Hästi tehtud Estonia -aitäh

Estland – die einen feiern es als das Gelobte Land. Die anderen kennen es nicht oder wollen es nicht zur Kenntnis nehmen. Weil es spitze ist, was Digitalisierung angeht. Estland ist topp in Europa. Heute erhielt der ehemalige estnische Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves @IlvesToomas den Reinhard Mohn Preis 2017 unter dem Motto #SmartCountry – vernetzt. intelligent.digital. Ilves wurde als Vordenker und Antreiber der Digitalisierung in Regierung, Verwaltung und Bildung im Theater zu Gütersloh geehrt. Seine Rede (klasse!!) ist leider noch nicht online. Das wäre was für die Gute_Nacht_Lektüre vieler Nachtschränke.

Das Foto zeigt Toomas Ilves.

Visionär und Macher

Ich konnte mir selbst ein Bild von Estland verschaffen. Siehe hier zwei Beiträge: Digitales Leben in Estland // Daten können Leben retten.

Gratulation an Herrn Ilves. Gratulation an Estland. Hästi tehtud Estonia.

Digitales kann Leben retten

Wir tun uns sehr schwer im Umgang mit Daten im Gesundheitsbereich. Und doch könnten digitalisierte Verfahren helfen, Leben zu retten. So weit würde ich mittlerweile gehen.

Das Foto zeigt einen Besprechungsraum in einem Krankenhaus in Tallinn.

Digitales in der Gesundheitsversorgung

Ein Beispiel: Seit Jahren begleite ich eine Angehörige, die an Demenz erkrankt ist. Sie lebt in einem Wohnheim für an Demenz erkrankte Menschen. An einem heißen Sommertag in den letzten Wochen ist sie kollabiert. Das Heim hatte den Rettungswagen alarmiert. Nun lag sie mit hohem Fieber in der Notfallambulanz eines der Krankenhäuser der Stadt. Schnell war klar, dass ein Infekt die Ursache war. Als Medikament sollte ein Antibiotikum zum Einsatz kommen. Es stand die Frage im Raum, ob möglicherweise auch eine Allergie vorliege. Als Begleitperson konnte ich das mit „ja“ beantworten. Aus Erfahrung aus dem letzten Jahr war mir das bekannt. Im letzten Jahr war sie im Nachbarkrankenhaus eben damit behandelt worden – und hatte eine erhebliche allergische Reaktion gezeigt. Nur wusste ich jetzt allerdings den Namen des Medikamentes nicht mehr. Was tun?

Nun kann der Rettungsdienst sich nicht aussuchen, in welches Krankenhaus ein Patient eingeliefert wird. Daher war es im letzten Jahr Krankenhaus A, in diesem Fall Krankenhaus B. Sie als Patientin war die einzige Schnittstelle zwischen den beiden Häusern sowie ich als Begleitung. Und jetzt fehlte hier die digitale Verbindung: in beiden Krankenhäusern lagen nun wertvolle Daten über die Vorgeschichte und die Gesundheit der Patientin vor. Sie wären jetzt hilfreich nicht nur für die Medikamentengabe, sondern insgesamt zur Einschätzung der aktuellen Situation hilfreich – und notwendig. Aber: Die Ärzte haben keinen Zugriff auf die Daten. Die medizinischen Daten liegen nicht beim Patienten gebündelt, sondern sie liegen wohl verwahrt in den behandelnden Praxen. Sie liegen in Silos verwahrt und sind nutzlos, wertlos für die Patientin. Im Zweifelsfall kann das ein Leben aufs Spiel setzen. Umgekehrt könnte der Zugriff auf individuelle Daten von Patienten Leben retten.

Der Arzt fragte mich also: Wie heißt denn das Präparat, welches die allergische Reaktion ausgelöst hat? Meine Antwort war: „Das weiß ich nicht mehr. Aber rufen Sie doch die Kollegen im Krankenhaus A an. Die wissen das doch noch vom Aufenthalt der Patientin dort. Das findet sich sicher in den Akten.“ Antwort des Arztes: „Es ist Sonntag. – Wir haben keinen Austausch und Zugriff auf Daten aus anderen Häusern.“ So musste ein Medikament eingesetzt werden, bei dem nicht klar war, wie die Patientin reagieren würde.

Eine digitale Krankenchipkarte wäre da hilfreich gewesen. Die Informationen sind an den Patienten gekoppelt – und jeder, der in einem medizinischen Fall helfen muss oder soll, hat hierauf Zugriff. Ebenso wie der Patient natürlich selbst auch. Natürlich mit einem umfassenden Paket des Datenschutzes.

In Deutschland gibt es das nicht.

In Estland aber funktioniert das mit der elektronischen Krankenakte ganz hervorragend. Ich konnte mich im North Estonia Medical von Tallinn selbst darüber informieren. Hier sind die Daten zur Krankenversicherung sowie über alle medizinischen Details auf dem elektronischen Ausweis gespeichert. Jeder Einwohner von Estland hat eine solche elektronische Identity Card, mit der so ziemlich alles möglich ist: das Abrufen von staatlichen Dienstleistungen, das Wählen – und auch die komplette Datenlage über alle medizinischen Daten, Fakten und Arztbesuche.

Das Foto zeigt die ID-Card Estonia.

Plastik bündelt Daten

Hier findet sich die komplette medizinische Genese. Mit Vermerk, wer Zugriff hat, hatte und warum. Bereits beim Eintreffen in ein Krankenhaus haben die behandelnden Ärzte einen umfassenden Wissensvorsprung. Natürlich können auch sie nicht ganz wahllos in allen Daten herumstöbern, die Wege der Zugangsberechtigung sind konkret vorgegeben. Und mit speziellen Codes gesichert. So kann etwa der Chefarzt eines Hauses einen umfangreicheren Einblick nehmen als Schwestern. Jeder Zugriff wird vorher auf Berechtigung geprüft. Jeder Zugang wird dokumentiert. Und: Stellt der Patient einen unberechtigten Zugang fest, zieht das konkrete Sanktionen auch für die Ärzte nach sich. Ein System, welches einen hohen Mehrwert aufweist und Vertrauen geschaffen hat. Durch die elektronische Krankenakte sind übrigens auch alle bildgebenden Verfahren gespeichert, wie etwa Röntgenaufnahmen. Estland ist an der Stelle ein Vorreiter. Es ist nicht erstaunlich, dass so viele Nationen in das nördlichste EU-Land reisen, um sich digital aufzufrischen.

Die Praxis, wie ich sie hier in Deutschland beschreibe, zeigt allerdings bereits ebenfalls, dass eine Sortierung von medizinischen Daten nach Leistungserbringer nicht aufrecht zu erhalten ist. Das gilt übrigens um so mehr, als dass die Daten immer umfangreicher werden und wir ein hohes Maß an individueller Selbstverantwortung in der Medizin etabliert haben. Nur über seine eigenen Daten hat hier keiner die Hoheit. Schon gar nicht die Kassenpatienten.

Zudem sind wir eine alternde Gesellschaft Die Fakten der Demographie zeigen auf nahende Überalterung. Mit dem Nebeneffekt, dass künftig immer mehr Menschen den Überblick über ihren Gesundheitszustand im Alter verlieren werden. Es ist kaum zu erwarten, dass dann etwa die pflegenden Angehörigen oder andere Dritte diesen Überblick auch noch angemessen bewältigen und verantworten müssen.

Digitale Strategien können Leben retten. Wir sollten endlich diesen Weg gehen.

Digitaler Lifestyle in einem ganzen Land

Estonia, also Estland, traut sich was. Das nördliche EU-Land lebt einen digitalen Lifestyle und erfindet sich und seine digitalen Möglichkeiten ständig neu. In Deutschland ist das anders. Deutschland belegt Platz 9 im EU Digitalbericht 2016. Das ist gutes Mittelfeld.

Das Foto zeigt die Flagge von Estland vor blauem Himmel.

Estonia – digitales Land

Ich bin mit dem Team von @SmartCountryDE der Bertelsmann Stiftung auf einer Studienreise in Estland. Estland gilt als „das“ Digitalland Europas. Wir suchen nach guten Beispielen, wie digitale Strategien ein Land in der Fläche zu einem smarten Ort macht. Auf dem Zettel der Glanzleistungen in Estland ganz oben stehen vorbildliche Anwendungen für das E-Government bis hin zu flächendeckender Versorgung mit WIFI sowie der schnellste Weg, eine eigene Firma zu gründen. Das dauert nach der Statistik in Estland nur ganze 18 Minuten. Estland bietet zudem die digitale E-Residency, eine digitale Existenz für Bürger weltweit. Alles Gründe genug, sich einmal vor Ort anzuschauen, was genau das Erfolgsrezept von Estland ist – und was davon nach Deutschland übertragbar ist. Am Ende geht es darum, Teilhabe zu ermöglichen und zu erhalten.

Digital-Tourismus 

Digitalisierung scheint ein Exportschlager zu sein. Gepaart mit dem Fakt, dass im kommenden Jahr in Deutschland die Bundestagswahlen stattfindet und zudem eine richtungsweisende Landtagswahl in NRW ansteht, erklärt sich, warum sich gerade deutsche politische Delegationen die Klinke in die Hand geben, wenn die einen den Showroom von e-Estonia betreten und die anderen hinausgehen. Experten der Digitalausschusses waren schon hier, kürzlich war Armin Laschet (CDU NRW und stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU) vor Ort, am Ende dieser Woche reist die NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft an, ihre Staatskanzlei postet derweil Flugbilder.

Gerade gestern hat sich die Bundeskanzlerin Merkel im Rahmen einer Klausurtagung des Kabinetts mit dem estnischen Ministerpräsident Taavi Rõivas getroffen. Inhalt: Fortschritte zur digitalen Agenda in Deutschland.

Mit dabei war auch Siim Sikkut, einer der digitalen Köpfe Estlands und digitaler Berater des Präsidenten. Einer, der schon bewiesen hat, dass er digital denken und handeln kann. Er ist auch ein Experte für e-Government. Ohne schon in diesem Blogpost auf die vielen Vorzüge Estlands einzugehen, mal an dieser Stelle ein kurzes Fazit: Sikkuts Ziel wäre, Government unsichtbar zu machen. Alle notwendigen Angelegenheiten sollen für die Menschen im Land so clever und simpel geregelt sein, dass sie leicht zugänglich sind, von jedem genutzt werden können, dies von der Wiege bis zur Bahre. Nur rund 4 Prozent der Menschen in Estland nutzen diese Services des E-Government nicht – sie sind analog. Wenn also rund 96 Prozent digital sind was staatliche Dienstleistungen (und sonstige Services angeht), ist das eine nationale Erfolgsstory, die nur von der Nachricht getoppt wird, dass 100 Prozent der Bevölkerung über einen Kühlschrank verfügen. Selbst der Taxifahrer erklärt mir die „Normalität“ des Digitalen in Estland als eben eine solche Natürlichkeit und verweis auf die gleiche Zahl der analogen Mitbürger, wie Sikkut sie nennt, um dann kein Bargeld anzunehmen, sondern nur meine Kreditkarte akzeptiert.

So dreht sich auch jede der Erfolgsgeschichten um eben eine einzige Karte, auf der alles gespeichert ist. Hier schon mal ein Bild von dem PlastikChipWunderDing, Details wie gesagt im nächsten Blogpost.

Das Foto zeigt eine Art EC_Karte, auf der alle Daten gespeichert sind.

eine Karte für alle Services

Wenn nun alle das Ziel verfolgen, von Estland zu lernen (es reisen auch andere Nationen hierher), muss man sich fragen, warum die Esten so erfolgreich sind in dem, was sie tun – und Deutschland seit langem schon den Anschluss verpasst hat (Glasfaser fast unbekannt) oder bestenfalls hinterherhinkt, Interaktion zwischen Staat und Bevölkerung ist weitestgehend analog und nur mit hohem bürokratischen Aufwand leistbar. Gerade wenn von E-Government die Rede ist, türmen sich die Fragen nach dem Grund des Scheiterns auf wie die Wolken über der Küste von Estland.

Hier vor Ort wird klar: Digitalisierung und die sich daraus ableitenden Möglichkeiten digitale Services zu entwickeln und dabei den Menschen und seine Notwendigkeiten in den Mittelpunkt zu stellen, ist keinesfalls nur eine Frage der Technik.

Digitale Transformation und digitale Services sind eine Frage der Haltung und der Veränderung der Prozesse und des Zugangs. Eine Form der Hierarchieverschiebung, eine Frage der Transparenz, eine Frage der Ausrichtung auf die Bedarfe der Menschen. Und am Ende schlicht auch eine, wie künftig Geld verdient wird, wenn die Wissens- und Informationsgesellschaft sich über Nacht Bahn bricht. Moore´s Law spricht von exponentieller Beschleunigung. Estland hat die neuen Formen gemeinsam entwickelt, gemeinsam ermöglicht. Estland hat sich zum Ziel gesetzt, auf lange Sicht 1 Millionen E-Residents nach Estland zu holen – kurz blitzt auch die Zahl mit einer weiteren Null daran auf. Über 100.000 sind es schon. Angesprochen werden die neuen Kreativen, die neuen Wertschöpfer, denen es egal ist, ob sie nun in Timmendorfer Strand sitzen oder in HongKong wirken, sie aber einen Ort suchen, an dem die „Firma“ residiert und das eben virtuell möglich ist. Estland schafft das. Estland bindet damit langfristig den Rohstoff an sich, der bald (und schon jetzt) gebraucht wird, nämlich Kreativität und Flexibilität. Anderen Ländern gelingt das nicht.

Selbstverständlich muss man schauen, dass Estland ein Land mit rund 1,2 Millionen Einwohnern ist, also überschaubar. Und erst sei 1991 in der Unabhängigkeit lebt. Beim Neustart die Restbestände einer russischen Mangelwirtschaft vorfand aber junge quirlige Leute hatte. Dazu jedoch einen mächtigen Nachbarn Russland hat, der immer wieder die Keule schwingt und bedrohlich nahe kommt, symbolisch und faktisch. Cyberattacken nicht ausgenommen. Die Besatzungszeit ist in Estland nicht vergessen. Sie ist real immer vorhanden, die Gefahr, wieder annektiert zu werden, ist präsent. Die Esten müssen intelligent sein, um zu überleben und ihre Freiheit zu bewahren, das schafft Möglichkeiten.

Deutschland hat keinen Feind an seinen Grenzen. Wohl aber muss sich Deutschland um seine Prosperität sorgen, um den Erhalt oder gar Ausbau des Lebensqualität, der längst schon nicht mehr alle erreicht. Die Ausgangslagen der Länder sind unterschiedlich, die Zukunft aber ähnlich: wie die Chancen der Digitalisierung nutzen, zum Wohle der Menschen? Liegt Deutschland jetzt schon auf Platz 9, ist der Erhalt kaum möglich, angesichts der Tatsache, dass eine tragfähige digitale Infrastruktur nicht über Nacht wächst und mit Kupferkabel längst das falsche Medium in den Einsatz gebracht wird.

Wenn die Delegationen hier Antworten darauf finden, hoffe ich, dass sie diese nicht behandeln wie ein Souvenir, welches ausgepackt aus dem Koffer lediglich im Regal verstaubt. In Vorwahlzeiten könnte Estland auch ein Ausflug und damit Alibi sein für vorgetäuschte Beweglichkeit im Mindset. Die Vorteile Estlands könnten zuhause auch schnell vom Positiven ins Negative gedreht werden, um in Deutschland im analogen Modus zu verbleiben. Nach dem Motto: Ja, aber wir hier sind ganz anders….

Digitales aus Estland ist jedenfalls ein Exportschlager: wie geht digital und wie geht es gemeinsam mit den Menschen, nicht von oben herab und auch nicht ohne die Bedarfe zu kennen. Wer diese neuen digitalen Lebensformen nicht versteht oder nicht annehmen will, darf sich nicht wundern, wenn die Zivilgesellschaft im eigenen Land nicht wartet, sondern schon mal in anderen Feldern der privaten Lebensorganisation digital vorausgeht. Damit aber zeigt sich der Staat langfristig als unfähig zu Wandlung und Meisterung seiner Kernaufgaben. Mit einer Politik 1.0 sind politische Entscheidungen hinfällig und undemokratische Schreihälse besetzen Themen und füllen sie mit nationalistischen Inhalten. Selbst digital wird so auf national gestutzt.

Keine Frage, in den digitalen Services des Staates als ein fester Bestandteil der Politik 2.0 sehe ich eine Chance. Eine Chance für Menschen, Demokratie und Lebensqualität. Ich nehme aus Estland mit den Beweis, dass es digitale Treiber braucht und dass Veränderung möglich ist.