Colab on Tour vor Ort – Wennigsen

Das Colab Internet und Gesellschaft war auf Tour vor Ort: in der Modellregion Wennigsen. Zur Erinnerung: zur Zeit läuft die 11. Initiative des CoLab zur #digitaleRegion auf Hochtouren. Die zweite Modellkommune Augsburg wird im September besucht. (Ich war beruflich für die Bertelsmann Stiftung und das Projekt Smart Country dabei, die im Netzwerk des Colab mitwirken.)

Ein Meilenstein ist der Reality-Check vor Ort. Was passiert, wenn die digitale Blase auf die Realität trifft – und vor allem, was sagen die Bürger zur Digitalisierung?

Wir haben als erstes dazu die Bürgerinnen und Bürger auf der Straße in Wennigsen/Deister befragt. In der Nachbarstadt von Hannover leben rund 14.000 Menschen, das Meridianalter liegt bei 48,8 Jahren.

Innerhalb von einer halben Stunde waren 30 Fragebögen zur digitalen Region ausgefüllt, viele Gespräche schlossen sich an.

Das Foto zeigt das Team des Colab am Infostand.

Colab Reality-Check in Wennigsen

Schnell wird klar: Die Menschen im Ort können mit den abstrakten Begriffen wie #digitaleRegion oder #Digitalisierung an sich gar nichts anfangen. Sie winken ab. Im Gegenteil, sie fragen zurück: Was meinen Sie denn überhaupt damit? Und dann sind es wir, die Digitalisierung erklären müssen.

Bitte konkret werden 

Wenn es dann konkret wird, ist auch Digitalisierung im Alltag ganz konkret zu greifen. Bei einer Frage sind alle gleich dabei, jeder ist im Bild: „Haben Sie schnelles Internet zuhause?“ Dazu kann fast jeder etwas sagen. Ohne Unterschied in der Altersklasse: Fast ausnahmslos jeder nutzt es. Wir haben nicht nur die zahlreichen Schüler in der Mittgaspause befragt. Deren Wunsch formulierte sich unisono in schnellerem Netz (100.000erLeitung bitte!) und auch in einem flächendeckenden WLAN. Die ältere Generation war noch eher zufrieden mit der Geschwindigkeit, doch ihnen ist klar: ohne Internet wird es künftig gar nicht mehr gehen. Das Verständnis für Veränderungsprozesse dieser Art ist angekommen.

Demographie wirkt 

Auch auf dem Radar ist: die Gesellschaft wird älter. Auch in Wennigsen ist das spürbar. Die Bedarfe an digitalen Hilfsmitteln sind vorhanden. Weil wir vor einem Lebensmittelgeschäft stehen, entzünden sich die Diskussionen schon an der Logistik des Einkaufens im Alter. Sind die Einwohner der Stadt mobil, ist das kein Problem. Sinkt der Bewegungsradius jedoch, tauchen Bedarfe auf, insbesondere im ländlichen Raum mit höheren Distanzen: Wie bekomme ich meine Einkäufe ins Haus? Die Vorstellung, dass künftig die Online-Bestellung möglich ist, finden viele gut. Sie möchten aber auf einen direkten Plausch im Ortskern auch nicht verzichten. Eine Nachbarschafts-App für gemeinsame Mobilität wäre hilfreich. Auch die kommunalen Dienstleistungen sollten gerne digital abrufbar sein, wenn man sich um ältere Angehörige kümmern muss. Diese Diskussionen holen viele in Wennigsen ab in ihrem Lebensalltag, den sie in einer eher ländlichen Gemeinde gestalten müssen.

Sprache und Verfügbarkeit 

Aber auch kritische Stimmen sind dabei. Ein Aspekt taucht immer wieder auf. Die „Sprache“ zur Digitalisierung: Viele verstehen die englischen und fremden Begriffe nicht – obwohl diese doch den Alltag der Menschen berühren. Sie fühlen sich dadurch abgehängt, sie haben keine Worte, digitale Trends zu beschreiben. Einige haben auch Angst, mit der Schnelligkeit der Entwicklungen nicht mehr Schritt halten zu können.

Sorgen bereiten auch die Vermischung von Arbeit und Beruf. Zwar steht der Vorteil des Arbeitens von zuhause aus im Vordergrund. Die Befürchtung, dann aber auch ständig verfügbar zu sein, steht an gleicher Stelle sehr weit oben.

Was in Wennigsen besonders bemerkenswert ist: Die Bevölkerung zeigt sich durchweg offen für Veränderung. Der Eindruck ist entstanden und geblieben, dass es der Stadt gelungen ist, die Menschen mitzunehmen in dem Prozess der Weiterentwicklung.

Hier eine kurze Einschätzung von Damian Paderta, Gerald Swarat, der die 11. Initiative leitet, Florian Apel-Soetebeer und Resa Mohabbat Kar, GF des CoLab. (Leider wollte kein Wennigser selbst vor der Kamera sprechen, das war dann zu viel Netz. Und die jungen Schülerinnen und Schüler wollten wir ohne die Erlaubnis der Eltern nicht aufnehmen.)

Jetzt wird die Befragung ausgewertet. Dies soll jedoch nur ein Meinungsbild wiedergeben, die Antworten sind keineswegs repräsentativ. Wichtig war und im Fokus stand, einmal vor Ort ins Gespräch zu kommen und über Digitales zu reden. Wir haben ein Panorama an Vielstimmigkeit erlebt.

Der Praxischeck ist sicher gelungen – und zeigt, wie lohnenswert es ist, den Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis zu moderieren. Die Ergebnisse fließen in den folgenden Workshop vor Ort mit ein. Hier treffen lokale und regionale Akteure auf das Netzwerk des CoLab, um gemeinsam einen konkreten Fahrplan für eine digitale Region zu entwickeln.

Den Fragebogen kann man noch hier downloaden und beantworten.

Und das schreibt die Presse. HAZ / NDR / lokales Medium Calenberger online News

Dieser Beitrag findet sich in ähnlicher Form auch auf der Seite Wegweiser Kommune-Blog und im Blog CoLab.

IT Ausstattung – Museum oder Zukunft?

Update 21. August 2016: 

Mich erreichen Fragen, was ich denn empfehlen würde. Vier Schritte:

  1. Ein Generalstreik der Eltern und SchülerInnen. „Kein Fuß mehr in analoge Schulen“.
  2. Das Dezernat Bildung ist mit seinen vielfältigen Aufgaben überlastet. Bildung muss einen eigenen Fokus haben.
  3. Die belastbaren und belegbaren Fakten zu Bildung müssen auf den Tisch: Wo genau steht die Stadt denn mit ihren Bemühungen – und wo ist das Ziel? 
  4. Der Bürgermeister macht „Schule“ zur Chefsache.

In meiner Heimatstadt erscheint heute (!) ein Artikel in der Neuen Westfälischen, der die mangelnde Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik beklagt. Die Ausstattung insbesondere der Grundschulen mute technisch eher an wie die in einem Computermuseum. Der zuständige Dezernent für Bildung erklärt, man arbeite an einer IT-Strategie. Die zuständige Vorsitzende des Bildungsausschusses ist unzufrieden mit dem Tempo der Entwicklung. Eine politische Zustandsbeschreibung, die sicher auf viele Schulen in Deutschland zutrifft.

Diesen Zustand habe ich selbst schon beklagt als ich 2001 als Grundschulmutter in einer solchen Steinzeitschule Computer gespendet habe. Damals hieß es: Wir arbeiten an einer IT-Strategie. Diesen Zustand habe ich im Wahlkampf als Bürgermeisterkandidatin beschrieben. Da hieß es: Wir arbeiten an einer IT-Strategie.

Getan hat sich: nichts.

Jämmerlich.

In der Welt da draußen aber hat sich schon etwas getan:

Wir befinden uns am Tor zur Ära der 4. industriellen Revolution. Das Internet verändert schon jetzt unser gesamtes Leben in allen Lebensbereichen.

Angesichts dessen: Man kann Schulen so analog lassen, wie sie sind. Man muss nur irgendwann dafür gerade stehen.

Digitalisierung mal hier in Zahlen / im Überblick: 

Anteil der Internetnutzer weltweit 1995 noch 1 Prozent, Anteil der Internetnutzer weltweit 2014 41 Prozent (s.u.).  (Quelle: brandeins in Zahlen, Juni 2016) Der Anteil der Internetnutzer in Deutschland 2015 liegt bei knapp 78 Prozent.

Anteil der Handynutzer 2014 weltweit 73 Prozent. Anteil der Jugendlichen, die in Deutschland ein Handy besitzen, im Alter von 10 bis 11 Jahren, im Jahr 2014 = 76 Prozent. Anteil der Jugendlichen, die ein Handy besitzen im Alter von 16 bis 18 liegt 2014 bei 96 Prozent.

Anteil der Internetznutzer in Deutschland im Alter von 16 bis 24 Jahren: 100 Prozent. Anteil der Internetnutzer in Deutschland im Alter von 65 bis 74 Jahre: rund 58 Prozent. Im OECD-Durchschnitt: die jungen Nutzer liegen auch hier bei 100 Prozent, die Älteren bei rund 50 Prozent. (Quelle: brandeins Juni 2016)

Marktkapitalisierung von Firmen in Mrd. Euro im Juni 2016:

Apple 487 Mrd. Euro

Microsoft 378 Mrd. Euro

alphabet 420 Mrd. Euro

Amazon 307 Mrd. Euro

facebook 245 Mrd. Euro

Siemens 82 Mrd. Euro/ VW 68 Mrd. Euro / Daimler 65 Mrd. Euro / Continental 38 Mrd. Euro/ Thyssen 22 Mrd. Euro

Quelle: brandeins, Juni 2016

Laut Studie des Weltwirtschaftsforums in Davos fallen in den nächsten 5 Jahren 5 Millionen Arbeitsplätze in den 15 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern weg.

Hier ein Zitat aus einer Meldung aus heise online: „Schlüsseltechniken wie Maschinenlernen, Künstliche Intelligenz, Robotik, Nano- und Biotechnik oder 3D-Druck führten zu gewaltigen Umbrüchen nicht nur der Geschäftsmodelle, sondern auch in den Arbeitsmärkten, heißt es in der Analyse, für die das Forum Experten aus den 350 größten Konzernen der Welt befragte. Es sei davon auszugehen, dass im untersuchten Zeitraum bis zu 7,1 Millionen Arbeitsplätze wegbrechen könnten. Dies beziehe sich weniger auf Fabriken als vielmehr auf Bürojobs etwa im Gesundheits-, Energie- und Finanzsektor. Dem stünden rund 2,1 Millionen neu geschaffene Jobs gegenüber. Diese entstünden vor allem im Sektor Informations- und Kommunikationstechnik, aber auch in der bereits gebeutelten Medien- und Unterhaltungsbranche.“

Der einzige Roboterbau in Deutschland, Kuka, wird mit weiteren Anteilen an China verkauft. 

In den nächsten zehn Jahren wird geschätzt, dass rund eine Billionen an Sensoren miteinander vernetzt sein werden (IOT).

43 Prozent aller Menschen auf der Erde sind mit dem Internet verbunden.

Hier ein kleiner Einblick in das Ranking des World Economic Forum

„The Global Information Technology Report 2016“:

Künftige Skills für das Bestehen in der Arbeitswelt sind stark geprägt durch Kompetenzen im Umgang mit digitaler Technik und digitaler Haltung.

Die Liste der Zahlen ließe sich weiter ausweiten. Die Interdependenzen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Bildung ebenso.

Aber ach, man hat ja noch lange Zeit, sich über die technische Ausstattung in den Schulen zu unterhalten…. und wenn das Konzept dann steht, kann die Umsetzung folgen. Und wenn die Technik da ist, kann man anfangen, Konzepte zu entwickeln, wie man damit umgeht. Wenn das dann klar ist, kann man Konzepte machen, wie man dafür Personal bekommt. Wenn das Personal da ist, ………………………………

Unsere Generation der heutigen Entscheider zerstört die Zukunft der Jungen. Unsere Generation der Entscheider muss dafür die Verantwortung übernehmen.

Pseudoromantische Orte

Sie sind mittlerweile die zentralen Nervenzellen unserer Gesellschaft. Sie regeln „uns“ im Alltag, sie regeln unsere Interaktion im öffentlichen Raum. Und fristen eigentlich ein sehr trübes Dasein: Die Elektronik in den grauen Kästen am Straßenrand.

Das Foto zeigt künstlerisch gestaltete Schaltkästen in Münster.

Zentren des öffentlichen Lebens Foto: Jürgen Zimmermann

Und dabei ginge es auch ganz anders. Das zeigt Künstler Tobias Rehberger mit seiner Aktion „The Moon in Alabama“ in Münster. Elf Objekte sind schon in den Genuss gekommen aus dem tristen Schattendasein des grauen Straßenbildes herauszutreten. Allen gemeinsam ist: Rohre, Schläuche und Buntes umwirkt sie. Über ihnen leuchtet der künstliche Mond. Je nach Lichtverhältnissen schaltet sich der darin befindliche Sensor an oder aus. Ein jeder Betrachter hat also die Wahl, auch mal bei Mondschein zu verweilen oder die bunt-quierlige Szenerie ohne Mondlicht zu genießen.

Rehbergers Intention: „Unorte durch einen Eingriff beleben, sie zu einem pseudoromantsichen Ort machen“. Da darf man der Immobilien- und Standortgemeinschaft Bahnhofsviertel in Münster gratulieren. Öffentlicher Raum, der sonst in Windeseile durchmessen wird, wirkt jetzt wie ein Magnet und hält fest. Vergessen wird der stinkende Individualverkehr ringsherum oder auch die vorbeidonnernden Busse auf der Bahnhofstraße. Hier wohnt man der Zukunft bei.

Das Foto zeigt einen Kunstschaltkasten von Rehberger in Münster.

Öffentlicher Raum und Lebensader Foto: Jürgen Zimmermann

Wenn dann die Gedanken des Betrachters neben der Lust des Innehaltens durch plötzlich auftauchende Schönheit im öffentlichen Raum dahin gelenkt wird, was die Innereien von diesen Schaltkästen alles können – und wie digital wir doch mittlerweile sind, ohne uns dessen bewusst zu sein. Ja, dann….

…könnte man an anderer Stelle gern weitermachen.

Digitales wird konkret

Ich arbeite in der 11. Initiative des CoLab Internet und Gesellschaft mit. Beteiligt ist auch der Verein Unternehmen für die Region (UfdR). Themenschwerpunkt ist: die #digitaleRegion.

Das Foto zeigt eine Brunnenfigur in Gütersloh bereichert mit einem Handy.

Digitales Foto: Jürgen Zimmermann

Im Zentrum stehen die Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation für den außerstädtischen Raum. Die Initiative wird getragen durch Experten unterschiedlichster Provenienz und hat ein tragfähiges Multi-Stakeholder-Netzwerk bestehend aus fach- und sektorübergreifenden Ansätzen und Perspektiven hervorgebracht. 

Digitales konkret greifbar machen  

Wenn Regionen digital werden – was bedeutet das denn überhaupt? Diese Frage beschäftigt auch uns. Theoretische Ansätze gibt es schon viele. Auch eine gesamtgesellschaftliche Diskussion dazu findet statt – auch, wenn die Risiken der Digitalisierung dabei immer gerne die Führung übernehmen. Die Frage ist allerdings längst nicht mehr, ob wir uns digitaler aufstellen müssen, sondern wie dies gelingen kann. Da setzt die Initiatve an und macht Digitales konkret. 

Wir suchen also den Reality-Check. Das Netzwerk hat zwei Modellkommunen ins Boot geholt, die sich regional vernetzen und sich so gemeinsam auf den Weg zu einer digitalen Region entwickeln wollen: Wennigsen/Deister und Augsburg. Im Zentrum stehen praktische und regionalspezifische Handlungsansätze für den eigenen digitalen Transformationsprozess. 

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Community befragen 

Theorie ist eine Sache, Praxis eine andere. Unsere Gedanken zu diesem Prozess wollen wir durch die Community erden und reflektieren. Aus diesem Grund sind in den unterschiedlichen Arbeitsgruppen verschiedene Fragebögen und Umfragen entstanden. Diese werden gerade in ganz Deutschland geteilt und beantwortet. Im Netz.

Hiermit verbunden ist die herzliche Einladung, an den Umfragen teilzunehmen, die direkt in unsere Arbeit einfließen:

Wirtschaft & Arbeit 

In der Arbeitsgruppe #Wirtschaft&Arbeit wurden in einer ersten Umfragerunde die fünf wichtigsten Fragen für den ländlichen Raum bezogen auf dieses Themenfeld ermittelt.  In einem aktuellen zweiten Schritt fragt die Gruppe nach guten Beispielen, die auf Regionen übertragbar wären oder konkrete Impulse sein können.

Mitmachen und die sechs Fragen dazu beantworten kann man hier .

Bildung & Lernen  

Diese AG fragt zunächst grundsätzlicher: Die Städte wachsen, die ländlichen Regionen entwickeln sich teilweise bedenklich. Wie kann Digitalisierung helfen, die Daseinsvorsorge vor Ort qualitativ zu unterstützen? Hier sind Fragen nach möglichen digitalen Treibern ebenso gestellt wie nach konkreteren Ansätzen und Beispielen, was Schule und Bildung angeht.

Zur Umfrage geht es hierlang. 

Facing Fears 

Auch Ängste gegenüber der Digitalisierung werden im Netzwerk mit Facing Fears adressiert, um diese zu kennen, ihnen aber auch Chancen gegenüberstellen zu können, die eine Mitnahme der gesamten Gesellschaft ermöglichen.

48 Ängste gegenüber der Digitalisierung finden sich in der Umfrage – gekoppelt an die Frage: Teilen Sie die – und wenn ja, in welchem Grad. Auch Ihre Haltung gegenüber Positionen wie neue Formen der Arbeit oder Smartphonenutzung stehen im Fragenkatalog. Sie können sich dazu positionieren.

Zur Umfrage geht es hier. 

Lackmustest für die Praxis 

Die jeweiligen Auswertungen werden veröffentlicht. Hier ebenso wie auf dem Blog des Colab und auch im WegweiserKommune-Blog. Die Ergebnisse bilden den Lackmustest, um den Bogen von der Theorie in die Praxis zu schlagen. Ich bin sehr gespannt, wie das gelingen kann.

Sehr gerne also mitmachen!

Audiohäppchen II

Der Paradiesbauer hatte zu einer Session eingeladen: Aufnehmen der Audiohäppchen II.

Das Foto zeigt das Cover der CD Audiohäppchen.

Genuss auf die Ohren

Gern bin ich der Einladung gefolgt. Zusammen mit Galli Trauernicht ist mal wieder etwas Entzückendes für Hirn und Ohren entstanden. Ganze 43 Stücke bereiten Hörgenuss – und Spaß.

Heute eine Kostenprobe „Scherenschnitt im Kleingedruckten“:

 

Digitales kann Leben retten

Wir tun uns sehr schwer im Umgang mit Daten im Gesundheitsbereich. Und doch könnten digitalisierte Verfahren helfen, Leben zu retten. So weit würde ich mittlerweile gehen.

Das Foto zeigt einen Besprechungsraum in einem Krankenhaus in Tallinn.

Digitales in der Gesundheitsversorgung

Ein Beispiel: Seit Jahren begleite ich eine Angehörige, die an Demenz erkrankt ist. Sie lebt in einem Wohnheim für an Demenz erkrankte Menschen. An einem heißen Sommertag in den letzten Wochen ist sie kollabiert. Das Heim hatte den Rettungswagen alarmiert. Nun lag sie mit hohem Fieber in der Notfallambulanz eines der Krankenhäuser der Stadt. Schnell war klar, dass ein Infekt die Ursache war. Als Medikament sollte ein Antibiotikum zum Einsatz kommen. Es stand die Frage im Raum, ob möglicherweise auch eine Allergie vorliege. Als Begleitperson konnte ich das mit „ja“ beantworten. Aus Erfahrung aus dem letzten Jahr war mir das bekannt. Im letzten Jahr war sie im Nachbarkrankenhaus eben damit behandelt worden – und hatte eine erhebliche allergische Reaktion gezeigt. Nur wusste ich jetzt allerdings den Namen des Medikamentes nicht mehr. Was tun?

Nun kann der Rettungsdienst sich nicht aussuchen, in welches Krankenhaus ein Patient eingeliefert wird. Daher war es im letzten Jahr Krankenhaus A, in diesem Fall Krankenhaus B. Sie als Patientin war die einzige Schnittstelle zwischen den beiden Häusern sowie ich als Begleitung. Und jetzt fehlte hier die digitale Verbindung: in beiden Krankenhäusern lagen nun wertvolle Daten über die Vorgeschichte und die Gesundheit der Patientin vor. Sie wären jetzt hilfreich nicht nur für die Medikamentengabe, sondern insgesamt zur Einschätzung der aktuellen Situation hilfreich – und notwendig. Aber: Die Ärzte haben keinen Zugriff auf die Daten. Die medizinischen Daten liegen nicht beim Patienten gebündelt, sondern sie liegen wohl verwahrt in den behandelnden Praxen. Sie liegen in Silos verwahrt und sind nutzlos, wertlos für die Patientin. Im Zweifelsfall kann das ein Leben aufs Spiel setzen. Umgekehrt könnte der Zugriff auf individuelle Daten von Patienten Leben retten.

Der Arzt fragte mich also: Wie heißt denn das Präparat, welches die allergische Reaktion ausgelöst hat? Meine Antwort war: „Das weiß ich nicht mehr. Aber rufen Sie doch die Kollegen im Krankenhaus A an. Die wissen das doch noch vom Aufenthalt der Patientin dort. Das findet sich sicher in den Akten.“ Antwort des Arztes: „Es ist Sonntag. – Wir haben keinen Austausch und Zugriff auf Daten aus anderen Häusern.“ So musste ein Medikament eingesetzt werden, bei dem nicht klar war, wie die Patientin reagieren würde.

Eine digitale Krankenchipkarte wäre da hilfreich gewesen. Die Informationen sind an den Patienten gekoppelt – und jeder, der in einem medizinischen Fall helfen muss oder soll, hat hierauf Zugriff. Ebenso wie der Patient natürlich selbst auch. Natürlich mit einem umfassenden Paket des Datenschutzes.

In Deutschland gibt es das nicht.

In Estland aber funktioniert das mit der elektronischen Krankenakte ganz hervorragend. Ich konnte mich im North Estonia Medical von Tallinn selbst darüber informieren. Hier sind die Daten zur Krankenversicherung sowie über alle medizinischen Details auf dem elektronischen Ausweis gespeichert. Jeder Einwohner von Estland hat eine solche elektronische Identity Card, mit der so ziemlich alles möglich ist: das Abrufen von staatlichen Dienstleistungen, das Wählen – und auch die komplette Datenlage über alle medizinischen Daten, Fakten und Arztbesuche.

Das Foto zeigt die ID-Card Estonia.

Plastik bündelt Daten

Hier findet sich die komplette medizinische Genese. Mit Vermerk, wer Zugriff hat, hatte und warum. Bereits beim Eintreffen in ein Krankenhaus haben die behandelnden Ärzte einen umfassenden Wissensvorsprung. Natürlich können auch sie nicht ganz wahllos in allen Daten herumstöbern, die Wege der Zugangsberechtigung sind konkret vorgegeben. Und mit speziellen Codes gesichert. So kann etwa der Chefarzt eines Hauses einen umfangreicheren Einblick nehmen als Schwestern. Jeder Zugriff wird vorher auf Berechtigung geprüft. Jeder Zugang wird dokumentiert. Und: Stellt der Patient einen unberechtigten Zugang fest, zieht das konkrete Sanktionen auch für die Ärzte nach sich. Ein System, welches einen hohen Mehrwert aufweist und Vertrauen geschaffen hat. Durch die elektronische Krankenakte sind übrigens auch alle bildgebenden Verfahren gespeichert, wie etwa Röntgenaufnahmen. Estland ist an der Stelle ein Vorreiter. Es ist nicht erstaunlich, dass so viele Nationen in das nördlichste EU-Land reisen, um sich digital aufzufrischen.

Die Praxis, wie ich sie hier in Deutschland beschreibe, zeigt allerdings bereits ebenfalls, dass eine Sortierung von medizinischen Daten nach Leistungserbringer nicht aufrecht zu erhalten ist. Das gilt übrigens um so mehr, als dass die Daten immer umfangreicher werden und wir ein hohes Maß an individueller Selbstverantwortung in der Medizin etabliert haben. Nur über seine eigenen Daten hat hier keiner die Hoheit. Schon gar nicht die Kassenpatienten.

Zudem sind wir eine alternde Gesellschaft Die Fakten der Demographie zeigen auf nahende Überalterung. Mit dem Nebeneffekt, dass künftig immer mehr Menschen den Überblick über ihren Gesundheitszustand im Alter verlieren werden. Es ist kaum zu erwarten, dass dann etwa die pflegenden Angehörigen oder andere Dritte diesen Überblick auch noch angemessen bewältigen und verantworten müssen.

Digitale Strategien können Leben retten. Wir sollten endlich diesen Weg gehen.

Glasfaser ist Zukunft

Die digitale Infrastruktur ist der Standortfaktor Nr. 1. Wer künftig kein Glasfaser in seiner kommunalen Erde flächendeckend verlegt hat, wird dieses Versäumnis kaum mehr aufholen.

Die BiTel hatte in der letzten Woche ihren Geschäftsbericht für Gütersloh vorgestellt. (leider nicht online) Gütersloh ist meine Heimatstadt – und zudem der Ort, der demnächst in weiten Teilen des Stadtgebietes vom schnellen Netz der Zukunft abgekoppelt sein wird.

ohne Worte

ohne Worte

Hier mein Leserbrief dazu: (vielleicht veröffentlicht ihn auch die Lokalzeitung)

Die BiTel sieht sich vor einem guten Geschäftsergebnis. Das erfreut. Was nicht zu lesen ist: sie unterliegt einer Wettbewerbsverzerrung, die sich insgesamt schädlich für Gütersloh auswirken wird.

Die Telekom hat sich den Löwenanteil der Versorgung mit angeblich schnellem Internet in Gütersloh gesichert. Der Grund ist nicht etwa Qualität oder Cleverness. Es ist bedingt durch ein wettbewerbshinderliches Vergabeverfahren durch die Bundesnetzagentur. Damit liefert man einem ehemaligen staatlichen Monopolisten den größten Teil des Zukunftskuchens Freihaus auf den Teller. Die Telekom verwendet bei ihrem Vectoring-Ausbau veraltete Kupferkabel und verhindert damit den Ausbau von zukunftsfähiger Glasfaser, wie etwa die BiTel es verbaut. Dem Wettbewerber am Markt, eben wie die BiTel ein solcher ist, bleiben nur Küchenkrümel übrig. Will zudem ein Kunde der BiTel ebenfalls schnelleres Netz, muss er bisher den Anbieter wechseln, etwa zur Telekom, da die BiTel bisher kein Vorleistungsprodukt, welches ihr die Telekom einräumen müsste, anbieten kann. Weil die Telekom das zwar versprochen hat, aber bis jetzt nicht hält.

Was auf den ersten Blick aussieht, als wollte ich Werbung für die BiTel machen, entpuppt sich auf den zweiten Blick als regelrechter Standortnachteil für einen Großteil der Stadtgebiete in Gütersloh. Glasfaser ist die Zukunft. Das ist mittlerweile eine Binsenweisheit, die selbst die großen Wirtschaftsverbände auf den Plan ruft, die gegen das Technologiemonopol der Telekom protestieren.

Wer als Einwohner der Stadt in seinem Stadtviertel eine digitale Infrastruktur mit Glasfaser vorfindet, hat künftig klare Vorteile: Viele werden dorthin ziehen wollen, wo gutes Netz ist, die Immobilienpreise werden steigen, die Arbeitsbedingungen für neue Arbeitsformen wie Arbeit4.0 werden dort hervorragend sein. Glasfaser ist eine Technologie faktisch ohne Beschränkungen hinsichtlich der zu transportierenden Datenmengen. Es ist eine Zukunftstechnologie mit Vorteilen sowohl für den Wohn-, Wirtschafts- und Bildungsstandort in der Stadt. Der Großteil der Bevölkerung aber wird mit der antiquarischen Technik der Telekom zu kämpfen haben, welche schon in wenigen Jahren ihre Leistungsfähigkeit eingebüßt hat. Auf dem Weg in die Gigabit-Gesellschaft bleibt Gütersloh abgeschnitten. Leider ist das immer noch ein Nischenthema in Gütersloh. Leider vertrauen die kommunalen Entscheider weiterhin darauf, dass ein Ex-Monopolist es richten wird. Leider interessieren sich auch die in den Startlöchern stehenden Bewerber für das Bundestagsmandat für den Wahlkreis Gütersloh nicht so richtig für eine digitale Infrastruktur. Wir bleiben auf der untersten Stufe der Möglichkeiten. Trotz der guten Geschäfte der BiTel müssten daher die Alarmglocken der Entscheider losgehen: Wie schaffen sie künftig die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, wenn die wenigen Kunden der BiTel schnelles Netz haben aber ein Großteil der Bevölkerung nur noch im Schneckentempo Internet nutzen kann? Es wäre Zeit für intelligentes Ausloten, wie man hier den Anschluss behält. Trotz der Telekomhoheit. Dass es möglich ist, zeigen viele andere kommunale Beispiele.

CoLab #digitaleRegion

Ich freu mich sehr darüber:

Zur Zeit arbeite ich mit in der „11. Initiative #digitaleRegion Aus dem Land – für das Land“. Da bin ich gespannt, was wir wieder mit Hilfe der Multistakeholder-Methode auf die Beine stellen. In Kürze starten die ersten Regionalworkshops, dann mehr dazu.

Medienwelt und Medienkenntnis – auf den Kopf gestellt

Wir werden lernen müssen, mit der Angst zu leben. Diesen Satz haben wir alle in den letzten Monaten unzählige Male gehört. Angesichts der Terrorakte in der ganzen Welt und zunehmend vor unserer Haustür fiel er in fast jedem Kommentar, sei es seitens der Politik, der Staatsschützer oder auch von uns selbst. Auch gestern fiel er wieder, als diesmal in München auf wehrlose Menschen geschossen wurde.

Was aber genau müssen wir denn lernen?

Zwei Dinge sicherlich:

  1. Den Umgang mit einer neuen Art von Berichterstattung über diese Vorfälle. Diese hebt längst die traditionelle Medienwelt komplett aus den Angeln.
  2. Den Umgang mit digitalen Hilfsmitteln, die Informationen vermitteln und helfen, sich zu schützen.

Neues Medienverhalten 

Der „Sonderfall“ in München hat es gezeigt, wie selten zuvor: die Medienberichterstattung hat sich fundamental geändert. Die Social Media Kanäle erweisen sich als schneller, als vielfältiger, als zentrale Quelle, obwohl die Informationen aus dem Wissen der Vielen entspringen, die nicht nach journalistischen Grundregeln ticken. Die teilende Gesellschaft ist auch eine teilende Mediengesellschaft, in der nicht mehr konsumiert wird, sondern längst jeder auch produziert – und wo Informationen so schnell geteilt werden, dass selbst die Profis der alten Medien sich dieser Kanäle bedienen, weil die Direktheit in ihren Vorteilen durch nichts mehr zu toppen ist. Die Menschen sind vor Ort, sie berichten in Echtzeit. (Zu den Nachteilen komme ich gleich auch noch.)

Als offenbar zentrale Quelle hat sich Twitter herausgestellt. In Windeseile war der Hashtag #München #OEZ und #Schießerei verbreitet, ein ganzer Kanon an Videos, Bildern, Infos, Meinungen verbreitete sich. In diesem Reigen waren alle beteiligt, wenn auch mit unterschiedlichen Rollen: sowohl die Polizei nutze den Kanal als auch staatliche Stellen wie die Stadtverwaltung, Politiker und auch die Medien. Alle Nutzer sind gleich, die Kommunikation findet auf Augenhöhe statt. Selbst die Polizei in München twittert in der Ansprache mit einem vertrauten „Du“.

Und die Polizei twittert in gleich mehreren Sprachen, weil Twitter universell genutzt wird, in einer globalen Großstadt wie München keine Frage der Notwendigkeit.

Auf Twitter zeigt sich, dass die Qualität nicht in der Einzelmeinung entsteht, sondern in der Vielfalt, die ein facettenreiches Mosaik der Ereignisse aus den unterschiedlichen Blickwinkeln ermöglicht. So eine verdichtete fast 360-Grad-Berichterstattung ist neu. Selbst die traditionellen Medien verwiesen im Fall München in gefühlt jedem vierten Satz auf Twitter als Quelle. Da ist es schon fast kurios, dass ein Twitterati, Blogger und Internetgeschöpf wie Richard Gutjahr gleich zweimal direkt vor Ort ist, wenn ein solches Attentat stattfindet.

Um der Schnelligkeit der Ereignisse und aber auch der Schnelligkeit der neuen Berichterstattung durch die Social Media Kanäle gewachsen zu sein, muss das traditionelle Fernsehen gleich online bleiben. Es kann keine Sendepause mehr einlegen, um die Informationen zu sammeln, zu bündeln oder gar mit Deutungshoheit zu versehen. In der Zeit würde das Netz diese Aufgabe vollends übernehmen und eine ganz eigene Art der Berichterstattung ermöglichen. Die Zuschauer würden dem Medium folgen, welches dran ist, dabei ist. Es geht erst in zweiter Linie um deren Auslegung und Wirkungsanalyse, es braucht keine Journalisten mehr zur Einordnung.

So erstaunt es eigentlich auch nicht mehr, dass Jens Riewa von der Tagesschau plötzlich vom Moderator zum Interviewer wird, dass die Tagesschau gleich einfach weitersendet und ihre sonst heilig eingehaltene Viertelstunde überschreitet. Überschreitet mit vagen und spekulationsfördernden Fragen aus dem Studie an einen Reporter vor Ort, der diese Fragen offensichtlich nicht beantworten kann, ohne der Spekulation ungerechtigerweise Gestalt zu geben. Er ist nur einer, der auf verifizierte Infos angewiesen ist, die er dort, wo er steht, aber nur spärlich oder gar nicht bekommt. Es erstaunt nicht, dass im ZDF live in eine Pressekonferenz in einem Autohaus geschaltet wird und die Reporter und Journalisten überhaupt keine Chance haben, irgendetwas an Information zu filtern, zu sortieren oder einzuordnen. Die Zuschauer, die überhaupt noch Fernsehen schauen, werden gleich mitgenommen. Direkt vor Ort dabei. So wie es auch die Social Media leisten. Zugleich werden auch hier wilde Fragen gestellt, von denen jeder weiß, dass man sie zu diesem Zeitpunkt gar nicht wirklich beantworten kann.

Nicht zuletzt haben viele öffentlich-rechtliche Sender selbst mittlerweile Apps zum Downloaden eingestellt, die es ermöglichen, den Redaktionen Videos und Bilder von Ereignissen direkt in die Redaktionen zu übermitteln. Gleiches gilt für Voice-Aufnahmen, die man einsenden kann. Smartphones machen es möglich, jeder Nutzer eines solchen Gerätes ist auch potenzieller Produzent von News. Jeder könnte ein nächster Augenzeuge sein. So nah kann keine Redaktion der Welt sein, wie die Menschen vor Ort an den Ereignissen dran sind. Es reicht den Vielen offenbar die Einordnung der Vielen – und nicht der wenigen Experten im Fernsehen. Es ist offenbar wichtig, das vor Ort die Arbeit der Sicherheitskräfte geleistet wird, es braucht keine Deuterei von Wenigen mehr, die im Fernsehen auftreten. Die Menschen folgen den Vielen, den Praktikern (Polizei, ihr macht eure Sache gut) und der Vielfalt der Standpunkte.

„Twitter“ –  was ist denn das überhaupt – und kann denn da jeder was reinschreiben?

Diese Frage ist sicher spätestens gestern bei vielen Zuschauern der traditionellen Meiden gefallen. Eine neue Quelle hält Einzug. Die Frage stellt sich, ob und wie der Auftrag der Medienschaffenden als oft zitierte „4. Gewalt im Staat“ überhaupt noch ihre Aufgaben erledigen können, oder ob sich das Geschäftsmodell nicht längst derart verändert hat, dass dies schon nicht mehr in alter Weise funktioniert. Digitale Disruption im Medienschaffen? Die ersten Diskussionen dazu finden bereits statt, aber erst zaghaft und noch sehr auf die Redaktionen selbst beschränkt, die den Schwund des „Journalismus“ als erste bemerken. Andererseits wird die öffentlich-wütende Diskussion um die „Lügenpresse“ auf die Straße getragen und es fehlt bisher an Konzepten, den rechtspopulistischen Hetzern den Wind aus den aufgeblasenen Segeln zu nehmen.

Und was wird sein, wenn künftig nicht mehr reale Menschen die Berichterstattung übernehmen, also etwa in den öffentlich-rechtlichen und auch privaten Medienanstalten, sondern auch noch künstliche Intelligenz Teile dieser Aufgaben übernehmen? Künstliche Intelligenz, die künftig Datensätze in Bruchteilen von Sekunden durchforsten können – und auswerten oder die ganze Berichte aus den vorliegenden Fakten schreiben, ohne, dass ein Mensch diese je gesehen hätte?

Das führt mich zu der zweiten Frage:

Was müssten die Menschen eigentlich alles wissen/lernen, um ihrerseits Berichterstattungen oder auch Katastrophenschutz verfolgen und einordnen zu können? Wie nimmt man etwa die ganze Bevölkerung mit, wenn es um Informationsvermittlung zum Schutz der Bevölkerung geht – diese aber zunehmend digital stattfindet? Dazu muss man die digitalen Handwerkszeuge kennen. Nicht alle haben Anteil daran.

Einige Aspekte seien hier besonders genannt, die schon funktionieren – aber sicher nicht auf dem Radar der breiten Bevölkerung verankert sind:

Katwarn ist ein deutschlandweites Warn- und Informationssystem, welches bei Katastrophen zusätzlich zu den Stellen wie Polizei, Feuerwehr und Medien informiert. Es ist nur orts- und themenbezogen im Einsatz. In einigen Städten und Kreisen steht es zur Verfügung. Dieses Tool überwindet die „letzte Meile“, also den direkten Draht zum Empfänger, also der Bevölkerung. Es soll hier nur darauf verwiesen werden – um zu zeigen, dass es Tools gibt, die aber nicht bei allen in der Bevölkerung bekannt sind oder auch aus Unkenntnis nicht abrufbar sind. Im Falle München zeigte sich das System zwar als überlastet, aber die Idee hinter dieser Art lokaler und konkreter Hilfsapp sollte in die Breite gehen und ausgefeilt werden. Daten dazu liegen ausreichend vor. Dazu wären Strategien sinnvoll, die Bevölkerung über solche Hilfsmittel zu informieren und in der Nutzung zu schulen. Neben Katwarn gibt es auch noch die Warnapp NINA des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz, die ähnlich arbeitet. (Ich hatte dazu schon im Rahmen des Feuerwehrneubaus in GT gebloggt). Auf der Seite des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz finden sich einige gute Hinweise  – es reicht aber nicht, wenn nur digital Affine oder Findige sie dort finden und für sich nutzen. Solche digitalen Strategien gehören ins Allgemeinwissen.

SafetyCheck von Facebook: Am 16. Oktober 2014 gibt Mark Zuckerberg eine neue Funktion von Facebook bekannt, den SafetyCheck. Er schreibt, dass es angesichts der vielen Katastrophen sinnvoll sei, wenn man bei Eintritt solcher Umstände schnell seine Lieben informieren kann, dass man sich in Sicherheit befindet – oder eben auch Freunde checken kann, ob es diesen gut geht. Auch im Fall von München war dieser Safety Check freigeschaltet: Finde Deine Freunde und erkundige dich nach ihnen. Markiere sie als sicher. Ein hilfreiches Tool in einem solchen Fall, in dem potenziell viele Tausend Menschen betroffen sein könnten. Der Datenschutz tritt da deutlich in den Hintergrund der vordergründig genialen Idee.

Twitter: Nutzen von Hashtags – und ein Grundverständnis über das Funktionieren dieses Nachrichtenkanals ist leider noch kein allgemeines Kulturgut. Es bedarf noch einer stärkeren Aufklärung in die Breite hinein, welche neuen Formen der Kommunikation mit diesem Kanal möglich sind und wie diese Echtzeitkommunikation Einsätze und Berichte verändern.

Warnung der Polizei vor Postings von Fotos: Die Polizei in München warnte davor, Bilder und Videos vom Tatort weiterhin hochzuladen. Auch Täter schauen in den Social Media Kanälen nach, auch sie nutzen diese. Um in der Gefahrenabwehr den Tätern keine Informationsvorteile zuzuspielen, ist das Anliegen nachvollziehbar. Es hält sich nur keiner dran, weil der Kanal einfach davon lebt, Infos in Echtzeit einmal rund um den Erdball zu zwitschern. Wir haben uns daran gewöhnt, in Echtzeit dabei zu sein, sei es beim Niederschlag des Putsches in der Türkei oder sei es bei der Täterjagd in München. Der Grad ist schmal, wo Echtzeit und Authentizität richtig sind und wo sie gefährlich werden können.

Checkliste von Fakebildern zu Katastrophen. Es gibt auch Fakebilder, die geteilt werden, weil die Nutzer nicht erkennen (können), dass es Falschmeldungen sind. Der Spiegel hat eine Checkliste veröffentlicht, wie man Bilder auf ihren Echtheitsgehalt hin überprüfen kann. Es gehört eben auch ein hoher Grad an Verantwortung dazu, wenn man eine teilende Gesellschaft ist.

Fakt ist: wir erleben eine rasendschnelle Veränderung in unserem Medienverhalten und in unserer Medienkenntnis. Mir wäre wichtig, dass diese damit verbundenen Möglichkeiten auch allen Menschen in der Bevölkerung bekannt sind – und damit auch die Tragweite und Verschiebung von Verantwortung. Ein neues Kapitel in der Medienbildung wäre angebracht. Eine Aufgabe für uns alle, die Teilhabe aller zu sichern. Gefahren kann man damit nicht abwehren. Am Ende sollen wir wenigstens mit der Angst leben lernen –  auch mit neuen Hilfsmitteln, die das erleichtern.

Real und virtuell – der neue Cocktail Pokémon Go

Der Hype um „Pokémon Go“ freut mich. Millionen Menschen erleben, was mit Augmented Reality alles möglich ist. Die reale Welt verschmilzt mit der virutellen Welt. Das kann sogar Spaß machen. Und offenbar versteht das jeder Spieler in Windeseile ohne sich lange den Kopf zerbrechen zu müssen.

Augmented Reality (AR) bedeutet die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung, davon ist schon viel und oft die Rede gewesen, aber den richtigen Sprung in die Mitte der Wahrnehmung hat dieses Phänomen bisher nicht geschafft. Mit Pokémon Go ist das zumindest gelungen – und dürfte damit der Wegbereiter sein für sehr viel mehr.

real und virtuell verschmelzen

real und virtuell verschmelzen

Die Verschmelzung der realen und virtuellen Welt mit diesem spielerischen Ansatz setzt ganz neue Maßstäbe. Es entsteht eine ganz neue Dimension von Mensch-Raum-Interaktion, die auch noch in Echtzeit stattfindet. Die simple Theorie über diese erweiterte Wirklichkeit könnte kaum bunter und praktischer in unserer Welt in Szene gesetzt werden als mit diesen animierten Comic-Figuren. Die es übrigens schon seit Jahren im Print auf Spielkarten gibt , die aber bereits verstaubt in den Regalen der Kinderzimmer lagen. In dem Remake stehen reale und virtuelle Objekte 3-dimensional in Bezug – und setzen schon mal auch die Gesetze der realen Welt außer Kraft, an die wir uns im öffentlichen Raum gewöhnt haben: Spieler, die sonst eher in ihrem Kämmerchen verschwunden sind, laufen seit ein paar Wochen sichtbar durch die Gegend, schauen jetzt noch mehr aufs Smart und behindern schon mal den Alltagsfluss der Mobilität. Weil sie überall herumstehen und „Dinge“ fangen, weil sie plötzlich überall auftauchen, teilweise in Scharen. Das wirft Fragen auf und lässt Kritik aufkommen.

Einen sehr aufschlussreichen Artikel fand ich gestern dazu auf piqd, empfohlen von Christian Huberts, der u.a. die Frage aufwirft, wem der öffentliche Raum eigentlich gehört, wenn er virtuell wird. Ist es „erlaubt“ Pokémon an Orten zu platzieren, die besonderes Taktgefühl verlangen – oder aber privat sind oder noch besser werksgeschützt?

Viele Städte profitieren von dem Hype, weil ihre gesamte reale Welt sich plötzlich in der virtuellen Welt wiederfindet. Pokémons verstecken sich egal wo (naja, sie sind programmiert), plötzlich tauchen sie in der Umgebung auf. Manche Städte dürfen sich sogar darüber freuen, dass hier ein ganz seltenes Monster auftaucht, welches jede Menge Trainier nach sich zieht, die es fangen wollen. Ein kleines Schauspiel, wie so etwas dann in einer Stadt mal aussehen kann, findet sich in einem Videobeitrag vom Telegraph: „Pokemon Go players go mad as rare Pokemon appears in park“ 

Leider ist auch feststellbar, dass Städte, also der urbane Raum an sich, in dem Spiel klar im Vorteil sind. Hier tauchen fast an jeder Ecke Pokémon auf. Finden lassen sich die Viecher übrigens mit Pokémon Radar. Insbesondere die Sehenswürdigkeiten in den touristischen Zielen haben im wahrsten Sinne des Wortes leichtes Spiel. Natürlich ziehen sie die Spieler an und in ihren Bann. Sicherlich liegt es auch an der guten digitalen Infrastruktur, die man im Ballungsraum findet. In den ländlichen Räumen sieht es da schon schlechter aus. Abgehängt wird man hier schneller – und es tauchen auch nicht so viele Pokémon auf. Das langweilt. Leider.

Das wäre fast schon eine Marktlücke zur Belebung der ländlichen Räume und Regionen: im Stadtmarketing müsste man vermerken können, dass man in diesen abgelegenen Orten ganz besonders rare Wesen des Spiels finden und fangen kann. Wäre doch gelacht, wenn die Spieler dann nicht wie von Geisterhand getrieben in diesen Ecken der Nation auftauchen würden. Immerhin gibt es schon Angebote fürs Übernehmen durch Restaurantketten – warum dann nicht auch in schwachen Gebieten, die ein wenig Hype gut vertragen könnten.

Ja, der Datenschutz ist ein Thema. Auch der Hype ist an sich ein Thema. Mich aber fasziniert, wie plötzlich eine Technik mitten in der Gesellschaft auftaucht, die ganz spielerisch das Zeug dazu hat, die analoge Welt für ganze Momente aus den Angeln zu heben. Das schärft die Sinne für das, was uns die digitale Transformation noch bringen wird. Und es zeigt sich, dass es gut ist, die Diskussion darüber jetzt fortzuführen. In welcher Welt wollen wir leben – und wie wird die aussehen? Auf jeden Fall erweitert mit AR.