Digitale Hilfen bei politischer Meinungsbildung

Mit großen Schritten geht es auf die #BTW17 zu – die Wahl zum 19. Deutschen Bundestag. Die Amtszeit des nächsten Bundestages wird vier Jahre dauern, also regulär bis 2021. Zeit, die wir gestalten müssen. Insbesondere, was Digitalisierung angeht.

Zwei digitale Tools helfen bei der Entscheidung:

Der allseits beliebte und etablierte Wahl-O-Mat bietet Hilfe bei der Entscheidung: Wen soll ich wählen? 38 Fragen, die auf Antworten warten: „stimme zu, neutral, stimme nicht zu.“ Auf #CampFire17 war die Bundeszentrale für politische Bildung jetzt auch mit dem Wahl-O-Mat in Printformat vertreten. Print bedeutete Punkte kleben für Zustimmung.

Wahl-O-Mat in Print

Hier ein kurzes Statement zur Idee des Wahl-O-Mat:

Mir fehlen die digitalen Themen im Wahl-O-Mat. Wer sich für mehr digitale Themen interessiert, geht nicht leer aus. Mehr Fragen bezogen auf die Wahlprogramme und digitale Thementiefe finden sich im Tool „Digital-O-Mat“.

Parteipositionen werden auf Herz und Nieren geprüft, was an digitalen Themen in den Wahlprogrammen steckt – oder auch nicht.

Es zeigt sich: Digitale Hilfsmittel haben sich längst etabliert, wenn es um Demokratie vitalisieren geht oder um Stärkung der Zivilgesellschaft. Nur: wenn es normal ist, heißt es nicht mehr „Digitalisierung“, sondern dann ist es angekommen im Alltag und wird als hilfreich angenommen. Wahl-O-Mat oder/und Digital-O-Mat. Wählen gehen ist noch eine Aufgabe, die man selbst erledigen muss. Also:Wählen gehen!

Gut und Böse: beides im Darknet

#CampFire17 – von Zelt zu Zelt eine neue Welt. Besonders beeindruckend: der Vortrag von Daniel Moßbrucker, Hamburg Media School. Er berichtete über seine Recherche im Darknet.

Technik ist weder gut noch böse. Technik ist neutral. Es kommt darauf an, was man daraus macht. Mit diesem Himmel-und-Hölle-Schema kommt man dem Wesen des Darknet schon ziemlich nahe. Moßbrucker zeigte in seinem Kurzvortrag beides.

Das Foto zeigt Daniel Moßbrucker.

Gut und Böse – Darknetrecherche

Das Thema zog, die Bänke voll besetzt, die Zuhörer bis hinten stehend. Moßbrucker nahm uns mit in eine Welt, in der noch nicht so viele waren: ins Darknet. Es ist nicht ganz so einfach, da hinein zu gelangen. Ein Grundverständnis fürs Netz und Technik ist Grundlage, Tor macht anonymes Surfen möglich. Tor schützt seine Nutzer vor der Analyse des Datenverkehrs. Moßbrucker empfiehlt einen separaten Rechner – dort tummeln sich Viren aller Art.

Moßbrucker gibt Anleitungen für Recherchen eben in dieser anderen Welt. Er beginnt mit dem kriminellen Potenzial im Darknet: Drogen, Kriminalität, Pornographie, Kindesmissbrauch. Alles vorhanden. Er zeigt, wie etwa Drogengeschäfte sehr systematisch angelegt sind, mit Shops, Kauf und Ranking von Qualität. Mit dem Wissen, wie man dort Geschäfte macht und auch, wie Fahnder vorgehen, um Drogendealer dingfest zu machen. Als Journalist ist man aber dort nicht unterwegs, um Drogen zu kaufen. Man ist dort unterwegs, um zu recherchieren. Themen gibt es genug. Die Empfehlung lautet sehr schnell, sich als Journalist auch zu erkennen zu geben. Transparenz ist ein Rezept für Erfolg im dunklen Netz. Das ist die skurile Nachricht.

Das Darknet hat Struktur, auch Kommunikationstools. Moßbrucker gibt Kostproben von Twitter im Darknet: show your titts/ do you want money? Man komme dort sehr schnell zum Konkreten. Oft eben zum Verbotenen, zum menschlich Abartigen. Die Beiträge zu Kinderpornographie will ich hier nicht wiederholen. Unfassbares. „Im Darknet ist es unmöglich, nicht über Kriminelles zu stolpern!“

Bleiben wir politisch: Warum finden sich so viele Artikel zu Donald Trump im Darknet? Weil sie dort egal mit welchem Inhalt (und vor allem auch Inhalten, die politische Korrektheit längst verlassen haben) nicht gelöscht werden. Damit also konserviert werden als Belege von einem, der sich traut, gegen alle Normen zu verstoßen. „Das Darknet ist der Ort, wo keiner mehr löschen kann!“, sagt Moßbrucker. Es gibt dort auch eine Art Facebook, auch Wikis. Mit Inhalten, die sich ein normaler Mensch eher nicht vorstellen kann. Wie etwa die Anleitung zur Vergewaltigung von Frauen – ohne Spuren zu hinterlassen. Beispiele dieser Art hat Moßbrucker zahlreiche recherchiert.

Anliegen wie „take down request“ also Aufforderungen zum Löschen sind im Darknet ein netter Witz. Die Nutzer sind anonym. Niemand wird hier einer solchen Aufforderung folgen.

Aufschlussreich ist auch, wie Kriminelle vorgehen, um Menschen und ihre Daten zu hacken, Prominente etwa, deren Accounts man gehackt hat und diese dann ins Netz stellt: Fotos aus dem privaten Smartphone, Anschriften, Familienmitglieder, harmlos sind da noch veröffentlichte Telefonnummern. Das Spektrum ist sehr vielfältig, es zeigt, wie schutzlos jedermann plötzlich werden kann. Man kann den Versuch unternehmen, das Veröffentlichte zu löschen – allerdings sind die Inhalte dann oft schon gescreenshottet und somit bleibend und unlöschbar in der Welt. Wie viele Menschen sehen das überhaupt – ist die Frage. Die Antwort: Viele. Der Handel mit geklauten Daten floriert. Es gibt Möglichkeiten, Menschen zu finden, die kriminell im Darknet unterwegs sind. Moßbrucker referiert einige Strategien.

Zentriert ist Daniel Moßbrucker in seinem Vortrag auf Recherchen für Journalisten. Der Fokus liegt darauf, dass das Darknet auch ein Ausweichort ist. Ein Ausweichort für gesellschaftlich Geahndetes. Im positiven Sinne.  Denn es gibt auch die gute Seite des Darknet. Ohne diese Ausweichorte wäre die friedliche Revolution im arabischen Frühling nicht möglich gewesen. Ohne diesen Ausweichort könnte die Opposition in China nicht aktiv sein. Es sind repressive politische Systeme, die diesen Ort nicht einnehmen können und so können oppositionelle Blogger und Journalisten arbeiten, recherchieren, kommunizieren und schreiben. Bewegung erzeugen und aufmerksam machen auf Missstände und Veränderungen hin zu einer offenen Gesellschaften, die politische undemokratische Mächte all zu gern verhindern wollen. In China etwa, das am meisten zensierteste Land der Welt, ist das der Fall. „Ich brauche Tor, um Google zu nutzen.“ – so ein junger Mann, der sich für Demokratie einsetzt. So ein Ort der Freiheit ist das Darknet auch, auch das kann das Darknet leisten.

Das Foto zeigt den Wunsch "Befreite Journalisten".

Technik ist ambivalent. Es ist eine Frage auch von Demokratie und dem Grundverständnis von Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. Wir leben in Europa in der bemerkenswerten Freiheit „Demokratie“. Die bleibt nur vital, wenn wir uns dafür einsetzen. Immer wieder.

Warum ich über diesen Aspekt des Darknet auf meinem kommunalen Blog schreibe? Weil ein Grundverständnis über diese Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologie in jede Kommune gehört – es ist eine Frage der Kompetenz eines jeden Bürgers, diese Umstände zu kennen. Sowohl die Hölle als auch den Himmel der Anwendung muss man einordnen können.

Empfehlenswert ist der Reportagebeitrag in der ARD: Das Darknet. Für alle, die sich detaillierter damit auseinander setzen möchten.

#CampFire17 – Journalismus am Lagerfeuer

Es war das erste Mal: Das Festival #CampFire17 schlug seine Zelte auf dem Campus der TU Dortmund auf – am Lagerfeuer diskutiert wurde 3,5 Tage lang über die Themen #Journalismus und #NeueMedien. CORRECTIV und das Institut für Journalistik der TU Dortmund hoben das Festival aus der Taufe in die Welt: 25 Zelte, Speaker mit Namen und Botschaften, Platz satt. (Leider auch Wasser von oben ausreichend vorhanden.)

Für mich steht aber schon nach dieser ersten Runde fest: ein Erfolg! Das Format hat alles, um ein fester Bestandteil im netz- und medienpolitischen Kalender der interessierten Öffentlichkeit zu werden. Mitten in NRW mit Strahlkraft ins gesamte Land. Die diskutierten Themen sind welche, die auf den Nägeln brennen. Ein paar Einblicke:

Das Foto zeigt ein Zeltdorf von CampFire2017

dunkle Wolken und lichthelle Themen

Das Foto zeigt die große Bühne beim Campfire17.

Diskussionsbedarf

Streifzug durch Themen: Ausbildung für Journalisten, gemeinnütziger Journalismus, Programmieren, Open Data und coden, Recherche im Darknet, Journalismus und Google, Start-up-Pitch für Föderprojekte, Hatespeech, Neue Medien…. und und und.

Hier und in einigen folgenden Blogposts bringe ich einige Impressionen und Sprengsel an Inhalten mit. Wer möchte, sollte unbedingt auch noch auf die Timeline von #CampFire17 bei Twitter schauen.

Das Foto zeigt die Programmübersicht.

Das Programm.

Der Traum #irgendwasmitMedien

Draußen regnet es, im Zelt rückt die jüngere Generation auf den roten Bierbänken zusammen. Es geht um die Frage, Studium, Ausbildung – was sind Grundlagen für den beruflichen Einstieg in die Redaktionen? Vor uns sitzt Annika Joeres, von Correctiv. Mit einer wunderbaren Offenbarung: „Was ich studiert habe – danach hat mich im Job nie mehr jemand gefragt.“ Journalismus lebt von Neugierde und Themen, die jemand mitbringt. Tipp also aus erster Hand: Das studieren, wo die Interessen liegen. Eine Diskussion entbrennt, denn es sind jetzt nicht nur Youngster unterm Zelt, sondern auch die Generation der Babyboomer, 50 plus/minus findet sich ein. Sozialwissenschaftler seien jetzt wieder gefragt, Menschen, die arabisch und türkisch sprechen, Leute, die Video können, Social Media ebenfalls. Kleine Sparten innerhalb der Redaktionen seien entstanden, online und Print vermischt. Journalismus und der Beruf des Journalisten, sie haben sich verändert. Es gibt nicht mehr nur „die“ bekannten Blätter und Wege in den Beruf. Der Markt und das Berufsbild erfinden sich täglich neu.

Wir streifen die „special interest Magazine“ wie Landlust und Beaf. Unsere Gesellschaft ist so vielfältig, dass jeder nach Interessen passend medial bedient wird. Problematisch wird das Thema Lokaljournalismus in den Mittelpunkt gerückt: Redaktionen, die unter dem Joch der Wirtschaftlichkeit leiden, Fusionen und Aufkauf von Lokalblättern, was den Job nicht einfacher macht. Wirtschaftlichkeit ist zu einer Überlebensfrage geworden und auch zu einer, die die Presselandschaft verändert. Nichts Neues, aber vor dem Hintergrund, junge Menschen für den Beruf zu begeistern, notwendig zu diskutieren. Was sind heute noch Zeilen der „Freien“ wert – welchen Wert haben noch Fotos im Lokalen, die gut und gerne mittlerweile aus Stocks genommen werden – weil billiger und schneller verfügbar. Chancen stehen Problemen diametral gegenüber. Alle Beteiligten nicken zu Pros und Cons. So einfach kann man das Thema #irgendwasmitMedien gar nicht diskutieren.

Das Panel hat kein Ende mit irgend einer Weisheit parat. Wir merken nur allesamt, Journalismus und Neue Medien, sie sind im Fluss. Jeder ist aufgerufen, diese Entwicklung mitzugestalten, seine Nische zu finden. Flexibel bleiben und neugierig. Anregend und ratlos – sind die unterschiedlichen Empfindungen beim Verlassen des Zeltes Nr. – war es acht? Acht als Sinnbild für Veränderung? Es hat sich gelohnt.

Wahltag – Lesung in Buchhandlung Markus

Update: 

Meine Lesung in der Buchhandlung Markus hat nun stattgefunden. Elke Corsmeyer führte ein, wies auf die Ansätze im Buch hin, die den lokalen Rahmen der Betrachtung weit überschreiten. Demokratie, Einmischung und Digitalisierung sind zeitlos beschrieben und von Interesse für alle politisch Interessierten.

An dem Abend der Lesung aber habe ich nicht nur aus meinem Buch vorgelesen, eher weniger sogar, sondern wir haben die Zeit genutzt und sprachen über Zukunft: Wie sieht das konkret aus, wenn sich eine Stadt digital aufstellt? Das Publikum war altersgemischt, so dass es unterschiedliche Perspektiven und Erklärungsansätze gab. Aber hier sei einfach nochmal Dank formuliert, dass ich mein Buch in diesem literarischen Dachbodenrahmen umgeben von Büchern vorstellen durfte.

Das Foto zeigt Elke Corsmeyer und Anke Knopp.

Wahltag – und darüber hinaus Foto: Dr. Jochen Deppe

 

Am Montag (4.9.)  findet meine Lesung statt. Wo? In der Buchhandlung Markus. Beginn: 20 Uhr.

WAHLTAG – Wie ich kandidierte, einen digitalen Wahlkampf führte und verlor. (WochenschauVerlag)

Ich hab schon mal einen Blick auf den Stuhl geworfen, auf dem ich vor Publikum Platz nehmen darf. Elke Corsmeyer hat unter dem Dach Ihrer Buchhandlung in einem wunderbaren historischen Stadthauses einen idealen Platz für Autorinnen und Autoren geschaffen, um das Publikum zu begeistern. Es gibt noch Karten.

Autorenstuhl vor Publikum

 

Kreis Lippe verankert Open Government

Update: Hier gibt es Fotos. Hier gibt es ein Videotape (Quelle: Kreis Lippe auf Facebook)

Der Kreis Lippe macht sich auf den Weg, Open Government in seinem Wirken zu verankern. Zwei wichtige Meilensteine sind gesetzt: Der Kreis ist gerade Modellkommune Open Government NRW geworden. Gestern fand das 1. Forum Open Government im Kreishaus Lippe in Detmold statt. Ich war als Referentin für Open Government geladen und warf ein Streiflicht auf den Aspekt der Beteiligung der Zivilgesellschaft an diesem Prozess sowie auf das Community-Building.

Das Foto zeigt ein Plakat mit dem Hermann in Null und eins

Digitaler Hermann ruft auf zu Open Government

Landrat Alex Lehmann beschrieb den digitalen Stellenwert im Kreis Lippe. Ziel des 1. Forums sei es, über den digitalen Wandel in Verwaltung und Wirtschaft zu informieren und Erfolgskriterien zu identifizieren, wie kommunales Open Government effizient und mit hohem gesellschaftlichen Nutzen eingesetzt werden könne. Zentraler Wunsch sei es, den innovativen Charakter aufzuspüren, interkommunale Zusammenarbeit zu betreiben und dabei interaktiv mit allen Interessierten im Dialog zu stehen. Im Sinne des OpenGovernment fokussierte er auf Transparenz, Partizipation und Kollaboration. Das Foto zeigt den Landrat Axel Lehmann

Landrat Axel Lehmann, Kreis Lippe

In den Dialog traten anschließend eine illustre Referentenrunde, die das Thema Open Government aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtete: Veränderte Erwartungen der Bürgerschaft an Politik und Verwaltung war mein Part, mit dem ich den Reigen der Diskussionen eröffnen konnte, moderiert von Max Schulze-Vorberg als Geschäftsführer von Kommune 2.0 mit Sitz in Berlin. Weitere Punkte waren Open Gov für die Wirtschaft, Open Gov für die Verwaltung, Open Gov aus Sicht der IT-Dienstleister, Offene Geodaten für NRW.

Hans Römer, Olaf Konrad, Max Schulze-Vorberg, Anke Knopp, Christian Elsner, Axel Lehmann, Lars Hoppmann, Stefan Ostrau, Wilfried Kruse, Michael Haußmann, Foto: Kreis Lippe

Dr. Stefan Ostrau (Kreis Lippe, FB Geoinformation, Kataster) verwies auf zahlreiche Studien, die belegen, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Regionen zunehmend auf digitaler Innovation beruhen werde. Der digitale Wettbewerb werde weiter zunehmen. Die Kommunen im ländlichen Raum stehen vor der Herausforderung, das Gleichwertigkeitspostulat im Rahmen der digitalen Daseinsvorsorge umzusetzen und technologisch Schritt zu halten mit dem städtischen Raum. Hans Römer (Stadt Detmold) zeigte ein Feuerwerk interkommunaler Zusammenarbeit zwischen Lemgo und Detmold auf und bog dann ab in Richtung Zukunft mit der klaren Position, man müsse technologisches Basiswissen und Sicherheitsbewusstsein zu einer „fünften Grundrechenart“ in der Schule machen. Applaus in allen Reihen der rund 80 Teilnehmer.

Die jeweiligen Fachbeiträge finden sich in Kürze auf der Website des Kreises Lippe zum Nachlesen. Hier habe ich nur einige Punkte erwähnt. Olaf Konrad als einer der Treiber des lippischen Weges skizzierte den Fortgang des Prozesses. Am 19.10.2017 findet bereits das 2. Forum Open Government statt, dann geht es um den praktischen Teil, den Umgang mit Open Data. Bis dahin wird in Lippe weiter gestrickt am Aufbau einer Community, an Vernetzung  z.B. mit der Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Dabei sollen die Mehrwerte insbesondere aus „Bürgersicht“ gedacht werden, nicht primär aus Verwaltungssicht.

Wunderbar übrigens auch die (in diesem Setting eher neue!) Nutzung der neuen Medien als Querkommunikation in und aus dem Saal heraus:

Es ist gut, wenn es mehr werden, die sich auf den Weg machen, Open Government zu verankern. Vorbilder gibt es immer mehr. Nachmachen und Mitmachen werden einfacher. Die Gründe, sich nicht zu bewegen werden weniger.

Bürgermeister: Hergehört!

Sie leben mitten unter uns. Und ihr Können, ihre Begeisterung und ihr Wissen interessieren nur wenige Eingeweihte. Das ist ein Fehler!

Ich spreche von digital bewegten Jugendlichen.

Daher: Bürgermeisterinnen und Bürgermeister im ganzen Land – hergehört!

Da pilgern ganze Scharen Jugendlicher zur Gamescom nach Köln. Sie spielen. Im Netz. Digital. Und mittlerweile wissen auch die Kanzlerin Angela Merkel und auch der Ministerpräsident von NRW, Armin Laschet, diese Bilder für sich zu nutzen. Die Bilder gehen medienwirksam um die Welt. Die Inhalte aber, das Können und die Lust auf digitale Gestaltung bleibt dabei immer noch in den Hallen der Messe. Sie müssen aber stärker den Brückenschlag ins Alltägliche schaffen. Immersion – also die Verschmelzung von virtueller und realer Welt – wird gebraucht, wenn es darum geht, auch IOT, das Internet der Dinge, in den kommunalen Raum zu übertragen. Wir brauchen die Expertise der vielen Spieler, um die Herausforderungen auch vor Ort lösen zu können: Energieeffizienz, intelligente Mobilität, Beteiligung an Entscheidungen, Kooperationen für neue Ansätze. Und vieles mehr. Aus dem Spiel ins echte Leben.

Gleicher Fall beim Codieren

Da basteln ganze Gruppen von Jugendlichen an Codes und Apps – immer im Dienste auch von Gesellschaft und ihrer Lebensumwelt, sie bündeln sich unter „Jugend hackt“ – mit Code die Welt verbessern. Sie beschreiben dieses hohe Ziel sogar in ihrem Claim. Jugend hackt ist ein Programm zur Förderung des Programmiernachwuchses im deutschsprachigen Raum. Mit Hilfe von Open Data basteln sie an Prototypen, digitalen Werkzeugen und Konzepten für ihre Vision einer besseren Gesellschaft. Jugend hackt findet statt in mittlerweile zahlreichen größeren Städten:

 

Den Wissenstransfer in die kleineren Kommunen muss man herstellen. Das, was da gerade passiert, ist pulsierende Zukunft. Das ist geballtes Wissen. Das ist das, was in Managementseminaren gelehrt wird:

Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht die Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten und Aufgaben zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem endlos weiten Meer.

Antoine de Saint-Exupéry, französischer Schriftsteller, 1900-1944

 

Hier könnte man es einfach abrufen: die Motivation, das Wissen und das Können. Wäre ich Bürgermeisterin einer Stadt – ich hätte die Spielerinnen und Spieler, die Hackerinnen und Hacker längst eingeladen. Sie wären mir bekannt und ich suchte den Austausch. Weil sie es sind, die etwas zu sagen haben, beizutragen zum Weg in die digitale Welt. Dies ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch die Chance, die Demokratie updaten kann – mit neuen Formen der Zusammenarbeit, der Teilhabe und der sozialen Verteilung. Wer wenn nicht Jugendliche könnten da ein Wort mitsprechen?

Vielleicht aber sind eher die innovativen Schulen am Drücker als Bürgermeister – da beginnt es zumindest zu rascheln:

 

Gesundheit im kommunalen, digitalen Fokus

Digitalisierung fräst sich durch unseren Alltag. Insbesondere das Thema Gesundheit steht im Fokus digitaler Innovation – was nur allzu richtig ist bei einer stetig alternden Gesellschaft. Gesundheit und deren Erhaltung ist aber auch eine zutiefst kommunale Angelegenheit und firmiert unter „Daseinsvorsorge“. Deshalb ist es angeraten, dass auch kommunale Entscheider auf dem Radar haben, wie sich dieser Bereich vor Ort verändert. Hier einige Beispiele:

Heute fand ich diesen Videobeitrag auf Twitter, der mich in den Bann geschlagen hat: Hologramme als Lernplattform für medizinische Ausbildung – sicher nicht nur für angehende Mediziner, sondern auch in der Breitenwirkung für die Bevölkerung anwendbar. Wir werden künftig andere Formen vorfinden, Lesen und Bildung zu vermitteln. Schulen aber können das nur leisten, wenn auch sie ein schnelles Netz haben – oder etwa Bibliotheken damit ausgestattet sind, damit diese neuen Medien greifen können:

 

Aber auch viel niederschwelligere Angebote bahnen sich ihren Weg in die alltägliche Gesundheitsvorsorge. Ich habe nochmal in meinem Archiv nach spannenden Idee geforscht, die ich im Rahmen der CEBIT 2017 zum Thema Gesundheit aufgenommen habe.

Rücken 

Vor dem Hintergrund, dass gefühlt jeder Deutsche irgendwann einmal an Rückenschmerzen leidet – ist dieses Tool für eReha oder auch Selbsttraining zuhause sehr überzeugend – und zeigt deutlich, wie sich Gesundheitsversorgung digital verlagert. Das zieht Auswirkungen nach sich, die auch die kommunale Infrastruktur angehen. Anleitungen für eigenverantwortliches Gesundheitstraining oder als Reha werden zunehmend digital vermittelt. Unabhängig von Raum und Zeit. Übrigens nicht nur für eine Bevölkerungsschicht, die sich bewusst fit halten möchte. Sondern insbesondere auch für eine Alterskohorte, die künftig pflegebedürftig sein wird oder kognitiv sogar eingeschränkt aktionsfähig sein wird, etwa bei Demenzerkrankungen.

eReha ist ein auf 3D sensorgestütztes Heimtherapiesystem. Ein Therapeut entscheidet über die krankheitsspezifischen Übungen, die dem Patienten über das Internet freigeschaltet werden. Der Patient kann diese selbst vor dem eigenen Fernseher oder Computer ausüben. Ein PC oder eine Spielekonsole mit einer 3D-Kamera nehmen den Nutzer dabei auf. Ein Realtime-Feedback-System analysiert die Bewegungen und lokalisiert aufkommende Fehler. Biometrische Parameter geben Auskunft über den Verlauf. Die Software sendet die Fortschritte dem betreuenden Therapeuten online, damit er die Übungen #remote dynamisch anpassen kann – oder erklärt „Komm nochmal real in der Praxis vorbei“ – was aber zunehmend weniger werden könnte.

Zuhause macht dann ein Avatar die Übungen vor – und der Patient macht die Übungen nach – wird dabei aber eben sensortechnisch überwacht, ob diese auch richtig ausgeführt werden, so dass Fehlhaltungen oder Verrenkungen ausgeschlossen werden. Der Gameingfaktor sorgt dafür, dass auch Spaß dabei entsteht. Einen Schuh hin zur Praxis muss man dafür jedenfalls nicht mehr anziehen.

Mit Daten gegen Infektionskrankheiten 

Eine zweite Anwendung, die mich begeistert hat, ist die „grippeNET App“. Sie firmiert unter dem Dach des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, angewendet wird sie in der Befragung der Bürger in der Schweiz – und steht auf dem Sprung auch in Deutschland und Österreich zum Einsatz zu kommen. Hier werden Open Data, Forschung und Bürgerbeteiligung sinnvoll vernetzt. Die Idee: das Beobachten, Analysieren und Visualisieren von Ausbreitungen von Krankheiten. Unter Mithilfe und Bezug sowie Auswertung von Daten, die die Bürger selbst mit einspeisen können. Bürger können sich beteiligen und Informationen zusammentragen. Sie erhalten gleichzeitig mit ihrem Einspeisen Einblick in die aufbereiteten Daten und deren Analyse. So entsteht ein umfangreiches Netzwerk zur Sensibilisierung der Bevölkerung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten.

In einem ersten Schritt wurde Grippe als Krankheit adressiert – die App lässt sich erweitern auf weitere Krankheiten mit Ansteckungscharakter. Die App ist Teil des EU-geförderten Forschungsprojektes CIMPLEX. Der Mix aus Daten, Big-Data-Analyse und Partizipation ist das Bestechende des Projektes. Ein Aspekt des Projektes ist auch der, herauszufinden, was Menschen motiviert, bei diesen Erhebungen mitzumachen sowie auch der Aspekt, die Privatsphäre trotz Datenlieferung zu sichern. Daten wird insbesondere im Gesundheitswesen eine immer größere Bedeutung zugesprochen. (Dieser Umstand des notwendigen OpenData findet sich übrigens auch im 1. Nationalen Aktionsplan Open Government und zeigt, wie tragend diese Säule bereits ist.)

Das Foto zeigt einen Monitor mit Grafiken zur Ausbreitung der Grippe.

Visualisiert – Grippe

Ein sehr aufschlussreiches Tool, welches zudem Möglichkeiten der Visualisierung bereit hält. Es ist sicher ein Instrument, welches von hoher Bedeutung sein kann, wenn etwa Kreise oder Kommunen über Katastrophenschutz für die Bevölkerung entscheiden müssen. Angesichts des Wiederaufflackerns von Masernerkrankungen auch in Deutschland wäre etwa ein weiteres Feld der Anwendung neben Grippe vorhanden. Mit realistischen und in Echtzeit erhobenen Daten wäre damit ein gutes Instrument zur Steuerung von Infektionskrankheiten gegeben. Man muss sich nur mit den Möglichkeiten vertraut machen – um deren Bestehen wissen und diese Dinge nutzen können. Wir brauchen mehr digitale Kompetenz in den Reihen der Entscheider sowie in der Bevölkerung.

Real und virtuell im öffentlichen Raum

Digitalisierung verändert auch unser Straßenbild. Mehr und mehr Bewegtbilder finden sich im öffentlichen Raum wieder. Hier eine kleine Kostprobe der neuen Werbetafeln im Bielefelder Raum, genauer im Industriegebiet, welches täglich mehrere tausend Menschen passieren.

Nicht nur Werbung wird via Bildschirm dauerbeschallt  –  sondern auch Nachrichten, geliefert von der @NW (neue Westfälische Zeitung) und Statistiken, etwa von @Statista, wieviele Kilometer lang das Kanalnetz in Bielefeld ist.

 

Der öffentliche Raum wird zum digitalen Hotspot mit einem sich stetig ausweitenden Angebot an Informationen. Unsere Städte verändern sich. Erste Vorboten für eine Digitalisierung der kommunalen Infrastruktur. (Wobei hierfür ausreichendes Netz vorhanden sein muss sowie künftig auch Speicher für ein hohes Aufkommen an Daten durch vernetzte Dinge, IOT. – Bisher ist das Fehlanzeige.)

 

Vorne eine Würstchenbude, dahinter digitale Welt mit Bewegtbild im öffentlichen Raum.

Altes und Neues im Stadtbild

Zudem hinzu kommt: Mit der Technik von VirtuellerReality und AugmentedReality, die wir alle in unseren Smartphones und vielleicht auch demnächst Brillen dabei haben, wird Digitalisierung zur Normalität. Die Immersion ist Alltag, virtuell und reale Welt verschmelzen.

 

Das Foto zeigt eine VR Brille auf der Fashion Tech in Berlin bei der rpTEN

Immersion hält Einzug

Wir sind längst auf dem Weg in eine sich grundlegend veränderte Welt ins Reich der Null und Einsen. Es gilt, dieses unbekannte #Neuland auch politisch zu gestalten und nicht nur den Marktkräfte zu überlassen. Digitalisierung ist eine höchst politische Angelegenheit – dies gilt insbesondere dann, wenn wir über Inftrastrukturen reden, die der Allgemeinheit gehören. Nachholende Gesetze oder Einhegungen durch die Politik sind nicht mehr durchzusetzen, wenn sich erst Gewohnheiten und Realitäten ergeben haben. Bestes Beispiel sind die Social Media, in denen kraftlose Rückwärtsruderbewegungen seitens der Politik in Form von Gesetzen zu Hasskommentaren etc. stets nur noch als reaktionär wahrgenommen werden, nicht aber den Eindruck vermitteln als könnten sie noch gestalten. Es ist dringend notwendig, dass vor allem kommunale Entscheider schnell im Boot sind, wenn es um die konkrete Ausgestaltung der Digitalisierung vor Ort geht. Es berührt mittlerweile mehr denn je ihre Domäne: Politik betrieben als vorausschauende Daseinsvorsorge. Wir brauchen mehr digitale Kompetenz in den Rathäusern und Reihen der Kommunalpolitik. Bisher ist das zu wenig erkennbar.

Das Foto zeigt die Figur aus Metropolis.

Neue Welt