Sturm selbst gesät

Bäume. Sie sind ein wichtiger Bestandteil für unser Leben. Insbesondere wirken sie als grüne Lunge in einer Stadt, sie regeln das Klima. Und natürlich nicht nur das Stadtklima, sondern jeder einzelne Baum trägt zum Weltklima bei.

Dieser Tage sind unzählige große Bäume mitten in der Innenstadt von Gütersloh gefällt worden. Sie weichen, damit ein Neubau für die Feuerwehr gebaut werden kann. Unbekannte haben das mit dem Schriftzug „Das ist ein Verbrechen“ auf dem öffentlichen Gehweg kommentiert.

Vier Gedanken dazu: 

Das Foto zeigt eine Baumreihe im Oktober 2016.

noch stehen sie

Das Foto zeigt die kahle Starßenzeile ohne Bäume.

Das Foto zeigt die kahle Starßenzeile ohne Bäume.

Erster Gedanke: Wir brauchen ein öffentliches Register zum Straßen-Baumbestand in der Stadt. Die Städte Berlin und Köln haben diesen Bestand bereits als Offene Daten in GovData eingestellt. Der Datensatz gibt Auskunft darüber, um welche Art von Baumbestand es sich im Straßenbaumbestand handelt, wo der Baum steht (Adresse), wann er gepflanzt wurde und welche Höhe er hat. So ergibt sich im wahrsten Sinne des Wortes ein Überblick, wenn solche Abholzungen diskutiert werden: Die Angaben lassen sich in einem Stadtplan visualisieren. Offene Daten bieten ein Gesamtbild über den öffentlichen Baumbestand – und erleichtert die Entscheidungsfindung in einer Stadt ungemein.

Zudem könnte man mit einer solchen Übersicht auch ein Verzeichnis erstellen, welches etwa Allergiker darüber informiert, wo welche Bäume mit welchen Pollen und Blütezeiten stehen. Die Stadt Wien hat das mit dem PollenRadar erstellt – auch ein Produkt von Open Data. Das allerdings ist nur ein positiver Nebeneffekt – hier soll es ums unnötige Abholzen von Bäumen gehen.

Zweiter Gedanke: Dass man eine Feuerwache auch unter ganz anderen Aspekten hätte planen können, macht das ODI in London deutlich: Die Nutzung von Open Data und einer Visualisierung dieser offenen Daten hat etwa in London zu einem anderen Umgang bei der Planung und Schließung von Feuerwehren geführt. Das Projekt enthüllt die Auswirkungen von Schließungen von Feuerwehrstandorten auf die Menschen, die dort wohnen und kann beim OpenDataInstitut (ODI) nachgelesen werden. Auch eine Visualisierung der verwendeten Daten findet sich hier. Künftige werden solche offenen Daten noch wichtiger für politische Entscheidungen etwa bezogen auf die Stadtentwicklung. Dazu aber müsste man als Kommune solche Datensätze für die Nutzung durch die Zivilgesellschaft und auch die Wirtschaft öffnen und bereit stellen.

Ein dritter Punkt: Es gab ausreichend Proteste gegen die Fällung der Bäume. Der vorhandene Entscheidungsspielraum allerdings wurde nicht genutzt. Der Bauverein Gütersloh hat da anders reagiert: Als es um das geplante Abholzen eines ganzes Wäldchens ging, welches zugunsten eines Bauvorhabens des Bauvereins durchgeführt werden sollte, gab es großen Protest, woraufhin der Bauverein sein Bauvorhaben absagte – und nochmal nachdenken wird. Gut so.

Ein vierter Punkt: Der Klimawandel ist kein Märchen. Er existiert. Auch wir erfahren mehr und mehr seine Auswirkungen dieser Entwicklung, obwohl wir geographisch vorteilhaft gelegen sind. Stürme und Sturmschäden jedoch etwa haben auch in Deutschland zugenommen. Es ist schon ein Treppenwitz, dass nun ausgerechnet die klimarelevanten Bäume mitten in der Stadt für eine Feuerwache weichen müssen, die künftig ausrücken muss, um eben diese vermehrten Sturmschäden zu beheben oder zu lindern.

 

Wie digital ist Ihre Feuerwehr?

In vielen Kommunen dreht sich die politische Diskussion meistens nur um den Neubau von Feuerwehrgebäuden. Etliche sind baulich in die Jahre gekommen. Eine Pflichtaufgabe, die jedoch teuer oder auch preisgünstig gemeistert werden kann. Wie digital aber eine Feuerwehr aufgestellt ist, wird kaum diskutiert.

Das Foto zeigt einen Rettungswagen vor dem Theater in Gütersloh.

Feuerwehrwache – so teuer wie ein Theater?

Spannender: digitale Infrastruktur der Wehren 

Viel spannender ist daher die Frage, ob Feuerwehren künftig die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, um sich digital(er) aufzustellen, als sie das bisher sind. Oder bleibt die Ausrüstung eher analog und damit weit hinter den Vorteilen digitaler Hilfsmittel zurück, weil das Geld fehlt?

Mich interessiert etwa die Frage, wie gut die Feuerwehren mit digitalem Alarm ausgestattet sind, wie digital die Funktionskleidung der Feuerwehren ist und schließlich, wie der Einsatz von Sensoren zur Übermittlung von Daten in Echtzeit an den Geräten wie Feuerwehrwagen oder Ausrüstung (Schläuche etc.) aussieht. Um nur einige wesentliche Punkte zu nennen, die sowohl den Bürgern als auch den Feuerwehrleuten selbst zugute kommen. Die Aufwände hierfür dürften eine noch bessere Investition in die Zukunft sein als „nur“ neue Gebäude. Eine politische Diskussion zu dieser notwendigen Aufrüstung nehme ich allerdings nicht wahr.

Alarmsysteme 

Die Alarmierungssysteme der Feuerwehrleute waren bisher als analoge Sirenen bekannt. Installiert auf zahlreichen Dächern öffentlicher Gebäude warnten sie nicht nur die Bevölkerung, sondern riefen auch die Feuerwehrleute selbst zum Einsatz. Heute sind sie kaum noch im Dienst. Diese Form der Warnung kann die vielfältigen Herausforderungen einer differenzierten dialogorientierten Kommunikation nicht mehr bedienen. Sie sind ein analoges Zeichen für eine schlichte Einbahnstraßenkommunikation. Kommunikation in Notsituationen aber erfordert heute differenzierte Information im Austausch und in Echtzeit. Das rettet nicht nur Menschen, sondern auch materielle Werte.

Die „stille“ Kommunikation dieses Alarmsystems verläuft über Funk – jeder kennt den „Piepser“, der die Einsatzkräfte informiert. Mit Hilfe einer Fünf-Ton-Folge werden die rudimentären Nachrichten übermittelt. Diese Funksystem ist bundesweit standardisiert und erlebt gerade den Wechsel hin zur durchgehenden Digitalisierung. Gut nachzulesen ist das auf Wikipedia.

Nur sind die neuen digitalen Systeme noch lange nicht flächendeckend im Einsatz. Auch die Vernetzung über das Smartphone hat seine Tücken. Es funktioniert nur, wenn überall ausreichendes Netz zur Verfügung steht. Das ist lange nicht überall und schon gar nicht flächendeckend der Fall. Kürzlich sprach ich mit einem „Retter“, der davon berichtete, wie manchmal der Kontakt abbricht, weil man in einem Funkloch steht. Dann laufen die Rettungssanitäter oder Feuerwehrleute ein paar Meter hin und her – um wieder ein Netz zu erhaschen. Das kann gefährlich werden. Update 16.5.2016: Hier erreichten mich zwei Hinweise, die ich gerne aufnehmen will. Viele nutzen bereits eigene Whats App Gruppen, in denen sie sich schneller zusammenfinden und koordinieren als mit den standardisierten Techniken, die vorgeschrieben sind. Zudem nutzen viele auch ihre eigenen Smartphones im Dienst, weil die ein schnelleres Netz garantieren als die oft mit einem langsamen Netz verbundenen Dienstsmarts, die eingekauft wurden, weil sie auf den ersten Blick billiger waren. Also auch hier lautet die Devise: BYOD, bring your own device. Immer mehr Arbeitnehmer nutzen ihre privaten Geräte, weil diese den digitalen Notwendigkeiten eher gewachsen sind als die Geräte, die man im Dienst nutzen muss. Pypass-Politik aller Orten

Im Aufbau befindet sich das System MoWaS (= Modulares Warn-System). Dieses System bietet Funktionen, mit denen die Leitstellen zeitgleich alle wichtigen Kanäle ansteuern können, an die die Warnung verbreitet werden muss. Beispielsweise können auch die Fernseh- und Radiostationen oder Nachbarkommunen so informiert werden. Dieses System korrespondiert mit der App NINA: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat die Smartphone-App (= Notfall-,Informations- und Nachrichten-App) entwickelt. Wer sie nutzt, wird damit aus den Leitstellen der Kreise und kreisfreien Städte über Gefahr und sinnvolle Schutzmaßnahmen informiert.

In Nordrhein-Westfalen sollen alle Leitstellen der Kreise und kreisfreien Städte mit MoWaS ausgestattet werden. Das System befindet sich noch im Aufbau. Daher steht die App NINA auch nur dort zur Verfügung, wo MoWaS bereits im Einsatz ist.

Funktionskleidung und Sensoren 

Neben dem Alarmsystem ist sicher die Kleidung der Feuerwehrleute eine notwendige Investition für den Einsatz digitaler Technik zur Gefahrenerkennung und -abwehr. Kleidung als die zweite Haut der Einsatzkräfte wird mehr und mehr mit Sensoren versehen. Mit ihrer Hilfe werden Körperfunktion und Vitalwerte der Träger gemessen. So erhält die Einsatzleitung Daten in Echtzeit über die körperliche Verfassung des Feuerwehrmenschen – und kann im Notfall umgehend eingreifen. Zudem senden diese Sensoren Daten etwa über die Beschaffenheit von Gasen im Brandraum oder aber von sonstigen gefährlichen Stoffen, die umgehend analysiert werden können, das spart Zeit und zeigt direkt Lösungswege auf an denen gleich alle beteiligt sind, weil sie Zugriff darauf haben. Diese gewonnene Zeit und Information ist in Notsituationen essentiell. Dazu hatte ich mich auf der Hannover Messe sehr lange mit dem Produzenten solcher Innovationen (Honeywell) unterhalten. Dazu im nächsten Blogpost mehr, in dem es auch um Datenschutz geht, weil natürlich die „Anzugträger“ jederzeit überwacht werden können. Das ist die Kehrseite der digitalen Anwendungen.

Sensoren als Echtzeitdatenlieferanten

Sensoren können gleichfalls an den Einsatzfahrzeugen angebracht werden und übermitteln ihrerseits Daten aus dem Einsatzbereich, wie Umweltdaten oder auch Belastungsdaten der Materialien. Zudem werden immer mehr Materialien selbst „intelligent“ also „smart“. Ihre Garne und Stoffe sind bereits mit leitfähigem Garn gefertigt und übermitteln etwa den Grad der Beanspruchung oder Überlastung und lassen sichere Prognosen auf mögliche Funktionsfehler, Bruchstellen oder Verschleiß früh erkennen. Bei Löschschläuchen ist diese Frage nicht unerheblich.

Das Foto zeigt eine Feuerwehr auf einem Karussell.

Digitale Transformation ist kein Kinderkram.

Investieren in digitale Prozesse 

Die Liste dieser digitalen Einsatzmöglichkeiten ließe sich beliebig verlängern. Sie ist gleichfalls natürlich eine Liste, die Kosten verursacht in dem Maße, wie sie auch mehr Sicherheit und frühzeitige Handlungsoptionen zur Gefahrenabwehr mit sich bringt. Die Sicherheit der Gesellschaft ist teuer.

Dazu fehlt allerdings häufig die politische Diskussion – insbesondere in den Kommunen, die sich eher mit Steinen und Neubauten beschäftigen, die digitale Transformation aber noch nicht mitdenken oder sie stehen im Glauben, sie seien nicht zuständig. Vielleicht liegt der Grund aber auch darin, dass hier einfach die Vorstellungskraft fehlt, wie sich mittlerweile ganze Prozesse und Geschäftsfelder in der digitalen Transformation verändern. Um einen Schritt weiterzugehen, müsste man sich auch über künftige Berufe unterhalten, die es heute bei der Feuerwehr noch gar nicht gibt, mit dem weiteren Wandel aber entstehen. Dann muss man auch darüber sprechen, wie man etwa das passende Personal für eine zukünftige Feuerwehr für sich gewinnt. Es wäre daher gut, über einen Neubau hinauszudenken.

Open Data bei der Planung 

Noch ein kurzer Ausflug ins Nachbarland GB. Die Nutzung von Open Data und einer Visualisierung dieser offenen Daten hat etwa in London zu einem anderen Umgang bei der Planung und Schließung von Feuerwehren geführt. Das Projekt enthüllt die Auswirkungen von Schließungen von Feuerwehrstandorten auf die Menschen, die dort wohnen und kann beim OpenDataInstitut (ODI) nachgelesen werden. Auch eine Visualisierung der verwendeten Daten findet sich hier, die nochmal einen ganz anderen Blick auf künftige Stadtentwicklung empfiehlt. Das aber nur als kleiner Exkurs und als Einladung, sich damit zu beschäftigen.