Impf-Termin – Idee und Wirklichkeit

Ich schreibe meine Erfahrungen mit dem Buchen eines Impftermins auf. Weil ich diese Erlebnisse festhalten möchte. Nur so. Als Dokument für die Nachwelt. Und für mich selbst. Weil es so unfassbar ist. 2021. In einer Wissensgesellschaft. Mit Digital und so. Der Impfstart in NRW ist ein Pannenstart.

In der Pandemie gilt es, die verletzliche Gruppe der über 80-Jährigen zu schützen. Sie erhalten die Impfungen vorrangig vor allen anderen. Gut so. Dieser Tage also erhalten in NRW alle über 80-Jährigen eine Einladung von ihrer Kreisverwaltung und vom Minister für Gesundheit des Landes NRW. Sie werden gebeten, einen Termin zur Impfung zu vereinbaren. Die Impfzentren stehen seit Wochen bereit – doch sind sie bisher leer.

In meiner Familie sind es mehrere Personen, die über 80 sind und einen Termin buchen möchten – sie sind starke Impfbefürworter. Weil ich als „Digital-Gretel“ gelte, fallen diese Buchungstermine mir zu. Ich erkläre mich bereit, den Weg durch den Impfdschungel anzutreten. Natürlich will ich auch wissen, wie es geht.

Ich rufe die Seite auf www.116117.de. Sehr schnell lande ich für eine lange Zeit in der Digital-Schleife.

Ich komme nicht in das Anmeldungstool. Überlaufen. Platt. Was auch immer. Ich hake fest. Vier Stunden vergehen. Immer wieder versuche ich es. Keine Chance. Es klickt sich nicht weiter.

Da ich eh am Rechner sitze, kann ich auch twittern – so meine Gedanken mit der Community teilen.

Dann endlich schaffe ich es, komme in die Maske der Anmeldung – und gelange nach zwei Versuchen mit dem Versenden von Verifizierungscodes zum Termin-Buchen.

Gleichzeitig nutze ich alle Möglichkeiten, den VermittlungsCode aufzuschreiben – der ist wichtig und darf nicht verloren gehen. So landet der sogar handschriftlich auf einem eigenen Notizzettel aus Papier (!) Gleichermaßen in den digitalen Notizen, wie auch abfotografiert im Smartphone und dann noch weitergeleitet ….

Als ich die ersten beiden Termine für Person A im Rechner gesichert habe, ein Bestätigungsmail ordentlich archiviert habe, sogar ausgedruckt auf dem Schreibtisch liegen sehe – durchströmt mich ein Glücksgefühl. Ich habe den Digital Forest erfolgreich durchdrungen. In der Familie werde ich bejubelt als hätte ich Leben gerettet. Noch ist es allerdings nur ein vages Versprechen. Der Impfstoff ist noch nicht im Menschen….

TAG 2

Einen Tag später, man muss Pause machen nach solchen Exzessen, ist die zweite Dame dran. 85-Jährig. Sie entschuldigt sich bei mir, dass sie nicht mehr Digital gelernt habe.

Erneut bin ich im Netz. Diesmal klappt es auf Anhieb. Ich bin drin. Auch den Verifizierungscode bekomme ich sehr schnell. So lande ich bei der Terminbuchung. Klicke alle vorliegenden Termine durch – alle Slots sind vergeben. Sie sind nicht buchbar. Ich klicke sie alle an, öffne sie wie die 24 Törchen im Adventskalender – keine Chance. Alles Terminruinen. Keiner ist mehr buchbar.

Ich klicke mich raus. Einige Zeit später versuche ich es erneut. Vielleicht sind jetzt neue Termine hinzu gekommen – für OWL.

Doch diesmal bekomme ich keine Zugang mehr: Mein Anfragenlimit sei erreicht. Ich fliege raus.

Auf meine Anfrage bei Twitter bekomme ich natürlich keine Antwort. Auch auf meine Anfrage per Mail nicht. Da ist niemand am anderen Ende der Kommunikation. Hallo Mars?

Vom Rechner zum Telefonhörer

Ich wechsele das Medium. Jetzt völlig analog mit einem Telefon. Sehr tapfer wähle ich 10 mal die Nummer 0800 116117 02. Besetzt. Ich wähle sie 20 Mal. Ich wähle sie 30 Mal. Ah, endlich. Ich lande in der Hotline. Endlosschleife. „Sie können nur unter bestimmten Bedingungen geimpft werden. Sind Sie über 80, dann drücken Sie die 1.“ Ich folge. Wie schön. Es heißt jetzt: „Der nächste Mitarbeiter ist für Sie reserviert.“ Ich warte. Setze Tee auf, schaue aus dem Fenster, es schneit. Wahrscheinlich werde ich hier noch den Frühling erleben, wenn das so weiter geht. Und dann denke ich, beim nächsten Knacken in der Leitung… Doch: Nach 24:36 Sekunden fliege ich gänzlich raus. Tote Leitung. Niemand da am anderen Ende der Leitung. Ich lege auf.

Nach einer Teepause versuche ich wiederholt mein Glück. 10 mal. Besetzt. 20 mal, besetzt. Beim 54. Mal bin ich endlich verbunden. Nach einer kurzen Wartezeit meldet sich eine sehr freundliche Mitarbeiterin. Sie nimmt die Daten auf. Ich buchstabiere und nutze als Kennwörter sogar „Husten“ und „Liebe“ für H und L. Wir lachen entspannt. Geht doch. Denke ich.

Und dann schaut sie nach freien Terminen. Es gibt keine. Auch nicht in der Nachbarkommune. „Bitte rufen Sie in den nächsten Tagen nochmal an. Ich weiß nicht, in wiiiiiieeee vielen Tagen. Aber versuchen Sie es nochmal. Dann werden hoffentlich weitere Termine eingestellt sein. Das System hier kann Ihnen keine Termine sagen. Online und dies hier, die Hotline sind miteinander verbunden. Wenn es online keine Termine gibt, gibt es die hier auch nicht.“ Ich bestätige mit OK. Mehr fällt mir nicht ein.

Und frage: „Wenn ich dann das nächste Mal anrufe, haben Sie ja wenigstens schon meinen Datensatz vorliegen, dann müssen wir das nicht nochmal machen.“ „Nein“, lautet ihre Antwort. „Das geht leider nicht. Wir dürfen aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Daten speichern.“ Ich schlucke. Mir fehlen die Worte. Wenn sie dort im CallCenter nichts speichern dürfen – wer überprüft dann später die Daten bei der Impfung? Oder werden die dann etwa zurück übertragen auf Zettel – so wie bei mir? Ich frage nichts mehr. Ich will die Hotline nicht weiter blockieren…. ich will mir Gedanken machen über unsere Zukunft. Ich muss dringend nachdenken.

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  1. Ich war sehr interessiert über ihre Erfahrungen und auch wie es Deutschland läuft bezüglich der Corona Impfung für die Menschen +80-jährige BürgerInnen um uns herum. Ich bin bereits seit Tagen bemüht, um meine Mutter + 80-irin für eine Impfung anzumelden………. Bis dato ohne Erfolg und viel Zeit investiert.

    Ein kleines Trostpflaster: in der Schweiz mit dem Föderalismus (27 verschiedene eigenen Impfstrategien) und auch bereits im 2021 angekommen läuft es nicht anders. Einige Kantone haben bereits digitale Anmeldeformulare und andere arbeiten mit Papier-Handlisten. Ebenso die Personen der HOTLINES sind nicht wirklich auf die Fragen der BürgerInnen vorbereitet. Diese Staunen nur, wenn Sie mehr von den Anrufern erfahren, als sie in der Schulung gelernt haben.

    Kaspar Staub der Historiker an der Universität Zürich hat Corona und Spanische Grippe von 1918 verglichen:
    Es ist beeindruckend, wie sich beim Vorgehen der CH-Regierung und der Behörden während den Pandemien 1918 und 2020 immer grössere Ähnlichkeiten abzeichnen. Siehe bei Wikipedia was in den letzten 100 Jahren alles erfunden und entwickelt wurde….. und mit dem Projekt „Corona-Impfung“ hat es nicht funktioniert.

    Gleichzeitig läuft der Wirtschaft und mitdrin den bereits vielen Arbeitslosen und auch Selbstständigen ohne Einkommen die Zeit weg. Ein wirkliches Konzept steht auch den Schweizer BürgerInnen nicht vor, keine Perspektiven resp. Facts, mit denen wir uns irgendwie über Wasserhalten könnten.

    Stellen wir uns nur einmal vor, was jedes Land an Kosten bis jetzt ausgegeben hat für die Planung, Organisation und Flächen für leere Impfzentren.

    Also kurz um und als kleiner Trost es läuft im kleinen CH-Ländle nicht anders! Weiterhin toi toi toi
    Herzliche Grüsse

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