Tante Emma ist zurück…

„Die Innenstädte sterben. Kaum mehr Menschen halten sich in den Fußgängerzonen auf. Kein Leben mehr hinterm Ortsschild.“ So und ähnlich tönt es aus vielen Kehlen. Für unseren derzeitigen Augenblick der Veränderung mag das stimmen. Für einen Augenblick hält auch ein passender Schuldiger her: „Das Internet macht uns kaputt! Wir können die Konkurrenz des Online-Handels nicht mehr aufrecht erhalten, wir gehen daran kaputt.“ Auch das mag auf den ersten Blick stimmen. Der Ursprung des Städtchenstebens aber liegt zeitlich weiter zurück als das Internetzeitalter, nämlich in der Auslagerung von Kauforten für den täglichen Bedarf und Ärztepraxen in die Peripherie bis hin zur autozentrierten Stadt, die den Menschen in Nebengässchen verdrängt hat, in denen die Menschlichkeit verloren geht.

Doch wer sagt, dass Innenstädte stets so bleiben müssen, wie „wir“ sie noch aus diesen alten Tagen der 90er und 00er Jahre kannten? Mittlerweile gedeihen viele kleine Projekte von Bürgerseite, die sich ihrer Städte wieder selbst bemächtigen. Sie stellen ganz eigene Anforderungen an ihren Lebensraum Stadt. Sie wollen mitgestalten, das Geschehen selbst beleben, eine eigene Atmosphäre schaffen. Die muss sich nicht mehr decken mit den Vorstellungen von Stadtplanern der Hauptverkehrsstraßen und optimierten Wirtschaftsinteressen. Derartige Kleinodien sind vielmehr geprägt durch Eigensinn, durch Kreativität, Unaufgeregtheit und kleine Schritte statt der skalierten Wertschöpfung und des großen Geldverdienens in riesigen Supermärkten.

 

am Rhein

In den letzten Monaten bin ich durch viele kleine Städte getourt – mit wunderschönen überraschenden Entdeckungen von wiederbelebten Tante-Emma-Lädchen. Mitten in den alten Einkaufsstraßen, wo sich oft nur noch die Touristen einfanden, sind solche Mini-Läden wieder ein Treffpunkt für viele geworden: Einheimische und Touristen. Vor ihren Stufen und Schaufenstern standen Menschen wie Trauben, kauften, genossen und verweilten. Im Nu herrschte Leben, menschlicher Maßstab, weil das einfachste eintraf: Man wechselte Worte, kam ins Gespräch, wo sonst kein Blick mehr gewechselt wurde. Orte wie diese sind es, die wieder entstehen werden, wenn sich die Bevölkerung ihre Innenstädte zurückholen, als Orte, an denen nicht nur konsumiert werden muss, sondern, wo Gemeinschaft stattfindet. Die Menschen vernetzen sich wieder von Angesicht zu Angesicht, was geboten ist, angesichts der Entwicklung, dass Städte zunehmend unterwegs sind, um „Dinge“ im Sinne von intelligenter Kommunikation zu vernetzen. Eile ist geboten, dass nicht Gegenstände vernetzter und kooperativer sind als es die Einwohner selbst mit sich vermögen. Smart City etwa braucht auch smarte Bürger – die beides können in ihrer Stadt: smarte Umwelt im Sinne von ressourcenschonend und umweltschonend mobil sein sowie Arbeit organisieren und gleichermaßen auch kommunikativ in zwischenmenschlichen Begegnungen, die nur möglich sind durch Orte wie diese, die neue Konzepte im Herzen tragen und zur Wahl stellen, ob man digital sein möchte oder analog. Ich bleibe gerne auf der Suche nach diesen neuen Formen des Städtischen:

 

Edersee

 

Zell an der Mosel

 

 

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