Resilienz von Kommunen als Antwort auf #newwork

Bereits in der letzten Woche war ich zu Gast bei der Deutschen Vereinigung Politischer Bildung e.V. Landesverband Rheinland-Pfalz im Rahmen einer Fachtagung 19. Tage Politischer Bildung in Landau in der Pfalz. Auf dem Themenzettel standen u.a. Digitalisierung und Veränderung von Arbeit hin zu Arbeit 4.0. Hier hatte ich das Vergnügen, mit dem Oberbürgermeister von Pirmasens, Dr. Bernhard Matheis (CDU) zu diskutieren: Wie verändern sich Kommunen, wenn sich die Arbeit und die Arbeitswelt der Einwohner verändern? Moderiert wurde die Runde von Silke Schneider, Geschäftsführerin im Wochenschau Verlag Frankfurt a.M.

 

Silke Schneider (Wochenschau Verlag); Dr. Bernhard Matheis (OB Pirmasens); ich

Einige Aspekte möchte ich hier skizzieren:

Kommunen verändern sich maßgeblich, wenn Unternehmen wegfallen, die vormals Arbeitsplätze in der Stadt, in der Region stellten. Pirmasens hat da eine sehr leidvolle Erfahrung machen müssen, der Großteil der Schuhproduktion wurde mehr oder weniger auf einen Schlag ins Ausland verlagert.

In Wikipedia findet sich der Passus: „Pirmasens war seit dem 19. Jahrhundert das Zentrum der deutschen Schuhindustrie. Die fehlende Konkurrenzfähigkeit, speziell gegenüber Ware aus dem Ausland, erschwerte den Unternehmen jedoch ab etwa 1970 in zunehmendem Maße die Massenproduktion. Ein Großteil der ansässigen Schuhfabriken wurde aufgegeben, andere konnten durch Auslagerung der Produktion ins Ausland sowie Spezialisierung auf Nischensegmente überleben. Da sich die Lage auch im Lederhandel, dem Maschinenbau und in der Chemiebranche verschlechterte, gingen so etwa 15.000 Arbeitsplätze verloren. Mit dem Abzug des amerikanischen Militärs verließen rund 10.000 Menschen – Soldaten und deren Angehörige – die Stadt. So gingen weitere 4.000 Arbeitsplätze mittelbar verloren. Die Arbeitslosenquote lag 2002 bei 14,9 %, im April 2013 waren es immer noch 13,6 %. Der Wert sank bis Mai 2018 auf 11,5 % und bildete damit die höchste Arbeitslosigkeit in Rheinland-Pfalz.“

Der OB Matheis schaut also auf ein großes Erfahrungsspektrum als einer, der eine der ärmsten Kommunen lenkt. Armut ist in der Stadt bekannt, jedes dritte Kind wächst in Armut auf. Die mediale Berichterstattung über seine sterbende Stadt findet sich in so ziemlich allen Gazetten. Der OB bläst dagegen gerne Halali und setzt auf Offene Briefe und feinsezierenden Sarkasmus. Sein Brandbrief „Offener Brief“ gegen die Autoren der SZ „Die inneren Werte“ von 2017 spricht Bände und ist hiermit zur Lektüre empfohlen. Vielleicht kann so nur jemand schreiben und reagieren, der die Not einer Stadt so selbst erlebt hat und ein kleines Stück Restwürde zurückgewinnen möchte. Ich habe allergrößten Respekt davor – es ist ungleich schwieriger, Mangel zu verwalten als aus dem Vollen zu schöpfen.

Eine Erkenntnis von Matheis formulierte er in der Diskussion so, dass es sehr schwer ist, die entlassenen Mitarbeiter solcher ehemaligen Welt-Firmen wieder in Lohn und Arbeit zu bringen, die oftmals keinen Anschluss an andere Jobs mehr finden. Gleichermaßen ist es ein Schock für Kommunen, die über Jahrzehnte in einer gewissen „Sorglosigkeit“ gelebt haben und Arbeitslosigkeit kaum ein Thema war. Der kulturelle Wandel, die Umstellung, sich neu zu erfinden, dauert, ist schmerzhaft und braucht Zeit. Es sagte dazu auch sinngemäß in einem Interview: „Wenn die Wahrnehmung vorherrscht „Deutschland geht es gut“ und nicht differenziert wird, koppelt sich die Bundespolitik von der Lebensrealität der Menschen in Regionen, die vom Strukturwandel betroffen sind, ab. Das dürfen wir uns politisch nicht leisten, weil sich diese Regionen sonst abgehängt fühlen.“ Auch das haben wir diskutiert.

Meiner Ansicht nach stehen viele solcher Regionen vor einem derartigen Wandel, sie ahnen es bereits. Digitalisierung wird Arbeitsplätze vernichten – schneller als die neuen Jobs entstehen können. Schon jetzt ist erkennbar, dass es keine notwendigen neuen Netzwerke der Unterstützungssysteme gibt, die die analoge mit der digitalen Welt vernetzen und etwa die arbeitsvermittelnden Instanzen mit neuen Techniken und der neuen Haltung vertraut machen. Praktisch meine ich. Die Lebenswelten der beteiligten Instanzen ist derzeit noch zu weit voneinander entfernt von den digitalen Entwicklungen, als dass man voneinander lernen könnte. Das Ruhrgebiet ist da ein guter Ansatz, etwa, wenn es um die Folgen des Bergbaus geht und die Verknüpfung der alten Erfahrungen mit neuer Notwendigkeit, etwa in der Nachsorge vom Bergbau und etwa von Pumpeneinsätzen oder alternativer Nutzung von Wasser.

Aber schon jetzt sollten sich Kommunen vorausschauend auf den Weg machen, mal nachfragen, wie das so ist, wenn viele Arbeitsplätze wegfallen werden. Ohne dystopisch werden zu wollen, fände ich einen Plan B in der Tasche ganz sinnvoll – und Kontakte zu Erfahrenen, die Untergangsszenen schon hinter sich haben. Wie etwa Pirmasens, oder Detroit, oder auch die Region, in der Nokia produziert hat. Mir fällt da auch meine Region ein, mit Miele, die erstmalig die Berater von McKinsey haben im Stammsitz einfliegen lassen oder Bertelsmann, die das veränderte Nutzungsverhalten von „Fernsehen“ nicht kommen sahen und jetzt Netflix auf der Höhe der Zeit ist…

Viele Anregungen sind in der Diskussion entstanden. Übrigens auch und vor allem für die zahlreichen Politiklehrerinnen und – lehrer. Die diskutieren mit der richtigen Zielgruppe: die Jugendlichen.

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