Klimakrise frisst Bäume – gebt den Bäumen vernetzt eine Stimme

„Klimawandel findet woanders statt!“ „Bis der Klimawandel hier ankommt, das dauert!“ – Weit gefehlt. Ein Blick in die heimischen Wälder zeigt eine andere Wahrheit. „Der Klimawandel frisst Bäume!“ Vor allem Fichten in Monokulturen.

Hier stumme und verdörrte Zeugen für die Folgen der Klimakrise im Teutoburger Wald, entlang des Hermann-Wegs in der Nähe von Detmold (NRW). Das Erleben ist mehr als das Lesen von Statistiken:

Kaputte, vertrocknete Fichten. So weit das Auge reicht. Borkenkäfer unter jeder Rinde. In Windeseile werden die Bäume gefällt und schnellstens aus dem Wald befördert, bevor der Bäumeblutsauger „Buchdrucker“ und „Kupferstecher“ sich noch weiter frisst. Trockenheit, Sturm, Hitze, Borkenkäfer – das traurige Quartett der letzten beiden Sommer mit überdeutlichem Anstieg der Temperaturen und geringen Niederschlägen. Menschengemacht. Schon 2018 stand fest:

Die FICHTEN haben im Jahr 2018 die schlechtesten Benadelungswerte seit Beginn der Zeitreihe [der Kronenverlichtung].“

 

Die Krise zeigt Gesicht

Der Waldzustandsbericht NRW von 2018 zeigt die Schäden minutiös auf.

„Durch die fortlaufende, jährliche Datenerhebung [der Kronenverlichtung] sind langfristige Trendprognosen für einzelne Baumarten möglich. Dies ist besonders wichtig in Zeiten des prognostizierten Klimawandels, da der Zustand der Bäume und Wälder wesentlich von Umwelt- bzw. Klimaeinflüssen abhängt. (…) In diesem Jahr 2018 wurden neue Hitze- und Dürrerekorde verzeichnet. Die Monate April bis August 2018 waren die bisher wärmsten und sonnenscheinreichsten sowie zugleich mit die niederschlagsärmsten Monate seit Beginn der Aufzeichnungen des Deutschen Wetterdienstes im Jahr 1881. Die mittlere Temperatur dieser Monate lag in NRW mit 17,4 °C um 3,6 °C über dem langjährigen Mittel (1961–1990) und übertraf die beiden bisherigen Rekordjahre 1947 und 2003 um mehr als 1 °C. Gleichzeitig wurde die niedrigste Niederschlagssumme seit 1976 gemessen. Den ausgesprochen trockenen und kalten Monaten Februar und März folgte ein rapider Temperaturanstieg, der zu einem schnellen und frühen Austrieb der Waldbäume führte. Der April war bundesweit der wärmste April seit 1881. In NRW lag die mittlere Temperatur fast 5 °C über dem langjährigen Mittel. Im Juli zog eine außergewöhnliche Hitzewelle über das Bundesland, die von äußerst sonnenscheinreichen und extrem trockenen Bedingungen begleitet wurde. Im August setzten sich diese Bedingungen weiter fort. Obwohl der Bodenwasserspeicher gut gefüllt in das Frühjahr startete, führte die lang anhaltende Hitze- und Dürrephase ab Ende Juli zu massivem Wassermangel, der eine erhebliche Belastung für die Waldbäume in NRW darstellte.“ (Waldzustandsbericht NRW 2018)

 

Gerodet! – Aufforsten dauert, nur keine Monokultur mehr!

 

Die Verendung der Bäume ist auch ein Thema für Open-Data-Projekte in den Kommunen, nicht nur für Gegenstrategien, sondern auch für die weitere Sensibilisierung der Bevölkerung:

„In der Klimaanpassungsstrategie des Landes geht es nicht allein um die Folgen des Klimawandels für den Wald und die Waldbewirtschaftung; es geht um die Planung von vielfältigen Handlungsansätzen. Vor allem sollen die verschiedenen Waldinformationen stärker vernetzt und der Forstpraxis besser zugänglich gemacht werden. Mehr für die konkrete Arbeit vor Ort muss das forstliche Umweltmonitoring genutzt werden, zu der auch die Waldzustandserhebung gehört. Ein neues Waldinformationssystem (Waldinfo.NRW) wird derzeit eingerichtet.“ (Waldzustandsbericht NRW 2018)

 

Unnachgiebiges Sterben am Wegesrand im Teuto

 

Vielleicht hilft es, uns nochmals zu vergegenwärtigen, welcher Hochleistungsorganismus uns da verloren geht: Wald als Lebensraum für Tier, Pflanzen und Mensch, Wald als Ort unserer Kultur und Literatur (ohne Wald kein Rotkäppchen und der Wolf); Wald als Klimaspender und Verwerter von CO2; Wald als Holzlieferant für Wärme, Papier und Architektur, Rohstoffe; Wald als Schutz gegen Lawinen, Hochwasser, Wind und Austrocknung der Böden; Wald filtert und speichert Regenwasser; und nicht zuletzt: Wald als letzter Ruhepol, als Friedwald für Seelen.

In NRW beschloss die Landesregierung gerade eben ein Programm zur „Zukunft des Waldes“. Heute, am 25.09. tagt in Berlin der Nationale Waldgipfel. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat dazu ein Eckpunkte-Papier zur Diskussion gestellt „Deutschlands Wald im Klimawandel – Eckpunkte und Maßnahmen.“

Ich sehe hier zahlreiche Chancen, digitale Strategien einzubauen, die helfen, den Wald zu monitoren. Gebt den Bäumen vernetzt eine Stimme: Ideen sind gefragt. Wie etwa Twittering Tree. Auf der Website des Thünen-Instituts findet sich dazu eine gute Anregung:

 

„Der Wald ist online: Forscher des europäischen Kooperations-Netzwerks „STReESS“ ermöglichen es Bäumen, in Echtzeit zu berichten, wie sich der Klimawandel auf sie auswirkt.


Verdunstung, Wasserfluss durch den Baum und selbst kleinste Zuwachsreaktionen der Bäume sind im Internet direkt nachverfolgbar. Die „Twittering Trees“ von TreeWatchNet liefern den Forschern Erkenntnisse, wie Bäume und Wälder auf zunehmenden Hitze- und Trockenstress reagieren. Aber auch jeder Interessierte kann über Twitter nachverfolgen, wie es den angeschlossenen Bäumen geht.

In Deutschland ist seit August 2019 eine Buche in Brandenburg Mitglied der Twittering-Tree-Gemeinde. Sie steht auf der Versuchsfläche Britz des Thünen-Instituts in Eberswalde. In der Regel zweimal täglich meldet sie sich über Twitter zu Wort.

 

 

 

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