Zu Besuch bei #Emma

In dieser Woche durfte ich #Emma kennenlernen. Sie ist ganz charmant. Emma ist ein Pepper Robot. Ihr „Vater“ ist Hannes Eilers, M.Sc. an der FH, Fachbereich für Informatik und Elektrotechnik in Kiel. Emma hat einen tollen Job: Sie besucht seit geraumer Zeit die Demenz-WG der Diakonie Altholstein in Kiel. Wenn Emma dort aufrockt, dann rockt sie im wahrsten Sinne des Wortes: Sie singt, tanzt und unterhält die Bewohner einer Demenzwohngemeinschaft.

Das Foto zeigt Emma, einen Roboter aus der FH Kiel. Man sieht ihre beleuchteten Augen ins schwarz mit einem roten Rand.

Emma FH Kiel

Mit ihrem Können trägt sie sehr zur Abwechselung für die Heimbewohner bei. Sie ist eine Bereicherung auch für die Pflegekräfte, die ihre Arbeit durch ihren Einsatz unterstützt sehen. Die Angst vor Wegrationalisierung von Arbeitsplätzen wird vielfach diskutiert – doch es geht darum, Roboter als Helfer zu betrachten, die mehr Raum und Zeit schaffen für die zwischenmenschlichen Kontakte zwischen Heimbewohnern und Pflegekräften.

Hier eine kleine Kostprobe aus dem Labor der FH Kiel:

Es war ein Vergnügen, Emma kennen zu lernen. Auf ein baldiges Wiedersehen.

Das Foto zeigt die Hand von Emma, eine Roboterhand von Pepper.

Shake Hands, auf bald

 

Digitales kann Leben retten

Wir tun uns sehr schwer im Umgang mit Daten im Gesundheitsbereich. Und doch könnten digitalisierte Verfahren helfen, Leben zu retten. So weit würde ich mittlerweile gehen.

Das Foto zeigt einen Besprechungsraum in einem Krankenhaus in Tallinn.

Digitales in der Gesundheitsversorgung

Ein Beispiel: Seit Jahren begleite ich eine Angehörige, die an Demenz erkrankt ist. Sie lebt in einem Wohnheim für an Demenz erkrankte Menschen. An einem heißen Sommertag in den letzten Wochen ist sie kollabiert. Das Heim hatte den Rettungswagen alarmiert. Nun lag sie mit hohem Fieber in der Notfallambulanz eines der Krankenhäuser der Stadt. Schnell war klar, dass ein Infekt die Ursache war. Als Medikament sollte ein Antibiotikum zum Einsatz kommen. Es stand die Frage im Raum, ob möglicherweise auch eine Allergie vorliege. Als Begleitperson konnte ich das mit „ja“ beantworten. Aus Erfahrung aus dem letzten Jahr war mir das bekannt. Im letzten Jahr war sie im Nachbarkrankenhaus eben damit behandelt worden – und hatte eine erhebliche allergische Reaktion gezeigt. Nur wusste ich jetzt allerdings den Namen des Medikamentes nicht mehr. Was tun?

Nun kann der Rettungsdienst sich nicht aussuchen, in welches Krankenhaus ein Patient eingeliefert wird. Daher war es im letzten Jahr Krankenhaus A, in diesem Fall Krankenhaus B. Sie als Patientin war die einzige Schnittstelle zwischen den beiden Häusern sowie ich als Begleitung. Und jetzt fehlte hier die digitale Verbindung: in beiden Krankenhäusern lagen nun wertvolle Daten über die Vorgeschichte und die Gesundheit der Patientin vor. Sie wären jetzt hilfreich nicht nur für die Medikamentengabe, sondern insgesamt zur Einschätzung der aktuellen Situation hilfreich – und notwendig. Aber: Die Ärzte haben keinen Zugriff auf die Daten. Die medizinischen Daten liegen nicht beim Patienten gebündelt, sondern sie liegen wohl verwahrt in den behandelnden Praxen. Sie liegen in Silos verwahrt und sind nutzlos, wertlos für die Patientin. Im Zweifelsfall kann das ein Leben aufs Spiel setzen. Umgekehrt könnte der Zugriff auf individuelle Daten von Patienten Leben retten.

Der Arzt fragte mich also: Wie heißt denn das Präparat, welches die allergische Reaktion ausgelöst hat? Meine Antwort war: „Das weiß ich nicht mehr. Aber rufen Sie doch die Kollegen im Krankenhaus A an. Die wissen das doch noch vom Aufenthalt der Patientin dort. Das findet sich sicher in den Akten.“ Antwort des Arztes: „Es ist Sonntag. – Wir haben keinen Austausch und Zugriff auf Daten aus anderen Häusern.“ So musste ein Medikament eingesetzt werden, bei dem nicht klar war, wie die Patientin reagieren würde.

Eine digitale Krankenchipkarte wäre da hilfreich gewesen. Die Informationen sind an den Patienten gekoppelt – und jeder, der in einem medizinischen Fall helfen muss oder soll, hat hierauf Zugriff. Ebenso wie der Patient natürlich selbst auch. Natürlich mit einem umfassenden Paket des Datenschutzes.

In Deutschland gibt es das nicht.

In Estland aber funktioniert das mit der elektronischen Krankenakte ganz hervorragend. Ich konnte mich im North Estonia Medical von Tallinn selbst darüber informieren. Hier sind die Daten zur Krankenversicherung sowie über alle medizinischen Details auf dem elektronischen Ausweis gespeichert. Jeder Einwohner von Estland hat eine solche elektronische Identity Card, mit der so ziemlich alles möglich ist: das Abrufen von staatlichen Dienstleistungen, das Wählen – und auch die komplette Datenlage über alle medizinischen Daten, Fakten und Arztbesuche.

Das Foto zeigt die ID-Card Estonia.

Plastik bündelt Daten

Hier findet sich die komplette medizinische Genese. Mit Vermerk, wer Zugriff hat, hatte und warum. Bereits beim Eintreffen in ein Krankenhaus haben die behandelnden Ärzte einen umfassenden Wissensvorsprung. Natürlich können auch sie nicht ganz wahllos in allen Daten herumstöbern, die Wege der Zugangsberechtigung sind konkret vorgegeben. Und mit speziellen Codes gesichert. So kann etwa der Chefarzt eines Hauses einen umfangreicheren Einblick nehmen als Schwestern. Jeder Zugriff wird vorher auf Berechtigung geprüft. Jeder Zugang wird dokumentiert. Und: Stellt der Patient einen unberechtigten Zugang fest, zieht das konkrete Sanktionen auch für die Ärzte nach sich. Ein System, welches einen hohen Mehrwert aufweist und Vertrauen geschaffen hat. Durch die elektronische Krankenakte sind übrigens auch alle bildgebenden Verfahren gespeichert, wie etwa Röntgenaufnahmen. Estland ist an der Stelle ein Vorreiter. Es ist nicht erstaunlich, dass so viele Nationen in das nördlichste EU-Land reisen, um sich digital aufzufrischen.

Die Praxis, wie ich sie hier in Deutschland beschreibe, zeigt allerdings bereits ebenfalls, dass eine Sortierung von medizinischen Daten nach Leistungserbringer nicht aufrecht zu erhalten ist. Das gilt übrigens um so mehr, als dass die Daten immer umfangreicher werden und wir ein hohes Maß an individueller Selbstverantwortung in der Medizin etabliert haben. Nur über seine eigenen Daten hat hier keiner die Hoheit. Schon gar nicht die Kassenpatienten.

Zudem sind wir eine alternde Gesellschaft Die Fakten der Demographie zeigen auf nahende Überalterung. Mit dem Nebeneffekt, dass künftig immer mehr Menschen den Überblick über ihren Gesundheitszustand im Alter verlieren werden. Es ist kaum zu erwarten, dass dann etwa die pflegenden Angehörigen oder andere Dritte diesen Überblick auch noch angemessen bewältigen und verantworten müssen.

Digitale Strategien können Leben retten. Wir sollten endlich diesen Weg gehen.

Mr. Robo statt analoges Suchen

Wir müssen uns unterhalten! Es wird höchste Zeit: Darf man an Demenz erkrankten Menschen im Krankenhaus elektronische Suchbänder umbinden, um sie schneller wiederzufinden, wenn sie „weglaufen“? Und könnten künftig Roboter oder Drohnen auf die Suche nach diesen vermissten Patienten gehen?

Die zweitälteste Bevölkerung der Welt, nämlich wir in Deutschland, sollten Digitales als Chance für den demographischen Wandel verstehen. Daher meine Antwort vorweg: Ich finde ja, man darf. Und Roboter sollten sogar zum Einsatz kommen.

Das Foto zeigt einen Roboter der älteren Ausgabe in der Ausstellung der DASA.

Mr. Robo das Multitalent

Die Gesellschaft altert, die Anzahl der Hochbetagten steigt signifikant. Damit erhöht sich die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen stetig. In fast jeder Familie findet sich mittlerweile jemand, der in einer anderen Zeit lebt, der seine Angehörigen nicht mehr erkennt – der massiv Hilfe braucht – der an Demenz erkrankt ist. Das Stadium der Erkrankung ist dabei fließend.

Zuhause bleiben

Die meisten Menschen wollen in den eigenen vier Wänden verbleiben und im Alter zuhause betreut werden. Das jedenfalls wünschen sich die meistern Befragten, die nach ihrer Versorgung im Alter befragt werden. Das ist auch billiger für den Staat – und für Familien. Was sich so locker daherfabuliert, wird aber in der Regel auf die Schultern der weiblichen Familienmitglieder gepackt. Betreuung Älterer und Pflege ist allerdings ein Full-Time-Job, neben Familie und Beruf ist diese Herkulesaufgabe nur eine kurze Zeit wirklich zu leisten. Ganz besonders ist die Bewerkstelligung einer Demenzbetreuung. In Deutschland knüpfen wir hier übrigens gern nahtlos an die Tradition unserer Kindererziehung an: wer sein Kind in die Kita gibt, ist Rabeneltern. Wer seine Angehörigen in Pflege gibt, ist es nicht wert. Das aber wäre noch ein weiters Thema.

Nicht vorbereitet

Trotz aller Fürsorge passiert es, dass die erkrankten Dementen sich verletzten oder gar derart erkranken, dass sie stationär behandelt werden müssen. Also im Krankenhaus landen. Meine Behauptung ist die: Die Krankenhäuser in Deutschland sind auf diesen Anstieg der Fallzahlen von Patienten mit Demenz nicht eingestellt. Sie sind schlicht überfordert. Die Einrichtung von Demenzbegleitern oder auch ehrenamtlichen Helfern sowie Sozialberatern in den Häusern reicht nicht aus, um dieser Herausforderung gerecht zu werden.

Was passiert, wenn ein Mensch mit Demenz ins Krankenhaus kommt: Neben der Problematik der kognitiven Fähigkeiten ist die größte Gefahr die des „Weglaufens“. Ist der Patient halbwegs mobil, bricht in dem Fall schnell das Chaos aus. Die Krankenhäuser dürfen die Patienten nicht festhalten, auch nicht die Türen abschließen. Die Menschen können sich also frei bewegen – und das tun sie auch. Sie folgen ihrer „Hinlauftendenz“. Früher hieß das noch „Weglauftendenz“. Auf einer Station mit 30 Patienten und vielleicht zwei Nachtschwestern kann das zu einer allerhöchsten Bedrohung werden. Verschwinden die Dementen, ist die große Suche angesagt bei der oft Logik nicht das Suchkriterium ist. Wenn man großes Pech hat, verlassen die Menschen sogar das Haus. Sie sind dann regelrecht schutzlos. Und die Angehörigen sind hilflos.

Personenortung privat längst Fakt

Im privaten Bereich ist das schon einfacher, da kommen immer mehr technische Systeme mittels GPS zur Personenortung zur Anwendung, die das Finden der „Läufer“ erleichtert. Hinweise dazu finden sich auch auf der Seite der „Deutschen Alzheimergesellschaft“. Danke an @Wolfgang Ksoll für diesen Link.

Das Foto zeigt einen Rollstuhlfahrer auf einem Klinikflur.

mobil ohne Ziel

Ruhelos 

Nun darf man im Krankenhaus dem Pflegepersonal keinen Vorwurf machen – sie machen ihre Arbeit bereits oft über das Limit hinaus. Gesundheit ist ein Wirtschaftsfaktor, Geld und Personal für Menschen ist knapp gehalten. Als Angehöriger fragt man sich allerdings, wie das gehen soll – die Patienten dort allein zu lassen, nachts beruhigt zu schlafen, wenn der demenzerkrankte Patient aber nicht geschützt ist. Aber durchaus geschützt sein könnte!

Das Betreuungsrecht ist so eine Sache. Menschen dürfen nicht einfach festgehalten werden. Bei Dementen ist hier eine Grauzone gegeben: denn sie wissen nicht mehr, was sie tun, wenn sie etwa im Nachthemd in die Kälte entwischen. Selbstbestimmung ist ein hohes Gut, welches jeder Mensch für sich in Anspruch nehmen muss. Unbestritten. Da beginnt jedoch der Punkt, über den wir uns unterhalten müssen. Es gilt, die Würde bei Demenz und die Fürsorge der Angehörigen neu in Beziehung zu setzen, sie neu zu vermessen. Wann wird die Selbstbestimmung für den Betroffenen würdelos? Und muss man nicht längst flächendeckend mehr digitale Hilfsmittel einsetzen, die diese Würde und Selbstbestimmung lange erhalten können?

Analoge Suche ist ein Luxus 

Jetzt ist die Praxis im Krankenhaus eher diese: Sind Demente mobil unterwegs, folgt ihnen ein Pfleger, der sie aber nicht „festhalten“ darf. Das ist allerdings „Luxus“, denn dafür ist normalerweise gar keine Zeit und kein Personal vorhanden. Glück ist es, wenn jemand überhaupt rechtzeitig bemerkt, dass da gerade ein Mensch wegläuft, der nicht mehr auf sich selbst aufpassen kann. Ist jemand verschwunden, kommen teilweise sogar Suchhunde zum Zug. Im besten Fall werden die Vermissten umgehend gefunden. Mittlerweile kann man im Außenbereich dafür auch Drohnen einsetzen, die auch in unwegsamen Gelände Überblick behalten.

In dem Fall der Hinlauftendenz wünsche ich mir ein elektronisches Armband um das Handgelenk der Menschen mit Demenz, wenn sie ins Krankenhaus kommen. Das gibt Signal, wenn er oder sie die Station oder das Krankenhaus verlässt. Das Haus muss daher mit Sensoren ausgestattet sein, die diese Signale auch abgeben. Im Grunde funktioniert das System wie eine elektronische „Wegfahrsperre“. In einigen Häusern ist bereits ein Roboter in der Testphase unterwegs auf den Fluren, der die Patienten nach Erhalt des Signals wieder „einfängt“. Er sucht sie, findet sie, funkt Hilfe herbei und begleitet die Menschen zurück in menschliche Obhut. Gleiches kann ich mir in Pflegeheimen vorstellen, die keine geschlossene Abteilung haben aber „Läufer“ beherbergen.

Künstliche Intelligenz als Altersvorsorge

Das hört sich unmenschlich an? Auf den ersten Blick vielleicht. Allerdings muss man das Thema langfristig betrachten. Die nächste Generation wird sehr viel weniger Pflegepersonal vorfinden, sie wird dies ggf. auch nicht mehr bezahlen können. Und die nächste Generation wird ganz anders alt, viel selbstbestimmter und mit höheren Ansprüchen an Individualität. Da werden Roboter, also ingesamt künstliche Intelligenz helfen müssen, die Selbstbestimmtheit solange wie möglich zu ersetzen. Gleiches gilt übrigens auch für den Verbleib im eigenen Zuhause der Menschen, auch hier hilft der Roboter.

Alles Spinnerei? Gerade eben hat ein jugendlicher Softwareentwickler in Japan „Socken mit Signal“ erfunden: Sein Opa leidet an Demenz. Er lief weg. Mit den Sensor-Socken, die er jetzt trägt, bekommt die Familie ein Signal, wenn der alte Mann wegläuft. So ist Hilfe sofort möglich. Und die Menschen mit Demenz gefährden sich nicht mehr selbst, die Familie kommt zur Ruhe. Japan ist übrigens die älteste Gesellschaft der Welt, sie gilt sogar schon als „überaltert“.

Let´s talk about…

Mir ist der professionelle Einsatz von digitaler Technik beim Suchen und Finden sehr viel lieber als das angstbelastete analoge Suchen in Feld und Flur, wo Logik nicht die Suchkriterien sind. Nur reden müsste man drüber: Was will eine alternde Gesellschaft wie wir? Ist künstliche Intelligenz dabei Fluch oder Segen? Und müsste das nicht längst auch in jedem Krankenhaus Thema sein?