Künstliche Intelligenz als Bürgermeister?

Gestern stand die erste Künstliche Intelligenz zur Bürgermeisterin auf dem Wahlzettel. In Tama / Tokio, also in Japan, fand die Bürgermeisterwahl statt. Eine Kandidatin unterscheidet sich maßgeblich von den anderen Kandidaten: es ist eine Künstliche Intelligenz. Sie wurde nicht gewählt. Aber: Sie war angetreten, die 150.000 Einwohnerstadt grundlegend zu verändern. Ein Ziel war, der Stadt zu einer unparteiischen und unvoreingenommenen Entscheidungsfindung zu verhelfen.

Hinter der KI steht ein realer Mensch. Der IT-Softwareentwickler Michihito Matsuda. Er ist 44 Jahre alt. Er twittert @tama_ai_mayor.

 

          https://www.ai-mayor.com/          hier findet sich das Originalplakat zum Druck #Tama_Mayor

 

Die Kandidatur hat einiges Kopfschütteln hervorgerufen. Ich frage mich, warum eigentlich?

Ich hatte die Meldung auch auf Facebook gepostet. Unter dem Account von „Wir Kommunalen“ enstpannte sich dazu eine ganz interessante Diskussion, wie denn etwa Gemeinwohl zu messen sei.

 

Nils Fuhrmann Henning Witzel : Wie stellen Sie denn als Mensch fest, was dem Gemeinwohl dient? Allein mit Bauchgefühl würden Sie insbesondere bei größeren Städten Probleme bekommen.
Nein, Sie legen Kriterien, Kennzahlen und Rahmenbedingungen fest. Und die können Sie auch der KI mitgeben.  Aufgabe an die KI: „Die Stadt hat die Fläche X, die Einwohnerzahl Y und Budget Z. Wegezeiten mit Auto und ÖPNV sind bekannt. Baue 1-3 Schwimmbäder an Standorten, so dass jeder innerhalb von 15 Minuten ein Schwimmbad erreichen kann. Fertige so viele Varianten wie möglich, zwischen denen die Ratsversammlung entscheiden kann.“
Das wäre mal ein einfaches Beispiel, dass sich auf jeden Fall erweitern lässt.
Es geht ja im Artikel nicht darum, dass die KI alle Entscheidungen trifft, sondern möglichst intelligent, neutral und effektiv unterstützt.

 

Für mich stellt sich die Frage seit langem, ob mehr Künstliche Intelligenz im Rathaus einziehen muss. Ich habe diesen Aspekt bereits in meinem Buch „Wahltag“ beschrieben, als ich selbst als Bürgermeisterin kandidiert habe.

Hier ein kurzer Einblick in meine Gedanken dazu – 2016 aufgeschrieben:

„ Die Frage stellt sich nämlich: Verändert sich ein Amt des Bürgermeisters in Zukunft, wenn etwa der Einsatz von künstlicher Intelligenz in die Rathäuser stattfindet udn diese weiderkeherhnde Verwaltungsarbeit gänzlich übernehmen kann? Welche Kompetenz muss ein Bürgermeister haben, wenn Rechenzentren viele Aufgaben in der Kommune übernehmen, Rechenzentren, die vernetzt sind? Bürgerzugänge, die vernetzt sind, offene Datenportale, die vernetzt sind. Wenn künftig ganze Pakte von Dienstleistungen für den Bürger zentral abrufbar sind und gar nicht mehr aus dem einzelnen Rathaus kommen, weil so viele Rathäuser gar nicht mehr gebraucht werden – oder angesichts knapper Kassen auch nicht mehr betrieben werden können? Wie wird sich die Funktion des Bürgermeisters dann überhaupt ändern müssen, wenn etwa Kommunen zusammengelegt werden oder ganze Verwaltungsregionen entstehen? Wird es noch den alten Bürgermeister geben, der Hände schüttelt, oder braucht es dann ganz andere Qualifikationen für einen solchen Posten? Hier dann vielleicht ein Chief Digital Officer viel wichtiger als ein Bürgermeister? Früher setzte man auf Juristen. Sind es morgen die Mathematiker oder Informatiker? Wird die Funktion des Bürgermeisters in Zeiten der Digitalisierung überleben? Ich glaube nein.“ (Zitiiert aus Wahltag, Wochenschau Verlag Frankfurt a.M.)

 

Wir befinden uns auf dem Weg, Methoden der KI besser kennen zu lernen. Sie ist angetreten, viele unserer Fähigkeiten besser zu machen als wir selbst. Etwa gemeinwohlorientierte Entscheidungen zu treffen, die mittels Prognosen oder Simulationen viel mehr Alternativen entwickeln und Prämissen einbeziehen können. Auch unser demokratisches Zusammenleben wird davon nicht ausgenommen sein. Die Diskussion um neue Governance, um neue Rollenzuschreibungen und ein neues Miteinander findet schon statt. Dass Künstliche Intelligenz dabei am Tisch sitzt, erstaunt doch gar nicht mehr. Die Kandidatur einer KI in Tama in Japan ist nur ein weiteres sichtbares Zeichen der Veränderung. Wir sind mitten drin in diesem Prozess und es wird noch mehr Infragestellen geben. Zukunft ist bereits schon da.

 

 

 

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