Digitales erhöht Lebensqualität

In der letzten Woche hatte ich das unliebsame Vergnügen, einen Termin bei einem Orthopäden wahrnehmen zu müssen. Das Knie – nicht der Rede wert. Der Rede wert allerdings sind meine Erlebnisse einer durch und durch analogen Welt rund um das Thema Gesundheit, die mich einen gesamten Vormittag gekostet hat. Unwiederbringliche Lebenszeit, die niemand so einfach verpulvern sollte. Digitales könnte dabei helfen, diesen Umstand zu verbessern.

- auch beim Parken nicht

– auch beim Parken nicht

Meinen Termin beim Arzt hatte ich vor rund zwei Monaten ergattert. Man kennt das, Wartezeiten. Um 10:30 Uhr sollte dieser Termin stattfinden. Da auch in meiner Heimatstadt die Zentralisierung von medizinischen Versorgungszentren vollzogen wurde, begab ich mich ans Elisabeth-Hospital mit den angeschlossenen Facharztpraxen nebst Reha-Institutionen. Diese Politik der Zentralisierung von medizinischer Versorgung am Stadtrand zieht schon mal ein hohes Maß an motorisiertem Individualverkehr nach sich. Schließlich werden nicht nur die Bewohner der Stadt versorgt, sondern auch viele Menschen aus dem nahen Umland: Patienten, RehaNutzer, Begleiter, Besucher. In einer Mittelstadt von 100.000 Einwohnern kommt da einiges an Fahrtwegen und Kilometern zusammen. Zuzüglich Energie- und Ressourcenverbrauch. Und eben Lebenszeit.

Zeitnah fuhr ich los – entschied mich für den privaten Pkw. Weil: Hätte ich den Bus benutzt, was ich gerne getan hätte, hätte das eine längere Anfahrt bedeutet mit Umsteigen am Zentralen Omnibusbahnhof – bei „Knie“ schon mal schlecht. Schlecht auch für ältere und multimorbide Menschen. Noch schlechter für Menschen, die zudem von anderen begleitet werden müssen und nicht wie selbstverständlich zusammen wohnen. Außerdem gibt es nur zwei Busse der örtlichen Stadtwerke, die zur Zeit probehalber WLAN vorhalten – ob man genau diesen Bus aber erwischt, war fraglich. Für einen Freiberufler ist Zeit und WLAN unerlässlich – kostbar. Für das Gros der Bevölkerung ist WLAN mittlerweile ein Grundrecht. Also lieber das Auto, weil schneller.

Die Parksituation am Elisabeth-Hospital ist vergleichbar mit der einer fleischfressenden Pflanze, das trifft es glaube ich recht gut. Nur, dass in echt nicht Fleisch, sondern Blech verschluckt wird – und für eine sehr lange unkalkulierbare Zeit im Bauch des Parkgrundes verbleibt. Ungewarnt fährt nämlich der Parkplatzsuchende in eine Einfahrt hinein und ist schon aufgrund der Wegführung gehalten, die Parkplatzschranke zu passieren, ein Parkticket zu ziehen – um sich dann gezwungenermaßen dem Warten und dem Ärgern hinzugeben. Weil man es schon erahnt hatte: In naher Zukunft ist mit einem Parkplatz hier nicht zu rechnen – alles belegt. So wie man selbst suchen nämlich unzählige andere Parkplatzsucher ebenfalls einen Platz zum Parken. Ein frühzeitiges Umdenken und Ausweichen ist aber leider nicht mehr möglich, steht man einmal in der Schlange oder auf dem Parkplatz, muss man durchhalten – bis die Ausfahrt wieder erreichbar wird.

Platzmangel und Enge herrschen. Weil: Die Autos sind alle größer geworden, sie passen nicht in die winzigen Zellen. Das führt zu wilden Kurvereien der zumeist ungeübten Fahrer und Fahrerinnen. Nicht wenige sah ich mit hochrotem Kopf und trotzdem alles geben. Reinsetzen, raussetzen, Position korrigieren. Die nachfolgenden Autofahrer geduldig bis schimpfend – alle wartend. Man würde den Ort ja gerne zügig wieder verlassen, geht aber nicht, weil gerade beschriebenes Intermezzo allen Platz zum schadenfreien Vorbeifahren versperrt. Wer keinen regulären Stellplatz erwischt, parkt wild, an den wenigen Grünstreifen. Das führt für den Rest der Welt zu einer weiteren Verknappung von Fahrfläche. Es war ein unsägliches Schauspiel – wobei die Minuten so vor sich hintickten, ein pünktliches Erscheinen in der Praxis schien wenig realistisch. Wer dann endlich sein Fahrzeug wieder in Richtung Ausgang bewegt hatte, erahnte Freiheit. Doch weit gefehlt. Zunächst reihte man sich wieder ein in die Schlange der Wartenden. Gern in zwei Reihen, wo am Ende nie ganz klar war, wer denn nun der Nächste wäre. Gestresst und wenig geneigt, jetzt auch noch höflich zu sein, beschwor Stärke des Blechs die Reihung. Unliebsame Zugabe, wenn man sich bis ganz nach vorne gearbeitet hatte: Da gab es wohl einige, die ihr Parkticket nicht am Automaten im entfernten Mutter-Haus (!) bezahlt hatten und nun unverrichteter Dinge vor der geschlossenen Schranke standen – notgedrungen weil rückwärts ging nichts – in aller Ruhe ausstiegen. Man durfte nun aus der Position des Wartenden an fünfter Stelle mit Engelsgeduld zuschauen, wie eine ältere Dame zum Automaten humpelte – um ihre Parkgebühr nachträglich zu entrichten, während eine Menge Menschen eh schon gestresst ihr auf diesem langen Gehweg alles Gute wünschte – und vor allem, dass sie passendes Kleingeld parat haben möge und im Umgang mit Kassenautomaten geschult sei, um schnell und heil wieder in ihr Auto zu steigen.

Was ich damit sagen will: Warum um Himmels Willen (wie passend für ein Krankenhaus in kirchlicher Trägerschaft) gibt es keine digitale Parkplatzanzeige, die bereits frühzeitig signalisiert, dass alle Plätze belegt sind? Warum um Himmels Willen gibt es keine Parkplatz-App – ein lokaler Service Ihres medizinischen Gesundheitszentrums? Termin und Parkplatz gekoppelt? Warum um Himmels Willen gibt es keine digitale Möglichkeit, Individualverkehr zu reduzieren und wirklich sinnvolle ÖPNV-Konzepte für den Transfer zu solchen Zentren zu organisieren, die auch noch tauglich sind, wenn es sich um die Zielgruppe der Betagten und Hochbetagten handelt? Künftiges Kapital wird eh nicht mehr in die Herstellung von Autos investiert, sondern in intelligente Mobilitätsdienstleistungen, die gar keinen Parkplatz für Einzelne mehr notwendig machen. Aber so weit sind wir (leider) noch nicht.

Diese ersten Gedanken wälzte ich im Kopf als ich vom Gelände fuhr, um weit weg im benachbarten Wohngebiet zu parken. Schließlich erreichte ich nach langem Fußweg – immer noch Knie – nicht der Rede wert – die Praxis. Mit vier Minuten Verspätung stand ich – wieder in einer Warteschlange. Blech und Mensch, sie unterscheiden sich nicht, die einen warten draußen, die anderen drin. Datenschutz war jetzt hier Thema. „Bitte halten Sie Abstand“, stand dort höflich auf einem Pappschild aufgeschrieben. Schallwellen allerdings halten sich nicht daran – so vernahm ich alles an Krankengeschichten vor mir, neben mir und hinter mir. Ob ich wollte oder nicht.

Endlich war ich an der Reihe. Da die Wartezeit allein auf den Termin länger gedauert hatte, war die Überweisung vom entsendenden Hausarzt obsolet. Quartalsbindung. Ich hätte sie umschreiben lassen müssen. Digital ging leider nicht. Aber dann ging es doch – nicht digital aber irgendwie. „Es wird rund 30 bis 40 Minuten Wartezeit dauern“, wurde ich informiert. Meine Gegenfrage lautete: „Gibt es hier WLAN?“. „Nein. Leider haben wir kein „Patientennetz“ – bedauere. Wir arbeiten aber daran.“ Eine halbe Stunde Wartezeit – da konnte ich eine Menge erledigen. Nur: Das vorhandene Netz via privatem Datenvolumen hier zeigte „E“. Das ist wie ohne Netz. Allein das Hochladen von Daten dauerte, dauerte, dauerte – und brach stetig ab. So war ich vollkommen schachmatt gesetzt. Ich saß im Wartezimmer und – wartete.

Insgesamt wartete ich drei Stunden. Ein Los, welches mehr oder weniger alle teilten. Ich fragte mich, warum um Himmels Willen nicht längst jemand auf den Gedanken gekommen war, den Patienten Push-Nachrichten zukommen zu lassen, wann sie genau dran sind, um sie so zeitgenau zu steuern – um den Wartenden Lebenszeit zu schenken, die sie woanders besser zubrachten als in einem Wartezimmer mit mehr und mehr gereizten Menschen, die sich alle fragten, wann endlich ihr Name aufgerufen wurde.

Auf der Homepage der Praxis hatte ich zumindest die „Terminvereinbarung online“ gefunden. Hier fand sich auch der Passus: „Dürfen wir Sie zukünftig per SMS an Ihren Termin erinnern? Ja, meine Mobilnummer…..; Nein.“ Push-Nachrichten wären also möglich.

Auf der Homepage der Praxis findet sich der Hinweis: „Um die Wartezeit besser zu nutzen, können Sie sich beispielsweise ein Buch oder eine Zeitschrift mitnehmen.“ Print also. Man kannte den Umstand des fehlenden WLAN also. Und dann lag da auf dem Tisch mit den Printausgaben des Lesezirkels noch der „Spiegel“ mit seinem Titelbild: „Die Formel für ein gesundes Leben. Besser essen, einfach essen.“ Spätestens jetzt war bei mir der Geduldsfaden gerissen. Die Formel für ein gesundes Leben wäre in meiner Welt nicht gesundes Essen, sondern Alltagsbewältigung angereichert mit Null und Eins. Mit digitalen Hilfsmitteln insbesondere in der medizinischen Versorgung: Telemedizin, elektronische Sprechstunde, digitale Krankenakte etc. etc. etc. Das wäre die notwendige Formel, die die Lebensbewältigung erleichtern würde. Nicht umsonst saßen hier gestresste Menschen.

Spiegel

In einer Gesellschaft, die die zweiälteste Gesellschaft der Welt ist, statistisch gesehen, wird sich der medizinische Zustand der Menschen nicht verbessern. Erwartbar ist eine Zunahme an Erkrankungen. Erwartbar ist eine Zunahme auch der Betreuung und Pflege der ansteigenden Zahl der Hochbetagten. Zwingt man nun insbesondere die Generation zwischen 40 und 50 in ein solches analoges Dasein, sich selbst kurativ im Griff zu behalten (etwa bei Knie) oder wahlweise die jüngere Generation (Kinder) zu begleiten oder schon die Generation der Pflegebedürftigen – kann die Antwort nur sein: Deutschland braucht umgehend Tools für E-Gesundheit. Deutschland braucht Zentren, die dies leisten können. Bitte schnell. Sonst steigt nicht nur der Blutdruck unnötig beim Einparken in Sackgassenparkplätzen ohne digitale Anzeigen – sondern vor allem, weil es Lebenszeit kostet, die man digital unterstützt ganz anders zubringen könnte. Etwa gesund essen, oder an der frischen Luft spazieren gehen. Oder Kommunen beraten, wie digitale Stadtplanung geht. Oder eHealth machbar wird.

Demnächst bin ich wieder hier. Dann begleite ich eine pflegebedürftige Angehörige. Bis dahin werde ich mich wundern, wie es den Ärzten und dem Team der Praxis gelingt, trotz allem Stress so freundlich und verbindlich zu bleiben. Menschlichkeit ist durch Digitales nicht ersetztbar – es gäbe aber noch mehr Menschlichkeit, wenn Digitales Unnützes überbrückte und mehr Zeit für Zwischenmenschliches bliebe anstatt sinnlos auf einem Parkplatz herumzukurven.

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