Künstliche Intelligenz spricht Nachrichten

Was wäre, wenn Ingo Zamperoni oder Marietta Slomka nicht mehr real auf dem Bildschirm auftauchen würden – sondern ein Avatar, der den beiden Moderatoren der Nachrichtensendungen Tagesthemen und ZDF heute-journal nachempfunden wären? Dann wären wir in China. Das staatliche chinesische Medienunternehmen Xinhua und der Internetsuchdienst Sogou haben den ersten künstlichen Anchor auf den Markt gebracht, der einem echten Nachrichten-Moderatoren nachempfunden wurde.

Sein Aussehen und seine Stimme sind nach dem Vorbild von Zhang Zhao, einem echten Nachrichtensprecher bei der Xinhua News Agency geformt. Die Technologie simuliert echte Sprache und Reaktionen. Der virtuelle Anker spricht in Zhangs Stimme und bietet ein glaubwürdiges Bild von ihm, komplett mit entsprechenden Mundbewegungen und natürlichen Gesichtsausdrücken, so dass sich der virtuelle Anker nicht wesentlich von einem echten unterscheidet. Im Grunde sind es sogar zwei Nachrichtensprecher: Eine Ausgabe spricht Mandarin, die andere Version Englisch. Übersetzt werden schriftliche Nachrichtentexte in Sprache. So kann der virtuelle Kollege 24/7 an rund um die Uhr, die ganze Woche, das gesamte Jahr arbeiten. Eine Pause braucht er nicht. Urlaub kennt er nicht, Emotionalität beim Verlesen von schlechten Nachrichten bleibt aus, weil nicht vorhanden. Er arbeitet im Modus der Echtzeitübersetzung von Text in Sprache, diese neue Technik kann Kosten senken und effizienter arbeiten als jeder Mensch das vermag.

Die Computer-basierten Animationen und die synthetische Stimme sollen demonstrieren, was künstliche Intelligenz (KI) inzwischen leisten kann. Virtuelle Assistenten ziehen also auch ins Kernfeld der Digitalisierung, also ins Teilen von Wissen und damit in die Nachrichtensparten ein. Eine interessante Entwicklung, wenn man bedenkt, dass wir uns alle längst nicht mehr in einer gemeinsamen öffentlichen Diskussionsgemeinschaft befinden, sondern zunehmend in fragmentierten, kleinteiligen Informationsblasen. Ein gemeinsames Verständnis der Welt kann so kaum mehr hergestellt werden, zu unterschiedlich sind mittlerweile die Kanäle der Verständigung. Mit diesem nächsten Schritt ist es nur ein kleiner weiterer Schritt hin zu personalisierten Nachrichten, direkt aufs Smartphone. Mit einem Avatar, den man sich selbst basteln kann – und die News gleich mit? Gleichfalls wird es künftig keine Einbahnstraßenkommunikation mehr geben – möglich ist es dann auch, sich mit dem Anchor interaktiv auszutauschen. Wollten wir nicht alle schon mal mit Frau Slomka oder Herrn Zamperoni diskutieren, direkt am TV? Wer chinesisch oder englisch spricht, kann das womöglich baldigst mit Zhang Zhao II.

 

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