Colab on Tour vor Ort – Wennigsen

Das Colab Internet und Gesellschaft war auf Tour vor Ort: in der Modellregion Wennigsen. Zur Erinnerung: zur Zeit läuft die 11. Initiative des CoLab zur #digitaleRegion auf Hochtouren. Die zweite Modellkommune Augsburg wird im September besucht. (Ich war beruflich für die Bertelsmann Stiftung und das Projekt Smart Country dabei, die im Netzwerk des Colab mitwirken.)

Ein Meilenstein ist der Reality-Check vor Ort. Was passiert, wenn die digitale Blase auf die Realität trifft – und vor allem, was sagen die Bürger zur Digitalisierung?

Wir haben als erstes dazu die Bürgerinnen und Bürger auf der Straße in Wennigsen/Deister befragt. In der Nachbarstadt von Hannover leben rund 14.000 Menschen, das Meridianalter liegt bei 48,8 Jahren.

Innerhalb von einer halben Stunde waren 30 Fragebögen zur digitalen Region ausgefüllt, viele Gespräche schlossen sich an.

Das Foto zeigt das Team des Colab am Infostand.

Colab Reality-Check in Wennigsen

Schnell wird klar: Die Menschen im Ort können mit den abstrakten Begriffen wie #digitaleRegion oder #Digitalisierung an sich gar nichts anfangen. Sie winken ab. Im Gegenteil, sie fragen zurück: Was meinen Sie denn überhaupt damit? Und dann sind es wir, die Digitalisierung erklären müssen.

Bitte konkret werden 

Wenn es dann konkret wird, ist auch Digitalisierung im Alltag ganz konkret zu greifen. Bei einer Frage sind alle gleich dabei, jeder ist im Bild: „Haben Sie schnelles Internet zuhause?“ Dazu kann fast jeder etwas sagen. Ohne Unterschied in der Altersklasse: Fast ausnahmslos jeder nutzt es. Wir haben nicht nur die zahlreichen Schüler in der Mittgaspause befragt. Deren Wunsch formulierte sich unisono in schnellerem Netz (100.000erLeitung bitte!) und auch in einem flächendeckenden WLAN. Die ältere Generation war noch eher zufrieden mit der Geschwindigkeit, doch ihnen ist klar: ohne Internet wird es künftig gar nicht mehr gehen. Das Verständnis für Veränderungsprozesse dieser Art ist angekommen.

Demographie wirkt 

Auch auf dem Radar ist: die Gesellschaft wird älter. Auch in Wennigsen ist das spürbar. Die Bedarfe an digitalen Hilfsmitteln sind vorhanden. Weil wir vor einem Lebensmittelgeschäft stehen, entzünden sich die Diskussionen schon an der Logistik des Einkaufens im Alter. Sind die Einwohner der Stadt mobil, ist das kein Problem. Sinkt der Bewegungsradius jedoch, tauchen Bedarfe auf, insbesondere im ländlichen Raum mit höheren Distanzen: Wie bekomme ich meine Einkäufe ins Haus? Die Vorstellung, dass künftig die Online-Bestellung möglich ist, finden viele gut. Sie möchten aber auf einen direkten Plausch im Ortskern auch nicht verzichten. Eine Nachbarschafts-App für gemeinsame Mobilität wäre hilfreich. Auch die kommunalen Dienstleistungen sollten gerne digital abrufbar sein, wenn man sich um ältere Angehörige kümmern muss. Diese Diskussionen holen viele in Wennigsen ab in ihrem Lebensalltag, den sie in einer eher ländlichen Gemeinde gestalten müssen.

Sprache und Verfügbarkeit 

Aber auch kritische Stimmen sind dabei. Ein Aspekt taucht immer wieder auf. Die „Sprache“ zur Digitalisierung: Viele verstehen die englischen und fremden Begriffe nicht – obwohl diese doch den Alltag der Menschen berühren. Sie fühlen sich dadurch abgehängt, sie haben keine Worte, digitale Trends zu beschreiben. Einige haben auch Angst, mit der Schnelligkeit der Entwicklungen nicht mehr Schritt halten zu können.

Sorgen bereiten auch die Vermischung von Arbeit und Beruf. Zwar steht der Vorteil des Arbeitens von zuhause aus im Vordergrund. Die Befürchtung, dann aber auch ständig verfügbar zu sein, steht an gleicher Stelle sehr weit oben.

Was in Wennigsen besonders bemerkenswert ist: Die Bevölkerung zeigt sich durchweg offen für Veränderung. Der Eindruck ist entstanden und geblieben, dass es der Stadt gelungen ist, die Menschen mitzunehmen in dem Prozess der Weiterentwicklung.

Hier eine kurze Einschätzung von Damian Paderta, Gerald Swarat, der die 11. Initiative leitet, Florian Apel-Soetebeer und Resa Mohabbat Kar, GF des CoLab. (Leider wollte kein Wennigser selbst vor der Kamera sprechen, das war dann zu viel Netz. Und die jungen Schülerinnen und Schüler wollten wir ohne die Erlaubnis der Eltern nicht aufnehmen.)

Jetzt wird die Befragung ausgewertet. Dies soll jedoch nur ein Meinungsbild wiedergeben, die Antworten sind keineswegs repräsentativ. Wichtig war und im Fokus stand, einmal vor Ort ins Gespräch zu kommen und über Digitales zu reden. Wir haben ein Panorama an Vielstimmigkeit erlebt.

Der Praxischeck ist sicher gelungen – und zeigt, wie lohnenswert es ist, den Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis zu moderieren. Die Ergebnisse fließen in den folgenden Workshop vor Ort mit ein. Hier treffen lokale und regionale Akteure auf das Netzwerk des CoLab, um gemeinsam einen konkreten Fahrplan für eine digitale Region zu entwickeln.

Den Fragebogen kann man noch hier downloaden und beantworten.

Und das schreibt die Presse. HAZ / NDR / lokales Medium Calenberger online News

Dieser Beitrag findet sich in ähnlicher Form auch auf der Seite Wegweiser Kommune-Blog und im Blog CoLab.

IT Ausstattung – Museum oder Zukunft?

Update 21. August 2016: 

Mich erreichen Fragen, was ich denn empfehlen würde. Vier Schritte:

  1. Ein Generalstreik der Eltern und SchülerInnen. „Kein Fuß mehr in analoge Schulen“.
  2. Das Dezernat Bildung ist mit seinen vielfältigen Aufgaben überlastet. Bildung muss einen eigenen Fokus haben.
  3. Die belastbaren und belegbaren Fakten zu Bildung müssen auf den Tisch: Wo genau steht die Stadt denn mit ihren Bemühungen – und wo ist das Ziel? 
  4. Der Bürgermeister macht „Schule“ zur Chefsache.

In meiner Heimatstadt erscheint heute (!) ein Artikel in der Neuen Westfälischen, der die mangelnde Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik beklagt. Die Ausstattung insbesondere der Grundschulen mute technisch eher an wie die in einem Computermuseum. Der zuständige Dezernent für Bildung erklärt, man arbeite an einer IT-Strategie. Die zuständige Vorsitzende des Bildungsausschusses ist unzufrieden mit dem Tempo der Entwicklung. Eine politische Zustandsbeschreibung, die sicher auf viele Schulen in Deutschland zutrifft.

Diesen Zustand habe ich selbst schon beklagt als ich 2001 als Grundschulmutter in einer solchen Steinzeitschule Computer gespendet habe. Damals hieß es: Wir arbeiten an einer IT-Strategie. Diesen Zustand habe ich im Wahlkampf als Bürgermeisterkandidatin beschrieben. Da hieß es: Wir arbeiten an einer IT-Strategie.

Getan hat sich: nichts.

Jämmerlich.

In der Welt da draußen aber hat sich schon etwas getan:

Wir befinden uns am Tor zur Ära der 4. industriellen Revolution. Das Internet verändert schon jetzt unser gesamtes Leben in allen Lebensbereichen.

Angesichts dessen: Man kann Schulen so analog lassen, wie sie sind. Man muss nur irgendwann dafür gerade stehen.

Digitalisierung mal hier in Zahlen / im Überblick: 

Anteil der Internetnutzer weltweit 1995 noch 1 Prozent, Anteil der Internetnutzer weltweit 2014 41 Prozent (s.u.).  (Quelle: brandeins in Zahlen, Juni 2016) Der Anteil der Internetnutzer in Deutschland 2015 liegt bei knapp 78 Prozent.

Anteil der Handynutzer 2014 weltweit 73 Prozent. Anteil der Jugendlichen, die in Deutschland ein Handy besitzen, im Alter von 10 bis 11 Jahren, im Jahr 2014 = 76 Prozent. Anteil der Jugendlichen, die ein Handy besitzen im Alter von 16 bis 18 liegt 2014 bei 96 Prozent.

Anteil der Internetznutzer in Deutschland im Alter von 16 bis 24 Jahren: 100 Prozent. Anteil der Internetnutzer in Deutschland im Alter von 65 bis 74 Jahre: rund 58 Prozent. Im OECD-Durchschnitt: die jungen Nutzer liegen auch hier bei 100 Prozent, die Älteren bei rund 50 Prozent. (Quelle: brandeins Juni 2016)

Marktkapitalisierung von Firmen in Mrd. Euro im Juni 2016:

Apple 487 Mrd. Euro

Microsoft 378 Mrd. Euro

alphabet 420 Mrd. Euro

Amazon 307 Mrd. Euro

facebook 245 Mrd. Euro

Siemens 82 Mrd. Euro/ VW 68 Mrd. Euro / Daimler 65 Mrd. Euro / Continental 38 Mrd. Euro/ Thyssen 22 Mrd. Euro

Quelle: brandeins, Juni 2016

Laut Studie des Weltwirtschaftsforums in Davos fallen in den nächsten 5 Jahren 5 Millionen Arbeitsplätze in den 15 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern weg.

Hier ein Zitat aus einer Meldung aus heise online: „Schlüsseltechniken wie Maschinenlernen, Künstliche Intelligenz, Robotik, Nano- und Biotechnik oder 3D-Druck führten zu gewaltigen Umbrüchen nicht nur der Geschäftsmodelle, sondern auch in den Arbeitsmärkten, heißt es in der Analyse, für die das Forum Experten aus den 350 größten Konzernen der Welt befragte. Es sei davon auszugehen, dass im untersuchten Zeitraum bis zu 7,1 Millionen Arbeitsplätze wegbrechen könnten. Dies beziehe sich weniger auf Fabriken als vielmehr auf Bürojobs etwa im Gesundheits-, Energie- und Finanzsektor. Dem stünden rund 2,1 Millionen neu geschaffene Jobs gegenüber. Diese entstünden vor allem im Sektor Informations- und Kommunikationstechnik, aber auch in der bereits gebeutelten Medien- und Unterhaltungsbranche.“

Der einzige Roboterbau in Deutschland, Kuka, wird mit weiteren Anteilen an China verkauft. 

In den nächsten zehn Jahren wird geschätzt, dass rund eine Billionen an Sensoren miteinander vernetzt sein werden (IOT).

43 Prozent aller Menschen auf der Erde sind mit dem Internet verbunden.

Hier ein kleiner Einblick in das Ranking des World Economic Forum

„The Global Information Technology Report 2016“:

Künftige Skills für das Bestehen in der Arbeitswelt sind stark geprägt durch Kompetenzen im Umgang mit digitaler Technik und digitaler Haltung.

Die Liste der Zahlen ließe sich weiter ausweiten. Die Interdependenzen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Bildung ebenso.

Aber ach, man hat ja noch lange Zeit, sich über die technische Ausstattung in den Schulen zu unterhalten…. und wenn das Konzept dann steht, kann die Umsetzung folgen. Und wenn die Technik da ist, kann man anfangen, Konzepte zu entwickeln, wie man damit umgeht. Wenn das dann klar ist, kann man Konzepte machen, wie man dafür Personal bekommt. Wenn das Personal da ist, ………………………………

Unsere Generation der heutigen Entscheider zerstört die Zukunft der Jungen. Unsere Generation der Entscheider muss dafür die Verantwortung übernehmen.

Pseudoromantische Orte

Sie sind mittlerweile die zentralen Nervenzellen unserer Gesellschaft. Sie regeln „uns“ im Alltag, sie regeln unsere Interaktion im öffentlichen Raum. Und fristen eigentlich ein sehr trübes Dasein: Die Elektronik in den grauen Kästen am Straßenrand.

Das Foto zeigt künstlerisch gestaltete Schaltkästen in Münster.

Zentren des öffentlichen Lebens Foto: Jürgen Zimmermann

Und dabei ginge es auch ganz anders. Das zeigt Künstler Tobias Rehberger mit seiner Aktion „The Moon in Alabama“ in Münster. Elf Objekte sind schon in den Genuss gekommen aus dem tristen Schattendasein des grauen Straßenbildes herauszutreten. Allen gemeinsam ist: Rohre, Schläuche und Buntes umwirkt sie. Über ihnen leuchtet der künstliche Mond. Je nach Lichtverhältnissen schaltet sich der darin befindliche Sensor an oder aus. Ein jeder Betrachter hat also die Wahl, auch mal bei Mondschein zu verweilen oder die bunt-quierlige Szenerie ohne Mondlicht zu genießen.

Rehbergers Intention: „Unorte durch einen Eingriff beleben, sie zu einem pseudoromantsichen Ort machen“. Da darf man der Immobilien- und Standortgemeinschaft Bahnhofsviertel in Münster gratulieren. Öffentlicher Raum, der sonst in Windeseile durchmessen wird, wirkt jetzt wie ein Magnet und hält fest. Vergessen wird der stinkende Individualverkehr ringsherum oder auch die vorbeidonnernden Busse auf der Bahnhofstraße. Hier wohnt man der Zukunft bei.

Das Foto zeigt einen Kunstschaltkasten von Rehberger in Münster.

Öffentlicher Raum und Lebensader Foto: Jürgen Zimmermann

Wenn dann die Gedanken des Betrachters neben der Lust des Innehaltens durch plötzlich auftauchende Schönheit im öffentlichen Raum dahin gelenkt wird, was die Innereien von diesen Schaltkästen alles können – und wie digital wir doch mittlerweile sind, ohne uns dessen bewusst zu sein. Ja, dann….

…könnte man an anderer Stelle gern weitermachen.

Digitales wird konkret

Ich arbeite in der 11. Initiative des CoLab Internet und Gesellschaft mit. Beteiligt ist auch der Verein Unternehmen für die Region (UfdR). Themenschwerpunkt ist: die #digitaleRegion.

Das Foto zeigt eine Brunnenfigur in Gütersloh bereichert mit einem Handy.

Digitales Foto: Jürgen Zimmermann

Im Zentrum stehen die Chancen und Herausforderungen der digitalen Transformation für den außerstädtischen Raum. Die Initiative wird getragen durch Experten unterschiedlichster Provenienz und hat ein tragfähiges Multi-Stakeholder-Netzwerk bestehend aus fach- und sektorübergreifenden Ansätzen und Perspektiven hervorgebracht. 

Digitales konkret greifbar machen  

Wenn Regionen digital werden – was bedeutet das denn überhaupt? Diese Frage beschäftigt auch uns. Theoretische Ansätze gibt es schon viele. Auch eine gesamtgesellschaftliche Diskussion dazu findet statt – auch, wenn die Risiken der Digitalisierung dabei immer gerne die Führung übernehmen. Die Frage ist allerdings längst nicht mehr, ob wir uns digitaler aufstellen müssen, sondern wie dies gelingen kann. Da setzt die Initiatve an und macht Digitales konkret. 

Wir suchen also den Reality-Check. Das Netzwerk hat zwei Modellkommunen ins Boot geholt, die sich regional vernetzen und sich so gemeinsam auf den Weg zu einer digitalen Region entwickeln wollen: Wennigsen/Deister und Augsburg. Im Zentrum stehen praktische und regionalspezifische Handlungsansätze für den eigenen digitalen Transformationsprozess. 

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Community befragen 

Theorie ist eine Sache, Praxis eine andere. Unsere Gedanken zu diesem Prozess wollen wir durch die Community erden und reflektieren. Aus diesem Grund sind in den unterschiedlichen Arbeitsgruppen verschiedene Fragebögen und Umfragen entstanden. Diese werden gerade in ganz Deutschland geteilt und beantwortet. Im Netz.

Hiermit verbunden ist die herzliche Einladung, an den Umfragen teilzunehmen, die direkt in unsere Arbeit einfließen:

Wirtschaft & Arbeit 

In der Arbeitsgruppe #Wirtschaft&Arbeit wurden in einer ersten Umfragerunde die fünf wichtigsten Fragen für den ländlichen Raum bezogen auf dieses Themenfeld ermittelt.  In einem aktuellen zweiten Schritt fragt die Gruppe nach guten Beispielen, die auf Regionen übertragbar wären oder konkrete Impulse sein können.

Mitmachen und die sechs Fragen dazu beantworten kann man hier .

Bildung & Lernen  

Diese AG fragt zunächst grundsätzlicher: Die Städte wachsen, die ländlichen Regionen entwickeln sich teilweise bedenklich. Wie kann Digitalisierung helfen, die Daseinsvorsorge vor Ort qualitativ zu unterstützen? Hier sind Fragen nach möglichen digitalen Treibern ebenso gestellt wie nach konkreteren Ansätzen und Beispielen, was Schule und Bildung angeht.

Zur Umfrage geht es hierlang. 

Facing Fears 

Auch Ängste gegenüber der Digitalisierung werden im Netzwerk mit Facing Fears adressiert, um diese zu kennen, ihnen aber auch Chancen gegenüberstellen zu können, die eine Mitnahme der gesamten Gesellschaft ermöglichen.

48 Ängste gegenüber der Digitalisierung finden sich in der Umfrage – gekoppelt an die Frage: Teilen Sie die – und wenn ja, in welchem Grad. Auch Ihre Haltung gegenüber Positionen wie neue Formen der Arbeit oder Smartphonenutzung stehen im Fragenkatalog. Sie können sich dazu positionieren.

Zur Umfrage geht es hier. 

Lackmustest für die Praxis 

Die jeweiligen Auswertungen werden veröffentlicht. Hier ebenso wie auf dem Blog des Colab und auch im WegweiserKommune-Blog. Die Ergebnisse bilden den Lackmustest, um den Bogen von der Theorie in die Praxis zu schlagen. Ich bin sehr gespannt, wie das gelingen kann.

Sehr gerne also mitmachen!

Audiohäppchen II

Der Paradiesbauer hatte zu einer Session eingeladen: Aufnehmen der Audiohäppchen II.

Das Foto zeigt das Cover der CD Audiohäppchen.

Genuss auf die Ohren

Gern bin ich der Einladung gefolgt. Zusammen mit Galli Trauernicht ist mal wieder etwas Entzückendes für Hirn und Ohren entstanden. Ganze 43 Stücke bereiten Hörgenuss – und Spaß.

Heute eine Kostenprobe „Scherenschnitt im Kleingedruckten“:

 

Digitales kann Leben retten

Wir tun uns sehr schwer im Umgang mit Daten im Gesundheitsbereich. Und doch könnten digitalisierte Verfahren helfen, Leben zu retten. So weit würde ich mittlerweile gehen.

Das Foto zeigt einen Besprechungsraum in einem Krankenhaus in Tallinn.

Digitales in der Gesundheitsversorgung

Ein Beispiel: Seit Jahren begleite ich eine Angehörige, die an Demenz erkrankt ist. Sie lebt in einem Wohnheim für an Demenz erkrankte Menschen. An einem heißen Sommertag in den letzten Wochen ist sie kollabiert. Das Heim hatte den Rettungswagen alarmiert. Nun lag sie mit hohem Fieber in der Notfallambulanz eines der Krankenhäuser der Stadt. Schnell war klar, dass ein Infekt die Ursache war. Als Medikament sollte ein Antibiotikum zum Einsatz kommen. Es stand die Frage im Raum, ob möglicherweise auch eine Allergie vorliege. Als Begleitperson konnte ich das mit „ja“ beantworten. Aus Erfahrung aus dem letzten Jahr war mir das bekannt. Im letzten Jahr war sie im Nachbarkrankenhaus eben damit behandelt worden – und hatte eine erhebliche allergische Reaktion gezeigt. Nur wusste ich jetzt allerdings den Namen des Medikamentes nicht mehr. Was tun?

Nun kann der Rettungsdienst sich nicht aussuchen, in welches Krankenhaus ein Patient eingeliefert wird. Daher war es im letzten Jahr Krankenhaus A, in diesem Fall Krankenhaus B. Sie als Patientin war die einzige Schnittstelle zwischen den beiden Häusern sowie ich als Begleitung. Und jetzt fehlte hier die digitale Verbindung: in beiden Krankenhäusern lagen nun wertvolle Daten über die Vorgeschichte und die Gesundheit der Patientin vor. Sie wären jetzt hilfreich nicht nur für die Medikamentengabe, sondern insgesamt zur Einschätzung der aktuellen Situation hilfreich – und notwendig. Aber: Die Ärzte haben keinen Zugriff auf die Daten. Die medizinischen Daten liegen nicht beim Patienten gebündelt, sondern sie liegen wohl verwahrt in den behandelnden Praxen. Sie liegen in Silos verwahrt und sind nutzlos, wertlos für die Patientin. Im Zweifelsfall kann das ein Leben aufs Spiel setzen. Umgekehrt könnte der Zugriff auf individuelle Daten von Patienten Leben retten.

Der Arzt fragte mich also: Wie heißt denn das Präparat, welches die allergische Reaktion ausgelöst hat? Meine Antwort war: „Das weiß ich nicht mehr. Aber rufen Sie doch die Kollegen im Krankenhaus A an. Die wissen das doch noch vom Aufenthalt der Patientin dort. Das findet sich sicher in den Akten.“ Antwort des Arztes: „Es ist Sonntag. – Wir haben keinen Austausch und Zugriff auf Daten aus anderen Häusern.“ So musste ein Medikament eingesetzt werden, bei dem nicht klar war, wie die Patientin reagieren würde.

Eine digitale Krankenchipkarte wäre da hilfreich gewesen. Die Informationen sind an den Patienten gekoppelt – und jeder, der in einem medizinischen Fall helfen muss oder soll, hat hierauf Zugriff. Ebenso wie der Patient natürlich selbst auch. Natürlich mit einem umfassenden Paket des Datenschutzes.

In Deutschland gibt es das nicht.

In Estland aber funktioniert das mit der elektronischen Krankenakte ganz hervorragend. Ich konnte mich im North Estonia Medical von Tallinn selbst darüber informieren. Hier sind die Daten zur Krankenversicherung sowie über alle medizinischen Details auf dem elektronischen Ausweis gespeichert. Jeder Einwohner von Estland hat eine solche elektronische Identity Card, mit der so ziemlich alles möglich ist: das Abrufen von staatlichen Dienstleistungen, das Wählen – und auch die komplette Datenlage über alle medizinischen Daten, Fakten und Arztbesuche.

Das Foto zeigt die ID-Card Estonia.

Plastik bündelt Daten

Hier findet sich die komplette medizinische Genese. Mit Vermerk, wer Zugriff hat, hatte und warum. Bereits beim Eintreffen in ein Krankenhaus haben die behandelnden Ärzte einen umfassenden Wissensvorsprung. Natürlich können auch sie nicht ganz wahllos in allen Daten herumstöbern, die Wege der Zugangsberechtigung sind konkret vorgegeben. Und mit speziellen Codes gesichert. So kann etwa der Chefarzt eines Hauses einen umfangreicheren Einblick nehmen als Schwestern. Jeder Zugriff wird vorher auf Berechtigung geprüft. Jeder Zugang wird dokumentiert. Und: Stellt der Patient einen unberechtigten Zugang fest, zieht das konkrete Sanktionen auch für die Ärzte nach sich. Ein System, welches einen hohen Mehrwert aufweist und Vertrauen geschaffen hat. Durch die elektronische Krankenakte sind übrigens auch alle bildgebenden Verfahren gespeichert, wie etwa Röntgenaufnahmen. Estland ist an der Stelle ein Vorreiter. Es ist nicht erstaunlich, dass so viele Nationen in das nördlichste EU-Land reisen, um sich digital aufzufrischen.

Die Praxis, wie ich sie hier in Deutschland beschreibe, zeigt allerdings bereits ebenfalls, dass eine Sortierung von medizinischen Daten nach Leistungserbringer nicht aufrecht zu erhalten ist. Das gilt übrigens um so mehr, als dass die Daten immer umfangreicher werden und wir ein hohes Maß an individueller Selbstverantwortung in der Medizin etabliert haben. Nur über seine eigenen Daten hat hier keiner die Hoheit. Schon gar nicht die Kassenpatienten.

Zudem sind wir eine alternde Gesellschaft Die Fakten der Demographie zeigen auf nahende Überalterung. Mit dem Nebeneffekt, dass künftig immer mehr Menschen den Überblick über ihren Gesundheitszustand im Alter verlieren werden. Es ist kaum zu erwarten, dass dann etwa die pflegenden Angehörigen oder andere Dritte diesen Überblick auch noch angemessen bewältigen und verantworten müssen.

Digitale Strategien können Leben retten. Wir sollten endlich diesen Weg gehen.