Sauerstoffentzug schützt Daten und Archive

CeBT2018. Was haben ein Feuerzeug,  der Himalaya und schützenswerte Daten oder Urkunden miteinander zu tun? Viel, vor allem Überraschendes.

Wie jedes Jahr wanderte ich mit Neugierde über die CeBit auf der Suche nach dem Neuen besonders für das kommunale digitale Umfeld – in der Hoffnung, überrascht zu werden. Der Digitalisierungszirkus hat nun einige Jahre auf dem Buckel. Innovationen sind nicht leicht zu finden, vieles ist eher ins Stocken geraten.

Bei der Wagner Group fand ich Neues. Die Firma kommt von „um die Ecke der CeBIT“, aus Langenhagen. Sie sind Experten für innovative Brandschutzlösungen und kümmern sich um Brandschutz in IT-Rechenzentren, EDV- und IT-Räumen, Archiven, Museen, Hotels und Logistik. Unmittelbar berührt ist damit auch die kommunale Infrastruktur und der Wunsch nach Schutz von Daten sowie unwiederbringlicher Kulturgüter einer gesamten Stadtgesellschaft. Viele dieser kommunalen Schätze liegen in Stadtarchiven: Urkunden, Handschriftliches, Biografisches, Bilder. Niemand mag sich gern vorstellen, wie diese durch Brand vernichtet werden könnten  – obwohl wir solche Katastrophen medial kennen.

sicher ohne Flamme

Brandschutz, was ist da innovativ, wo ist das digital? Ich blieb stehen. Um mich dann wenige Minuten später in einer Art Inkubator wiederzufinden: Eine Kabine aus Glas, innen ein unauffälliger Gebläserost. In der Hand halte ich ein Feuerzeug mit Werbeschriftzug, welches mir einer der Mitarbeiter der Firma in die Hand gedrückt hatte. Irgendwie sinnstiftend für einen Betrieb, der Feuer bekämpft. Ich werde aufgefordert, das Feuerzeug in der Kabine zu entzünden. Es funktioniert nicht. Zahlreiche Versuche folgen, ohne Erfolg. Der Groschen fällt – hier drin in dem Glaskasten würde das Feuerzeug auch keine Flamme entfachen können. Es fehlt die ausreichende Sauerstoffversorgung – was sich nach ein paar Minuten des Aufenthaltes auch beim Atmen bemerkbar macht. Das Luftholen ist beschwerlich für mich und für die Feuerflamme gleich unmöglich. Wo also keine Flamme entzündlich ist, kann auch nichts brennen.

Der Grund: Der Sauerstoffgehalt in einem zu schützenden Bereich wie Datenfarmen oder Archiven wird unter die Entzündungsgrenze der dort vorherrschenden Materialien dauerhaft abgesenkt und kontrolliert auf diesem Niveau gehalten. Der dafür benötigte Stickstoff wird bedarfsgerecht aus der Umgebungsluft generiert. Dieses simple Naturgesetz, dass Feuer Sauerstoff braucht, wird durch das Oxy-Reduktions-Verfahren zur Innovation, um Brände in kritischer Infrastruktur gar nicht erst ausbrechen zu lassen. Gesteuert und überwacht wird das System – digital.

Ein digitaler Sensor im Kubator demonstriert das Verfahren, in roter Leuchtdiode werden 14 Prozent Sauerstoffversorgung angezeigt. Normal sind 21 Prozent Sauerstoffversorgung, wie wir sie im normalen Leben vorfinden. In der Kabine herrscht also ein Luftdruck wie auf 3.000 Meter Höhe. Bei normaler Betriebstemperatur einer WagnerAnlage würde der Sauerstoff noch weiter reduziert werden – auf die Werte wie bei einer Bergwanderung zum Himalaya auf 8.000 Metern Höhe. Menschen könnten dort also noch arbeiten, aber natürlich unter erschwerten Umständen.

Wo also keine Flamme entsteht, entwickelt sich auch kein Rauch, so braucht keine Feuerwehr zu löschen, der Einsatz von Löschwasser fällt weg, was schon seinerseits große Schäden anrichtet. Die Erfahrungen zeigen, dass die Folgeschäden von Bränden oft langwierig sind. Nach dem Löschen folgt der Versuch, Gerettetes wieder in seine ursprüngliche Form zu versetzen, was bei Papier und Daten schwierig wird. Gleichzeitig ist die zerstörte Infrastruktur wie Gebäude nicht mehr funktionsfähig, was lange Wiederaufbauzeiten verlangt. Das reduzierte Sauerstoff-Verfahren überzeugt und kommt vielerorts bereits zum Einsatz: in der Elbphilharmonie Hamburg, der British Library, der Niedersächsische Landtag nutzt es und zahlreiche weitere Anwender, die sich intelligent gegen Brand schützen.

Hier ist ein Bild von Oxy-Redukt hinterlegt.

Die Idee ist so simpel wie smart. Diese einfache Umkehrung von Kausalität wird sicher eine Diskussion entfachen, ob solch ein Verfahren nicht Standard wird, weil präventiv und nicht kurativ. Nun kann man an dem Beispiel auch definieren, wie sich Arbeit künftig verändert, denn in sauerstoffreduzierten Umgebungen arbeiten Roboter stressfreier als Menschen. Beim Menschen kann die mangelnde Sauerstoffkonzentration bei längerer Aufenthaltsdauer Symptomen der Höhenkrankheit auslösen, wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit und Schwindel. Ein Roboter atmet nicht. Vorstellbar ist also die Lagerung und Speicherung von Dingen und Daten in dieser Umgebung, kommt es zu deren Nutzung durch den Menschen, kann ein Roboter die Gegenstände aus diesem Bereich heranschaffen und an einen Ort mit ausreichend Luft zum Atmen und Arbeiten verfrachten. Selbst in Apotheken fallen die Medikamente digital gesteuert in den Warenkorb.

Mich hat es fasziniert, eine etablierte gängige Praxis mal anders gedacht zu sehen: warum erst Feuer entstehen lassen, wenn es ohne viel sicherer ist? Das ist disruptiv und damit ein schönes Beispiel für intelligente Veränderung.

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