Warum nicht digital denken?

20.000 zusätzliche Stellen für Pflegehilfskräfte in der Altenpflege – das ist ein Ziel, welches sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit dem Gesundheitsversorgungs- und Pflegeverbesserungsgesetz (GPVG) gesteckt hat.

Auf seiner Website findet sich diese Ankündigung in differenzierten Unterpunkten:

  • In der vollstationären Altenpflege sollen 20.000 zusätzliche Stellen für Pflegehilfskräfte finanziert werden. Der Eigenanteil der Pflegebedürftigen soll dadurch nicht steigen, die Stellen werden vollständig durch die Pflegeversicherung finanziert.
  • Die Ergebnisse des Projekts zur wissenschaftlichen Bemessung des Personalbedarfs zeigen, dass in vollstationären Pflegeeinrichtungen zukünftig insbesondere mehr Pflegehilfskräfte erforderlich sind. Die zusätzlichen Stellen sind ein erster Schritt zur Umsetzung des Personalbemessungsverfahrens für vollstationäre Pflegeeinrichtungen.
  • Die Einführung des Personalbemessungsverfahrens erfordert eine neue Aufgabenverteilung zwischen Pflegefach- und Pflegehilfskräften. Durch ein Modellprogramm mit Fördermaßnahmen sollen diese Personal- und Organisationsentwicklungsprozesse sowie die weitere Umsetzung des Personalbemessungsverfahrens künftig begleitet werden.

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit

Ich frage mich, ob es nicht jetzt der richtige Zeitpunkt ist, diese Pflegehilfskräfte auch ganz einfach digital zu denken – keine echten Menschen dafür vorzusehen – sondern Roboter und Avatare. Es müsste doch genau jetzt in dieser Situation auch über eine Alternative nachgedacht werden – der Pflegenotstand wird sich zukünftig noch eher verschärfen als dass er sich lösen ließe, auch nicht durch Pflegehilfskräfte. Der „Markt“ an Kräften ist leer gefegt. Woher sollen die Menschen kommen, die jetzt in der Pflege assistieren sollen – und wie sollte man sie für eine so schwere Aufgabe auch motivieren, sensibilisieren? Ankündigungen wie diese lesen sich eher als blinder Aktivismus.

Und dabei stehen die Zeichen längst auf Veränderung in eine andere (notwendige) Richtung:

Die Mehrheit der Deutschen wünscht sich KI im Einsatz für Pflege und Medizin. Die Umfrage im September 2020 des Bitkom zeigt das. Insbesondere bei der Altenbetreuung und in Medizin und Verwaltung soll KI zum Einsatz kommen. Zwei Drittel (68 Prozent) wünschen sich, dass KI ältere Menschen unterstützt. Das können zum Beispiel Anwendungen sein, die Bewegungsmuster erkennen und Gesundheitsdaten überwachen. Bei Abweichungen, etwa wenn jemand gestürzt ist und keine Hilfe rufen kann, wird Alarm geschlagen. Genauso viele Befragte (68 Prozent) wollen, dass KI den Arzt bei der Diagnose und der Auswahl der bestmöglichen Therapie unterstützt. Gerade in der Forschung mit den Schwerpunkten auf emotionale Robotik oder Companion-Roboter wird eine Menge entwickelt. Um nur einige zu nennen: Pepper, Paro, Cognitoys oder Sam – alles soziale Begleitroboter, die bereits jetzt im Einsatz sind.

Das Foto zeigt einen selbstgebastelten Roboter.
keine Angst vor #KI

Zunehmende Wahrnehmung der Pflegebranche für ein aussichtsreiches Wirtschaftswachstum. Die Zahl der Innovationen steigen, der Wettbewerb nimmt zu und neue Arbeitsplätze entstehen. Wir lernen neue „Geschöpfe“ kennen, die vielfältige Aufgaben übernehmen können. Zudem entwickeln sich neue Branchen aus der Sparte der Pflege- (und Gesundheitswirtschaft), die sich natürlich auch kommunal niederlassen. Hier können die Kommunen im Rahmen ihrer Wirtschaftsförderung für eine passende Infrastruktur sorgen und zukunftsfähig bleiben.

Ein Roboter oder Avatar könnten gerade jetzt verstärkt in den Einsatz kommen – wenn wir ehrlich darüber sprechen, dass es nicht genügend menschliche Kräfte gibt, die diese Aufgaben werden langfristig übernehmen können. Warum also verhandelt man nicht mit den großen Anbietern und konzipiert ein Programm zu Förderung? Und vor allem testet die Möglichkeiten, die sich ergeben – damit wir mehr Feldforschung haben und unsere Beziehung zwischen Mensch und Maschine mehr austesten können? Wir wollen doch KI in den Einsatz bringen, damit die Lebensqualität sich verbessert. Für den Menschen.

Das gilt auch für das nächste von Spahn angesprochene Feld der Verbesserungen für die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen:

  • Um dem Infektionsrisiko Rechnung zu tragen, sollen Beratungsbesuche für Pflegegeldempfänger bis Ende März 2021 nicht nur in der eigenen Häuslichkeit, sondern auch telefonisch, digital oder mittels Einsatz von Videotechnik ermöglicht werden. Die Beratungsbesuche dienen insbesondere der regelmäßigen Hilfestellung und praktischen pflegefachlichen Unterstützung, beispielsweise pflegender Angehöriger, und somit der langfristigen Sicherstellung der häuslichen Pflege.

Quelle: Bundesministerium für Gesundheit

Auch im häuslichen Umfeld werden wir uns künftig noch stärker über digitale Hilfsmittel eines smart home austauschen müssen – zum einen, damit die ältere Generation möglichst lange autonom in den eigenen vier Wänden wird leben können – und zum anderen, weil man nicht einfach davon ausgehen kann, dass die Sorge allein auf die Frauen der Familien abgebogen wird. Gerne steht in den Entlassungspapieren aus den Gerontopsychiatrischen Häusern: „der erkrankte Mensch wird in das häusliche Umfeld entlassen, in dem sich die Angehörigen kümmern“. Eine Mammutaufgabe, die gerne digital gedacht werden muss.

Fangen wir konkret an damit! Nicht mit dem Versprechen von 20.000 Pflegeassistenzen.

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  1. Pflegenotstand
    Politisch verursacht – politisch unlösbar

    Abstract: Der Wirkungsgrad von Politik ist negativ, d.h. sie erzeugt mehr Probleme als sie löst, und die von ihr gelösten Probleme sind in der Regel zuvor von ihr selbst erzeugt. Die Begründung der These wird am Beispiel des „Pflegenotstandes“ ausgeführt. Es beginnt mit einer Beschreibung des Ist-Zustandes, hinsichtlich Zahl, Einkommen und Wertschätzung von Pflegekräften.

    https://www.heise.de/tp/features/Pflegenotstand-4973775.html?view=print

    1. Vielen Dank für den Link. Ich habe den Beitrag gelesen. Einigen Aspekten kann ich etwas abgewinnen, auch die kritischen Aussagen zum Einsatz von Robotern in der Pflege. Einige Aussagen sind mir zu pauschal, wie etwa die Handlungsunfähigkeit der Politik und die Differenzierung am Ende in 80 % Kommunikatoren und 20 % Handelnde. _ Nicht mitgehen kann ich in der langen Argumentation, dass die Pflege zu Hause die beste sei. Das setzt ein Verständnis von Aufgaben und Rollen voraus, das ich nicht teile, denn in der Mehrheit sind es Frauen, die diese Aufgabe im häuslichen Kontext erledigen (müssen). In der Regel werden sie nicht gefragt – weil sie oftmals schon Teilzeit arbeiten, ist es für sie einfacher, den Job an den Nagel zu hängen, um Pflege zu leisten – so die unhinterfragte Annahme. Frauen werden nicht gefragt, ob sie das leisten möchten – es entsteht ein biologischer Zwang. Jemand MUSS sich kümmern. Auch an dieser Stelle kann eine Schieflage in der Frage der Bezahlung von Fachkräften entstehen. In der Altenpflege arbeiten die Frauen oftmals in Teilzeit, sie erreichen dann diese Netto- oder Bruttosummen gar nicht. Für die Anbieter ist es sinnvoller, Teilzeitkräfte einzustellen, damit die Dienste besser gestückelt werden können. Schon aus dem Grund, dass Frauenarbeit hier grundsätzlich unfair ist, wende ich mich dem Einsatz von Robotern zu. So zu tun als ob menschliche Pflege immer das Gelbe vom Ei sei, ist nicht mein Standpunkt. Ich habe zahlreiche Pflegekräfte erlebt, die besser keine Pflege leisten sollten. Sie erschienen mir nun unwesentlich mehr sozial oder emphatisch als ein gut programmierter Roboter arbeiten könnte…. Das Thema ist jedenfalls noch lange nicht durch. Wir stehen sicher erst am Anfang der Diskussion. Doch in dem Punkt sind wir uns einig: es muss mehr passieren als es sich derzeit abzeichnet. Viele Grüße.

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