Mr. Robo statt analoges Suchen

Wir müssen uns unterhalten! Es wird höchste Zeit: Darf man an Demenz erkrankten Menschen im Krankenhaus elektronische Suchbänder umbinden, um sie schneller wiederzufinden, wenn sie „weglaufen“? Und könnten künftig Roboter oder Drohnen auf die Suche nach diesen vermissten Patienten gehen?

Die zweitälteste Bevölkerung der Welt, nämlich wir in Deutschland, sollten Digitales als Chance für den demographischen Wandel verstehen. Daher meine Antwort vorweg: Ich finde ja, man darf. Und Roboter sollten sogar zum Einsatz kommen.

Das Foto zeigt einen Roboter der älteren Ausgabe in der Ausstellung der DASA.

Mr. Robo das Multitalent

Die Gesellschaft altert, die Anzahl der Hochbetagten steigt signifikant. Damit erhöht sich die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen stetig. In fast jeder Familie findet sich mittlerweile jemand, der in einer anderen Zeit lebt, der seine Angehörigen nicht mehr erkennt – der massiv Hilfe braucht – der an Demenz erkrankt ist. Das Stadium der Erkrankung ist dabei fließend.

Zuhause bleiben

Die meisten Menschen wollen in den eigenen vier Wänden verbleiben und im Alter zuhause betreut werden. Das jedenfalls wünschen sich die meistern Befragten, die nach ihrer Versorgung im Alter befragt werden. Das ist auch billiger für den Staat – und für Familien. Was sich so locker daherfabuliert, wird aber in der Regel auf die Schultern der weiblichen Familienmitglieder gepackt. Betreuung Älterer und Pflege ist allerdings ein Full-Time-Job, neben Familie und Beruf ist diese Herkulesaufgabe nur eine kurze Zeit wirklich zu leisten. Ganz besonders ist die Bewerkstelligung einer Demenzbetreuung. In Deutschland knüpfen wir hier übrigens gern nahtlos an die Tradition unserer Kindererziehung an: wer sein Kind in die Kita gibt, ist Rabeneltern. Wer seine Angehörigen in Pflege gibt, ist es nicht wert. Das aber wäre noch ein weiters Thema.

Nicht vorbereitet

Trotz aller Fürsorge passiert es, dass die erkrankten Dementen sich verletzten oder gar derart erkranken, dass sie stationär behandelt werden müssen. Also im Krankenhaus landen. Meine Behauptung ist die: Die Krankenhäuser in Deutschland sind auf diesen Anstieg der Fallzahlen von Patienten mit Demenz nicht eingestellt. Sie sind schlicht überfordert. Die Einrichtung von Demenzbegleitern oder auch ehrenamtlichen Helfern sowie Sozialberatern in den Häusern reicht nicht aus, um dieser Herausforderung gerecht zu werden.

Was passiert, wenn ein Mensch mit Demenz ins Krankenhaus kommt: Neben der Problematik der kognitiven Fähigkeiten ist die größte Gefahr die des „Weglaufens“. Ist der Patient halbwegs mobil, bricht in dem Fall schnell das Chaos aus. Die Krankenhäuser dürfen die Patienten nicht festhalten, auch nicht die Türen abschließen. Die Menschen können sich also frei bewegen – und das tun sie auch. Sie folgen ihrer „Hinlauftendenz“. Früher hieß das noch „Weglauftendenz“. Auf einer Station mit 30 Patienten und vielleicht zwei Nachtschwestern kann das zu einer allerhöchsten Bedrohung werden. Verschwinden die Dementen, ist die große Suche angesagt bei der oft Logik nicht das Suchkriterium ist. Wenn man großes Pech hat, verlassen die Menschen sogar das Haus. Sie sind dann regelrecht schutzlos. Und die Angehörigen sind hilflos.

Personenortung privat längst Fakt

Im privaten Bereich ist das schon einfacher, da kommen immer mehr technische Systeme mittels GPS zur Personenortung zur Anwendung, die das Finden der „Läufer“ erleichtert. Hinweise dazu finden sich auch auf der Seite der „Deutschen Alzheimergesellschaft“. Danke an @Wolfgang Ksoll für diesen Link.

Das Foto zeigt einen Rollstuhlfahrer auf einem Klinikflur.

mobil ohne Ziel

Ruhelos 

Nun darf man im Krankenhaus dem Pflegepersonal keinen Vorwurf machen – sie machen ihre Arbeit bereits oft über das Limit hinaus. Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor, Geld und Personal für Menschen ist knapp gehalten. Als Angehöriger fragt man sich allerdings, wie das gehen soll – die Patienten dort allein zu lassen, nachts beruhigt zu schlafen, wenn der demenzerkrankte Patient aber nicht geschützt ist. Aber durchaus geschützt sein könnte!

Das Betreuungsrecht ist so eine Sache. Menschen dürfen nicht einfach festgehalten werden. Bei Dementen ist hier eine Grauzone gegeben: denn sie wissen nicht mehr, was sie tun, wenn sie etwa im Nachthemd in die Kälte entwischen. Selbstbestimmung ist ein hohes Gut, welches jeder Mensch für sich in Anspruch nehmen muss. Unbestritten. Da beginnt jedoch der Punkt, über den wir uns unterhalten müssen. Es gilt, die Würde bei Demenz und die Fürsorge der Angehörigen neu in Beziehung zu setzen, sie neu zu vermessen. Wann wird die Selbstbestimmung für den Betroffenen würdelos? Und muss man nicht längst flächendeckend mehr digitale Hilfsmittel einsetzen, die diese Würde und Selbstbestimmung lange erhalten können?

Analoge Suche ist ein Luxus 

Jetzt ist die Praxis im Krankenhaus eher diese: Sind Demente mobil unterwegs, folgt ihnen ein Pfleger, der sie aber nicht „festhalten“ darf. Das ist allerdings „Luxus“, denn dafür ist normalerweise gar keine Zeit und kein Personal vorhanden. Glück ist es, wenn jemand überhaupt rechtzeitig bemerkt, dass da gerade ein Mensch wegläuft, der nicht mehr auf sich selbst aufpassen kann. Ist jemand verschwunden, kommen teilweise sogar Suchhunde zum Zug. Im besten Fall werden die Vermissten umgehend gefunden. Mittlerweile kann man im Außenbereich dafür auch Drohnen einsetzen, die auch in unwegsamen Gelände Überblick behalten.

In dem Fall der Hinlauftendenz wünsche ich mir ein elektronisches Armband um das Handgelenk der Menschen mit Demenz, wenn sie ins Krankenhaus kommen. Das gibt Signal, wenn er oder sie die Station oder das Krankenhaus verlässt. Das Haus muss daher mit Sensoren ausgestattet sein, die diese Signale auch abgeben. Im Grunde funktioniert das System wie eine elektronische „Wegfahrsperre“. In einigen Häusern ist bereits ein Roboter in der Testphase unterwegs auf den Fluren, der die Patienten nach Erhalt des Signals wieder „einfängt“. Er sucht sie, findet sie, funkt Hilfe herbei und begleitet die Menschen zurück in menschliche Obhut. Gleiches kann ich mir in Pflegeheimen vorstellen, die keine geschlossene Abteilung haben aber „Läufer“ beherbergen.

Künstliche Intelligenz als Altersvorsorge

Das hört sich unmenschlich an? Auf den ersten Blick vielleicht. Allerdings muss man das Thema langfristig betrachten. Die nächste Generation wird sehr viel weniger Pflegepersonal vorfinden, sie wird dies ggf. auch nicht mehr bezahlen können. Und die nächste Generation wird ganz anders alt, viel selbstbestimmter und mit höheren Ansprüchen an Individualität. Da werden Roboter, also ingesamt künstliche Intelligenz helfen müssen, die Selbstbestimmtheit solange wie möglich zu ersetzen. Gleiches gilt übrigens auch für den Verbleib im eigenen Zuhause der Menschen, auch hier hilft der Roboter.

Alles Spinnerei? Gerade eben hat ein jugendlicher Softwareentwickler in Japan „Socken mit Signal“ erfunden: Sein Opa leidet an Demenz. Er lief weg. Mit den Sensor-Socken, die er jetzt trägt, bekommt die Familie ein Signal, wenn der alte Mann wegläuft. So ist Hilfe sofort möglich. Und die Menschen mit Demenz gefährden sich nicht mehr selbst, die Familie kommt zur Ruhe. Japan ist übrigens die älteste Gesellschaft der Welt, sie gilt sogar schon als „überaltert“.

Let´s talk about…

Mir ist der professionelle Einsatz von digitaler Technik beim Suchen und Finden sehr viel lieber als das angstbelastete analoge Suchen in Feld und Flur, wo Logik nicht die Suchkriterien sind. Nur reden müsste man drüber: Was will eine alternde Gesellschaft wie wir? Ist künstliche Intelligenz dabei Fluch oder Segen? Und müsste das nicht längst auch in jedem Krankenhaus Thema sein?

Offene Daten – Ein noch sehr selten genutzter Schatz

Warum überlassen wir die Gestaltung der Zukunft eigentlich einer relativ obsoleten Entscheiderriege, die oftmals ohne Bezug zu Partizipation und Transparenz ihren seit Jahrzehnten gewohnten Stiefel durchzieht? Das Durchschnittsalter in den kommunalen Räten ist in der Regel sehr hoch, die Mandate werden seit mehreren Wahlperioden ausgeführt. Fraglich ist, ob das nicht mittlerweile als Lähmschicht gegen den Wandel vom Heute ins Morgen wirkt? Bekanntermaßen befindet sich Deutschland im digitalen Steinzeitalter und ist wenig anschlussfähig an globale Entwicklungen. Und nicht nur das. Die hochkomplexen Herausforderungen sind einfach nicht mehr nach altem Muster von kleinen politischen Eliten zu bewerkstelligen. „Wir regeln das für euch“ – geht nicht mehr!

Das Foto zeigt zahlreiche Notebooks auf einem Tisch bei einem Hackertreffen.

Auf gehts – Daten nutzen.

Ein Beispiel für prospektive Anwendungen wäre die Stärkere Nutzung von Offenen Daten zur Gestaltung und auch zur zukunftsfähigen Simulation von künftigen Entwicklungen. Entscheidungen werden verifizierbarer, granularer und auch sichtbarer in ihren Auswirkungen.

Jeder Bürgermeister sollte sich dafür interessieren, ob nicht gerade in seiner Kommune Menschen leben und wirken, für die sich bisher nur die eingefleischte digitale Community interessiert: Hacker, Softwareentwickler, Interessierte. Sie finden sich bisher in den OK Labs von Code for Germany zusammen.

Die guten Beispiele von Code for Germany zeigen mittlerweile in 24 Städten in Deutschland, was man mit offenen Daten aus den Kommunen etc. alles entwickeln kann. Die Labs sind regionale Gruppen von Designern, Entwicklern, Journalisten und anderen, die sich regelmäßig treffen, um an nützlichen Anwendungen rund um offene Daten zu arbeiten. Sie entwickeln Apps, die informieren, die Gesellschaft positiv gestalten und die Arbeit von Verwaltungen und Behörden transparenter machen. Rund 300 Freiwillige sind dabei. Menschen, die simplen Datensätze zum Leben erwecken.

Wer sich langfristig um die Bindung von Jugendlichen an seine Kommune interessiert, könnte bei insbesondere bei „Jugend hackt“ fündig werden.

„Jugend hackt“ ist ein Format, in dem sich diese talentierten Jugendlichen in regionalen Treffen zusammenfinden. Ihr Ziel ist es, mit Daten eine Idee für Softwareprojekte zu entwickeln, die „die Welt ein bisschen besser machen“. Hier werden z.B. Wetterdaten visualisiert oder intelligente Ampelschaltungen entwickelt, die Wartezeiten vermeiden. In der Flüchtlingshilfe hat u.a. „Jugend hackt“ 2015 das Projekt „Germany says Welcome“ erarbeitet. Es handelt sich sowohl um eine App als auch um eine Plattform im Netz für Informationen, Hilfe und Unterstützung bei der Integration. Flüchtlinge und freiwillige Helfer finden auf dieser Plattform die notwendige Möglichkeit zum bedarfsgerechten Austausch.

Daten und Hacker helfen, eingestaubte Prozesse wieder flott zu machen, den Weg in die digitale Transformation in Angriff zu nehmen. Man muss sie nur finden, ansprechen und einladen. Das geht am besten, wenn schöne Daten in gläsernen Aktenschränken warten.