Hinlauftendenz: Digitales kann Leben retten

Mit großer Bestürzung habe ich vom Schicksal des 81-Jährigen Rentners Kenntnis genommen: der orientierungslose ältere Herr war aus einer Reha-Klinik in Bad Oeynhausen „entlaufen“. Er wurde trotz groß angelegter Suchaktion von Polizeikräften, Hundesuchtrupp und Feuerwehr nicht gefunden. Erst einige Tage später konnte er in der Nähe des Bahnhofes in Rheda-Wiedenbrück nur noch tot geborgen werden.

Ein sehr trauriges Schicksal. Aber: Kein Einzelfall. Immer häufiger müssen Rettungskräfte ausrücken, um Menschen mit Demenz zu suchen. Das ist furchtbar nervenaufreibend für alle Beteiligten, denn wer als Demenzerkrankter „wegläuft“, macht das in der Regel nicht nach rational nachvollziehbaren Kriterien. Es handelt sich um „Hinlauftendenzen“ – der Demenzerkrankte hat für sich ein Ziel – dieses erschließt sich jedoch nicht für seine Umwelt. Suchende können nur erraten, welchen Weg, welches Ziel sich der Erkrankte sucht, und auch das ist oft nur Zufall.

Museum Marta #derfremdeRaum

Ich lebe z.B. auf einem alten Bauernhof. Hierher „verirrte“ sich zu einer Zeit regelmäßig ein alter Herr, der hier jahrzehntelang gelebt und mit Pferden gearbeitet hatte. Jetzt lebte er im Heim und war an Demenz erkrankt. Das Hinlaufen zu seinem alten Hof jedoch gelang ihm immer wieder. Nach dem ersten aufregenden Auffinden mit Polizei und allem Drumunddran kannten wir seine Geschichte – und konnten die Angehörigen, das Heim, bei jedem folgenden Abhauen benachrichtigen. Er ließ nicht ab von seinem Drang, auf den Hof zu gelangen. Einsperren ließ er sich nicht.

Was aber, wenn solch glückliches Auffinden nicht möglich ist?

Digitales kann helfen.

Ein Tracking-System in Form eines Sensors könnte helfen. Dies tragen die an Demenz Erkrankten ums Handgelenkt und sind so zu orten. Die Miniaturisierung der Technik macht es möglich. In Japan etwa, das Land mit der ältesten Bevölkerung weltweit, wird bereits dies praktiziert: In der Stadt Iruma werden den Demenzerkrankten QR-Codes auf die Fingernägel oder Fußnägel geklebt. Scannen die Behörden den Code, kann die Person zugeordnet werden – und sicher nach Hause begleitet werden. Voraussetzung: man muss den Menschen als Erkrankt erkennen.

Das werden wir sehr bald auch im Rahmen von Smart City-Kompetenzen mit seinem Netzwerk an Internet der Dinge und damit Sensoren erleben, wie die Menschen mit Orientierungslosigkeit im Stadtbild erkennbar werden und “sicher” in ihre Wohnung, in ihre Betreuung zurückgebracht werden können. Es braucht dann keine „Zäune“ mehr, die die Menschen sichert, die Stadt denkt mit und könnte anhand von Software Menschen im Stadtbild erkennen, die sich orientierungslos bewegen, weil sie sich auffällig vom Bewegungsmuster der „normalen“ Menschen bewegen. Sie bleiben oft stehen, ändern die Richtung, schauen sich um. Die technischen Möglichkeiten werden zunehmen. Das Auffinden ist eine Frage von Klicks. Orientierungsloses Weglaufen könnte bald als Phänomen der analogen Welt ins Museum wandern. Aber wollen wir das?

Getoppt wird dies hierdurch:

Es gibt (irgendwann) eine KI, die Menschen wie eine Smartwatch am Körper oder an der Kleidung als “Wearable KI” anbringen können, die sie in Echtzeit mit fundierten Daten versorgt, um kluge Entscheidungen im Alltag proaktiv zu treffen. Dabei werden in Echtzeit riesige unstrukturierte Daten durchsucht, gefiltert und aufbereitet, die z.B. erkennen, dass ihr Träger „weggelaufen ist“ und so dem Weglaufenden via Sprachassistent anweisen könnten, wie er wieder „nach Hause“ gelangt. Hysterie aus der Zukunft?

Nein.

In einer aktuellen Umfrage der Bitkom, dem Verband der Informationswirtschaft, heißt es:

In fast allen Lebensbereichen wünscht sich eine Mehrheit den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. An der Spitze steht die Pflege (75 Prozent), etwa um den Gesundheitszustand älterer Menschen zu überwachen. Dahinter folgen Ämter und Behörden (73 Prozent), die Medizin (67 Prozent), der Sicherheitsbereich (66 Prozent) sowie der Sport (61 Prozent), etwa bei Schiedsrichterentscheidungen. (…) „Künstliche Intelligenz wird besonders dort gewünscht, wo der persönliche Nutzen greifbar ist – und wo man womöglich auch den größten Verbesserungsbedarf sieht: in der Pflege und Medizin sowie in der Verwaltung“, so Berg. 

Quelle: Bitkom 09/2020

Unsere Gesellschaft in Deutschland altert. Der demografische Faktor zeigt Wirkung. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Die Zahl der Pflegebedürftigen im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes lag bei 3,41 Millionen Menschen im Dezember 2017. Im Dezember 2015 lag die Zahl noch bei 2,86 Millionen Pflegebedürftigen. Der Anstieg von 19 Prozent ist auf den veränderten Pflegebedürftigkeitsbegriff ab dem 1.1.2017 begründet. Zudem leiden heute rund 1,7 Millionen Menschen an Demenz. Jedes Jahr kommen rund 300.000 Neuerkrankungen hinzu.

Der Bedarf an smarter Technik, die das Altern in den Kommunen – also im direkten Lebensumfeld der Menschen – adressiert, wird lauter werden. Der Ruf nach Zugang zu der konkreten Anwendung dieser Möglichkeiten für eine breite Bevölkerungsschicht wird ebenfalls lauter werden. Die Notwendigkeit der Teilhabe ist langfristig zu denken. Wissenstransfer und praktisches Erleben beginnen am besten bereits heute. Dazu braucht es kommunale Erlebnisräume.

Die Zeit läuft.

Sowohl Smart Home, Big Data als auch Roboter in der Pflege, Avatare sowie auch “Mensch 2.0” werden Normalität im kommunalen Zusammenleben sein. Die Kommune darf sich darauf vorbereiten.

Die gesundheitliche Weiterbildung vor Ort sollte einem hohen Standard entsprechen, der digitale Kompetenz insbesondere in der neuen KI-Nutzung im Gesundheitswesen einbezieht. Regionale/Kommunale Vorausschau für eine moderne Gesundheitsversorgung der Bevölkerung wird zu einem verstetigten Prozess und Standortvorteil.

Das Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht – wir stehen sogar erst am Anfang: KI-Anwendungen werden mit weiteren Innovationen aus den Bereichen der Neurowissenschaft, der Biotechnologie, der Nanotechnologie verschmelzen. Es wird eine genetische und smarte Aufrüstung der Gesellschaft geben. Was wird das für die Kommunen als Lebensraum bedeuten? Cyborgs und smarte Prothesen als Verlängerung des Menschseins sind bereits heute Realität.

Dies und mehr beschreibe ich in meinem aktuellen Buch „Als die Demenz bei uns einzog und ich mir einen Roboter wünschte“. Das Buch ist im ibidem-Verlag erschienen (06/2020).

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