Auswahl der Fotos für das Profilbild sowie der Hintergrundbilder. Wie viel Mühe das gekostet hatte.

Es war aufregend wie die Begehung eines neuen Planeten – und blieb doch sehr nahe an dem, was viele von unseren Jahrgängen in der neoliberalen Leistungsgesellschaft bis zum Erbrechen verinnerlicht hatten: sich darstellen, anbieten auf dem Markt, unbedingt gesehen werden wollen, etwas zählen, etwas bedeuten. Besser sein als die anderen Teilnehmer am Kampf um die Kuchenkrümmel. Aufstiegsgesellschaft. Hohle Versprechen.

Ein Grusel und Glücksgefühl der Erhabenheit stellte sich ein, wenn vermeintliche Chefs, hier Führungskräfte genannt, ebenfalls in diesen Plattformen auftauchten – so ins Licht gerückt und schick aufgepeppt wie man sie in der eigenen Firma gar nicht kannte. Wer als führerpositionsloser einfacher Mitarbeiter mehr Follower hatte als sie – was häufig der Fall war, fühlte sich gleich um Gehaltsgruppen besser. Denn hier in den Plattformen zählte nur die Währung Kontakte und Follower. Der Abstieg und das blanke Entsetzen der eigenen Bedeutungslosigkeit setzte immer dann ein, unabdingbar, wenn das reale Leben in der Firma Geltung verlangte: Die Demotivation war in dem Augenblick wie eine vernichtende Welle – weil man ja da draußen viel sichtbarer und wirksamer war als seine eigentlichen Vorgesetzten, diese Währung aber drinnen im Unternehmen wertlos war. Sogar Rivalitäten erzeugte. Die Führung erkannte wohl, wer sich da draußen wie in Szene setzte – und es drauf hatte. Die Rache der Weniggefolgten war süß in den eigenen vier Wänden.

Nun denn. Die Phase als Untergebene in einer neoliberalen Firmenhierachie liegt lange hinter mir.

Und doch war das Löschen auch ohne diese vergleichende Wettbewerbswelt zwischen Kollegenschaft und Führungskreisen nötig. Viel zu viel Zeit habe ich darauf verwendet Inhalte, Haltungen oder sonst was aus dem Ärmelgeschütteltes in die vorgeben Formate zu füllen. Jetzt ist es gelöscht. Das Profil. Es frisst keine Energie mehr. Gut so.

Ob weitere Formate dem Löschen folgen, mal sehen. Vielleicht, wenn ich Facebook mit so vielen anderen Funktionen entflechtet habe. Sicher. Auf Twitter bleibe ich, konsumiere Kommunikation wie in einer Shopping-Mal. Nur, dass ich dort die Quellen verändere, denen ich folge. Und einige einfach rauswerfe aus meiner Liste der Gefolgten.

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