Grenzenlos: Kommunales Herzblut

UPDATE: Hier kann man die gesamte Podiumsdiskussion anschauen. 

Es ist stets hochbrisant, sich in die Innenpolitik eines anderen Landes einzumischen. Schon gar, wenn man geladener Gast ist. Und trotzdem habe ich das einfach mal gewagt. Schließlich ging es um Digitalisierung von Kommunen im ländlichen Raum. Die Probleme sind in Deutschland ähnlich gelagert wie in Österreich.

Im Rahmen der Kommunalen Sommergespräche 2017 hatte ich die Ehre auf einem sehr illustren Panel zu sitzen. In Gesellschaft von Prof. Peter Filzmaier (Politikwissenschaftler), dem Präsidenten des österreichischen Gemeindebundes Bürgermeister Mag. Alfred Riedl, der Bürgermeisterin der Stadt Lienz Elisabeth Blanik und mit dem Innenminister von Österreich, Mag. Wolfgang Sobotka. – Wir sind in Österreich, da braucht es die komplette Bezeichnung. Hab ich mit einem Augenzwinkern meines Gegenüber gelernt.

Das Foto zeigt alle Podiumsteilnehmer.

Digitale Herausforderungen – Diskurs, Foto Johannes Pressl

Drei Punkte möchte ich aus dieser Diskussion kurz anreißen, weil sie mich besonders bewegt haben:

Erster Aspekt: Der Innenminister definiert den notwendigen Ausbau mit Glasfaser nicht als seine Aufgabe. Dafür sei der Ministerkollege für Strukturfragen der richtige Mann. Er als Innenminister sei in Sachen Sicherheit unterwegs. Sicherheit, meinte ich, könne man aber künftig aber auch so definieren, dass Glasfaser zu einem Sicherheitsaspekt gerade der ländlichen Bevölkerung werde. Was ist, wenn die Versorgung der Menschen mit Gesundheitsdiensten und auch mit Rettungsdiensten nicht ausreichen gewährleistet sein wird, weil nicht oder nur unzureichend am schnellen Netz angeschlossen? Wie soll künftig Telemedizin möglich sein, wenn die Dienste in netzunterversorgten Gegenden nicht ausreichen? Gleiches gilt auch für die Rettungsdienste, die auf mobiles Netz angewiesen sind. In Deutschland laufen sie gerne mal mit den Armen und Smartphones in der Luft stochernd herum, um Netzanschluss zu finden. (Ich habe dazu bereits gebloggt.) Eine profunde Debatte begann. Auch und insbesondere um die Frage, wie weit Politik (noch) in der Lage ist, Digitalisierung ordnungspolitisch zu begleiten. Diese Frage der Sicherheit gilt es weiter in die Tiefe zu denken. Die jeweiligen Positionen kann ich hier nicht wiedergeben, sie sind im obigen Link zum Video zu sehen. (Sprechen UND bloggen geht nicht zusammen).

Wolfgang Sobotka und Anke Knopp im Gespräch.

hört zu – der Innenminister von Österreich Wolfgang Sobotka, Foto: Johannes Pressl

Zweiter Aspekt: Die Bürgermeisterin von Lienz, Elisabeth Blanik, hat mir großen Respekt eingeflößt. Ihre Energie zum Breitbandausbau in ihrer Region ist schon beispielgebend. 15 Bürgermeister haben sich zusammengeschlossen und alle bürokratischen Hindernisse geschickt umschifft. Ihr Ziel: schneller Anschluss aller hat sie kreativ gemacht, hat sie auf den Weg geschickt, am Ende erfolgreich zu sein. Kann man nur von lernen. Nachmachen. Sich dort Rat holen. Die Vergabeverordnungen in Deutschland und Österreich sind zwar verschieden – aber am Ende zählt das „wie habt ihr das hinbekommen!“ Großes Lob nach Lienz!

Dritter Aspekt: der hat im Nachhinein wohl alle Frauen im Saal vom Hocker gerissen. Eigentlich war zündender Funke nur eine Randbemerkung, versteckt in einem Nebensatz von Herrn Prof. Filzmaier. Die Landflucht nämlich und konkret die von gut ausgebildeten Frauen, die nach ihrer Ausbildung in der großen weiten Welt eben nicht zurückkehren in den ländlichen Raum. Warum nicht, das habe ich versucht auf den Punkt zu bringen. Weil sie nicht blöd sind! Sie wissen ganz genau, was sie vor Ort dann erwarten würde: traditionelle Rollenbilder und traditionelle Wertehaltungen gegenüber der Art, wie sich Frauen zu verhalten haben – und noch deutlicher – am Ende sind sie es, die die Pflege der dort lebenbenden alternden Eltern und Großeltern übernehmen müssen. Unhinterfragt, ob sie das möchten oder nicht. Aus diesem Aspekt wird sich sicher noch eine tiefere Betrachtung ergeben. Ich bleibe dran.

Das goldene Rad – Spaß an Mobilität

UPDATE 1: Im WDR Westpol vom 25.6. fand ich diesen Beitrag über den Vergleich zwischen Fahrradwegen in den Niederlanden und NRW. Radwege-Check. Nichts Geringeres als die Zahl der tödlichen Fahrradunfälle wird herangezogen. In einem sehr sehenswerten Beitrag zeigen die Bilder, woran das hohe Risiko in Deutschland mit dem Fahrrad tödlich zu verunglücken liegen könnte.

Update 2: Ich sprach mit einer Niederländerin. Ihren sehr prägnanten Kommentar zu den Unterschieden zwischen Deutschland und den Niederländern möchte ich gerne teilen: „In den Niederlanden haben viele Menschen gar kein Auto, weil sie es aufgrund des guten ÖPNV gar nicht brauchen. In Deutschland wirkt zudem der Klassenunterschied: Autofahrer sind die Bosse, Fahrradfahrer werden für arme Schlucker gehalten, die sich kein Auto leisten können. Das macht den Unterschied aus zu den Niederlanden.“

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Mobilität neu denken: das ist die Aufgabe für die Zukunft. Insbesondere die Zukunft für die Städte. Drei Beweggründe zwingen die Stadtgesellschaft dazu – der Klimawandel, die Belastung mit Feinstaub/Stickoxide und die Notwendigkeit, den Ressourcenbedarf zu verringern.

Heute war ich in Alkmaar, Niederlande. Eine Stadt, die vorlebt, wie umweltschonende Mobilität auch Spaß vermitteln kann:

Das Foto zeigt Fahrräder in den Niederlanden: in gold, mit Lastenkarre, mit Kindersitz.

Wo Mobilität offenbar Spaß macht

Wasserstraßen integrieren; Kindersitze auf dem Zweirad – so lernen schon die Kleinen, das Rad als Fortbewegung zu nutzen. Goldene Fahrräder als Sinnbild für eine edle Variante der Fortbewegung: das Selbstfahren mit Pedale. Das selbstgebaute Lastenrad. Hier eine Variante in lindgrün – sie begegnen einem in Holland in (fast) jeder Ausführung, auch tauglich, um zwei Kinder zu befördern, im Maxi Cosi und sitzend oder, um – ja, das sei jetzt mal erlaubt: Käse zu transportieren.

Schön, wenn dann solche Dinge dabei ein Umdenken anstoßen: Ein Kölner parkte sein Lastenfahrrad mitten auf der Straße, hängte ein Schild dran „Eben zum Bäcker“ – und nimmt damit die Autofahrer aufs Korn, die sich jahrzehntelang daran gewöhnt haben, Fußgängerwege und Fahrradwege zuzuparken.