Zukunft der Arbeit hat begonnen

Die Proklamation „Zukunft der Arbeit“ ist online: 18 Autorinnen und Autoren aus der Zivilgesellschaft haben in den letzten Wochen in einem kreativen Online-Prozess eine Broschüre zum Thema Arbeit 4.0 erarbeitet und herausgegeben.

Das Foto zeigt eine Roboterhand vor grauem Hintergrund.

Proklamation – Zukunft der Arbeit

Foto: Ben Schaefer, Creative Commons by 4.0

Die Broschüre kann man hier downloaden – und lesen.

Die Proklamation „Zukunft der Arbeit“ erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie bietet auch keine einfachen Lösungen an, die es aus Sicht der Autoren nicht gibt. Es ergibt sich jedoch eine Vielzahl an Perspektiven, die als Impulse verstanden sein wollen.

Hier die Autoren:  Jörn Hendrik Ast, Gebhard Borck, Guido Bosbach, Lars M. Heitmüller, Sabine Jank, Sarah Kebbedies, Anke Knopp, Roland Panter, Nicola Peschke, Medje Prahm, Andre Schleiter, Gunnar Sohn, Sarah Staffen, Anja C. Wagner, Jan Westerbarkey, Birgit Wintermann, Ole Wintermann und Annette Wittke.

UPDATE  –

Hier der Blogpost zur Publikation. Er ist zuerst auf Arbeit 4.0 erschienen:

Die #ZukunftderArbeit (aka Arbeit/en 4.0) kommt, unaufhaltsam – egal was wir von ihr halten. Sie ist Revolution und Evolution. Sie nimmt keine Rücksicht und kann uns zugleich neue Perspektiven eröffnen, zumindest wenn wir aufhören, nur über sie zu sprechen und beginnen sie aktiv zu gestalten. Unsicher ist: Wie die #ZukunftderArbeit tatsächlich aussieht. Sicher ist: Anders als bisher!

Wir haben es in der Hand die #ZukunftderArbeit mit einem klaren Fokus auf die menschliche Bedürfnisse zu gestalten, wenn wir unsere Haltung und Lebensart aktiv in diese Entwicklung einbringen. Lassen wir die Chancen ungenutzt verstreichen, steigt das Risiko, dass mit Arbeit 4.0 der Mensch gegenüber den reinen Marktkräften und den Algorithmen weiter verliert.

In den letzten Monaten haben sich 18 Autoren im Nachgang des BarCamps Arbeiten 4.0Gedanken darüber gemacht, wie die Arbeit der Zukunft aussehen könnte, unter welchen globalen Rahmenbedingungen wir arbeiten werden und welche ethischen Fragen mit dem Wandel der Arbeitswelt verbunden sind.

Konservativer Korporatismus verhindert das digitale Deutschland

Um aber die #ZukunftderArbeit im Sinne der einzelnen Menschen gestalten zu können, ist es an der Zeit zu realisieren, dass die technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen unseres globalen Arbeitsumfeldes auch in Deutschland ein Überdenken tradierter Denk- und Sichtweisen in allen Bereichen der Arbeitsmärkte bedingen. Wir sollten uns von den althergebrachten Sichtweisen der Lobbyverbände an den beiden Polen des Arbeitsmarktes verabschieden. In Deutschland misstrauen viele der disruptiven Kreativität. Ihre Möglichkeiten sind weithin unbekannt. So entsteht Angst vor Verlusten und Neuordnungen, die alte Strukturen aus den Angeln zu heben vermag. Als Reaktion darauf bleibt die Mehrheit der Firmen einem konservativen Korporatismus des rheinischen Marktwirtschafmodells treu.

New Digital Deal

Die Digitalisierung lässt zunehmend neue Formen entstehen über die wir unsere Wahrnehmungen und Befindlichkeiten ausdrücken. So bekommt die Zivilgesellschaft eine veränderte Stimme und ein neues Gesicht. Menschliche Digitalisierung der Arbeit verlangt unter anderem Authentizität, Selbstbestimmung sowie Teilhabe. Die #ZukunftderArbeit braucht die Ressource der Intelligenz der Menschen. Dazu gilt es, die gute alte hierarchische Ordnung zu überdenken. Denn wo im Netzwerk gearbeitet wird, stören Freigabeprozesse nur. Zudem wird in Netzwerken eine natürliche Führungsstruktur wirksam, die sich nicht selbstreferentiell verhält und damit weniger verwundbar oder anfällig zeigt. Das hebelt die bisher auf dem Arbeitsmarkt stillschweigend übliche Massenvereinbarung – Gehorsam gegen Entgelt – aus. Die damit sinnvoll verbundene Neuverteilung der Erträge kommt einer Revolution gleich.

Der „Neue Digitale Deal“ ermöglicht den Menschen auch in ihrem Arbeiten endlich die Freiheit, die die Digitalisierung für sie bereit hält und die sie im privaten Umfeld in vielfältiger Weise bereits heute schon intensiv nutz. Er macht das gegen das Interesse der Wahrer und der Bedenkenträger. Um die weitere Öffnung der Schere zwischen “privater- und arbeitsbezogener Freiheit” zu vermeiden, braucht es aus Politik und Wirtschaft eine breit initiierte Agenda “2030”, die den Umgang zwischen uns Menschen, den Organistaions- und Führungsstrukturen in denen wir Arbeiten und der digitalen Technik sinnvoll sowie wertbasiert verortet.

Digitale Transformation steht nur auf einem kulturellen Fundament stabil

Transformation bedeutet im Zuge dieses Digital Deals, über das Bestehende hinauszukommen, den nächsten logischen Schritt der Freiheit zu gehen, auf eine neue Stufe zu gelangen, den Status Quo hinter sich zu lassen. Mit Reförmchen gibt man die Chancen der Digitalisierung unserer Arbeit von vorne herein verloren. Neues Denken versteht die digitale Technik als Kulturtechnik. Die digitale Transformation beinhaltet immense Auswirkungen wie auch Potenziale – gerade für Deutschland. Bei den schlagkräftigen, etablierten Akteuren stehen weiterhin wohlfeile Sonntagsreden und Lippenbekenntnisse im Vordergrund vor echtem Innovieren, womit diese die globalen Treiber der Entwicklung negieren und Deutschland in Richtung eines digital-sozialen Entwicklungslandes vor sich hindümpeln lassen.

Die #ZukunftderArbeit verlangt von uns – neben den technischen Aspekten der Digitalisierung – vielfältige ethische Herausforderungen zu lösen. Wir fordern von Unternehmen, hier glaubwürdige Antworten anzubieten. Nur so können sie, wenn überhaupt, im globalen War for Talents bestehen.

Vorurteile gegenüber digitalen Möglichkeiten abbauen

Wir brauchen den Mut, evolutionär und transformativ zu denken und Neues zu wagen. Das Bildungssystem ist derzeit Teil des Problems und nicht der Lösung. Hier bedarf es grundlegender Änderungen, damit sie substanzielle Beiträge zur Entfaltung der digitalen Potenziale leisten können und so große Teile der Bevölkerung erst an digitalen Chancen und Mehrwerten teilhaben lassen können. Die jüngeren Generationen wachsen bereits mit dieser neuen Kulturtechnik auf. Gleichzeitig halten sie auch weiterhin in Europa an diesen überholten Modellen fest, weil sie beständig mit den Vorbehalten konfrontiert werden. Jüngere Menschen in anderen Gesellschaften werden innovativer mit den Potenzialen verfahren können.

Soziale Sicherungs- und Steuersysteme neu denken

Der veränderte Umgang mit sozialen Systemen und die Entstehung neuer Steuerlogiken folgen zwangsläufig aus dem grundlegenden Wandel des Faktors “Arbeit” in der Wertschöpfung. Etliche Studien zeigen, dass die Digitalisierung jede Einkommenshöhe und jedes Qualifikationsniveau treffen kann.

Wird der Algorithmus und der Roboter der verlängerte Arm des Beschäftigten, fallen große Teile des Arbeitsmarktes durch die digitale Disruption weg und verlieren nationale Steuergrenzen in einem komplett globalisierten Wirtschaftssystem ihre Wirkung.

Es macht demnach Sinn, über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und eines supranationalen Steuersystems nachzudenken. Gleichwohl wird auch ein Grundeinkommen nicht die Fliehkräfte einer ungerechten Einkommensverteilung auffangen können. Hier bedarf es fundamental neuer sozialer Gesellschaftsdiskurse.

Gegen German Googlephobia in der Politik

Ein nationalstaatlicher Protektionismus im Politikfeld der Digitalisierung – Stichwort German Googlephobia – ist keine wirksame Handhabe gegen digital induzierte und disruptive Innovationen. Gesetze verhindern keine Ideen, deren Zeit gekommen ist. Die Welt um uns herum bewegt sich bereits in der Transformation der Arbeit. Mit oder ohne uns. Stillhalten heißt, dass Deutschland sich abhängen lässt.

Verschlafen wir die #ZukunftderArbeit einfach weiter, übernehmen andere die Verantwortung dafür. Wir verkommen dann zu einer Randerscheinung globalen Fortschritts. Den Weg von einer führenden Wirtschaftsnation zum Dritt-(Arbeits-)Welt-Land verkürzt die global dynamische Komplexitätssteigerung ebenso wie die stattfindende weltweite Digitale Transformation rapide. Oder aber weiter gedacht: Inwiefern ein nationalstaatlicher Wettbewerb heute überhaupt noch zeitgemäß erscheint, sollte in den politischen Kreisen des föderal zersplitterten Landes umfänglich diskutiert werden.

Megatrends verlangen nach einer Politik 2.0 und nach digitalen Bürgern

Wir stehen zum ersten Mal in der Geschichte an der Schwelle, dass künstliche Intelligenz unsere Arbeit in allen Lebensbereichen übernehmen kann. Damit stehen wir mehr als je zuvor am Scheideweg menschlichen Wirtschaftens. Wir können auf 100% Technisierung setzen und uns (soziale abgefedert) aus dem Produktions- und vielen Serviceprozessen zurückziehen oder die Maschinen und Computer weiter nutzen, um in den humanen Nischen noch besser zu werden: Kreativität und zwischenmenschliche Interaktion. Oder wir können weiter den Kopf in den Sand stecken. Dann entscheiden eben andere über unsere Zukunft.

Wir plädieren für einen offenen Umgang mit der digitalisierten Arbeit. Die nächste Generation fragt uns dann mit Recht: Warum ward ihr die erste Generation, die den Schritt in die Zukunft verweigerte – aus reiner Angst vor der Wirksamkeit der Vielen? Die rein menschliche, analoge Arbeitskraft führte uns zur ungehemmten Ausbeutung von uns selbst und unseren natürlichen Ressourcen. Was ist dagegen einzuwenden, wenn uns künftig Algorithmen vor diesen selbstzerstörerischen Handlungen warnen? Wenn wir auf digitalem Weg, mit der Kreativität der Vielen, unabhängig von überkommenen nationalstaatlichen Grenzen und Denkräumen die globalisierten Herausforderungen der Menschheit anpacken?

– “Imagine … It’s easy if you try” by John Lennon –

Wir danken allen Autoren der Proklamation für ihre Beiträge und damit ihren engagierten Einsatz über das ursprüngliche BarCamp-Format hinaus. Wir konnten damit nicht nur über die Prinzipien der Zukunft der Arbeit – Transparenz, Kollaboration, Hierarchiefreiheit Partizipation – sprechen sondern diese während der Erstellung des Papers auch anwenden:

Jörn Hendrik Ast, Gebhard Borck, Guido Bosbach, Lars M. Heitmüller, Sabine Jank, Sarah Kebbedies, Anke Knopp, Roland Panter, Nicola Peschke, Medje Prohm, Andre Schleiter, Gunnar Sohn, Sarah Staffen, Anja C. Wagner, Jan Westerbarkey, Birgit Wintermann, Ole Wintermann und Annette Wittke.

Darüber hinaus gilt unser Dank auch der Lektorin Esther Debus-Gregor für ihre Unterstützung beim Zustandekommen der Publikation.

Der Beitrag ist zuerst auf dem Arbeiten 4.0-Blog erschienen und stellt eine gemeinsame Autorschaft der hier genannten Autoren dar.

OpenGov Festival – Geht doch!

Sie treffen sich immer im November zum Barcamp in Wuppertal “Offene Kommunen NRW”: die OpenGovernment-Community aus Nordrhein-Westfalen – und zahlreiche Gäste aus ganz Deutschland. Diesmal auch aus den Niederlanden. Der Termin gehört mittlerweile zum netzpolitischen Kalender dazu.

Seit fünf Jahren ist #OffeneKommunen.NRW ein Treiber in der öffentlichen Debatte um Fortschritte in der Haltung zu Offene Daten und auch im breiten Themenfeld offenes Regierungshandeln, eben Open Government. Dazu gehören gleichwohl auch Partizipation und Transparenz. Diesmal stand das Motto “Geht doch!” als Leitspruch oben auf der Agenda, zu der Dieter Hofmann als zentraler Initiator eingeladen hatte.

Das Foto zeigt Dieter Hofmann, der OKNRW eröffnet.

Opening OKNRW 2015

// Barcamp und Hackathon 

Erstmals gab es die Besonderheit, OffeneKommunen.NRW an zwei Tagen zu platzieren. An Tag 1 tummelten sich rund 95 Teilnehmer in den Barcamp-Sessions. Tag 2 war ein Mix aus Hackathon zu “RefugeesWelcome” und Barcamp im erweiterten Sinn zu dieser kommunalen Herausforderung. Rund 60 Teilnehmer waren am Werk.

Jedes Jahr gibt es anfangs eine Analyse des Status Quo: wo stehen wir mit OpenGov? Auf den ersten Blick macht sich Ernüchterung breit. Es könnte schneller gehen. Aber: Auch, wenn die riesigen Schritte fehlen, stellen sich Erfolge ein. Sie sind teilweise klein, dennoch verstetigen sie sich, so wie viele digitale Impulse, die mittlerweile ins Bewusstsein einer breiteren Gesellschaftsschicht rücken und längst nicht mehr nur die vermeintlichen Nerds oder Techies angehen.

// Politik 1.0 und Digitales

Digitalisierung ist eine zentrale Frage und geht auch an Politik 1.0 nicht vorbei. Ihre Möglichkeiten insbesondere im demokratischen Prozess, im Zusammenspiel zwischen Bürgerschaft, Politik und Verwaltung ist auch sie mittlerweile eine zentrale Frage der Haltung geworden, die die beteiligten Partner miteinander aushandeln müssen. Zum technischen Aspekt gehören untrennbar die sozialen Implikationen dazu. Ein großes Spielfeld, das die Akteure aus der Zivilgesellschaft genauso antreibt wie viele unterschiedliche Akteure aus der Verwaltung und Politik. Diese Mischung an Akteuren trifft eben beim jährlichen Austausch in Wuppertal zusammen – und bewegt. Es geht ums Netzwerken, um das Voneinanderlernen, um Prozesse der Entscheidungen und auch darum, in neuen Formaten wie in einem Barcamp zu arbeiten. Ein typischer Fall von Arbeit4.0. Ich selbst war das dritte Mal dabei, das erste Mal allerdings auch beruflich, sonst immer privat.

// Wahrnehmung steigt

Dass sich etwas bewegt, zeigt sich u.a. auch an der größeren Wahrnehmung der Veranstaltung selbst. Zwei Indikatoren: Die Geschäftsstelle von @openNRW des Landes NRW war wieder Akteur und Anbieter von zwei Sessions. Auch der Oberbürgermeister von Wuppertal, Andreas Mucke (SPD), wertschätzte in einem Grußwort, was sich da an digitaler Energie in seiner Stadt so tut: er hieß die Teilnehmer willkommen und betonte, dass man gerade in einem so innovativen Format wie einem Barcamp lernen könne, was Wandel bedeutet.

Die Sichtbarkeit des Themas bedeutet auch, dass die Bemühungen um OpenGovernment einen immer höheren Umsetzungswert im täglichen Zusammenwirken von Bürgern, Verwaltung und Politik einnehmen: Unser Alltag ist bereits digital, unsere Arbeit digitalisiert sich zunehmend, das Ausschöpfen des Open Government auch im politischen und verwaltungstechnischen Handeln liegt da auf der Hand  – und in der öffentlichen Hand. Als fester Bestandteil des “Geht doch!” waren die  Aktiven der nordrheinwestfälischen Vorreiterkommunen wie Köln (Sabine Möwes), Bonn (Sven Hense) und Moers (Claus Arndt) vertreten. Nach wie vor sind sie Quellen der Inspiration und auch Quellen für konkrete Prozesse und Entscheidungswege, insbesondere was Open Data angeht. Sie sind zu echten Change-Agents mit Exportcharakter avanciert. Es werden aber auch mehr, die sich auf diesen Weg machen, das zeigte die hohe Teilnehmerzahl aus anderen Kommunen. Auch die Treiber aus der Zivilgesellschaft sind sehr rege.

// Streiflichter aus den Sessions

Hier einige kurze Erwähnungen und Streiflichter der Ergebnisse aus den Sessions:

Das Foto zeigt Impressionen vom Barcamp Offene Kommunen NRW

Offene Kommunen NRW- Barcamp
  • Mit dem Ansatz “Handeln für den Wandel” rückte die Stadt als Transformationszentrum in den Blick – die “Stadt als Garten”: Wie kann man den Wandel zum Handeln übertragen? Wie können Netzwerke aufgebaut werden und wie erreicht man Gruppen, die sonst nicht aktiv sind oder sich nicht erreichen lassen. Fragen, die in vielen Kommunen diskutiert werden. Antworten sind u.a. die Kopplung von online und offline und die öffentliche Sensibilisierung für dieses Umdenken und Teilen als neue Lebensform.
  • Gute Ideen rückt generell die Plattform “Politikbeiuns” in den Fokus.
  • Eine der größten Sessions war die zum “Status quo Open.NRW” – das Portal open.NRW entwickelt sich weiter. Die Eckpunkte aus “OpenData”, “Partizipation”, “Zusammenarbeit” und einer grundsätzlichen Öffnung von Politik und Verwaltung sind im Fluss, sind noch weiter gestaltbar. In einer offenen Fragerunde kam alles aufs Tableau, was man immer schon direkt fragen wollte, von der Auswahl der Beteiligungskonzepte durch die Ministerien, über Fragen der Standardisierung von Daten, Fragen zur Visualisierung einer Landkarte zu OpenData in NRW bis hin zur Evaluation und Leitfäden für “Starter” war alles im Köcher.
  • Bei der Session zu einem OpenNRW Netzwerk von Experten waren konkrete Ideen gefragt, wie das aufzubauen und weiterzuentwickeln wäre: Das Land möchte auf das Wissen der Vielen zurückgreifen. “Ungehobene Schätze” seien das, so heißt es auf der Homepage des Portals. Eine Antwort aus der Runde war: “Geht doch” – gute Ideen sind gefragt, die eine Sogwirkung erzeugen können. Gewünscht wurden hier ferner ein öffentlicher Terminkalender, eine Art OER- Tools, Kurzprofile der Experten, ein Wiki, eine Videothek, das Angebot von Webinaren sowie internationale Kontakte. Auch das Streamen von Veranstaltungen könnte helfen, die Distanzen im Flächenland NRW digital zu überbrücken, weil nicht immer alle vor Ort sein können.
  • Wie organisiert man “OpenMobility” war eine weitere Frage – sind Mobilitätskonzepte, die sich in verschiedenen Formen und Reifegraden finden, bündelbar in einer App? Erkennbarer Gedanke aller Bemühungen war der, mehr auf öffentliche Mobilität zu setzen als auf das Auto, Innenstädte wieder an die Menschen zu übergeben. Eine Anregung hieß, Daten für Mobilität besser zu nutzen und noch mehr Möglichkeiten zu schaffen, diese zu konkret anzuwenden, vom vernetzten Fahrrad “Next bike” bis hin zu selbstfahrenden ElektroAutos, die auch noch aneinander andocken können.
  • Ein Thema war der mögliche Aufbau eines Regional-Wiki über die Stadtwiki-Bewegung. Dies erfordert kontinuierliche Pflege und sie entstehen meistens durch ehrenamltiche Initiative von örtlichen Gruppen. Ein Musterbeispiel ist jedoch die Stadt Wien, die ein eigenes Stadtwiki aufsetzt und dies vernetzt und kontinuierlich pflegt. Problem für alle: wie bleibt das am Leben, denn ein Wiki lebt durch Bewegung?
  • Das Format “Barcamp” selbst wurde zum Thema: Können Barcamps auch für Organisationen und NGOs Wirkung erzielen? Die Vorteile wurden etwa in der aktiven Wissensvermittlung gesehen, als eine implizite Fortbildung, da selten so intensiv ausgetauscht und voneinander gelernt werden kann. Ein Barcamp bedeutet auch Vernetzung und Recruting zudem ein leichter Zugang zu Wissen.
  • Natürlich stand der ganz große Begriff von OpenGov zur Diskussion: wie verbindlich sind Beschlüsse von offenem Handeln? Es braucht begleitende eine langfristige Planung von Beteiligung und OpenData, gewünscht wird das generelle Ratsstreaming als Beitrag zur Transparenz von Sitzungen. Gefordert wurde die Digitalisierung von analogen Daten, eine Erhebung, wo gleiche Gesetze bei der Erhebung von Daten sind. Es gilt Standards zu bestimmen – und schließlich stand auch die Forderung nach einem Transparenzgesetz in NRW auf dem Plan.
  • Wuppertals Dezernent für Bürgerbeteiligung, Panagiotis Paschalis und Thorsten Sterk von “Mehr Demokratie NRW” hielten eine Session zur “Kommunale Transparenzsatzung“, wie sie gerade öffentlich diskutiert wird. Der Weg: weg von der Holschuld der Bürger hin zur Bringschuld der Kommunen, was einem Kulturwandel in der Haltung gleichkomme. “NRWblicktdurch” ist da zur Zeit eine Initiative, die sich um dieses Thema verdient macht.
  • Einen Einblick in die niederländische OpenData-Bewegung brachte Ton Zijlstra mit, dazu Konkretes in einem folgenden Blog.

// Hackathon im Zeichen von “RefugeesWelcome”

Der Hackathon zum großen Thema “Refugeeswelcome” zeigte mit den einzelnen Ansätzen eine enorme Bandbreite von ganz klein bis ganz umfassend. “Wo finden sich öffentliche Steckdosen im öffentlichen Raum” – zeigte sich als eine dennoch zentrale Frage, wenn man Kommunikation über mobile Geräte organisieren muss. Weiter ging es über Stadtwikis und Flüchtlingshilfe, die Vernetzung von kommunalem Content in die vielen Apps, die über Sprachhilfe und Orientierung anhand von Stadtplänen mit konkreter Verortung von Hilfsangeboten oder täglichen Anlaufstellen wie Schulen oder auch Ämter verzeichnet sind. Auch die Frage einer sinnvollen Vernetzung von Helfern und Spende(r)n war Thema. Einen Überblick über die bestehenden Inititativen und Ergebnisse gab Christian Knebel, der auch beim ImpulsHackathon in Berlin dabei war und nun die vielen Themen mit koordiniert. Genannte Links waren hier:

    • Germany says welcome;
    • github.com/socialcode.de
    • voluntee-planner.org;
    • arrivinginberlin.de

 // Und nun? 

Aus den zahlreichen Anregungen und Ideen soll ein Druckwerk werden. Auch ein Manifest zu OpenGovernment in NRW ist im Entstehen. Bildlich findet sich eine Fotostrecke zum Barcamp.

Mehr Tweets, Links, Bilder, Impressionen und Wichtiges gibt es unter #oknrw auf Twitter.

Dieser Blogpost findet sich auch auf Wegweiser Kommune.de  – so ist das, wenn man im Digitalen eine hybride Person wird.

Die digitale Region

Bayerisches Breitbandforum 2015 – Die digitale Region

In der letzten Woche war ich als Referentin zu Gast auf dem Bayrischen Breitbandforum. Tagungsort war die Stadthalle in Neusäß, wenige Kilometer in der Nachbarschaft von Augsburg gelegen. Eingeladen hatte die Bayerische GemeindeZeitung unter dem Motto „Die digitale Region“.

Das Foto zeigt Teilnehmer an einer Diskussionsrunde zu Breitbandversorgung in der digitalen Region.

Diskussion zur digitalen Region

Während meine Mitdiskutanten eher die technischen und finanzpolitischen Aspekte beleuchteten, war mein Part, den Gedanken von #SmartCountry zu erläutern. DasProgramm mit allen Beteiligten findet sich übrigens hier.

// SmartCountry 

“Was ist denn SmartCountry und was machen Sie als Stiftung in dem Feld?”, fragte Christian Sachsinger vom Bayrischen Rundfunk. Eine schnelle erste Antwort darauf lautet: Die Bereitstellung von “schnellem Internet” ist eine zentrale Aufgabe der Daseinsvorsorge. Und aus dem Wegweiser Kommune heraus ist es uns ein Anliegen, den kommunalen Entscheidern Handlungsempfehlungen an die Hand zu geben, wie sie ihre Kommune zukunftsfähig aufstellen können, um die Daseinsvorsorge der Menschen zu gewährleisten. Ein zentraler Aspekt dabei ist mittlerweile die Versorgung mit schnellem Internet als künftige zentrale Lebensader. Es ist daher grundsätzlich eine kommunale Aufgabe der politischen Entscheider, diese Versorgung sicherzustellen und auch die Fragen der Finanzierung in den Blick zu nehmen sowie die rechtlichen Fragen zu klären. SmartCountry bedeutet an der Stelle: auch den ländlichen Raum so mit digitalem Zugang zu versorgen, dass diese Regionen weiterhin umfassend am Leben teilhaben können.

// Bevölkerung 2030

Wir knüpfen hier an unsere Bevölkerungsvorausberechnung für 2030 an, die wir in diesem Sommer veröffentlicht haben. Diese zeigt “bundeslandkonkret”, wie sich die Bevölkerung verändert.

Wichtige Ergebnisse waren hier:

  • der demographische Wandel verstärkt die Unterschiede zwischen Stadt und Land.
  • Deutschlands Bevölkerungsstruktur wird sich in den kommenden Jahren spürbar verändern.
  • Das Durchschnittsalter steigt.
  • Der Pflegebedarf nimmt zu.
  • Während die Städte eher wachsen, dünnt der ländliche Raum weiter aus.
  • Die Kommunen stellt das vor ganz unterschiedliche Herausforderungen.

// Digital ist Zukunft 

Aus dieser Situationsbeschreibung heraus wird klar: der ländliche Raum muss ans schnelle Netz, um die digitalen Möglichkeiten für sich überhaupt in den Blick zu nehmen. Ziel dabei ist: zukunftsfähig zu bleiben, ein Lebens-, Wohn- und Arbeitsraum zu bleiben, künftig auch Chancen umzusetzen, die sich aus den neuen Lebensformen überhaupt erst noch ergeben werden. (Hier sei kurz auf Arbeit 4.0 hingewiesen oder auch auf das zunehmende digitale “Fernsehen”.)

Diese digitale Infrastruktur wird von Bundesland zu Bundesland und auch von Kommunen zu Kommune unterschiedlich angelegt. Dabei ist die Diskussion über eine moderne und zukunftsfähige Infrastruktur mit digitaler Technik in den Kommunen gerade erst erwacht, erreicht aber die Kommunen in Deutschland schon mit aller Wucht. Viele Kommunalpolitiker machen sich jetzt auf den Weg und informieren sich über ihre Möglichkeiten – und vor allem über die Notwendigkeit, den Anschluss nicht zu verpassen.

Das Bild zeigt Glasfaser.

nichts ist schneller als Licht

Obwohl die Versorgung regional sehr unterschiedlich ausfällt, ist allen Beteiligten klar: Nur ein flächendeckender hochbitratiger Breitbandanschluss ist zukunftsfähig und ist bereits jetzt ein echter Standortfaktor. Viele Menschen, viele Unternehmen fragen, wenn sie sich niederlassen wollen, bereits heute als erstes, wie gut die Internetversorgung aussieht. Ist die schlecht, bleibt die nächste Generation diesen Orten der weißen Flecken fern.

// Kein 2-Klassen-Netz

Die Anstrengung der Bundesregierung, bis 2018 flächendeckend ein schnelles Netz zu ermöglichen, ist bisher lediglich eine Ankündigung. Wie die Bemühungen im Einzelfall in der Realität aussehen, unterscheidet sich wie gesagt in ganz Deutschland. In Bayern wähnt man sich schon recht weit. Die Gefahr liegt aber auf der Hand, dass es schnell zu einer Zwei-Klassen-Versorgung kommen kann: hier langsames Netz, dort schnelles Netz, weil sich unterschiedliche Versorger mit unterschiedlichen Konzepten ans Werk machen. Dabei ist schon jetzt absehbar, dass die geplante Mindesversorgung mit 50 mbit schon in drei bis fünf Jahren nicht mehr ausreichen wird. Der Datenhunger in der Gesellschaft wächst nachweislich exponentiell.

//Demographie und Digitales

In meinem Beitrag habe ich kurz die Möglichkeiten der Breitbandnutzung skizziert, die alle Lebensbereiche umfassen: ein wichtiger Baustein aus der Sicht der Demographie ist hier etwa die Pflege, die künftig durch digitale Hilfsmittel ermöglicht wird. Ich habe von Roboter “Flobi” und von “Kogni Home” berichtet, also von einem mitdenkenden Zuhause, welches durch künstliche Intelligenz so ausgestattet ist, dass es multiple erkrankten Älteren ein längeres Verbleiben zuhause ermöglicht.

Dem Publikum in Bayern war der demographische Faktor geläufig: auch in Bayern wachsen die großen Städte, der ländliche Raum dünnt aus. 2030 wird die Stadt Bad Füssing die Stadt mit den ältesten Einwohnern sein, so sagt es unsere Prognose. Die Beschreibung von Flobi und Co. als digitale Ideen für die Gestaltung des demographischen Wandels fielen also auf fruchtbaren Boden.

// Nicht ohne…

Die zahlreichen Vertreter der Kommunen fühlten sich übrigens deutlich abgeholt, als der Sprecher des Brekoverbandes Dr. Stephan Albers betonte, ein Erfolgskriterium für eine gute Versorgung mit Breitband laute: “Nicht ohne meinen Bürgermeister”. Das heißt: diese Entscheidung über eine zukunftsfähige Breitbandversorgung muss Chefsache sein – oder werden.

Der Moderator fragte mich daraufhin: Warum die Bürgermeister sich gerade jetzt mit dem Thema befassen müssten. Meine Antwort war ziemlich konkret: “Weil die Bürgermeister jetzt grad die Schüppe in der Hand halten und darüber entscheiden, ob und wie gut die Kommunen künftig mit High-Speed-Internet versorgt sein werden. Sie werden sich noch in zehn Jahren daran messen lassen müssen, ob sie heute die richtige Entscheidung getroffen haben oder nicht.” Auch wenn hier viel Investition unter der Erde verschwindet, ist es richtig, hierin zu investieren.

// Licht war damals, heute ist es Netz 

Vor hundert Jahren haben viele Stadtväter auch dafür entschieden, sich ans elektrische Licht anschließen zu lassen und haben für eine gute Grundlagen-Infrastruktur in den Städten gesorgt. Damals wusste man noch nicht viel mehr mit Licht anzufangen als Schalter für Lampen ein- und auszustellen. Die Möglichkeiten für Strom haben sich erst durch die Zeit ergeben. Gleiches gilt heute fürs Netz: je besser die Ausstattung, desto mehr Möglichkeiten kann man für sich nutzen. Auch im SmartCountry, also im ländlichen Raum, der an diese  digitale Ader angeschlossen ist. Die Grundlage dafür wird jetzt geschaffen. Die Ideen kommen dann einen Augenblick später, aber sie kommen – und das macht SmartCountry aus.

Dieser Blogpost steht in der Form auch auf dem Blog Wegweiser Kommune.

Die Küchen werden kollektiv und das Kochen wird digital !

Die Zukunft kommt ohne die herkömmliche Küche aus. Einige Indikatoren sprechen für ihr baldiges Verschwinden. Künftige Küchen werden kollektiv und Kochen wird digital.

Generationen trafen sich in der Küche zum Kochen und Essen. Doch die Existenz der Küche, wie wir Babyboomer sie noch kennengelernt haben, ist out. Immer weniger Menschen kochen, immer weniger Menschen essen zuhause, immer mehr geht der Trend dazu über, keine eigene Küche mehr zu nutzen. Küchen mendeln erst zu Wohnzimmern bis sie zur Küche mit Digitalkocher wird und kochen auf Knopfdruck funktioniert. Lieferungen von Nahrungsmitteln werden normal sein, entweder in Teilen als Zutaten oder als fertige Gerichte – und dann immer mehr an Großküchen anstatt an Privathaushalte.

// Gewohnheiten ändern sich

Diese Veränderung lassen sich schon jetzt in Zahlen fassen:

  • So hat sich etwa die Anzahl der Fertiggerichte/Tiefkühlkost in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt: 2005 lag der Konsum bei 570,00 Tonnen und im Jahrbuch 2015 werden hier bereits 964,4 Tonnen angegeben.
  • Die durchschnittliche Zeitaufwendung je Tag und Alter zur Zubereitung von Mahlzeiten und Hausarbeit in der Küche liegt 2012/2013 bei durchschnittlich allen Personen bei nur noch 00:40 Minuten, bei der durchführenden Person bei 1:02.
  • Die durchschnittliche Zubereitung dauert bei der Generation zwischen 10 und 17 Jahren nur noch 00:35 Minuten für die zubereitende Person noch bei 1:17 Minuten bei der Generation 65 und älter.
  • Dabei sind Männer schneller: sie brauchen in der Ausführung im Schnitt 00:46 Minuten, Frauen ganze 1:12 Minuten.
  • In Deutschland werden nach Angaben von statista nur noch rund 105 Minuten insgesamt am Tag für Essen und Trinken aufgewendet. In den USA, dem vermeintlichen Fastfoodland, sind es 74 Minuten.
  • Auch die Anzahl der zuhause eingenommenen Mahlzeiten verändert sich nach Angaben von statista radikal, so sank diese Zahl in einem Zeitraum zwischen 2005 und 2015 um insgesamt um mehr als 3 Milliarden Mahlzeiten.

// Ursachenforschung

Die Gründe nach dem „Warum wird weniger gekocht?“ sind vielfältig. Die häufigste Antwort ist „keine Zeit“. De.Statista hat 2013 gefragt „Warum kochen Sie nicht?“ Hier die Antworten:

Das Bild zeigt eine Grafik mit den Angaben, warum nicht gekocht wird.

Warum kochen Sie nicht? Quelle: de.statista

„Keine Zeit“, ein Umstand, der sich auch in unserem veränderten Lebensalltag erkennen lässt. Bezogen auf den Lebenszyklus der Menschen wird das Ausmaß der Veränderungen ebenfalls schnell deutlich:

  • Bereits Kinder und auch Kleinstkinder essen in der Kita. Sie beginnen dort mit dem Frühstück, essen den 10 Uhr-Snack in der Gemeinschaft, das Mittagessen wird meist aus Großküchen geliefert, der Nachmittagskuchen ebenfalls. Höchstens abends gibt es dann noch das schnelle Butterbrot im eigenen Zuhause. Dazu muss man nicht mehr kochen.
  • Auch Schüler und Studierende essen nicht mehr zuhause. Die Mensa ersetzt den heimischen Herd. Oder aber die vielen Schnellimbisse oder Fastfoodketten mit mehr oder weniger gutem Essen werden täglicher Versorger dieser Gruppe.
  • Die Arbeitnehmer pilgern mittags in Restaurants oder Betriebskantinen – oder ebenfalls zur Fastfoodkette. Und weil abends Freizeit, Hobby oder Anschlusstermine anstehen, bleibt oft nur der schnelle Happen – auch gern außer Haus.
  • Die Anzahl der Menschen in Seniorenheimen steigt, sie essen ebenfalls im „Gemeinschaftsraum“. Kochen ist dann höchstens noch eine therapeutische Maßnahme gegen demenzielles Abbauen oder zur Erhaltung der Feinmotorik der Hände, findet dann aber in einer kollektiven Küche statt und nicht mehr der eigenen. Die Anzahl der Menschen, die als ältere und pflegebedürftige ihr Essen auf Rädern bekommen, steigt.
Das Foto zeigt eine Küchenzeile mit Fußboden.

Küche im Wandel

So verdrängt unser Alltagsleben, unser Lebenszyklus die Küche aus dem Mittelpunkt. Das Herdfeuer leuchtet an anderen Orten. Immer weniger bekommen es zu Gesicht.

// Kinder gewöhnen sich an Essen außer Haus 

Das zeigen auch die Ergebnisse einer Gemeinschafts-Studie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e.V. (BVE) mit der Gesellschaft für Konsumforschung GfK Consumers‘ Choice ’15, die im Rahmen der Anuga am 9. Oktober 2015 in Berlin vorgestellt wurde. Ein Fazit vorweg: „Zu Hause wird immer seltener gegessen“.

Weiter heißt es hier: „Frühstück und Mittagessen verlagern sich immer häufiger vom heimischen Tisch nach draußen. Die gestiegene Erwerbstätigkeit und Mobilität sind hier wesentliche Einflussfaktoren. Die größten Veränderungen sind dabei nicht etwa bei den Erwachsenen sondern bei den Kindern und Jugendlichen festzustellen. Von den 3-5jährigen frühstückten beispielsweise vor 10 Jahren noch 77 Prozent zu Hause, heute sind es nur noch 67 Prozent. Das Mittagessen aßen vor 10 Jahren noch 69 Prozent der Kleinen zu Hause, heute sind es nur noch 41 Prozent. Die Essrituale der jungen Generation werden dadurch zunehmend selbstbestimmt und die Bedeutung einer verantwortungsbewussten Ernährungsbildung wächst.“

// Form follows function 

Wenn sich die Gewohnheiten des Essens und Kochens ändern, ändert sich auch die Küchennutzung, ändert sich auch die Form an sich. Den ersten Zwischenstand haben wir bereits erreicht: Küchen sind heute Lebensräume. Selbst in der Werbung steh der Aspekt Leben im Mittelpunkt, nicht mehr das Kochen an sich.

Küchen nehmen Raum ein, wer ein Haus plant, muss immer auch eine Küche mit ihren speziellen Erfordernissen der Versorgung mit Wasser und Anschlüssen im Blick behalten. Wer Mehrfamilienhäuser plant, denkt dabe nicht an eine Küche, sondern an viele Küchen. Das kostet. Küchen sind ein Kostenfaktor. Zwar boomt der Küchenkonsum gerade noch, die Käuferschicht ist eher wohlhabend und in einer fortgeschrittenen Lebensphase gut situiert – für sie ist das Kochen ein Hobby, ein Event mit Freunden und auch ein Genießen ihrer Möglichkeiten. Die neuen Formen des „Familienlebens“ aber wie Ganztag, Frauenerwerbstätigkeit, Mobilität, Pendler, benötigen eher die Form der kollektiven und der schnellen Küche – nicht die der privaten Hochglanzküche, die ihre volle Funktionalität nur noch als verabredetes Koch-Event mit Champuslaune auslebt.

// Kollektive Küche

Kollektive Küchen finden ihren Platz zunehmend in den neuen Wohnformen des Zusammenlebens. Ein Beispiel ist etwa das CoHousing. Es wird schon mehrfach ausprobiert, u.a. in Köln. Das Prinzip beruht auf dem des Teilens: Mehrgenerationenquartiere entstehen, die für die einzelnen Wohnungen kleine Quadratmeterzahlen aufweisen, weil der größte Teil des Alltags in Gemeinschaftsräumen stattfindet. Hier entsteht eine Großküche, in der alle Bewohner gemeinschaftlich versorgt werden. Das spart Zeit und Platz und Räume für ein neues Zusammenleben. Eigentlich ganz archaisch.

Die Vorläufer dieser Art von Gemeinschaft haben wir als Urmenschen noch im Blut aus der Zeit, als wir alle noch gemeinsam ums Feuer saßen. Aber kollektive Küchen sind auch jetzt wieder vorhanden, ohne, dass wir sie so wahrnehmen: in der Kantine, im Restaurant, in der Fressbude an der Ecke. 

// Marketing denkt schon um

In den Möbelhäusern am Stadtrand beansprucht das Konzept „Küche“ noch viel Raum. Aber sie werden anders präsentiert, Küchen sind vom Äußeren immer wohnzimmerlicher, es macht keinen Unterschied, ob ich einen Küchenschrank öffne oder einen Schrank im Wohnzimmer. Der große schwedische Möbelhersteller etwa zeigt in seiner VideoWerbung von Küchen keine Zubereitung von Essen mehr, sondern vielmehr das, was dort stattfindet: Leben. Bilder vom Wassermalkasten bis zu Partys und höchstens noch ein Verzehr von fertigem Toast beim Radfahren durch die Wohnung flimmern über den Bildschirm. 

// Fertigung denkt um – nur langsamer 

Wenn Küchen sich dem Lebensstil anpassen, werden sie in einer moderneren Form gebraucht als sie jetzt produziert werden. Die Fertigungsstraßen von Küchen können heute zwar individualisiert produzieren, eine Küche auf Wunsch geht nach knapp drei Tagen auf den LKW und wird passgenau ausgeliefert. Diese Produktion ist aber endlich. Es ist zu viel dran und drum und zu wenig kompakt digital.

Ein ostwestfälischer Küchenproduzent setzt bereits auf den Bau von Küchengeräten XXL. Auf den ersten Blick sind diese für den amerikanischen Markt befähigt – sie taugen aber auch für den oben beschriebenen Ansatz der kollektiven Küchen, die mehrere Menschen versorgen. Oder aber gänzlich für die Küche außer Haus, also in der Kantine, in CoHousingProjekten oder WGs etc. Die werden jedoch in kleinerer Zahl gebraucht als die individuelle Küche von heute. Auch hier dämmert es: die analoge Küche nach heutiger Sicht läuft langsam vom Band.

// Künstliche Intelligenz ersetzt Kochlöffel

Was aber ist mit der Veränderung, die man nicht sofort sieht: etwa den Einbau von immer mehr Algorithmen in den Geräten, die wir nutzen. Schon heute sind die Einbaugeräte digital, sie funktionieren auf Knopfdruck. Und werden künftig noch digitaler werden. Roboter und künstliche Intelligenz halten Einzug, sie SIND dann die Küche. Es reichen Maschinen – das Drumherum wird uninteressant. Die Rede ist schnell von Internet of Things: unsere Küchengeräte sind vernetzt, sie kommunizieren miteinander, lernen womöglich. Vielleicht sind sie bald sogar in der Lage, unsere Lieblingsgerichte zu speichern oder sogar zu planen. Auf jeden Fall aber werden unsere Daten zu unserem Essverhalten gespeichert und an anderer Stelle analysiert, egal, ob im verbleibenden Küchenblock oder in der Kollektivküche.

Das Foto zeigt ein Küchengerät.

Knopfdruck genügt

Einen ersten Eindruck von „kompakten Küchen“ vermitteln die heiß begehrten Thermomix-Geräte. Bisweilen hochpreisig in die Behausungen der gehobenen Klasse verkauft, bahnen sie sich nun durch den Nachbau auf Aldi-Ebene auch ihren Weg auf die Anrichten der Normalverdiener: Oben Zutaten hinein, Rezept per Wischbedienung ausgesucht, die dem Smartphone ähnelt, Programm programmiert und dann mixt, rührt, gart, kocht und präsentiert das Edelstahl-und PlastikWunderwerk die fertige Mahlzeit während der Zubereiter schon mal Sinnvolleres betreibt. Den Kochlöffel muss niemand mehr schwingen. Was der Kochlöffel aber gerührt hätte, das bleibt als Datenspur zurück.

// Essen auf Rädern und Tastatur

Wem das alles immer noch zu umständlich ist, bestellt. Online. Bequem. Essen auf Rädern war seinerzeit noch verpönt als Halbgares und Lauwarmes für die Älteren unter uns, die sich nicht mehr selbst versorgen konnten.

Essen auf Rädern hat sich heute aber gemausert: vom frischegarantierenden Lieferdienst vieler Supermärkte, die Bestelltes als Einzelteile vor die Haustür stellen bis hin zum Bringedienst von Essen nach Wahl. Die Zahl der Anbieter ist enorm. Insbesondere die junge Generation hat diese Nummern in ihren Smartphones gespeichert – und sie nutzen sie. Nicht nur bei nerdigen WLAN-Partys, sondern auch im real life. Der PizzaBote oder der Bringedienst sind feste Bestandteile ihres Daseins geworden, zudem noch simpel bezahlt per Paydienst, bargeldlos online. Noch mehr Daten, die wir hinterlassen.

// Schrott wird chic 

Auch ein weiterer Trend bringt den Tod der Küche vom Band: Upcycling ist nicht nur Mode, sondern drückt eine ganz neue Haltung aus im wachsenden Konsumwahn, dem immer mehr Bewusste den Rücken zukehren. Möbel und vermeintlicher Schrott erleben ihre Renaissance, wenn sie als Bestandteile von Küchen neu zusammengesetzt werden. Auf diesen alten Holzgestellen oder sonstigem findet auch jedes digitale Kochgerät Platz. Auch ein Thermomix. Individueller geht es dann schon fast nicht mehr.

Denkt man also an disruptive, an kreative zerstörende Geschäftsmodelle, dann rückt auch diese Entwicklung in den Blick. Küchen sind hochgradig nutzergetrieben, so dass sich ihre Hersteller mehr denn je diesem Move anpassen müssen. Ihre Geldquelle wird nicht mehr die Küche sein oder das Kochen, sondern die Vernetzung der Essgewohnheiten und die Vorlieben der Individuen in Ernährungsfragen.

Küchen als Kulturgut alter Gattung können vom digitalen Wandel genau so geschluckt werden, wie jedes andere alte Geschäftsmodell, das heute noch für Cash in den Kassen sorgt. Wer hier weiter mitkochen will, muss aufpassen, dass ihm nichts anbrennt. Und die ehemaligen Nutzer von Küchen und mittlerweile digitalen Kocher sollten sich alsbald dafür interessieren, was aus ihren Daten zusammengekocht wird, wenn Mensch und Maschine in der neuen Küche zusammensitzen. Am digitalen Lagerfeuer.

Glasfaser für den Datenhunger

Als Initiative Demokratie wagen haben wir einen neuen Antrag zur Versorgung mit Glasfaser in Gütersloh gestellt.

Das Foto zeigt ein Rohr mit Glasfaser.

Nichts ist schneller als Licht.

Unsere Pressemitteilung dazu, die ich hier gerne aufnehme – sie findet sich aber genau so auf der Seite von „Demokratie wagen“. 

Schnelles Internet ist in aller Munde. In Gütersloh sorgt dafür zurzeit die Telekom, indem sie ihre bestehende Netzverkabelung auf Kupferbasis auf eine höhere Geschwindigkeit trimmt. So will sie ihre veraltete Technik noch ein paar Jahre über die Zeit retten. Die Kritik an diesem Vorgehen brandet zurzeit bundesweit auf.

Für die neuen Gewerbegebiete, die am Flughafen, bei den Mansergh Barracks und Am Hüttenbrink entstehen werden, hat die Initiative Demokratie wagen! nun den Bürgerantrag gestellt, ein echtes High Speed Internet basierend auf Glasfasertechnik zu installieren, das in kommunaler Trägerschaft verbleibt. Dazu soll die Stadt Gütersloh die Leerrohre verlegen, mit Glasfasertechnik bis in jedes Gebäude bestücken und das Netz in eigener Regie, bzw. in Kooperation mit regionalen Anbietern betreiben. So will die Initiative dafür sorgen, dass von vornherein in diesen Gebieten eine nachhaltige, zukunftsfähige Internettechnologie zum Einsatz kommt. Diese ermöglicht dann gleichzeitig auch einen fairen Wettbewerb der Telekommunikationsanbieter. Bisher gibt es diesen nämlich mit der Technik der Telekom nicht, da hier andere Anbieter auf Grund technischer Gegebenheiten explizit ausgeschlossen werden, eine Verengung des Wettbewerbs, der zu Lasten der Kunden gehen wird.

Einen ähnlichen Antrag auf eine Versorgung mit zukunftsfähiger Glasfasertechnik hatte die Initiative bereits 2014 für das gesamte Stadtgebiet gestellt. Jedoch konnten sich Rat und Verwaltung nicht dazu entschließen, dies auch umzusetzen. Die Telekom hat dann selbst das Heft in die Hand genommen und den Breitbandausbau nach ihren eigenen Vorstellungen begonnen, der unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgt, aber nicht nachhaltig ist. So ist bereits heute absehbar, dass in spätestens drei bis fünf Jahren erneut hohe Kosten auf die Stadt zukommen, die dann diese Lücke in der Versorgung ausgleichen muss, um die Teilhabe aller Gütersloher gewährleisten zu können. Sonst entsteht auf Dauer eine Zweiklassen-Versorgung: schnelles Netz hier, langsames Netz dort.