Wenn Atlas den Advent rettet…

Was haben Boston Dynamics und Adventssänger im Ostwestfälischen miteinander gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Auf den zweiten fällt mir eine Menge ein:

Boston Dynamics entwickeln Roboter wie Atlas, die auch in unwegsamen Gelände laufen können. Eine gute Voraussetzung, um auch im ländlichen Raum mit seinen unwegsamen Wegen und Gelände klar zu kommen.

Im Ostwestfälischen ist es ländlich. Gleichfalls ist im Ostwestfälischen die Überaltung der Bevölkerung auf dem besten Wege, ihre unangenehme Wirkung zu entfalten: So manche lieb gewonnene Tradition fällt flach, weil sie keiner mehr ausübt – es findet sich kein Nachwuchs mehr, der dazu bereit ist. Zu diesen Traditionen gehört auch das alljährliche Adventssingen in aller Herrgottsfrühe an den Adventssonntagen: Durch Texte, Gesang und manchmal auch Posaunenklänge der Adventssänger können die Menschen der Hektik des Alltags entfliehen und werden musikalisch auf Weihnachten eingestimmt. Ganz praktisch sonntags, ohne Kirchgang, ganz einfach – im Bett liegend, während die Sänger draußen in der Kälte stehen und unter den Fenstern singen. Die Zuhörer sollen sich auf den wahren Sinn der Adventszeit, das Warten auf die Ankunft Jesu Christi, besinnen.

In diesem Ansinnen laufen also jedes Jahr Adventssänger durch die Dörfer und Städte und bringen ihre Lieder zum Advent zum besten. Noch jedenfalls. Das ändert sich aus besagtem Grund der Alterung, es werden stetig weniger Sänger. Heute Morgen waren es noch drei, wo früher zehn sangen: „Macht auf die Tür, die Tor macht weit…“

Hier eine Kostprobe eines Adventsliedes, aufgenommen vom Paradiesbauer:

Was ist wenn…

…. nun niemand mehr so früh aufstehen möchte, um zu singen? Was ist, wenn aber niemand auf diesen wunderbaren Brauch verzichten möchte – weil es zur Vorfreude von Weihnachten gehört?

Dann kann Boston Dynamics künftig helfen: Ein Roboter wie Atlas erhält einen schönen Anstrich, passend zu Weihnachten in rot und weiß, gern auch mit einem Bart und einer Mütze dekoriert und wird bestückt mit altem Liedgut, Posaunenklängen und der Wegroute durch die Dörfer und Städtchen – um den Menschen in den Betten auch weiterhin ihren Adventsgruß darzubieten. Nur eben nicht mehr menschlich. Sondern digital. Er wird ja in der Regel gehört – und nicht gesehen. 

Ich würde mich drüber freuen, wenn ich dann so alt bin und vielleicht in einem Heim leben muss und Atlas steht mit seinen Adventsliedern unter meinem Fenster und singt. Erinnerungen an alte Tage werden so wach gehalten – und Atlas kennt selbst kein Alter, nur ein Update – und ein Ersatzteillager, vielleicht kann man so auch mal ein neues Adventslied aufspielen. So wäre Weihnachten gerettet.

Digital über den Wolken

Liebe Lufthansa,

ich fliege ja mit Dir durch die Luft. Vor und nach dem Flug bist Du sehr digital aufgestellt. Alles geht per Klick, das Suchen der Verbindungen, das Buchen, das Bezahlen, das Einchecken. Wunderbar. Ich brauche den digitalen Raum keinen Moment zu verlassen. Natürlich muss ich mich für die Reise noch selbst bewegen. Klar. Das bleibt wohl noch lange Jahre analog. Während vor und nach dem Flug alles online geht, bist Du aber  spätestens dann offline, wenn es in die Luft geht. Dein Kerngeschäft also ist bislang nicht digital.

Für mich als Dauernutzer der technischen Helferlein in meinem Smartphone ist das ein kleines Drama. Viele meiner Mitreisenden werden mir da zustimmen. Den Flugmodus einzuschalten ist ein klein wenig wie Abtauchen aus dem zweiten Leben, dem digitalen. Je nach Fluglänge kann das schon Beklemmungen hervorrufen. Es ist wunderbar, dass Du mir jetzt nicht mit Prof. Spitzer kommst und mich vor Internetsucht warnen möchtest. Das kleine Ding ist mittlerweile ja mein Büro geworden und sorgt daher für meinen Lebensunterhalt.

Im Gegenteil. Heute liest der geneigte Fluggast, dass Du Deine Flugzeuge flächendeckend mit WLAN ausrüsten wirst. So geht online auch in der Luft. Bei den Langstrecken sei das der Fall, bei den Kurzstrecken holst Du gerade auf. Das ist auch notwendig, wo Du doch in naher Zukunft konkurrenzlos fliegen wirst, seit die rot-weiße Flotte vom Himmel verschwunden ist.

Dass Du Geld nehmen möchtest für WLAN – auf den ersten Blick erscheint das verständlich, schließlich musst Du auch Deine Anteilseigner zufriedenstellen. Aber lass Dir aus der langen Debatte um WLAN in den Innenstädten gesagt sein: Kostenlos zieht mehr Menschen an. WLAN gratis ist in diesen Tagen der digitalen Transformation ein must have.

Ein Aspekt wird Dir vielleicht auch nicht ganz neu sein: Wenn in der Luft künftig WLAN verfügbar ist, minimierst Du auch die Angst vieler Deiner Kunden, die zwar niemals zugeben würden, dass sie Flugangst haben, aber diese extrem erleiden. Wenn der Flieger ruckelt und das weit oberhalb der Wolken passiert, möchte ich unbedingt augenblicklich den Begriff „Turbulenzen“ in Wikipedia oder sonst wo nachschlagen. Ich will Trost, Information und Beruhigung zugleich: Was war das nochmal mit den Luftmassen, warum entstehen die? Was macht der Pilot jetzt, schneller fliegen? Ich brauche Erklärungen. Wenn ich die aber bisher online nicht abrufen kann – packt mich die Panik. Beim letzten Flug ist der Gedanke entstanden: Stellt doch bitte eine App mit Infos für Panikflieger wie mich bereit. Die gibt es ja bereits – aber auch im passenden Modus für meinen Flieger, meine Route und meine Fluglinie? Gibt es Sky-Guru auch als passgenaue App für meinen Flug?

Du bietest doch auch analoge Kurse an, Flugangst zu überwinden. Gerne gesehen wäre eine eigene App zur Beruhigung – bevor irgendwann mal ein Avatar entwickelt wird, den ich individuell in 3D aufrufen kann und der mich nach Bedarf beruhigt. Jetzt, ohne diese Hilfsmittel drehe ich mich alle paar Minuten um und schaue, ob die Flugbegleiter noch ihr sympathisches Lächeln zeigen – oder schon in ernster Mine durch den Gang laufen – weil es draußen so turbulent zugeht, dass der Flieger bedenklich wackelt und ächzt. Wenn die Damen und oder Herren dann mal gerade nicht sichtbar sind, greift mir die Panik bis ans Herz. Das will keiner. Auch meine Mitreisenden nicht, die sich angesteckt fühlen.

Also: eine Panikapp würde ich sofort herunterladen – mit WLAN aktivieren und nicht mehr aus der Hand legen.

Und weil wir zum Jahresende kommen – gleich noch ein zweiter Wunsch. Da oben, so weit über den (wunderschönen) Wolken ist man als Fluggast doch relativ verloren. Wo ist jetzt Norden? Welche Stadt liegt gerade unter mir? Wo türmen sich die Wolken besonders auf – und warum eigentlich? Gibt es einen Navigator für „da oben“? Eine Art Augmented Reality für die Himmelsnutzung? Das wäre so prima, wenn die Wolken interaktiv sprechen könnten und Orientierung anbieten: Gerade passieren wir Frankfurt… oder so. Dann kann sich jeder ausrechnen, wie lange er noch im Luftraum verbringen muss und der Pilot braucht das auch nicht mehr anzusagen.

Und ja, am Ende wird Dein digitaler Auftritt wunderbar abgerundet durch die digitale Abfrage und Bewertungsmöglichkeit für den Flug, den Service und das Drumherum. Schön gemacht. Aber bitte schlage die Brücke für noch mehr Digitales in die Kernzeit: Beim Fliegen.

Herzlichen Dank und auf bald.

Dein Fluggast aus LH 2340 zuletzt aus Reihe 22F

Wir sind in der Sensibilisierungsphase!

„Ältere Menschen in ihrer analogen Welt dürfen nicht abgehängt werden!“ „Die Jugendlichen schauen doch nur auf ihr Smartphone und nehmen am Leben gar nicht mehr teil.“ „Facebook ist böse.“ „Datenschutz ist das wichtigste!“ „Vorschläge der Jugend müssen priorisiert werden und sind hier im Ausschuss von uns Politikern zu beschließen!“

Aufbruch gewünscht?

Sie wollen die Kontrolle behalten – und haben sie längst verloren. Sie sollen Zukunft gestalten, der sie aber längst meilenweit abgeschlagen hinterher hecheln. Ihr Altersdurchschnitt liegt zwischen 55 und 60. Längst ist ihnen bewusst, dass die Jüngeren ihnen eigentlich die digitale Welt erklären müssten. Längst sind sie aus dem Paradies der 80er Jahre vertrieben, als die Welt noch den Kalten Krieg kannte und die soziale Marktwirtschaft für Gemeinschaft sorgte und Computer etwas war für Spinnerte. Sie tun alles, um dieses bekannte analoge Leben noch ein klein wenig zu verlängern. Viele Verantwortliche in den Räten und Gremien stehen derzeit vor einem Epochenwandel.

Ähnlich unter Druck gefühlt haben sich wahrscheinlich zum letzten Mal ihre Vorfahren vor rund 100 Jahren: da war es die Elektrifizierung, die eine gesamte Gesellschaft aus den Angeln hob. Damals, als Strom auch nur einen An- und einen Ausschalter kannte. Kaum jemand dürfte einst erkannt haben, wie sehr elektrischer Strom die Welt verändern würde.

Nun steht wieder ein tektonisch bedeutsamer Kulturwandel an. Digitalisierung. Die kommunalen Entscheider sind gefragt, diesen Wandel zu gestalten. Wie kann das gelingen, wenn der Zug bereits volle Fahrt aufgenommen hat – nur nicht in der eigenen Stadt? Wie kann man glaubhaft vermitteln, man habe hier noch alles im Griff?

Viele Fragen, die sich da auftürmen. Unlängst saß ich auf der Zuschauertribüne in einer mittelgroßen Stadt und schaute zu, wie sich Kommunalpolitiker mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzten. In 26 Tagen leben wir im Jahr 2018. Seit Jahren ist das Thema Digitalisierung bekannt. Hier allerdings befasst man sich zunächst noch mit einer Idee für einen gesamtstädtischen Prozess. Bisher steht Digitales lediglich in Buzzwörtern auf dem Papier: Digitale Infrastruktur, Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, Handlungsfelder. Das gesamte Repertoire an üblichem Bullshit-Bingo ist versammelt. Eindrücklich zeigen die großen Wörter Wirkung, drücken die politischen Entscheider noch tiefer in ihre Sessel. Vorgetragen wird diese neue Welt von einem externen Berater, der gleich einem Rufer in der Wüste von Galaxien spricht, die niemand sonst im Raum je betreten hat.

Auf den Rängen im Zuschauerraum ist es mit Händen greifbar: Am liebsten wäre es ihnen da unten, wenn alles so bliebe, wie es ist – analog. Digitales kann gerne in der Zeitung stehen und man kann auch gerne drüber reden – aber Veränderung im eigenen Lebensbereich ist nicht das Ziel. So in etwa könnte ein jeder sein Leben gestalten, wenn man Ü50 ist und Privatmensch: sich entscheiden, Distanz zu nehmen von Fortschritt und Gestaltung und auch im Berufsleben so langsam an die Rente denken. Diese Generation wird sie wahrscheinlich noch erhalten. Für Menschen, die politische Verantwortung tragen und damit Entscheidungen treffen, die von weitreichender Relevanz sind für eine ganze Stadtgesellschaft inklusive für die nächste Generation ist diese Haltung des kommoden Einrichtens in der altbekannten analogen Welt jedoch Sprengstoff – der dann detoniert, wenn die fatalen Folgen dieser Fehlhaltung Wirkung zeigen aber die Verantwortlichen längst ihre Ruhegelder genießen und nicht mehr greifbar sind.

bitte nicht benutzen

Einige Highligts der Debatte:

Breitband. Bemängelt wird das Fehlen einer digitalen Infrastruktur. Moniert wird, Glasfaser sei künftig ebenbürtig mit Wasser, Strom und Gas. Man spricht von Daseinsvorsorge. Vergessen ist, dass sie selbst es sind, die sich seit Jahren um eben diese Glasfaser hätten kümmern sollen. Vergessen ist, dass sie niemals die Hand gehoben haben dafür, dass eine Stadt einen Anschluss an die Gigabit-Gesellschaft erhält. Vergessen ist in Mitte der Ratsperiode, dass sie bereits zur ihrem Amtsantritt keine Verantwortung für dieses Thema übernommen und diesen Umstand auch bis heute nicht korrigiert haben. Kritisieren sie das Fehlen von Glasfaser – kritisieren sie sich selbst.

Jugendbeirat. Ein Beirat soll gebildet werden, alle unter 30 dürfen jetzt mitmachen. (Es fallen hier hauptsächlich politisch aktive Jugendliche ein.) Es wird ein Personenkreis in den Fokus gerückt, den die Stadt bisher sträflich behandelt hat: „Die“ Jugend. Ihr bisheriges Dasein gestaltet durch die Stadt sah so aus: Der Computerschrott der letzten 20 Jahre, gespendet und zusammengetragen aus mühseliger Elternbereitschaft, verrottet in den Kellern der Schulen oder unter deren Dachboden. In Nutzung waren die Geräte selten bis nie. Flächendeckendes WLAN gibt es bis heute nicht, das Nutzen der Smartphones ist unter Todesstrafe in der Schule nicht erlaubt, in den Abiturreden wird Digitales verspottet, digitale Kompetenz im Lehrerzimmer wird schmerzlichst vermisst. Nun aber soll genau diese Gruppe es richten, der man in den kommunalen Ausschüssen bereits seit Jahren die digitale Ausbildung verwehrt hat. Ihre dennoch erlangten digitalen Fähigkeiten jedenfalls haben sich die Jugendlichen bestenfalls auf der Straße selbst organisiert. Zum Erlernen sogar von Programmierfähigkeit wurden sie in einzelnen Fällen in die Nachbarkommune chauffiert, dort gab es Kurse. Außerschulisch versteht sich.

Datenschutz. Keine Daten der Bürger dürfen verkauft werden! wird skandiert. Die Datenhoheit liegt längst schon nicht mehr bei den Kommunen. Die großen Anbieter Facebook, Amazon, Google – sie NUTZEN die Daten bereits. Kommunen können hier eigentlich nur noch damit antworten, ihre Daten als Open Data für die Nutzung der Zivilgesellschaft bereit zu stellen. Die Stadtspitze erklärte, sie habe „mal gegoogelt“. Die wichtigsten Passwörter der Nation. Die Bürger seien selbst Schuld, wenn sie so unbedarft damit umgingen. Und man solle auch alle Dienste in seinem Smartphone ausschalten, die eine Überwachung möglich machten, da müssten die Bürger selbst auf sich achten. Dass ein Smartphone eben seine Funktionalität aus genau diesen Diensten speist… Goldig, dieser Einwand.

Partizipation. Bürgerinnen und Bürger sollen befragt werden. Man kennt das in der besuchten Stadt bereits. Über die „Einmaligkeit“ ist man hier vor Ort bisher nicht herausgekommen, wenn es um so große Projekte geht. Ein Bildungsgipfel tagte genau einmal, so lässt sich vernehmen. Ein Digitalgipfel könnte ein ähnliches Schicksal erleiden.

Budget. Der Haushalt wird verabschiedet. Geld für diesen digitalen Prozess aber sucht der Interessierte vergeblich. Das notwendige Budget wird per Klinkenputzen eingesammelt, heißt es. Der wohl wichtigste Wandel in der Stadtgesellschaft wird damit auf Zuruf finanziert. Ein Weg in eine neue Epoche ist damit abhängig von feudalen Strukturen des Mäzenatentums oder der Spendierlaune weniger, die kaum demokratisch gewählt sind. Ideen aus dem letzten Jahrhundert.

Digitalisierung als Selbstzweck. Diesen Ansatz kann es gar nicht geben. Wir sprechen von Klimawandel und dem Umstand, dass unsere westliche Welt auf dem Rücken armer Länder konsumiert und lebt. Wir sehen uns einem demografischen Wandel gegenüber, in dem viele Menschen ohne Hilfe nicht überleben können – aber es sind zu wenige menschliche Helfer da. Wir sehen eine Umweltverschmutzung durch übermässige Mobilität, die unsere Umwelt zunehmend unbewohnbar macht. Digitales kann helfen, unsere Inkompetenz zu kompensieren und intelligent Lösungen schaffen.

Wie also will ein solches politische Gremium den Anschein erwecken, man handele? Mit der Antwort: Wir befinden uns in der Sensibilisierungsphase!

Offenbar hat man hier reichlich Zeit und Optimismus. Es gilt, diese Kommune im Blick zu behalten – als Anschauungsmaterial, wie Chancen verrinnen.

Am Abend in der gleichen Stadt gab es dann eine weitere Kostprobe, wie sehr eine alternde Gesellschaft am Nabel des Analogen hängt. Eine bekannte Fernsehmoderatorin gab ihre Kenntnisse zur Digitalisierung zum Besten: Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Medien.

In einem voll besetzten Raum mit rund 500 Zuhörern hätte man die Chance nutzen können, diesen epochalen Wandel zu beschreiben. In die Zukunft hinein zu transformieren, Antworten zu skizzieren. Mit relevanten Aspekten versehen – insbesondere vor einer Zuhörerschaft, die sich aus den Mitarbeitern einer Sparkasse zusammensetzte. Anlass genug, etwa auch zu thematisieren, wie sehr gerade das Bankgeschäft disruptiv attackiert wird: Blockchain, Bitcoins, Schließung von Filialen, alleine 2.000 in den letzten beiden Jahren bundesweit, Einsatz von KI mit Algorithmen, die eines besser können als Menschen: rechnen. Und damit das Kerngeschäft von Banken auf die Probe stellen.

Auf der Bühne entfachte sich stattdessen ein Feuerwerk von Naivität, bürgerlicher Gemütlichkeit „uns geht es doch so gut in Deutschland“ sowie ausgelassener Familienzentriertheit „meine beiden Kinder“. Gefragt, wie sich denn die Nutzung der Social Media auf die Informationsvermittlung auswirken werden, gab es als Antworten niedliche Anekdoten aus dem Redaktionsleben eines Fernsehen, wie sehr die Online-Kollegen doch belächelt werden mit ihrem „schneller und kürzer“. Und auch diese Antwort überzeugte kaum: „Ich selbst bin ja nicht bei Facebook“ – für eine Digitalexpertin eine heikle Aussage. Und auf Twitter ist sie auch nur mit einem Rumpf und lediglich einem Tweet. Aber Aussagen über Digitalisierung treffen und sich darüber aufregen, dass nicht alle Welt den Qualitätsjournalismus ihres Senders als Infoquelle nutzt, sondern auch das Netz.

Am Ende gab es den freundschaftlichen Hinweis, dass christliches Ehrenamt ganz schön sei. Und Kirche. Das war sicher ein Trost für alle diejenigen im Publikum, die künftig beten müssen, dass ihre Arbeitswelt noch einen Platz für sie bereit hält.

Ende gut…

Im Verlauf des gestrigen Tages fiel auch der Begriff „Technikfolgeabschätzung“, die man unbedingt brauche, um zu ermessen, was Digitalisierung mit sich bringe. – Ein Terminus aus den frühen Jahren der Wissenschaft um Gentechnik etc.

Heute müsste man vielmehr den Begriff „Zukunftsverweigerungsfolgeabschätzung“ einsetzen, um zu ermessen, welche Folgen das Wegducken einer alternden Entscheidergeneration für die nächste Generation nach sich ziehen wird. 

Gut, dass dieser Ausflug in eine digital nicht affine Kommune nur ein kleines Beispiel ist für die „German Angst“, die vielerorts bereits längst überwunden ist und die meisten Entscheider mit großer Lust seit langem auf den digitalen Zugwandel aufgesprungen sind.

Ein Segen, dass das hier eine Ausnahme ist – sonst würde ich mir ernsthaft Sorgen machen.

Von Sensoren und Mauerwerk

Was für eine Erkenntnis!

Im Rahmen des Barcamps von #OffeneKommunenNRW in Wuppertal habe ich ein kurzes Tape mit Caspar Armster vom OKLab Bonn aufgenommen. Sein Steckenpferd ist wie meines auch der ländlicher Raum. Ich habe ihn gefragt, was man mit Daten, die über Internet of Things gewonnen werden, anstellen kann. Hier eine Kostprobe von Wasserdaten und Rissen im Mauerwerk.

 

 

Der ländliche Raum ist charakterisiert durch die Herausforderung, Raum und Zeit möglichst intelligent zu überbrücken. Gerade im ländlichen Raum ist es daher äußerst spannend, dafür Sensoren zu nutzen, Vernetzung voranzutreiben – und neue Muster zur Steuerung einzusetzen, die ein Leben dort langfristig möglich machen, ohne von Teilhabe abgeschnitten zu sein.

Steiermark auf digitalem Wegen

Auf dem Steirischen Gemeindetag 2017 drehte sich alles um die Digitale Zukunft. Chancen, Herausforderungen und Risiken standen im Mittelpunkt. Damit machen sich insbesondere die ländlichen kleineren Kommunen auf den Weg, sich digital aufzustellen. Auf dem Gemeindetag in Loipersdorf trafen sich die kommunalen Vertreter zum Austausch. Ich war als Referentin eingeladen, um einen Blick in die Zukunft digitaler Möglichkeiten zu werfen – und digitale Zukunft ins Hier und Jetzt zu versetzen.

Dr. Martin Ozimic, Barbara Eibinger-Miedl, Hermann Schützenhöfer, Michael Schickhofer, Erwin Dirnberger, Dr. Walter Leiss, Dr. Anke Knopp, Prof. Peter Filzmaier

 

Digitaler Aufbruch

Das ÖRF „Steiermark heute“ hat einen kurzen Filmbeitrag mit Interviews geschnitten.

Auch Prof. Peter Filzmaier war an Bord, sein Beitrag befasste sich mit der Notwendigkeit neuer Kommunikation zwischen Politik, Verwaltung in den Gemeinden und den Bürgern. Schön und neu war sein kurzer Ausflug in die Erklärung der Begriffswelten, die die Wissenschaft für Digital-Erklärer gerne bereithalte – mit einem Schmunzeln offenbarte er, dass diese gerne als „Apokalyptiker“ benannt werden. Die wissenschaftliche Begleitforschung sei da ausbaufähig. Volle Zustimmung!

Politische Kommunikation

Filzmaier nimmt das Thema Glasfaser auf und verweist auf das Glasfaserranking, die Steiermark liegt hier im satten Mittelfeld – Gleichzeitig nimmt er meinen Beitrag zur Bürgerkommunikation via GovBots auf und betont, dass die verbleibende Jugend im ländlichen Raum künftig nicht mehr nachvollziehen will, dass man für Behördengänge persönlich auf dem Amt erscheinen müsse. 24/7 ist das Credo, Erreichbarkeit rund um die Uhr. Um eine schnellere und datenfähigere Kommunikation in Zukunft sicher zu stellen – braucht es Glasfaser. So forderte auch Gemeindebund-Präsident Erwin Dirnberger einen Schulterschluss von Bund, Land, Gemeinden und der Wirtschaft beim flächendeckenden Glasfaser-Breitbandausbau. In Überlegung ist eine Breitband-Infrastruktur-Gesellschaft des Landes, wie dies Landesrätin Barbara Eibinger-Miedl in ihrem Beitrag formulierte.

Mir wird bei dieser Tagung wiederholt deutlich: Veränderungen brauchen Zeit. Veränderungen brauchen stetige Wiederholung der Notwendigkeiten, digital aufzubrechen. Veränderung kann man nicht auf die lange Bank schieben – das betonen alle Verantwortlichen in den Interviews. Die Sensibilisierung ist hoch, die Nachfragen im Anschluss an die Vorträge zeigen die Lust, etwa mit Open Data zu beginnen und die dazu notwendigen Menschen in den eigenen Reihen zu finden.

Ziel erreicht also: Digitale Zukunftslust angekommen. Der ländliche Raum ist auf den Zug aufgesprungen.

Schnee in der Steiermark

 

Die neue Lust am Debattieren

Der Titel sagt schon, was da vor uns liegt an dem Abend im Theater am Alten Markt in Bielefeld: „Das unmögliche versuchen – eine solidarische Moderne“. Die Menschen sind eingeladen, unter dem Dach von „Lob der Freiheit“ eben das Unmögliche zumindest zu denken und zu diskutieren.

Das Unmögliche diskutieren #LobderFreiheit

Gleich vorweg: Mir fehlten die digitalen Chancen, die digitalen Denkmodelle, die helfen, diesen Epochenwandel wie unsere Zeit von Micha Brumlik benannt wurde, zu gestalten. Daher verstehe ich diesen Blogpost als Beitrag und Aufruf für „mehr digitale Kommunen“ zu obigem Format – nicht als Selbstzweck der Technikverliebten, sondern als Nutzen für Menschen, die befähigt durch die neuen Informations- und Kommunikationsmittel ihrerseits neue Antworten finden für eine Moderne, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Später mehr dazu. Hier erstmal das Setting der Diskussionsrunde:

Hätte die Veranstaltung in den Räumen der Gewerkschaft stattgefunden – kaum jemand wäre der Einladung gefolgt. Sage nicht ich, sondern stellt der Veranstalter als Frage in den Raum. Auf dem Panel nahmen Platz: Thomas Seibert (Philosoph, Autor und Mitbegründer des ISM), Micha Brumlik (Erziehungswissenschaftler und Publizist) und Nora Bossong (Autorin). Das Gespräch leiten Stefan Brams (Leiter Kulturredaktion der Neuen Westfälischen) und Fabian Kessl (Bildungswissenschaftler und Transformationsforscher, Mitglied der Initiative Politikwechsel in Bielfeld).

Ihr Ausgangspunkt, so wie er auf der Website von „Lob der Freiheit“ formuliert ist:

In ganz Europa sind Freiheit und Demokratie von extremistischen Tendenzen bedrängt. Zusätzlich führt eine scheinbar alternativlose Politik zu einem Erstarken dieser Kräfte am rechten Rand. Mit dem Aufruf »Das Unmögliche versuchen« werben die Denkfabrik Institut Solidarische Moderne (ISM) und die Initiative Bielefelder Politikwechsel für ein Zusammenwirken der zivilgesellschaftlichen Bündnisse für eine solidarische, freiheitliche und ökologische Moderne. Wie kann diese aussehen? Brauchen wir wirklich demokratische Alternativen oder müssen wir uns nur deutlicher wehren?

Der Theatersaal ist voll. Das Durchschnittsalter liegt bei geschätzten 55 Jahren, die Haartracht ist eher der Grauton – das gilt auch für das Panel. Das ist nicht unerheblich für die Diskussion.

Thomas Seibert gibt einen Impuls, fein gegliedert auf Papier – der geht in groben Zügen etwa so: Wir erleben eine revolutionäre Situation. Politik hinkt der Ökonomie weit hinterher. Historischer Wandel, nie dagewesene Veränderungen. Ein progressives Drittel der Gesellschaft schwört auf rot-rot-grün. Von hier aus wäre der Einstieg in den Ausstieg von „Weiter so“ mit Neoliberal anstoßbar. Zu erwarten gar. Bisher ist die Wende dahin nicht gelungen. (Jamaika als Gegenentwurf aber auch nicht.) Wir erleben eine Krise der Repräsentation. Wir erleben eine Krise des Aktionismus. Was tun?

Reden. Seibert zufolge brauchen wir neue Orte des Austauschens. Das Theater ist wunderbar geeignet. (Zustimmung). Im Dreiklang soll es weitergehen: Verständigung über die Krise, Übereinkunft über das, was da passiert (soziale Frage berühren, Demokratie, Europa, Integration) und schließlich die Verständigung über konkrete Projekte (BGE, Europa stärken, keine Recentiments des Nationalen). Die Frist für eine solche Wende sei knapp.

Die Autorin Nina Bossong verändert den Blickwinkel auf die jüngere Generation: skizziert Brexit, Gefährdung der EU, antidemokratische Tendenzen überall. Sie differenziert zwischen Meckern über Politik und Politiker einerseits, andererseits die Lethargie des eigenen Handelns.

Im Verlauf des Abends werden das zentrale Pole: Europa als umfassende Klammer und Zukunftsort für unser Dasein, sowohl als Individuen denn auch als politische Menschen mit dem direkten Brückenschlag in die Kommunen, die bereits der Ort sind, an dem Ideen konkret werden und Wirkung der Veränderung spürbar machen. Nirgends kann politische Teilhabe die eigene Lebensumwelt so mitgestalten wie vor Ort. Die Kraft der Kommunen gilt es zu stärken. – Digitales hilft dabei, davon spricht aber keiner.

Micha Brumlik macht das ganz große Fass auf: Epochenwandel. Digitalisierung nennt er beim Namen, als Einziger. Damit packt er mich, bleibt aber bei der Ankündigung und biegt ganz unvermittelt ab ins Bekannte: Die Mitarbeit in Parteien. Und: Ich will kein Mehr an Basisdemokratie. Das war seine Antwort auf meine Frage, die ich gestellt hätte: Kann man auf die Herausforderungen der Zukunft mit dem Werkzeugkasten aus dem letzten Jahrhundert reagieren? Ich brauchte sie also nicht mehr zu stellen, die Antwort war für mich ernüchtern, hatte ich doch das ganz Große zuende gedacht erwartet.

Allerdings streift Brumlik einen Aspekt, der den gesamten weiteren Abend berührt: Wir als Gesellschaft sehen uns einer Ungleichheit an Anerkennungspotenzial gegenüber. Wir sehen eine neue Klassengesellschaft: die meritokratisch liberalen Cosmopoliten. Ein wesentlicher Teil derer, die das angeht, sitzt hier im Theater.

Der Diskussionsverlauf des Abends zeigt, dass Menschen offenbar mehr gesehen werden wollen in dem, was sie tun. Bevor sie zu einem Beitrag zur Diskussion kommen, erklären fast alle aus dem Publikum ausschweifend, wo sie bereits aktiv sind, wie lange und wie konkret. Auf sprachlich höchstem Niveau. (Da passiert etwas analog, was diese sonst gerne als Malus der digitalen Welt – vor allem den Social Media – vorwerfen: Selbstreferentiell zu sein.) Flüchtlinge sind zentrales Thema ebenso wie Umwelt. Unsere Gesellschaft lebt mittlerweile genauso tragend von der ehrenamtlich engagierten Zivilgesellschaft wie von Steuermitteln ihrer Bürger. Bräche das Engagement weg, der Staat wäre funktionsuntüchtig. Wer allerdings Zeit und Geld und Hirn in dieses Engagement zu stecken vermag, der will auch mehr gesehen werden, gehört werden in seinen Anliegen – und berechtigterweise mitsprechen, wenn Entscheidungen gefällt werden. Da hat Brumlik den Nerv getroffen mit dem Aspekt Anerkennungspotenzial – so wie ich das verstanden habe.

Die Mitdiskutierer im Theater sind gleichwohl beredte Erfahrungsträger: erfahren in der Mitarbeit in vielen facettenreichen Initiativen oder auch erfahren als Parteimitglieder wissen sie von der Frustration, wenn Beteiligung nicht wirklich gelingt oder lediglich als Alibi gewährt wird. Eine solidarische Moderne muss sicher erstmal diese Frustration aufbrechen helfen. Hier ist viel Knowhow und Wissen abrufbar aber verharrt oftmals nur noch am heimischen Küchentisch – weil Formen des echten Bewirkens fehlen und die Frage Einzug gehalten hat: Warum tue ich mir das noch an? Antwort: Weil ein politischer Mensch ein politischer Mensch bleibt. Auch das war ein zentraler Punkt des Abends, das Hin- und Herschwanken zwischen engagiere ich mich oder nicht und wenn ja, wie? Die Antwort blieb in alten Strukturen hängen, auch, wenn Parteienbashing groß geschrieben wurde. Parteien helfen zu verteilen. War da Luhmann im Raum?

Ein Ratsherr aus Bielefeld drehte sogar den Spieß um und versetzte, er sei „Bürgerverdrossen“. Niemand komme zur Ratssitzung, selbst wenn der Haushalt mit einem Milliardenetat verabschiedet werde. Das Dilemma ist bekannt. Meine Empfehlung ist die, den Haushalt zu visualisieren, Offene Daten dazu kleinteilig im Alltag der Menschen anzubringen. Oder auch beim digitalen Bürgerhaushalt zu bleiben, wenn das auch Mehraufwand bedeutet. Dazu muss Politik sich jedoch Gedanken machen, wie ihr Handeln wieder vermittelbar wird. Kommunikation ist gefordert, auch da.

Hier setzen die Chancen des Open Government an. Was übrigens sowohl global als auch lokal bereits auf breiten Säulen steht. Open Government grundsätzlich setzt auf mehr Teilhabe, auf Transparenz und auf Koproduktionen der Beteiligten also Verwaltungen, Politik und Bürgerschaft. Selbstverständlich stehen die Formate auch der Wirtschaft und der Wissenschaft offen und binden diese ein. Wirtschaft verändert sich gerade, es zeigen sich tektonische Veränderungen in Hierarchie und Marktfähigkeit. Daten, offene Daten sind ein wesentlicher Bestandteil dieses neuen Wirtschaftens. Großes Potenzial kommt aus der Civic-Tech, getrieben durch die zivilgesellschaftlich Offenen Daten-Labore Code for Germany, die in ganz Deutschland entstanden sind und unter dem Dach der Open Knowledge Foundation im Netzwerk zusammenwirken. In den OK Labs treffen sich Entwickler, Coder und politisch Interessierte, die Neues entwickeln: in der Stadtentwicklung, in der Mobilität, im alltäglichen Leben. Kleinteilig begonnen etwa mit einem mobilen Parkplatzfinder, um den Suchverkehr in der Stadt zu minimieren bis groß gedacht etwa mit Apps in der Flüchtlingshilfe, wie Übersetzungsprogramme.

Das wirkungsvollste Projekt derzeit ist sicher das der Luftdateninfo.org aus Stuttgart. Ein Projekt, welches ich schon häufig beschrieben habe: Wir sprechen über Luftverschmutzung in unseren Städten, wir wissen, dass Feinstaub Menschen tötet. Staatliche Messungen gibt es nicht ausreichend, so haben zivile Entwickler (Hacker) Sensoren entwickelt, die selbst messen können – und ihre Werte auf eine interaktive Stadtkarte übertragen, in der visualisiert wird, wie hoch die Belastung an welchem Ort in der Stadt ausfällt. Jeder kann sich so einen Sensor bauen, jeder kann den aufhängen. Jeder kann die Daten ins Netz einspeisen und zum großen Bild beitragen. Durch die Erhebung und Vernetzung in Bürgerhand entsteht eine datengetriebene neue Interpretation von politischer Handlungsnotwendigkeit – die lange bereits bekannt war und diskutiert wurde – aber verpuffte und unerhört blieb. Durch Offene Daten ist es gelungen, Politik in die richtige Richtung zu treiben und Bürger haben dafür einen Beleg geschaffen.

Open Government gelingt sowohl lokal als auch global. Deutschland ist im Dezember 2016 dem globalen Netzwerk Open Government Partnership beigetreten – ein Kreis von Aktiven aus der Zivilgesellschaft treibt den Prozess in Deutschland voran – er ist offen für jedes neue Mitglied. Auch hier ist das Ziel, Prozesse, Entscheidungen und Grundlagen transparent zu machen. Digital zu denken, mit Raum und Einfluss der Vielen. Gerade hat die Zivilgesellschaft dazu 270 Forderungen aufgelistet, die dazu beitragen können, diese Art von Öffnung voranzutreiben. Keine Kleinigkeit, denn diese zielen in erster Linie auf die Handlungsebene des Bundes. Bisher münden 15 von ihnen in einem 1. Nationalen Aktionsplan Open Government, der verpflichtet umgesetzt wird. Im kommenden Jahr werden nun die Länder und die Kommunen adressiert – ein hervorragender Anlass, neue Formen und alte Initiativen zusammen zu bringen, einen Politikwechsel anzugehen. Das Netzwerk und der Verein #OffeneKommunenNRW haben für die lokale Ebene eine Art Blaupause entworfen und ein Open Government Manifest NRW formuliert, das auf Teilhabe abhebt.

Der Abend zeigte unter dem Strich: offene Dialoge, neue Formen des Austausches, Raum für Neues – alles dies ist gewünscht und wird gebraucht. Occupy als eine letzte Idee dieser Wünsche sei gescheitert – wurde diskutiert. Wer Kommunalisierung als eine Antwort sieht auf neue Formate, braucht so etwas wie Occupy. Der Ansatz von Occupy ist geblieben, wir sind die 99 Prozent. Mit dem Unterschied, dass wir heute davon ausgehen dürfen, dass wir 99 Prozent vernetzt sind – ein Unterschied, der eine andere Handlung ermöglicht.

Wenn die grundsätzlichen Möglichkeiten der Teilhabe reduziert erscheinen, dann ist es Zeit für Koproduktionen oder Cooperationen in der Entwicklung von neuen Projekten. Das hat einen gänzlich anderen Charakter als Beteiligungsmöglichkeiten am Ende von bereits feststehenden und entschiedenen Formaten wie wir sie heute kennen. Koproduktion als ein Teil von Open Government beteiligt bereits von Anfang an, lässt überhaupt Raum und Gelegenheit zu identifizieren, was angegangen wird und wie.

Im übrigen wäre diese Koproduktion auch erweiterbar um die Creativ-Wirtschaft in der Kommune. Künstler und Kulturschaffende, Medienmacher und Querköpfe können eingefahrene Prozesse genial anders beleuchten. Ein Schritt zurück zur distanzierten (Neu-)Betrachtung veranlassen oder simpel Zusammenhänge einfach dekonstruieren und anders zusammen setzen. Auch da gibt es bereits digitale Ansätze. Sie lassen sich finden. Vielleicht nehmen diese digital Bewegten dann auch bei der fortgesetzten Diskussion im Theater in einer der nächsten Runden Platz. Schön wäre es. Ansonsten: gut gemacht, dieser erste Aufschlag.

Netzwerken und Dialekt

Auf Einladung der Rheintalischen Grenzgemeinschaft hatte ich die Gelegenheit in Dornbirn Vorarlberg in Österreich über Digitalisierungsstrategien für digitale Regionen zu referieren.

Veränderung nicht auf die lange Bank schieben

Kreativität, Agilität und Mut gefragt sind. Vor Ort entscheidet sich die Zukunft der Gesellschaft. Damit der digitale Wandel gelingen kann, brauchen Kommunen Experimentierräume, Freiräume, um die „modischen“ Impulse der Digitalisierungswelle zwar aufzunehmen aber in ihrer Eigenart umzusetzen. Analog der Spannungsbögen zwischen Vergesellschaftung und Individualisierung können die Menschen vor Ort am besten erachten, welche Herausforderungen sie konkret angehen, um passgenaue Antworten für ihre Lebenswelten zu entwickeln. Regionale Eigenheit ist gefragt. Insbesondere das starke Aufkommen von künstlicher Intelligenz hinterfragt den Menschen nach seinem Alleinstellungsmerkmal, wenn man unterstellt, dass KI schneller und fehlerfreier Denken kann als Menschen das können – Menschen aber kreativ sind aber eben unberechenbar bleiben. 

Donath Oehri, Präsident des Netzwerkes und Manfred Batliner, Geschäftsführer des Netzwerkes, begrüßten und hoben diesen regionalen Aspekt der Eigenheit für ihr Netzwerk hervor.

U. a. Dr. Kurt Fischer, Bürgermeister von Lustenau, referierte über die veränderte Kommunikation zwischen Verwaltung und Bürgerschaft.

Ein Projekt, welches mich besonders begeistern konnte, ist der digitalisierte Dialekt aus der Gemeinde Lustenau. Die App „d’Luschnouar Sprôôch“ ist die Mundartdatei in Form eines Wörterbuchs. Sie beinhaltet Lustenauer Dialektwörter und Redewendungen mit Übersetzung ins Hochdeutsche. Ein besonderes Feature der App ist die Audiofunktion zur Wiedergabe der Lustenauer Ausdrücke.

 

Kommunale Infrastruktur wird smart 

Aufschlussreiche und spannende Informationen zu IOT, Internet der Dinge, in kommunaler Infrastruktur gab die Firma Zumtobel, bei der die Veranstaltung zu Gast war.

Zumtobel ist Lieferant für Services und smarte Technologie in Beleuchtungen aller Art. Schon heute sind etwa Straßenlaternen nicht nur Spender von Licht im öffentlichen Raum, sondern sie sind auch Sender und Empfänger von Daten. Diese Veränderung berührt die kommunale Infrastruktur ebenso wie die Daseinsvorsorge vor Ort. Sie ist ein zentrales Aufgabenfeld für die Kommunen der Zukunft. Wer stellt diese Technik bereit? Wie kann man dabei die Bevölkerung mitnehmen – und letztlich bleibt die Frage, wie das Allesnetz, wie @DamianPaderta es nennt, auf den Aspekt des OpenGovernment einzahlt: Transparenz, Partizipation, Koproduktion. Ist die neue Technik hilfreich zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen, oder keimt da lediglich ein nächstes TechThema auf, welches ein gewinnbringendes Geschäftsmodell der Zukunft ist ohne die Abläufe im Hintergrund transparent zu erklären und den Menschen dabei im Mittelpunkt zu sehen. Zahlreiche Baustellen für kommunale Verwaltungen und Politiker gleichermaßen zeigen sich bereits heute, wenn es darum geht, IOT für sich zu erkennen und zu nutzen. Digitale Veränderungen vollziehen sich rasend schnell und tiefgreifend. Kommunen sind gut beraten, wenn sie Veränderungen nicht auf die lange Bank schieben, sondern für sich nutzbar gestalten. In der Grenzgemeinschaft hat man das auf dem Radar.

Positive Veränderung durch Offenheit – unser Credo

Seit dem 11.11.2017 sind wir ein Verein: „Offene Kommunen.NRW Institut“ – das e.V. folgt nach Eintragung. (Dieser Beitrag findet sich gleichermaßen auch hier.) 

Open aus Prinzip: v.l.n.r. Christopher Reinbothe, Damian Paderta, Dieter Hofmann, Panagiotis Paschalis, Dr. Agnes Mainka, Dr. Tobias Siebenlist, Dr. Anke Knopp, Felix Schaumburg.

Wir haben uns im Rahmen des Barcamps #OKNRW in Wuppertal gegründet.

Der Verein „Offene Kommunen.NRW Institut“, kurz OKNRW Institut, setzt sich dafür ein, den Prozess der Offenheit, Zusammenarbeit und Transparenz auf landespolitischer und kommunaler Ebene in NRW voranzubringen und zu gestalten. Das OKNRW Institut setzt sich für eine zukunftsfähige Gesellschaft ein, die ihre Kraft und Innovationsfähigkeit aus einem Geist der Offenheit und Selbstverantwortung schöpft. Diese Gesellschaft lädt zum Mitmachen ein; sie setzt auf Kooperation und gesellschaftlichen Ausgleich.

Der Verein ist eine zivilgesellschaftliche Initiative, die zeigt, dass durch Offenheit positive Veränderung möglich ist. Zu den Gründungsmitgliedern gehören: Dieter Hofmann, Damian Paderta, Christopher Reinbothe, Panagiotis Paschalis, Dr. Agnes Mainka, Dr. Tobias Siebenlist, Dr. Anke Knopp und Felix Schaumburg.

Ziel des Vereins ist es, Offenheit, Zusammenarbeit und Transparenz auf Landes- und kommunaler Ebene in NRW voranzubringen und zu gestalten.

Wir arbeiten daher an folgenden Baustellen:

  • Wissenschaftliche Arbeit und Forschung: theoretisch, aber auch verzahnt mit der Praxis (z.B. in Zusammenarbeit mit konkreten Open Government-Projekten).
  • Bildung: Ermächtigung und Ermutigung von Menschen zur Gründung und Partizipation in Open Government Projekten, Kompetenzaufbau im Umgang mit Open Government, Erstellen bzw. Bereitstellen von Materialien, Organisation von Workshops, Vorträgen, Kongressen, Tagungen, Barcamps, Seminaren, Sommerschulen u.a.
  • Publikationen: Forschungsergebnisse, Presseerklärungen, Bildungsmaterialien, etc.
  • Kooperationen: national wie international, zu Interessierten, sozialen Bewegungen,
  • Forschungseinrichtungen, Universitäten, Nichtregierungsorganisationen, Parteien, öffentlichen Verwaltungen u.a.
  • Gremienarbeit: Mitarbeit in Gremien zur Entwicklung und Förderung von Open Government.
  • Schaffung eines Wissensarchivs: Projektwissen und Projektideen sammeln und teilen.
  • Beratung und Förderung: Hilfe bei der Initiierung und Umsetzung von Open Government-Projekten.

Bereits eine erste Session auf dem Barcamp konnten wir nutzen, um einen Blick in die Zukunft zu werfen. In großer Runde diskutierten die Teilnehmer über künftige Wirkformen und weitere Projektideen. Das Pad dazu findet sich hier.

An erster Stelle steht nun aber der Punkt: Weitermachen. Die große Resonanz auf das Barcamp 2017 hat gezeigt, dass die Community größer wird. Das Thema Open Government mit seinen zahlreichen Aspekten der Transparenz, Kooperation und Partizipation sowie Offenheit hält mehr und mehr Einzug in der Breite der Gesellschaft. Diesen Prozess möchten wir gestalten.

Wir freuen uns auf weitere Mitstreiter und Netzwerker. Man kann immer auch unser Open Government Manifest NRW unterzeichnen und sich schon den nächsten Termin für das jährliche Barcamp notieren: 10./11. November 2018.

Open aus Prinzip - BarcampSession zur Zukunft von #OKNRW

Open aus Prinzip – BarcampSession zur Zukunft von #OKNRW

Wie wird die City smart?

Zum 7. Mal findet das Barcamp von #oknrw in Wuppertal statt. Die wachsende Community befasst sich dieses Wochenende mit den Fragen rund um die smarte Stadt.

Barcamp – läuft

Einigende Themen sind bereits am 1. Tag als roter Faden erkennbar: Wir müssen vom Reden ins konkrete Handeln kommen und auch dass SmartCity kein ausschließliches Tech-Thema ist, sondern eines, welches von der Zivilgesellschaft wieder erobert und gestaltet werden muss.

Hier nur kurze Impressionen, detaillierte Aspekte folgen.

Smart City Wien vorgestellt von Brigitte Lutz

Was muss in ein Open Data Gesetz NRW?