Medienwelt und Medienkenntnis – auf den Kopf gestellt

Wir werden lernen müssen, mit der Angst zu leben. Diesen Satz haben wir alle in den letzten Monaten unzählige Male gehört. Angesichts der Terrorakte in der ganzen Welt und zunehmend vor unserer Haustür fiel er in fast jedem Kommentar, sei es seitens der Politik, der Staatsschützer oder auch von uns selbst. Auch gestern fiel er wieder, als diesmal in München auf wehrlose Menschen geschossen wurde.

Was aber genau müssen wir denn lernen?

Zwei Dinge sicherlich:

  1. Den Umgang mit einer neuen Art von Berichterstattung über diese Vorfälle. Diese hebt längst die traditionelle Medienwelt komplett aus den Angeln.
  2. Den Umgang mit digitalen Hilfsmitteln, die Informationen vermitteln und helfen, sich zu schützen.

Neues Medienverhalten 

Der „Sonderfall“ in München hat es gezeigt, wie selten zuvor: die Medienberichterstattung hat sich fundamental geändert. Die Social Media Kanäle erweisen sich als schneller, als vielfältiger, als zentrale Quelle, obwohl die Informationen aus dem Wissen der Vielen entspringen, die nicht nach journalistischen Grundregeln ticken. Die teilende Gesellschaft ist auch eine teilende Mediengesellschaft, in der nicht mehr konsumiert wird, sondern längst jeder auch produziert – und wo Informationen so schnell geteilt werden, dass selbst die Profis der alten Medien sich dieser Kanäle bedienen, weil die Direktheit in ihren Vorteilen durch nichts mehr zu toppen ist. Die Menschen sind vor Ort, sie berichten in Echtzeit. (Zu den Nachteilen komme ich gleich auch noch.)

Als offenbar zentrale Quelle hat sich Twitter herausgestellt. In Windeseile war der Hashtag #München #OEZ und #Schießerei verbreitet, ein ganzer Kanon an Videos, Bildern, Infos, Meinungen verbreitete sich. In diesem Reigen waren alle beteiligt, wenn auch mit unterschiedlichen Rollen: sowohl die Polizei nutze den Kanal als auch staatliche Stellen wie die Stadtverwaltung, Politiker und auch die Medien. Alle Nutzer sind gleich, die Kommunikation findet auf Augenhöhe statt. Selbst die Polizei in München twittert in der Ansprache mit einem vertrauten „Du“.

Und die Polizei twittert in gleich mehreren Sprachen, weil Twitter universell genutzt wird, in einer globalen Großstadt wie München keine Frage der Notwendigkeit.

Auf Twitter zeigt sich, dass die Qualität nicht in der Einzelmeinung entsteht, sondern in der Vielfalt, die ein facettenreiches Mosaik der Ereignisse aus den unterschiedlichen Blickwinkeln ermöglicht. So eine verdichtete fast 360-Grad-Berichterstattung ist neu. Selbst die traditionellen Medien verwiesen im Fall München in gefühlt jedem vierten Satz auf Twitter als Quelle. Da ist es schon fast kurios, dass ein Twitterati, Blogger und Internetgeschöpf wie Richard Gutjahr gleich zweimal direkt vor Ort ist, wenn ein solches Attentat stattfindet.

Um der Schnelligkeit der Ereignisse und aber auch der Schnelligkeit der neuen Berichterstattung durch die Social Media Kanäle gewachsen zu sein, muss das traditionelle Fernsehen gleich online bleiben. Es kann keine Sendepause mehr einlegen, um die Informationen zu sammeln, zu bündeln oder gar mit Deutungshoheit zu versehen. In der Zeit würde das Netz diese Aufgabe vollends übernehmen und eine ganz eigene Art der Berichterstattung ermöglichen. Die Zuschauer würden dem Medium folgen, welches dran ist, dabei ist. Es geht erst in zweiter Linie um deren Auslegung und Wirkungsanalyse, es braucht keine Journalisten mehr zur Einordnung.

So erstaunt es eigentlich auch nicht mehr, dass Jens Riewa von der Tagesschau plötzlich vom Moderator zum Interviewer wird, dass die Tagesschau gleich einfach weitersendet und ihre sonst heilig eingehaltene Viertelstunde überschreitet. Überschreitet mit vagen und spekulationsfördernden Fragen aus dem Studie an einen Reporter vor Ort, der diese Fragen offensichtlich nicht beantworten kann, ohne der Spekulation ungerechtigerweise Gestalt zu geben. Er ist nur einer, der auf verifizierte Infos angewiesen ist, die er dort, wo er steht, aber nur spärlich oder gar nicht bekommt. Es erstaunt nicht, dass im ZDF live in eine Pressekonferenz in einem Autohaus geschaltet wird und die Reporter und Journalisten überhaupt keine Chance haben, irgendetwas an Information zu filtern, zu sortieren oder einzuordnen. Die Zuschauer, die überhaupt noch Fernsehen schauen, werden gleich mitgenommen. Direkt vor Ort dabei. So wie es auch die Social Media leisten. Zugleich werden auch hier wilde Fragen gestellt, von denen jeder weiß, dass man sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht wirklich beantworten kann.

Nicht zuletzt haben viele öffentlich-rechtliche Sender selbst mittlerweile Apps zum Downloaden eingestellt, die es ermöglichen, den Redaktionen Videos und Bilder von Ereignissen direkt in die Redaktionen zu übermitteln. Gleiches gilt für Voice-Aufnahmen, die man einsenden kann. Smartphones machen es möglich, jeder Nutzer eines solchen Gerätes ist auch potenzieller Produzent von News. Jeder könnte ein nächster Augenzeuge sein. So nah kann keine Redaktion der Welt sein, wie die Menschen vor Ort an den Ereignissen dran sind. Es reicht den Vielen offenbar die Einordnung der Vielen – und nicht der wenigen Experten im Fernsehen. Es ist offenbar wichtig, das vor Ort die Arbeit der Sicherheitskräfte geleistet wird, es braucht keine Deuterei von Wenigen mehr, die im Fernsehen auftreten. Die Menschen folgen den Vielen, den Praktikern (Polizei, ihr macht eure Sache gut) und der Vielfalt der Standpunkte.

„Twitter“ –  was ist denn das überhaupt – und kann denn da jeder was reinschreiben?

Diese Frage ist sicher spätestens gestern bei vielen Zuschauern der traditionellen Meiden gefallen. Eine neue Quelle hält Einzug. Die Frage stellt sich, ob und wie der Auftrag der Medienschaffenden als oft zitierte „4. Gewalt im Staat“ überhaupt noch ihre Aufgaben erledigen können, oder ob sich das Geschäftsmodell nicht längst derart verändert hat, dass dies schon nicht mehr in alter Weise funktioniert. Digitale Disruption im Medienschaffen? Die ersten Diskussionen dazu finden bereits statt, aber erst zaghaft und noch sehr auf die Redaktionen selbst beschränkt, die den Schwund des „Journalismus“ als erste bemerken. Andererseits wird die öffentlich-wütende Diskussion um die „Lügenpresse“ auf die Straße getragen und es fehlt bisher an Konzepten, den rechtspopulistischen Hetzern den Wind aus den aufgeblasenen Segeln zu nehmen.

Und was wird sein, wenn künftig nicht mehr reale Menschen die Berichterstattung übernehmen, also etwa in den öffentlich-rechtlichen und auch privaten Medienanstalten, sondern auch noch künstliche Intelligenz Teile dieser Aufgaben übernehmen? Künstliche Intelligenz, die künftig Datensätze in Bruchteilen von Sekunden durchforsten können – und auswerten oder die ganze Berichte aus den vorliegenden Fakten schreiben, ohne, dass ein Mensch diese je gesehen hätte?

Das führt mich zu der zweiten Frage:

Was müssten die Menschen eigentlich alles wissen/lernen, um ihrerseits Berichterstattungen oder auch Katastrophenschutz verfolgen und einordnen zu können? Wie nimmt man etwa die ganze Bevölkerung mit, wenn es um Informationsvermittlung zum Schutz der Bevölkerung geht – diese aber zunehmend digital stattfindet? Dazu muss man die digitalen Handwerkszeuge kennen. Nicht alle haben Anteil daran.

Einige Aspekte seien hier besonders genannt, die schon funktionieren – aber sicher nicht auf dem Radar der breiten Bevölkerung verankert sind:

Katwarn ist ein deutschlandweites Warn- und Informationssystem, welches bei Katastrophen zusätzlich zu den Stellen wie Polizei, Feuerwehr und Medien informiert. Es ist nur orts- und themenbezogen im Einsatz. In einigen Städten und Kreisen steht es zur Verfügung. Dieses Tool überwindet die „letzte Meile“, also den direkten Draht zum Empfänger, also der Bevölkerung. Es soll hier nur darauf verwiesen werden – um zu zeigen, dass es Tools gibt, die aber nicht bei allen in der Bevölkerung bekannt sind oder auch aus Unkenntnis nicht abrufbar sind. Im Falle München zeigte sich das System zwar als überlastet, aber die Idee hinter dieser Art lokaler und konkreter Hilfsapp sollte in die Breite gehen und ausgefeilt werden. Daten dazu liegen ausreichend vor. Dazu wären Strategien sinnvoll, die Bevölkerung über solche Hilfsmittel zu informieren und in der Nutzung zu schulen. Neben Katwarn gibt es auch noch die Warnapp NINA des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz, die ähnlich arbeitet. (Ich hatte dazu schon im Rahmen des Feuerwehrneubaus in GT gebloggt). Auf der Seite des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz finden sich einige gute Hinweise  – es reicht aber nicht, wenn nur digital Affine oder Findige sie dort finden und für sich nutzen. Solche digitalen Strategien gehören ins Allgemeinwissen.

SafetyCheck von Facebook: Am 16. Oktober 2014 gibt Mark Zuckerberg eine neue Funktion von Facebook bekannt, den SafetyCheck. Er schreibt, dass es angesichts der vielen Katastrophen sinnvoll sei, wenn man bei Eintritt solcher Umstände schnell seine Lieben informieren kann, dass man sich in Sicherheit befindet – oder eben auch Freunde checken kann, ob es diesen gut geht. Auch im Fall von München war dieser Safety Check freigeschaltet: Finde Deine Freunde und erkundige dich nach ihnen. Markiere sie als sicher. Ein hilfreiches Tool in einem solchen Fall, in dem potenziell viele Tausend Menschen betroffen sein könnten. Der Datenschutz tritt da deutlich in den Hintergrund der vordergründig genialen Idee.

Twitter: Nutzen von Hashtags – und ein Grundverständnis über das Funktionieren dieses Nachrichtenkanals ist leider noch kein allgemeines Kulturgut. Es bedarf noch einer stärkeren Aufklärung in die Breite hinein, welche neuen Formen der Kommunikation mit diesem Kanal möglich sind und wie diese Echtzeitkommunikation Einsätze und Berichte verändern.

Warnung der Polizei vor Postings von Fotos: Die Polizei in München warnte davor, Bilder und Videos vom Tatort weiterhin hochzuladen. Auch Täter schauen in den Social Media Kanälen nach, auch sie nutzen diese. Um in der Gefahrenabwehr den Tätern keine Informationsvorteile zuzuspielen, ist das Anliegen nachvollziehbar. Es hält sich nur keiner dran, weil der Kanal einfach davon lebt, Infos in Echtzeit einmal rund um den Erdball zu zwitschern. Wir haben uns daran gewöhnt, in Echtzeit dabei zu sein, sei es beim Niederschlag des Putsches in der Türkei oder sei es bei der Täterjagd in München. Der Grad ist schmal, wo Echtzeit und Authentizität richtig sind und wo sie gefährlich werden können.

Checkliste von Fakebildern zu Katastrophen. Es gibt auch Fakebilder, die geteilt werden, weil die Nutzer nicht erkennen (können), dass es Falschmeldungen sind. Der Spiegel hat eine Checkliste veröffentlicht, wie man Bilder auf ihren Echtheitsgehalt hin überprüfen kann. Es gehört eben auch ein hoher Grad an Verantwortung dazu, wenn man eine teilende Gesellschaft ist.

Fakt ist: wir erleben eine rasendschnelle Veränderung in unserem Medienverhalten und in unserer Medienkenntnis. Mir wäre wichtig, dass diese damit verbundenen Möglichkeiten auch allen Menschen in der Bevölkerung bekannt sind – und damit auch die Tragweite und Verschiebung von Verantwortung. Ein neues Kapitel in der Medienbildung wäre angebracht. Eine Aufgabe für uns alle, die Teilhabe aller zu sichern. Gefahren kann man damit nicht abwehren. Am Ende sollen wir wenigstens mit der Angst leben lernen –  auch mit neuen Hilfsmitteln, die das erleichtern.

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