Landleben am digitalen Puls anschließen

Sie möchten auf dem Land leben (bleiben)? Sie möchten nicht in die Stadt ziehen?

Dann wird es Zeit, den ländlichen Raum auch an die digitale Entwicklung anzuschließen, damit diese Wünsche in Erfüllung gehen. Konzepte gibt es. Ich habe dazu einen Gastbeitrag in der Wiener Zeitung verfasst. Die Herausforderungen in unserem Nachbarland, damit der digitale Brückenschlag ins Land gelingt, sind ähnlich gelagert wie die in Deutschland.

Hier geht´s zum Artikel in der Wiener Zeitung. 

Das Foto zeigt den Artikel in der Wiener Zeitung.

Gastbeitrag in der Wiener Zeitung

 

Digitales erhöht Lebensqualität

In der letzten Woche hatte ich das unliebsame Vergnügen, einen Termin bei einem Orthopäden wahrnehmen zu müssen. Das Knie – nicht der Rede wert. Der Rede wert allerdings sind meine Erlebnisse einer durch und durch analogen Welt rund um das Thema Gesundheit, die mich einen gesamten Vormittag gekostet hat. Unwiederbringliche Lebenszeit, die niemand so einfach verpulvern sollte. Digitales könnte dabei helfen, diesen Umstand zu verbessern.

- auch beim Parken nicht

– auch beim Parken nicht

Meinen Termin beim Arzt hatte ich vor rund zwei Monaten ergattert. Man kennt das, Wartezeiten. Um 10:30 Uhr sollte dieser Termin stattfinden. Da auch in meiner Heimatstadt die Zentralisierung von medizinischen Versorgungszentren vollzogen wurde, begab ich mich ans Elisabeth-Hospital mit den angeschlossenen Facharztpraxen nebst Reha-Institutionen. Diese Politik der Zentralisierung von medizinischer Versorgung am Stadtrand zieht schon mal ein hohes Maß an motorisiertem Individualverkehr nach sich. Schließlich werden nicht nur die Bewohner der Stadt versorgt, sondern auch viele Menschen aus dem nahen Umland: Patienten, RehaNutzer, Begleiter, Besucher. In einer Mittelstadt von 100.000 Einwohnern kommt da einiges an Fahrtwegen und Kilometern zusammen. Zuzüglich Energie- und Ressourcenverbrauch. Und eben Lebenszeit.

Zeitnah fuhr ich los – entschied mich für den privaten Pkw. Weil: Hätte ich den Bus benutzt, was ich gerne getan hätte, hätte das eine längere Anfahrt bedeutet mit Umsteigen am Zentralen Omnibusbahnhof – bei „Knie“ schon mal schlecht. Schlecht auch für ältere und multimorbide Menschen. Noch schlechter für Menschen, die zudem von anderen begleitet werden müssen und nicht wie selbstverständlich zusammen wohnen. Außerdem gibt es nur zwei Busse der örtlichen Stadtwerke, die zur Zeit probehalber WLAN vorhalten – ob man genau diesen Bus aber erwischt, war fraglich. Für einen Freiberufler ist Zeit und WLAN unerlässlich – kostbar. Für das Gros der Bevölkerung ist WLAN mittlerweile ein Grundrecht. Also lieber das Auto, weil schneller.

Die Parksituation am Elisabeth-Hospital ist vergleichbar mit der einer fleischfressenden Pflanze, das trifft es glaube ich recht gut. Nur, dass in echt nicht Fleisch, sondern Blech verschluckt wird – und für eine sehr lange unkalkulierbare Zeit im Bauch des Parkgrundes verbleibt. Ungewarnt fährt nämlich der Parkplatzsuchende in eine Einfahrt hinein und ist schon aufgrund der Wegführung gehalten, die Parkplatzschranke zu passieren, ein Parkticket zu ziehen – um sich dann gezwungenermaßen dem Warten und dem Ärgern hinzugeben. Weil man es schon erahnt hatte: In naher Zukunft ist mit einem Parkplatz hier nicht zu rechnen – alles belegt. So wie man selbst suchen nämlich unzählige andere Parkplatzsucher ebenfalls einen Platz zum Parken. Ein frühzeitiges Umdenken und Ausweichen ist aber leider nicht mehr möglich, steht man einmal in der Schlange oder auf dem Parkplatz, muss man durchhalten – bis die Ausfahrt wieder erreichbar wird.

Platzmangel und Enge herrschen. Weil: Die Autos sind alle größer geworden, sie passen nicht in die winzigen Zellen. Das führt zu wilden Kurvereien der zumeist ungeübten Fahrer und Fahrerinnen. Nicht wenige sah ich mit hochrotem Kopf und trotzdem alles geben. Reinsetzen, raussetzen, Position korrigieren. Die nachfolgenden Autofahrer geduldig bis schimpfend – alle wartend. Man würde den Ort ja gerne zügig wieder verlassen, geht aber nicht, weil gerade beschriebenes Intermezzo allen Platz zum schadenfreien Vorbeifahren versperrt. Wer keinen regulären Stellplatz erwischt, parkt wild, an den wenigen Grünstreifen. Das führt für den Rest der Welt zu einer weiteren Verknappung von Fahrfläche. Es war ein unsägliches Schauspiel – wobei die Minuten so vor sich hintickten, ein pünktliches Erscheinen in der Praxis schien wenig realistisch. Wer dann endlich sein Fahrzeug wieder in Richtung Ausgang bewegt hatte, erahnte Freiheit. Doch weit gefehlt. Zunächst reihte man sich wieder ein in die Schlange der Wartenden. Gern in zwei Reihen, wo am Ende nie ganz klar war, wer denn nun der Nächste wäre. Gestresst und wenig geneigt, jetzt auch noch höflich zu sein, beschwor Stärke des Blechs die Reihung. Unliebsame Zugabe, wenn man sich bis ganz nach vorne gearbeitet hatte: Da gab es wohl einige, die ihr Parkticket nicht am Automaten im entfernten Mutter-Haus (!) bezahlt hatten und nun unverrichteter Dinge vor der geschlossenen Schranke standen – notgedrungen weil rückwärts ging nichts – in aller Ruhe ausstiegen. Man durfte nun aus der Position des Wartenden an fünfter Stelle mit Engelsgeduld zuschauen, wie eine ältere Dame zum Automaten humpelte – um ihre Parkgebühr nachträglich zu entrichten, während eine Menge Menschen eh schon gestresst ihr auf diesem langen Gehweg alles Gute wünschte – und vor allem, dass sie passendes Kleingeld parat haben möge und im Umgang mit Kassenautomaten geschult sei, um schnell und heil wieder in ihr Auto zu steigen.

Was ich damit sagen will: Warum um Himmels Willen (wie passend für ein Krankenhaus in kirchlicher Trägerschaft) gibt es keine digitale Parkplatzanzeige, die bereits frühzeitig signalisiert, dass alle Plätze belegt sind? Warum um Himmels Willen gibt es keine Parkplatz-App – ein lokaler Service Ihres medizinischen Gesundheitszentrums? Termin und Parkplatz gekoppelt? Warum um Himmels Willen gibt es keine digitale Möglichkeit, Individualverkehr zu reduzieren und wirklich sinnvolle ÖPNV-Konzepte für den Transfer zu solchen Zentren zu organisieren, die auch noch tauglich sind, wenn es sich um die Zielgruppe der Betagten und Hochbetagten handelt? Künftiges Kapital wird eh nicht mehr in die Herstellung von Autos investiert, sondern in intelligente Mobilitätsdienstleistungen, die gar keinen Parkplatz für Einzelne mehr notwendig machen. Aber so weit sind wir (leider) noch nicht.

Diese ersten Gedanken wälzte ich im Kopf als ich vom Gelände fuhr, um weit weg im benachbarten Wohngebiet zu parken. Schließlich erreichte ich nach langem Fußweg – immer noch Knie – nicht der Rede wert – die Praxis. Mit vier Minuten Verspätung stand ich – wieder in einer Warteschlange. Blech und Mensch, sie unterscheiden sich nicht, die einen warten draußen, die anderen drin. Datenschutz war jetzt hier Thema. „Bitte halten Sie Abstand“, stand dort höflich auf einem Pappschild aufgeschrieben. Schallwellen allerdings halten sich nicht daran – so vernahm ich alles an Krankengeschichten vor mir, neben mir und hinter mir. Ob ich wollte oder nicht.

Endlich war ich an der Reihe. Da die Wartezeit allein auf den Termin länger gedauert hatte, war die Überweisung vom entsendenden Hausarzt obsolet. Quartalsbindung. Ich hätte sie umschreiben lassen müssen. Digital ging leider nicht. Aber dann ging es doch – nicht digital aber irgendwie. „Es wird rund 30 bis 40 Minuten Wartezeit dauern“, wurde ich informiert. Meine Gegenfrage lautete: „Gibt es hier WLAN?“. „Nein. Leider haben wir kein „Patientennetz“ – bedauere. Wir arbeiten aber daran.“ Eine halbe Stunde Wartezeit – da konnte ich eine Menge erledigen. Nur: Das vorhandene Netz via privatem Datenvolumen hier zeigte „E“. Das ist wie ohne Netz. Allein das Hochladen von Daten dauerte, dauerte, dauerte – und brach stetig ab. So war ich vollkommen schachmatt gesetzt. Ich saß im Wartezimmer und – wartete.

Insgesamt wartete ich drei Stunden. Ein Los, welches mehr oder weniger alle teilten. Ich fragte mich, warum um Himmels Willen nicht längst jemand auf den Gedanken gekommen war, den Patienten Push-Nachrichten zukommen zu lassen, wann sie genau dran sind, um sie so zeitgenau zu steuern – um den Wartenden Lebenszeit zu schenken, die sie woanders besser zubrachten als in einem Wartezimmer mit mehr und mehr gereizten Menschen, die sich alle fragten, wann endlich ihr Name aufgerufen wurde.

Auf der Homepage der Praxis hatte ich zumindest die „Terminvereinbarung online“ gefunden. Hier fand sich auch der Passus: „Dürfen wir Sie zukünftig per SMS an Ihren Termin erinnern? Ja, meine Mobilnummer…..; Nein.“ Push-Nachrichten wären also möglich.

Auf der Homepage der Praxis findet sich der Hinweis: „Um die Wartezeit besser zu nutzen, können Sie sich beispielsweise ein Buch oder eine Zeitschrift mitnehmen.“ Print also. Man kannte den Umstand des fehlenden WLAN also. Und dann lag da auf dem Tisch mit den Printausgaben des Lesezirkels noch der „Spiegel“ mit seinem Titelbild: „Die Formel für ein gesundes Leben. Besser essen, einfach essen.“ Spätestens jetzt war bei mir der Geduldsfaden gerissen. Die Formel für ein gesundes Leben wäre in meiner Welt nicht gesundes Essen, sondern Alltagsbewältigung angereichert mit Null und Eins. Mit digitalen Hilfsmitteln insbesondere in der medizinischen Versorgung: Telemedizin, elektronische Sprechstunde, digitale Krankenakte etc. etc. etc. Das wäre die notwendige Formel, die die Lebensbewältigung erleichtern würde. Nicht umsonst saßen hier gestresste Menschen.

Spiegel

In einer Gesellschaft, die die zweiälteste Gesellschaft der Welt ist, statistisch gesehen, wird sich der medizinische Zustand der Menschen nicht verbessern. Erwartbar ist eine Zunahme an Erkrankungen. Erwartbar ist eine Zunahme auch der Betreuung und Pflege der ansteigenden Zahl der Hochbetagten. Zwingt man nun insbesondere die Generation zwischen 40 und 50 in ein solches analoges Dasein, sich selbst kurativ im Griff zu behalten (etwa bei Knie) oder wahlweise die jüngere Generation (Kinder) zu begleiten oder schon die Generation der Pflegebedürftigen – kann die Antwort nur sein: Deutschland braucht umgehend Tools für E-Gesundheit. Deutschland braucht Zentren, die dies leisten können. Bitte schnell. Sonst steigt nicht nur der Blutdruck unnötig beim Einparken in Sackgassenparkplätzen ohne digitale Anzeigen – sondern vor allem, weil es Lebenszeit kostet, die man digital unterstützt ganz anders zubringen könnte. Etwa gesund essen, oder an der frischen Luft spazieren gehen. Oder Kommunen beraten, wie digitale Stadtplanung geht. Oder eHealth machbar wird.

Demnächst bin ich wieder hier. Dann begleite ich eine pflegebedürftige Angehörige. Bis dahin werde ich mich wundern, wie es den Ärzten und dem Team der Praxis gelingt, trotz allem Stress so freundlich und verbindlich zu bleiben. Menschlichkeit ist durch Digitales nicht ersetztbar – es gäbe aber noch mehr Menschlichkeit, wenn Digitales Unnützes überbrückte und mehr Zeit für Zwischenmenschliches bliebe anstatt sinnlos auf einem Parkplatz herumzukurven.

Thüringen macht sich auf den digitalen Weg

Thüringen steht in den Startlöchern, eine digitale Agenda für das Land Thüringen zu erarbeiten. Eine Auftaktveranstaltung dazu fand gestern im Landtag in Erfurt statt. Getwittert wurde unter #r2gdigital.

Abschlussplenum Thüringen Digital, Foto: Stephan Jauch

Abschlussplenum Thüringen Digital, Foto: Stephan Jauch

Die drei regierungsbildenden Fraktionen Die Linke, SPD und Bündnis90/Die Grünen hatten zur Fachkonferenz „Thüringen. Digital. Gesellschaft.“ eingeladen. Die netzpolitischen Sprecherinnen Katharina König (Die Linke, MdL), Dorothea Marx (SPD MdL) und Madeleine Henfling (Bündnis90/DieGrünen MdL) waren Initiatorinnen. Julia Schramm moderierte, Minister Wolfgang Tiefensee (Digitale Gesellschaft) begrüßte.

Ich habe den Workshop zum Thema „Digitaler ländlicher Raum“ moderiert und mit einem Impulsvortrag in die Thematik eingeführt.

WS Ländlicher Raum

WS Ländlicher Raum, Foto: Stephan Jauch

Hier ein paar Impressionen:

 

Ironie und mit einem Augenzwinkern versehen: Den Workshop gab es noch analog auf Papier. Die Ergebnisse finden sich jedoch im Pad. Digitalisierung geht auf beiden Wegen.

Wie man Distanzen digital überwinden kann, zeigte der Skype-Talk mit Frank Rieger. Ein Frank Rieger als BitRieger, der so Familie und Beruf digital vereinbaren konnte. Remote.

Den Flyer zur Veranstaltung gibt es hier. 

Die Küchen werden kollektiv und das Kochen wird digital !

Die Zukunft kommt ohne die herkömmliche Küche aus. Einige Indikatoren sprechen für ihr baldiges Verschwinden. Künftige Küchen werden kollektiv und Kochen wird digital.

Generationen trafen sich in der Küche zum Kochen und Essen. Doch die Existenz der Küche, wie wir Babyboomer sie noch kennengelernt haben, ist out. Immer weniger Menschen kochen, immer weniger Menschen essen zuhause, immer mehr geht der Trend dazu über, keine eigene Küche mehr zu nutzen. Küchen mendeln erst zu Wohnzimmern bis sie zur Küche mit Digitalkocher wird und kochen auf Knopfdruck funktioniert. Lieferungen von Nahrungsmitteln werden normal sein, entweder in Teilen als Zutaten oder als fertige Gerichte – und dann immer mehr an Großküchen anstatt an Privathaushalte.

// Gewohnheiten ändern sich

Diese Veränderung lassen sich schon jetzt in Zahlen fassen:

  • So hat sich etwa die Anzahl der Fertiggerichte/Tiefkühlkost in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt: 2005 lag der Konsum bei 570,00 Tonnen und im Jahrbuch 2015 werden hier bereits 964,4 Tonnen angegeben.
  • Die durchschnittliche Zeitaufwendung je Tag und Alter zur Zubereitung von Mahlzeiten und Hausarbeit in der Küche liegt 2012/2013 bei durchschnittlich allen Personen bei nur noch 00:40 Minuten, bei der durchführenden Person bei 1:02.
  • Die durchschnittliche Zubereitung dauert bei der Generation zwischen 10 und 17 Jahren nur noch 00:35 Minuten für die zubereitende Person noch bei 1:17 Minuten bei der Generation 65 und älter.
  • Dabei sind Männer schneller: sie brauchen in der Ausführung im Schnitt 00:46 Minuten, Frauen ganze 1:12 Minuten.
  • In Deutschland werden nach Angaben von statista nur noch rund 105 Minuten insgesamt am Tag für Essen und Trinken aufgewendet. In den USA, dem vermeintlichen Fastfoodland, sind es 74 Minuten.
  • Auch die Anzahl der zuhause eingenommenen Mahlzeiten verändert sich nach Angaben von statista radikal, so sank diese Zahl in einem Zeitraum zwischen 2005 und 2015 um insgesamt um mehr als 3 Milliarden Mahlzeiten.

// Ursachenforschung

Die Gründe nach dem „Warum wird weniger gekocht?“ sind vielfältig. Die häufigste Antwort ist „keine Zeit“. De.Statista hat 2013 gefragt „Warum kochen Sie nicht?“ Hier die Antworten:

Das Bild zeigt eine Grafik mit den Angaben, warum nicht gekocht wird.

Warum kochen Sie nicht? Quelle: de.statista

„Keine Zeit“, ein Umstand, der sich auch in unserem veränderten Lebensalltag erkennen lässt. Bezogen auf den Lebenszyklus der Menschen wird das Ausmaß der Veränderungen ebenfalls schnell deutlich:

  • Bereits Kinder und auch Kleinstkinder essen in der Kita. Sie beginnen dort mit dem Frühstück, essen den 10 Uhr-Snack in der Gemeinschaft, das Mittagessen wird meist aus Großküchen geliefert, der Nachmittagskuchen ebenfalls. Höchstens abends gibt es dann noch das schnelle Butterbrot im eigenen Zuhause. Dazu muss man nicht mehr kochen.
  • Auch Schüler und Studierende essen nicht mehr zuhause. Die Mensa ersetzt den heimischen Herd. Oder aber die vielen Schnellimbisse oder Fastfoodketten mit mehr oder weniger gutem Essen werden täglicher Versorger dieser Gruppe.
  • Die Arbeitnehmer pilgern mittags in Restaurants oder Betriebskantinen – oder ebenfalls zur Fastfoodkette. Und weil abends Freizeit, Hobby oder Anschlusstermine anstehen, bleibt oft nur der schnelle Happen – auch gern außer Haus.
  • Die Anzahl der Menschen in Seniorenheimen steigt, sie essen ebenfalls im „Gemeinschaftsraum“. Kochen ist dann höchstens noch eine therapeutische Maßnahme gegen demenzielles Abbauen oder zur Erhaltung der Feinmotorik der Hände, findet dann aber in einer kollektiven Küche statt und nicht mehr der eigenen. Die Anzahl der Menschen, die als ältere und pflegebedürftige ihr Essen auf Rädern bekommen, steigt.
Das Foto zeigt eine Küchenzeile mit Fußboden.

Küche im Wandel

So verdrängt unser Alltagsleben, unser Lebenszyklus die Küche aus dem Mittelpunkt. Das Herdfeuer leuchtet an anderen Orten. Immer weniger bekommen es zu Gesicht.

// Kinder gewöhnen sich an Essen außer Haus 

Das zeigen auch die Ergebnisse einer Gemeinschafts-Studie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e.V. (BVE) mit der Gesellschaft für Konsumforschung GfK Consumers‘ Choice ’15, die im Rahmen der Anuga am 9. Oktober 2015 in Berlin vorgestellt wurde. Ein Fazit vorweg: „Zu Hause wird immer seltener gegessen“.

Weiter heißt es hier: „Frühstück und Mittagessen verlagern sich immer häufiger vom heimischen Tisch nach draußen. Die gestiegene Erwerbstätigkeit und Mobilität sind hier wesentliche Einflussfaktoren. Die größten Veränderungen sind dabei nicht etwa bei den Erwachsenen sondern bei den Kindern und Jugendlichen festzustellen. Von den 3-5jährigen frühstückten beispielsweise vor 10 Jahren noch 77 Prozent zu Hause, heute sind es nur noch 67 Prozent. Das Mittagessen aßen vor 10 Jahren noch 69 Prozent der Kleinen zu Hause, heute sind es nur noch 41 Prozent. Die Essrituale der jungen Generation werden dadurch zunehmend selbstbestimmt und die Bedeutung einer verantwortungsbewussten Ernährungsbildung wächst.“

// Form follows function 

Wenn sich die Gewohnheiten des Essens und Kochens ändern, ändert sich auch die Küchennutzung, ändert sich auch die Form an sich. Den ersten Zwischenstand haben wir bereits erreicht: Küchen sind heute Lebensräume. Selbst in der Werbung steh der Aspekt Leben im Mittelpunkt, nicht mehr das Kochen an sich.

Küchen nehmen Raum ein, wer ein Haus plant, muss immer auch eine Küche mit ihren speziellen Erfordernissen der Versorgung mit Wasser und Anschlüssen im Blick behalten. Wer Mehrfamilienhäuser plant, denkt dabe nicht an eine Küche, sondern an viele Küchen. Das kostet. Küchen sind ein Kostenfaktor. Zwar boomt der Küchenkonsum gerade noch, die Käuferschicht ist eher wohlhabend und in einer fortgeschrittenen Lebensphase gut situiert – für sie ist das Kochen ein Hobby, ein Event mit Freunden und auch ein Genießen ihrer Möglichkeiten. Die neuen Formen des „Familienlebens“ aber wie Ganztag, Frauenerwerbstätigkeit, Mobilität, Pendler, benötigen eher die Form der kollektiven und der schnellen Küche – nicht die der privaten Hochglanzküche, die ihre volle Funktionalität nur noch als verabredetes Koch-Event mit Champuslaune auslebt.

// Kollektive Küche

Kollektive Küchen finden ihren Platz zunehmend in den neuen Wohnformen des Zusammenlebens. Ein Beispiel ist etwa das CoHousing. Es wird schon mehrfach ausprobiert, u.a. in Köln. Das Prinzip beruht auf dem des Teilens: Mehrgenerationenquartiere entstehen, die für die einzelnen Wohnungen kleine Quadratmeterzahlen aufweisen, weil der größte Teil des Alltags in Gemeinschaftsräumen stattfindet. Hier entsteht eine Großküche, in der alle Bewohner gemeinschaftlich versorgt werden. Das spart Zeit und Platz und Räume für ein neues Zusammenleben. Eigentlich ganz archaisch.

Die Vorläufer dieser Art von Gemeinschaft haben wir als Urmenschen noch im Blut aus der Zeit, als wir alle noch gemeinsam ums Feuer saßen. Aber kollektive Küchen sind auch jetzt wieder vorhanden, ohne, dass wir sie so wahrnehmen: in der Kantine, im Restaurant, in der Fressbude an der Ecke. 

// Marketing denkt schon um

In den Möbelhäusern am Stadtrand beansprucht das Konzept „Küche“ noch viel Raum. Aber sie werden anders präsentiert, Küchen sind vom Äußeren immer wohnzimmerlicher, es macht keinen Unterschied, ob ich einen Küchenschrank öffne oder einen Schrank im Wohnzimmer. Der große schwedische Möbelhersteller etwa zeigt in seiner VideoWerbung von Küchen keine Zubereitung von Essen mehr, sondern vielmehr das, was dort stattfindet: Leben. Bilder vom Wassermalkasten bis zu Partys und höchstens noch ein Verzehr von fertigem Toast beim Radfahren durch die Wohnung flimmern über den Bildschirm. 

// Fertigung denkt um – nur langsamer 

Wenn Küchen sich dem Lebensstil anpassen, werden sie in einer moderneren Form gebraucht als sie jetzt produziert werden. Die Fertigungsstraßen von Küchen können heute zwar individualisiert produzieren, eine Küche auf Wunsch geht nach knapp drei Tagen auf den LKW und wird passgenau ausgeliefert. Diese Produktion ist aber endlich. Es ist zu viel dran und drum und zu wenig kompakt digital.

Ein ostwestfälischer Küchenproduzent setzt bereits auf den Bau von Küchengeräten XXL. Auf den ersten Blick sind diese für den amerikanischen Markt befähigt – sie taugen aber auch für den oben beschriebenen Ansatz der kollektiven Küchen, die mehrere Menschen versorgen. Oder aber gänzlich für die Küche außer Haus, also in der Kantine, in CoHousingProjekten oder WGs etc. Die werden jedoch in kleinerer Zahl gebraucht als die individuelle Küche von heute. Auch hier dämmert es: die analoge Küche nach heutiger Sicht läuft langsam vom Band.

// Künstliche Intelligenz ersetzt Kochlöffel

Was aber ist mit der Veränderung, die man nicht sofort sieht: etwa den Einbau von immer mehr Algorithmen in den Geräten, die wir nutzen. Schon heute sind die Einbaugeräte digital, sie funktionieren auf Knopfdruck. Und werden künftig noch digitaler werden. Roboter und künstliche Intelligenz halten Einzug, sie SIND dann die Küche. Es reichen Maschinen – das Drumherum wird uninteressant. Die Rede ist schnell von Internet of Things: unsere Küchengeräte sind vernetzt, sie kommunizieren miteinander, lernen womöglich. Vielleicht sind sie bald sogar in der Lage, unsere Lieblingsgerichte zu speichern oder sogar zu planen. Auf jeden Fall aber werden unsere Daten zu unserem Essverhalten gespeichert und an anderer Stelle analysiert, egal, ob im verbleibenden Küchenblock oder in der Kollektivküche.

Das Foto zeigt ein Küchengerät.

Knopfdruck genügt

Einen ersten Eindruck von „kompakten Küchen“ vermitteln die heiß begehrten Thermomix-Geräte. Bisweilen hochpreisig in die Behausungen der gehobenen Klasse verkauft, bahnen sie sich nun durch den Nachbau auf Aldi-Ebene auch ihren Weg auf die Anrichten der Normalverdiener: Oben Zutaten hinein, Rezept per Wischbedienung ausgesucht, die dem Smartphone ähnelt, Programm programmiert und dann mixt, rührt, gart, kocht und präsentiert das Edelstahl-und PlastikWunderwerk die fertige Mahlzeit während der Zubereiter schon mal Sinnvolleres betreibt. Den Kochlöffel muss niemand mehr schwingen. Was der Kochlöffel aber gerührt hätte, das bleibt als Datenspur zurück.

// Essen auf Rädern und Tastatur

Wem das alles immer noch zu umständlich ist, bestellt. Online. Bequem. Essen auf Rädern war seinerzeit noch verpönt als Halbgares und Lauwarmes für die Älteren unter uns, die sich nicht mehr selbst versorgen konnten.

Essen auf Rädern hat sich heute aber gemausert: vom frischegarantierenden Lieferdienst vieler Supermärkte, die Bestelltes als Einzelteile vor die Haustür stellen bis hin zum Bringedienst von Essen nach Wahl. Die Zahl der Anbieter ist enorm. Insbesondere die junge Generation hat diese Nummern in ihren Smartphones gespeichert – und sie nutzen sie. Nicht nur bei nerdigen WLAN-Partys, sondern auch im real life. Der PizzaBote oder der Bringedienst sind feste Bestandteile ihres Daseins geworden, zudem noch simpel bezahlt per Paydienst, bargeldlos online. Noch mehr Daten, die wir hinterlassen.

// Schrott wird chic 

Auch ein weiterer Trend bringt den Tod der Küche vom Band: Upcycling ist nicht nur Mode, sondern drückt eine ganz neue Haltung aus im wachsenden Konsumwahn, dem immer mehr Bewusste den Rücken zukehren. Möbel und vermeintlicher Schrott erleben ihre Renaissance, wenn sie als Bestandteile von Küchen neu zusammengesetzt werden. Auf diesen alten Holzgestellen oder sonstigem findet auch jedes digitale Kochgerät Platz. Auch ein Thermomix. Individueller geht es dann schon fast nicht mehr.

Denkt man also an disruptive, an kreative zerstörende Geschäftsmodelle, dann rückt auch diese Entwicklung in den Blick. Küchen sind hochgradig nutzergetrieben, so dass sich ihre Hersteller mehr denn je diesem Move anpassen müssen. Ihre Geldquelle wird nicht mehr die Küche sein oder das Kochen, sondern die Vernetzung der Essgewohnheiten und die Vorlieben der Individuen in Ernährungsfragen.

Küchen als Kulturgut alter Gattung können vom digitalen Wandel genau so geschluckt werden, wie jedes andere alte Geschäftsmodell, das heute noch für Cash in den Kassen sorgt. Wer hier weiter mitkochen will, muss aufpassen, dass ihm nichts anbrennt. Und die ehemaligen Nutzer von Küchen und mittlerweile digitalen Kocher sollten sich alsbald dafür interessieren, was aus ihren Daten zusammengekocht wird, wenn Mensch und Maschine in der neuen Küche zusammensitzen. Am digitalen Lagerfeuer.

Wo wohnt Internet in GT? Teil 2

Wir haben uns an den Alltag mit digitaler Unterstützung so gewöhnt, dass wir oft nicht mal mehr wahrnehmen, wo das „Internet“ denn eigentlich aktiv ist.

Hier ein weiteres schönes Beispiel: Beim Lauffest „GT-läuft“ im Stadtpark vor ein paar Wochen hatte jeder Läufer, jede Läuferin einen Code am Turnschuh angebracht. Mit Hilfe eines Sensors wurde hier beim Überlaufen und Durchschreiten der Start- und Ziellinie die Zeit gemessen und individuell erfasst. Eine Stoppuhr blieb daher in der Schublade liegen. Das erledigt mittlerweile diese intelligente digitale Erfassung.

Das Foto zeigt einen Sensor am Turnschuh beim Lauffest GT läuft, um die Zeit zu messen.

Was macht die digitale Agenda?

Beim Netzwerktreffen der owldigital stand diesmal die „Digitale Agenda“ der Bundesregierung auf dem Plan. Rund 50 digital Interessierte zog es dazu in die Weberei.

Als Gast konnten wir Christina Kampmann (MdB der SPD Wahlkreis Bielefeld) gewinnen. Sie ist Mitglied des Ausschusses für Digitale Agenda des Dt. Bundestages.  In einem kurzen Überblick referierte sie zentrale Vorhaben und skizzierte, wie die Umsetzung der Vorhaben geplant ist und wie weit man da schon gekommen ist. Zentrale Punkte sind natürlich die Versorgung mit Breitband und auch die Entwicklung von Arbeit der Zukunft. Ganz bald wird dazu der Videomitschnitt online sein.

Das Foto zeigt das Netzwerktreffen von OWL Digital mit Anke Knopp, Judit Schweitzer, Ole Wintermann, Christina Kampmann, Steffen Boening, Gunnar Bender in der Weberei.

Foto: Weberei

Das Bild zeigt die Gründungsmitglieder von owldigital: Anke Knopp, Judit Schweitzer, Ole Wintermann, Steffen Boening, Gunnar Bender. In der Mitte natürlich Christina Kampmann. Es fehlen als Gründungsmitglieder: Jan Westerbarkey und Thorsten Ising.