Gesundheit im kommunalen, digitalen Fokus

Digitalisierung fräst sich durch unseren Alltag. Insbesondere das Thema Gesundheit steht im Fokus digitaler Innovation – was nur allzu richtig ist bei einer stetig alternden Gesellschaft. Gesundheit und deren Erhaltung ist aber auch eine zutiefst kommunale Angelegenheit und firmiert unter „Daseinsvorsorge“. Deshalb ist es angeraten, dass auch kommunale Entscheider auf dem Radar haben, wie sich dieser Bereich vor Ort verändert. Hier einige Beispiele:

Heute fand ich diesen Videobeitrag auf Twitter, der mich in den Bann geschlagen hat: Hologramme als Lernplattform für medizinische Ausbildung – sicher nicht nur für angehende Mediziner, sondern auch in der Breitenwirkung für die Bevölkerung anwendbar. Wir werden künftig andere Formen vorfinden, Lesen und Bildung zu vermitteln. Schulen aber können das nur leisten, wenn auch sie ein schnelles Netz haben – oder etwa Bibliotheken damit ausgestattet sind, damit diese neuen Medien greifen können:

 

Aber auch viel niederschwelligere Angebote bahnen sich ihren Weg in die alltägliche Gesundheitsvorsorge. Ich habe nochmal in meinem Archiv nach spannenden Idee geforscht, die ich im Rahmen der CEBIT 2017 zum Thema Gesundheit aufgenommen habe.

Rücken 

Vor dem Hintergrund, dass gefühlt jeder Deutsche irgendwann einmal an Rückenschmerzen leidet – ist dieses Tool für eReha oder auch Selbsttraining zuhause sehr überzeugend – und zeigt deutlich, wie sich Gesundheitsversorgung digital verlagert. Das zieht Auswirkungen nach sich, die auch die kommunale Infrastruktur angehen. Anleitungen für eigenverantwortliches Gesundheitstraining oder als Reha werden zunehmend digital vermittelt. Unabhängig von Raum und Zeit. Übrigens nicht nur für eine Bevölkerungsschicht, die sich bewusst fit halten möchte. Sondern insbesondere auch für eine Alterskohorte, die künftig pflegebedürftig sein wird oder kognitiv sogar eingeschränkt aktionsfähig sein wird, etwa bei Demenzerkrankungen.

eReha ist ein auf 3D sensorgestütztes Heimtherapiesystem. Ein Therapeut entscheidet über die krankheitsspezifischen Übungen, die dem Patienten über das Internet freigeschaltet werden. Der Patient kann diese selbst vor dem eigenen Fernseher oder Computer ausüben. Ein PC oder eine Spielekonsole mit einer 3D-Kamera nehmen den Nutzer dabei auf. Ein Realtime-Feedback-System analysiert die Bewegungen und lokalisiert aufkommende Fehler. Biometrische Parameter geben Auskunft über den Verlauf. Die Software sendet die Fortschritte dem betreuenden Therapeuten online, damit er die Übungen #remote dynamisch anpassen kann – oder erklärt „Komm nochmal real in der Praxis vorbei“ – was aber zunehmend weniger werden könnte.

Zuhause macht dann ein Avatar die Übungen vor – und der Patient macht die Übungen nach – wird dabei aber eben sensortechnisch überwacht, ob diese auch richtig ausgeführt werden, so dass Fehlhaltungen oder Verrenkungen ausgeschlossen werden. Der Gameingfaktor sorgt dafür, dass auch Spaß dabei entsteht. Einen Schuh hin zur Praxis muss man dafür jedenfalls nicht mehr anziehen.

Mit Daten gegen Infektionskrankheiten 

Eine zweite Anwendung, die mich begeistert hat, ist die „grippeNET App“. Sie firmiert unter dem Dach des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, angewendet wird sie in der Befragung der Bürger in der Schweiz – und steht auf dem Sprung auch in Deutschland und Österreich zum Einsatz zu kommen. Hier werden Open Data, Forschung und Bürgerbeteiligung sinnvoll vernetzt. Die Idee: das Beobachten, Analysieren und Visualisieren von Ausbreitungen von Krankheiten. Unter Mithilfe und Bezug sowie Auswertung von Daten, die die Bürger selbst mit einspeisen können. Bürger können sich beteiligen und Informationen zusammentragen. Sie erhalten gleichzeitig mit ihrem Einspeisen Einblick in die aufbereiteten Daten und deren Analyse. So entsteht ein umfangreiches Netzwerk zur Sensibilisierung der Bevölkerung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten.

In einem ersten Schritt wurde Grippe als Krankheit adressiert – die App lässt sich erweitern auf weitere Krankheiten mit Ansteckungscharakter. Die App ist Teil des EU-geförderten Forschungsprojektes CIMPLEX. Der Mix aus Daten, Big-Data-Analyse und Partizipation ist das Bestechende des Projektes. Ein Aspekt des Projektes ist auch der, herauszufinden, was Menschen motiviert, bei diesen Erhebungen mitzumachen sowie auch der Aspekt, die Privatsphäre trotz Datenlieferung zu sichern. Daten wird insbesondere im Gesundheitswesen eine immer größere Bedeutung zugesprochen. (Dieser Umstand des notwendigen OpenData findet sich übrigens auch im 1. Nationalen Aktionsplan Open Government und zeigt, wie tragend diese Säule bereits ist.)

Das Foto zeigt einen Monitor mit Grafiken zur Ausbreitung der Grippe.

Visualisiert – Grippe

Ein sehr aufschlussreiches Tool, welches zudem Möglichkeiten der Visualisierung bereit hält. Es ist sicher ein Instrument, welches von hoher Bedeutung sein kann, wenn etwa Kreise oder Kommunen über Katastrophenschutz für die Bevölkerung entscheiden müssen. Angesichts des Wiederaufflackerns von Masernerkrankungen auch in Deutschland wäre etwa ein weiteres Feld der Anwendung neben Grippe vorhanden. Mit realistischen und in Echtzeit erhobenen Daten wäre damit ein gutes Instrument zur Steuerung von Infektionskrankheiten gegeben. Man muss sich nur mit den Möglichkeiten vertraut machen – um deren Bestehen wissen und diese Dinge nutzen können. Wir brauchen mehr digitale Kompetenz in den Reihen der Entscheider sowie in der Bevölkerung.

Digitales erhöht Lebensqualität

In der letzten Woche hatte ich das unliebsame Vergnügen, einen Termin bei einem Orthopäden wahrnehmen zu müssen. Das Knie – nicht der Rede wert. Der Rede wert allerdings sind meine Erlebnisse einer durch und durch analogen Welt rund um das Thema Gesundheit, die mich einen gesamten Vormittag gekostet hat. Unwiederbringliche Lebenszeit, die niemand so einfach verpulvern sollte. Digitales könnte dabei helfen, diesen Umstand zu verbessern.

- auch beim Parken nicht

– auch beim Parken nicht

Meinen Termin beim Arzt hatte ich vor rund zwei Monaten ergattert. Man kennt das, Wartezeiten. Um 10:30 Uhr sollte dieser Termin stattfinden. Da auch in meiner Heimatstadt die Zentralisierung von medizinischen Versorgungszentren vollzogen wurde, begab ich mich ans Elisabeth-Hospital mit den angeschlossenen Facharztpraxen nebst Reha-Institutionen. Diese Politik der Zentralisierung von medizinischer Versorgung am Stadtrand zieht schon mal ein hohes Maß an motorisiertem Individualverkehr nach sich. Schließlich werden nicht nur die Bewohner der Stadt versorgt, sondern auch viele Menschen aus dem nahen Umland: Patienten, RehaNutzer, Begleiter, Besucher. In einer Mittelstadt von 100.000 Einwohnern kommt da einiges an Fahrtwegen und Kilometern zusammen. Zuzüglich Energie- und Ressourcenverbrauch. Und eben Lebenszeit.

Zeitnah fuhr ich los – entschied mich für den privaten Pkw. Weil: Hätte ich den Bus benutzt, was ich gerne getan hätte, hätte das eine längere Anfahrt bedeutet mit Umsteigen am Zentralen Omnibusbahnhof – bei „Knie“ schon mal schlecht. Schlecht auch für ältere und multimorbide Menschen. Noch schlechter für Menschen, die zudem von anderen begleitet werden müssen und nicht wie selbstverständlich zusammen wohnen. Außerdem gibt es nur zwei Busse der örtlichen Stadtwerke, die zur Zeit probehalber WLAN vorhalten – ob man genau diesen Bus aber erwischt, war fraglich. Für einen Freiberufler ist Zeit und WLAN unerlässlich – kostbar. Für das Gros der Bevölkerung ist WLAN mittlerweile ein Grundrecht. Also lieber das Auto, weil schneller.

Die Parksituation am Elisabeth-Hospital ist vergleichbar mit der einer fleischfressenden Pflanze, das trifft es glaube ich recht gut. Nur, dass in echt nicht Fleisch, sondern Blech verschluckt wird – und für eine sehr lange unkalkulierbare Zeit im Bauch des Parkgrundes verbleibt. Ungewarnt fährt nämlich der Parkplatzsuchende in eine Einfahrt hinein und ist schon aufgrund der Wegführung gehalten, die Parkplatzschranke zu passieren, ein Parkticket zu ziehen – um sich dann gezwungenermaßen dem Warten und dem Ärgern hinzugeben. Weil man es schon erahnt hatte: In naher Zukunft ist mit einem Parkplatz hier nicht zu rechnen – alles belegt. So wie man selbst suchen nämlich unzählige andere Parkplatzsucher ebenfalls einen Platz zum Parken. Ein frühzeitiges Umdenken und Ausweichen ist aber leider nicht mehr möglich, steht man einmal in der Schlange oder auf dem Parkplatz, muss man durchhalten – bis die Ausfahrt wieder erreichbar wird.

Platzmangel und Enge herrschen. Weil: Die Autos sind alle größer geworden, sie passen nicht in die winzigen Zellen. Das führt zu wilden Kurvereien der zumeist ungeübten Fahrer und Fahrerinnen. Nicht wenige sah ich mit hochrotem Kopf und trotzdem alles geben. Reinsetzen, raussetzen, Position korrigieren. Die nachfolgenden Autofahrer geduldig bis schimpfend – alle wartend. Man würde den Ort ja gerne zügig wieder verlassen, geht aber nicht, weil gerade beschriebenes Intermezzo allen Platz zum schadenfreien Vorbeifahren versperrt. Wer keinen regulären Stellplatz erwischt, parkt wild, an den wenigen Grünstreifen. Das führt für den Rest der Welt zu einer weiteren Verknappung von Fahrfläche. Es war ein unsägliches Schauspiel – wobei die Minuten so vor sich hintickten, ein pünktliches Erscheinen in der Praxis schien wenig realistisch. Wer dann endlich sein Fahrzeug wieder in Richtung Ausgang bewegt hatte, erahnte Freiheit. Doch weit gefehlt. Zunächst reihte man sich wieder ein in die Schlange der Wartenden. Gern in zwei Reihen, wo am Ende nie ganz klar war, wer denn nun der Nächste wäre. Gestresst und wenig geneigt, jetzt auch noch höflich zu sein, beschwor Stärke des Blechs die Reihung. Unliebsame Zugabe, wenn man sich bis ganz nach vorne gearbeitet hatte: Da gab es wohl einige, die ihr Parkticket nicht am Automaten im entfernten Mutter-Haus (!) bezahlt hatten und nun unverrichteter Dinge vor der geschlossenen Schranke standen – notgedrungen weil rückwärts ging nichts – in aller Ruhe ausstiegen. Man durfte nun aus der Position des Wartenden an fünfter Stelle mit Engelsgeduld zuschauen, wie eine ältere Dame zum Automaten humpelte – um ihre Parkgebühr nachträglich zu entrichten, während eine Menge Menschen eh schon gestresst ihr auf diesem langen Gehweg alles Gute wünschte – und vor allem, dass sie passendes Kleingeld parat haben möge und im Umgang mit Kassenautomaten geschult sei, um schnell und heil wieder in ihr Auto zu steigen.

Was ich damit sagen will: Warum um Himmels Willen (wie passend für ein Krankenhaus in kirchlicher Trägerschaft) gibt es keine digitale Parkplatzanzeige, die bereits frühzeitig signalisiert, dass alle Plätze belegt sind? Warum um Himmels Willen gibt es keine Parkplatz-App – ein lokaler Service Ihres medizinischen Gesundheitszentrums? Termin und Parkplatz gekoppelt? Warum um Himmels Willen gibt es keine digitale Möglichkeit, Individualverkehr zu reduzieren und wirklich sinnvolle ÖPNV-Konzepte für den Transfer zu solchen Zentren zu organisieren, die auch noch tauglich sind, wenn es sich um die Zielgruppe der Betagten und Hochbetagten handelt? Künftiges Kapital wird eh nicht mehr in die Herstellung von Autos investiert, sondern in intelligente Mobilitätsdienstleistungen, die gar keinen Parkplatz für Einzelne mehr notwendig machen. Aber so weit sind wir (leider) noch nicht.

Diese ersten Gedanken wälzte ich im Kopf als ich vom Gelände fuhr, um weit weg im benachbarten Wohngebiet zu parken. Schließlich erreichte ich nach langem Fußweg – immer noch Knie – nicht der Rede wert – die Praxis. Mit vier Minuten Verspätung stand ich – wieder in einer Warteschlange. Blech und Mensch, sie unterscheiden sich nicht, die einen warten draußen, die anderen drin. Datenschutz war jetzt hier Thema. „Bitte halten Sie Abstand“, stand dort höflich auf einem Pappschild aufgeschrieben. Schallwellen allerdings halten sich nicht daran – so vernahm ich alles an Krankengeschichten vor mir, neben mir und hinter mir. Ob ich wollte oder nicht.

Endlich war ich an der Reihe. Da die Wartezeit allein auf den Termin länger gedauert hatte, war die Überweisung vom entsendenden Hausarzt obsolet. Quartalsbindung. Ich hätte sie umschreiben lassen müssen. Digital ging leider nicht. Aber dann ging es doch – nicht digital aber irgendwie. „Es wird rund 30 bis 40 Minuten Wartezeit dauern“, wurde ich informiert. Meine Gegenfrage lautete: „Gibt es hier WLAN?“. „Nein. Leider haben wir kein „Patientennetz“ – bedauere. Wir arbeiten aber daran.“ Eine halbe Stunde Wartezeit – da konnte ich eine Menge erledigen. Nur: Das vorhandene Netz via privatem Datenvolumen hier zeigte „E“. Das ist wie ohne Netz. Allein das Hochladen von Daten dauerte, dauerte, dauerte – und brach stetig ab. So war ich vollkommen schachmatt gesetzt. Ich saß im Wartezimmer und – wartete.

Insgesamt wartete ich drei Stunden. Ein Los, welches mehr oder weniger alle teilten. Ich fragte mich, warum um Himmels Willen nicht längst jemand auf den Gedanken gekommen war, den Patienten Push-Nachrichten zukommen zu lassen, wann sie genau dran sind, um sie so zeitgenau zu steuern – um den Wartenden Lebenszeit zu schenken, die sie woanders besser zubrachten als in einem Wartezimmer mit mehr und mehr gereizten Menschen, die sich alle fragten, wann endlich ihr Name aufgerufen wurde.

Auf der Homepage der Praxis hatte ich zumindest die „Terminvereinbarung online“ gefunden. Hier fand sich auch der Passus: „Dürfen wir Sie zukünftig per SMS an Ihren Termin erinnern? Ja, meine Mobilnummer…..; Nein.“ Push-Nachrichten wären also möglich.

Auf der Homepage der Praxis findet sich der Hinweis: „Um die Wartezeit besser zu nutzen, können Sie sich beispielsweise ein Buch oder eine Zeitschrift mitnehmen.“ Print also. Man kannte den Umstand des fehlenden WLAN also. Und dann lag da auf dem Tisch mit den Printausgaben des Lesezirkels noch der „Spiegel“ mit seinem Titelbild: „Die Formel für ein gesundes Leben. Besser essen, einfach essen.“ Spätestens jetzt war bei mir der Geduldsfaden gerissen. Die Formel für ein gesundes Leben wäre in meiner Welt nicht gesundes Essen, sondern Alltagsbewältigung angereichert mit Null und Eins. Mit digitalen Hilfsmitteln insbesondere in der medizinischen Versorgung: Telemedizin, elektronische Sprechstunde, digitale Krankenakte etc. etc. etc. Das wäre die notwendige Formel, die die Lebensbewältigung erleichtern würde. Nicht umsonst saßen hier gestresste Menschen.

Spiegel

In einer Gesellschaft, die die zweiälteste Gesellschaft der Welt ist, statistisch gesehen, wird sich der medizinische Zustand der Menschen nicht verbessern. Erwartbar ist eine Zunahme an Erkrankungen. Erwartbar ist eine Zunahme auch der Betreuung und Pflege der ansteigenden Zahl der Hochbetagten. Zwingt man nun insbesondere die Generation zwischen 40 und 50 in ein solches analoges Dasein, sich selbst kurativ im Griff zu behalten (etwa bei Knie) oder wahlweise die jüngere Generation (Kinder) zu begleiten oder schon die Generation der Pflegebedürftigen – kann die Antwort nur sein: Deutschland braucht umgehend Tools für E-Gesundheit. Deutschland braucht Zentren, die dies leisten können. Bitte schnell. Sonst steigt nicht nur der Blutdruck unnötig beim Einparken in Sackgassenparkplätzen ohne digitale Anzeigen – sondern vor allem, weil es Lebenszeit kostet, die man digital unterstützt ganz anders zubringen könnte. Etwa gesund essen, oder an der frischen Luft spazieren gehen. Oder Kommunen beraten, wie digitale Stadtplanung geht. Oder eHealth machbar wird.

Demnächst bin ich wieder hier. Dann begleite ich eine pflegebedürftige Angehörige. Bis dahin werde ich mich wundern, wie es den Ärzten und dem Team der Praxis gelingt, trotz allem Stress so freundlich und verbindlich zu bleiben. Menschlichkeit ist durch Digitales nicht ersetztbar – es gäbe aber noch mehr Menschlichkeit, wenn Digitales Unnützes überbrückte und mehr Zeit für Zwischenmenschliches bliebe anstatt sinnlos auf einem Parkplatz herumzukurven.

Mr. Robo statt analoges Suchen

Wir müssen uns unterhalten! Es wird höchste Zeit: Darf man an Demenz erkrankten Menschen im Krankenhaus elektronische Suchbänder umbinden, um sie schneller wiederzufinden, wenn sie „weglaufen“? Und könnten künftig Roboter oder Drohnen auf die Suche nach diesen vermissten Patienten gehen?

Die zweitälteste Bevölkerung der Welt, nämlich wir in Deutschland, sollten Digitales als Chance für den demographischen Wandel verstehen. Daher meine Antwort vorweg: Ich finde ja, man darf. Und Roboter sollten sogar zum Einsatz kommen.

Das Foto zeigt einen Roboter der älteren Ausgabe in der Ausstellung der DASA.

Mr. Robo das Multitalent

Die Gesellschaft altert, die Anzahl der Hochbetagten steigt signifikant. Damit erhöht sich die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen stetig. In fast jeder Familie findet sich mittlerweile jemand, der in einer anderen Zeit lebt, der seine Angehörigen nicht mehr erkennt – der massiv Hilfe braucht – der an Demenz erkrankt ist. Das Stadium der Erkrankung ist dabei fließend.

Zuhause bleiben

Die meisten Menschen wollen in den eigenen vier Wänden verbleiben und im Alter zuhause betreut werden. Das jedenfalls wünschen sich die meistern Befragten, die nach ihrer Versorgung im Alter befragt werden. Das ist auch billiger für den Staat – und für Familien. Was sich so locker daherfabuliert, wird aber in der Regel auf die Schultern der weiblichen Familienmitglieder gepackt. Betreuung Älterer und Pflege ist allerdings ein Full-Time-Job, neben Familie und Beruf ist diese Herkulesaufgabe nur eine kurze Zeit wirklich zu leisten. Ganz besonders ist die Bewerkstelligung einer Demenzbetreuung. In Deutschland knüpfen wir hier übrigens gern nahtlos an die Tradition unserer Kindererziehung an: wer sein Kind in die Kita gibt, ist Rabeneltern. Wer seine Angehörigen in Pflege gibt, ist es nicht wert. Das aber wäre noch ein weiters Thema.

Nicht vorbereitet

Trotz aller Fürsorge passiert es, dass die erkrankten Dementen sich verletzten oder gar derart erkranken, dass sie stationär behandelt werden müssen. Also im Krankenhaus landen. Meine Behauptung ist die: Die Krankenhäuser in Deutschland sind auf diesen Anstieg der Fallzahlen von Patienten mit Demenz nicht eingestellt. Sie sind schlicht überfordert. Die Einrichtung von Demenzbegleitern oder auch ehrenamtlichen Helfern sowie Sozialberatern in den Häusern reicht nicht aus, um dieser Herausforderung gerecht zu werden.

Was passiert, wenn ein Mensch mit Demenz ins Krankenhaus kommt: Neben der Problematik der kognitiven Fähigkeiten ist die größte Gefahr die des „Weglaufens“. Ist der Patient halbwegs mobil, bricht in dem Fall schnell das Chaos aus. Die Krankenhäuser dürfen die Patienten nicht festhalten, auch nicht die Türen abschließen. Die Menschen können sich also frei bewegen – und das tun sie auch. Sie folgen ihrer „Hinlauftendenz“. Früher hieß das noch „Weglauftendenz“. Auf einer Station mit 30 Patienten und vielleicht zwei Nachtschwestern kann das zu einer allerhöchsten Bedrohung werden. Verschwinden die Dementen, ist die große Suche angesagt bei der oft Logik nicht das Suchkriterium ist. Wenn man großes Pech hat, verlassen die Menschen sogar das Haus. Sie sind dann regelrecht schutzlos. Und die Angehörigen sind hilflos.

Personenortung privat längst Fakt

Im privaten Bereich ist das schon einfacher, da kommen immer mehr technische Systeme mittels GPS zur Personenortung zur Anwendung, die das Finden der „Läufer“ erleichtert. Hinweise dazu finden sich auch auf der Seite der „Deutschen Alzheimergesellschaft“. Danke an @Wolfgang Ksoll für diesen Link.

Das Foto zeigt einen Rollstuhlfahrer auf einem Klinikflur.

mobil ohne Ziel

Ruhelos 

Nun darf man im Krankenhaus dem Pflegepersonal keinen Vorwurf machen – sie machen ihre Arbeit bereits oft über das Limit hinaus. Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor, Geld und Personal für Menschen ist knapp gehalten. Als Angehöriger fragt man sich allerdings, wie das gehen soll – die Patienten dort allein zu lassen, nachts beruhigt zu schlafen, wenn der demenzerkrankte Patient aber nicht geschützt ist. Aber durchaus geschützt sein könnte!

Das Betreuungsrecht ist so eine Sache. Menschen dürfen nicht einfach festgehalten werden. Bei Dementen ist hier eine Grauzone gegeben: denn sie wissen nicht mehr, was sie tun, wenn sie etwa im Nachthemd in die Kälte entwischen. Selbstbestimmung ist ein hohes Gut, welches jeder Mensch für sich in Anspruch nehmen muss. Unbestritten. Da beginnt jedoch der Punkt, über den wir uns unterhalten müssen. Es gilt, die Würde bei Demenz und die Fürsorge der Angehörigen neu in Beziehung zu setzen, sie neu zu vermessen. Wann wird die Selbstbestimmung für den Betroffenen würdelos? Und muss man nicht längst flächendeckend mehr digitale Hilfsmittel einsetzen, die diese Würde und Selbstbestimmung lange erhalten können?

Analoge Suche ist ein Luxus 

Jetzt ist die Praxis im Krankenhaus eher diese: Sind Demente mobil unterwegs, folgt ihnen ein Pfleger, der sie aber nicht „festhalten“ darf. Das ist allerdings „Luxus“, denn dafür ist normalerweise gar keine Zeit und kein Personal vorhanden. Glück ist es, wenn jemand überhaupt rechtzeitig bemerkt, dass da gerade ein Mensch wegläuft, der nicht mehr auf sich selbst aufpassen kann. Ist jemand verschwunden, kommen teilweise sogar Suchhunde zum Zug. Im besten Fall werden die Vermissten umgehend gefunden. Mittlerweile kann man im Außenbereich dafür auch Drohnen einsetzen, die auch in unwegsamen Gelände Überblick behalten.

In dem Fall der Hinlauftendenz wünsche ich mir ein elektronisches Armband um das Handgelenk der Menschen mit Demenz, wenn sie ins Krankenhaus kommen. Das gibt Signal, wenn er oder sie die Station oder das Krankenhaus verlässt. Das Haus muss daher mit Sensoren ausgestattet sein, die diese Signale auch abgeben. Im Grunde funktioniert das System wie eine elektronische „Wegfahrsperre“. In einigen Häusern ist bereits ein Roboter in der Testphase unterwegs auf den Fluren, der die Patienten nach Erhalt des Signals wieder „einfängt“. Er sucht sie, findet sie, funkt Hilfe herbei und begleitet die Menschen zurück in menschliche Obhut. Gleiches kann ich mir in Pflegeheimen vorstellen, die keine geschlossene Abteilung haben aber „Läufer“ beherbergen.

Künstliche Intelligenz als Altersvorsorge

Das hört sich unmenschlich an? Auf den ersten Blick vielleicht. Allerdings muss man das Thema langfristig betrachten. Die nächste Generation wird sehr viel weniger Pflegepersonal vorfinden, sie wird dies ggf. auch nicht mehr bezahlen können. Und die nächste Generation wird ganz anders alt, viel selbstbestimmter und mit höheren Ansprüchen an Individualität. Da werden Roboter, also ingesamt künstliche Intelligenz helfen müssen, die Selbstbestimmtheit solange wie möglich zu ersetzen. Gleiches gilt übrigens auch für den Verbleib im eigenen Zuhause der Menschen, auch hier hilft der Roboter.

Alles Spinnerei? Gerade eben hat ein jugendlicher Softwareentwickler in Japan „Socken mit Signal“ erfunden: Sein Opa leidet an Demenz. Er lief weg. Mit den Sensor-Socken, die er jetzt trägt, bekommt die Familie ein Signal, wenn der alte Mann wegläuft. So ist Hilfe sofort möglich. Und die Menschen mit Demenz gefährden sich nicht mehr selbst, die Familie kommt zur Ruhe. Japan ist übrigens die älteste Gesellschaft der Welt, sie gilt sogar schon als „überaltert“.

Let´s talk about…

Mir ist der professionelle Einsatz von digitaler Technik beim Suchen und Finden sehr viel lieber als das angstbelastete analoge Suchen in Feld und Flur, wo Logik nicht die Suchkriterien sind. Nur reden müsste man drüber: Was will eine alternde Gesellschaft wie wir? Ist künstliche Intelligenz dabei Fluch oder Segen? Und müsste das nicht längst auch in jedem Krankenhaus Thema sein?