Industrie 4.0 – Arbeit 4.0 – Mensch 4.0

Die CeBIT zieht Jahr für Jahr digitale DNA nach Hannover. Aber immer mehr auch das interessierte Publikum, welches sich für die zunehmende Digitalisierung in ihrem Alltag interessiert. So wie ich.

Hier mein kleiner Eindruck von einem rein digitalen Arbeitsprozess in einer eigens für die CeBIT simulierten Produktionskette von Yasakawa Europe (Eschborn), ein Unternehmen, welches Robotertechnik, Anlagenbau, Antriebstechnik etc. im Programm führt. Von hier aus wird digitales Denken und Produzieren in die Werkhallen weltweit exportiert.

Ziel der beeindruckenden Vorführ-Anlage: die Zuschauer konnten sich auf einem Tablet ein „Auto“ der Wahl aussuchen: pink, orange, blau, grün oder schwarz. „Mein Auto“ sollte ein grünes sein – so tippte ich den Wunsch auf dem Tablet des Vorführers ein. Die Roboter stellten dies innerhalb von 9 Sekunden her. Die Arbeitsschritte: Aussuchen der notwendigen Bestandteile, Zusammenfügen und Auslieferung über Band. Einziger menschlicher Handgriff: das Überreichen an den staunenden Messebesucher.

Die Produktion bei „meinem Auto“ lief dabei aber nicht ganz reibungslos. Es hakte in der Zusammenführung von Unterbau und Dach. Bei der Auslieferung auf Band musste ein klein wenig nachgeholfen werden, durch eilig herbeihüpfende menschliche Hilfe wurde die beiden Elemente nochmals kurz festgesteckt – bevor ich es aus der Produktion in Empfang nehmen konnte. Will sagen: künftige Kunden entscheiden mit, wie ihr Produkt aussehen wird. Künftige Produktion wird eine durch Arbeit 4.0 sein: Nur noch hochspezifizierte Fachkräfte sind am Werk, die Fertigung verläuft digital. Künstliche Intelligenz verrichtet die schwere Arbeit, künstliche Intelligenz steuert. Der Mensch macht derweil anderes – jedenfalls nicht mehr im Blaumann produzieren. Wir müssen längst umdenken, was Arbeit künftig bedeutet: Unsere Definition über Arbeit wird anders aussehen, Bezahlung wird anders sein müssen, Ausbildung wird digital sein.

Das Foto zeigt ein Spielzeugauto auf meinem Notebook.

digital montiert, geliefert

 

Garn und Stoff denken künftig mit

Ostwestfalen blickt auf eine regelrecht „stoffliche“ Geschichte zurück: hier waren mal sehr viele Textilhersteller verortet und Webstühle bilden die Grundlage der wirtschaftlichen Prosperität der Region von vor hundert Jahren. Heute sind Textilien, Garne und Stoffe ein disruptives Geschäftsmodell: sie werden smart. Sie liefern Daten in Echtzeit und sind Geschäftsmodelle für Industrie 4.0. Wenn man denn den Trend erkennt.

das Foto zeigt Garne in verschiedenen Farben, künftig werden sie Sensoren in sich tragen.

Textilien werden smart

Diese Analogie ist mir im Rahmen der CeBIT aufgefallen: Am Infostand des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie in Halle 6 gab es verschiedene Vorträge. Einer davon: „Smart Textiles – Future Automated Production Technologies“, gehalten von David Schmelzeisen, RWTH-Aachen, Institut für Textiltechnik und Lehrstuhl für Textilmaschinenbau. Er zeigte sehr anschaulich an welchen Projekten die RWTH arbeitet und machte deutlich, welche Umwälzung wir auch hier künftig erfahren werden.

Das Foto zeigt einen Referenten zum Thema smarte Textilien.

der denkende Stoff – Textilien werden smart

Garne werden heute mit leitfähigen Schichten ummantelt, leitfähige Garnstrukturen in Form der Stricktechnologie umgesetzt: Karbon-, Glas-, Basalt-, Aramid-, Natur-, thermoplastischen und Keramikfasern, sowie metallisierter Garne. Leitfähige Textilien werden auch durch traditionelle Textilprozesse hergestellt – und stellen in ihrer Anwendung doch alles auf den Kopf. Ihre Anwendung liefert künftig Daten in Echtzeit. Egal ob personenbezogen oder für Materialien und deren Verschleiss. Und Textilien werden künftig Träger von smarten Applikationen sein, je näher am Menschen digitale Funktionen ausgeübt werden können, desto besser.

// Disruptive Geschäftsmodelle 

Gerade der Bereich der Textilherstellung hat einen rasanten Wandel erfahren. Es bietet sich förmlich an, anhand dieser Historie „disruptive Geschäftsmodelle“ zu erläutern. Anfangs waren es manuell bedienbare Webstühle, die in den Stuben der eher ärmlichen Katen standen. In der industriellen Revolution kamen die Maschinen dazu, die in England längst schon reihenweise am Werk waren: Webstühle standen jetzt in Fabriken. Sie verdrängten das Handwerk, schafften aber ganz neue und viel effizientere Produktionsverfahren – und veränderten die Arbeit im Handumdrehen. Damit verbunden war der „Maschinensturm“ und auch wurde die „soziale Frage“ gestellt, der Beginn einer neuen Zeit. Keiner konnte sich dieser Entwicklung entziehen. Heute erleben wir einen weiteren Quantensprung, den man sich vor kurzem noch nicht hätte vorstellen können. Smarte Garne? Smarte Textilien? Die Reaktion wäre ein Kopfschütteln gewesen. Wir stehen wieder vor neuen Fragen und neuem Ausloten, wie wir künftig arbeiten wollen und wie wir disruptive Geschäftsmodelle nutzen können. Wenn sie denn als Chancen erkannt und umgesetzt werden.

Hier nur ein paar wenige Projekt-Beispiele aus dem sehr aufschlussreichen Vortrag von David Schmelzeisen, die die Wucht der (notwendigen) digitalen Veränderungen verdeutlichen:

// Überwachung 

Überwachung muss nicht schlecht sein. Textile Elektroden, also in smarter Kleidung, überwachen etwa die Vitalität eines Menschen, übernehmen eine Art Gesundheitsmonitoring. Hier ist beispielsweise die Messung des Flüssigkeitslevels im Körper zu nennen, sie kann zu gering oder auch zu hoch sein. Die Vitalfunktionen werden erfasst, etwa die Temperaturmessung. Textile Thermoelemente aus Edelstahlgarnen und Konstantanfilamenten erkennen Druckstellen, etwa beim längeren Liegen oder auch bei Arbeitsbekleidungen. Im Fokus stehen dabei besondere Benutzergruppen wie ältere Menschen, Sportler und Risikopatienten. Der Referent brachte zudem das Beispiel von Evakuierungsmatten, die künftig digital werden. Sie könnten bereits beim Transport wichtige Ergebnisse liefern, was die Vitalwerte von geretteten Menschen angeht. Erreichen sie dann einen Rettungswagen oder ein Krankenhaus, liegen dort schon die (über)lebenswichtigen Messdaten in ihrem Prozessverlauf vor: die Matte hat sie qua Sensoren in Echtzeit übertragen. Dass smarte Garne künftig auch in normalen Matratzen in Betten verarbeitet werden können und Impulse für Wärme, Kälte oder auch Bewegung und das Einführen von Duftstoffen möglich macht, ist schon fast naheliegend. Man nennt das dann Bewegungs- und Zustandsüberwachung.

Ein weiteres Beispiel ist die Sportbekleidung, hier kommt neben der Vitalmessung in Echtzeit für Sportler auch noch der Sicherheitsaspekt dazu: wie etwa bin ich als Sportler im Dunklen beleuchtet? Auch das liefert künftig das denkende Textil in dem ich gekleidet bin passgenau mit. Die Frage bleibt: Darf eine Sportbekleidungs-Firma diese Daten für sich in Anspruch nehmen?

Packend ist auch der Einsatz von smarten Textilien etwa bei Feuerwehrleuten, die neben ihrer Ausrüstung noch ein ganzheitliches denkendes Einsatzsystem um sich haben werden, wenn sie in ihre Berufskleidung steigen: Jacken und Rettungsleinen, die mitdenken und Daten übermitteln, helfen dem Helfer und machen den Job zukünftig noch sicherer, während er für die Sicherheit anderer Menschen im Einsatz ist.

Diese Entwicklung zeigt: Wo für die textile Branche die rote Laterne brennt oder brannte, könnten sich ganz neue Geschäftsfelder aufschließen. Man muss sie nur sehen, erkennen.

// Materialien werden überwacht 

Auch Bänder und Seile gehören hier in das intelligente Portfolio. Sie könnten qua Sensoren Aufschluss über ihren Verschleiß geben oder über den Grad ihrer Belastung. Bei der Verwendung von Seilen zur Sicherung in Berührung mit Wind und Wasser sind vor allem Wetterdaten wichtig, die einen Hinweis auf die Herausforderung und Beanspruchung der Sicherung geben. Beispiele sind die Sicherung von Schiffsladungen oder Windkraftanlagen bei offshore Witterungssystmen, man nennt das flowting systems. Man denke zudem an Aufzugseile oder Fallschirmseile. Das geht bis hin zur Begutachtung des Zustandes und konkreter Vorhersage des Restlebensdauer des Materials.

// smart Leuchten 

David Schmelzeisen zeigte auch Aspekte der Beleuchtung auf: Textilien werden mit Leuchtgranen versehen, die eine punktgenaue Beleuchtung ermöglichen oder aber einen zeitindividuellen Einsatz und eine immanente Steuerung. LED auf Textilien ist inbegriffen, ebenso wie hybride Strukturen mit diffusen Lichteffekten. Je nach Einsatzort.

// smart durch Falten 

Besonders war auch die Interaktion zwischen Stoff und Nutzern: haptisch-intuitives Ansteuern von Funktionen etwa durch das Infaltenlegen von Stoffen. Einfacher: wenn ich meinen Pullover zwischen den Fingern knittere, wird eine Funktion eingeschaltet. Oder aber die Näherungs- und Berührungssensorik löst eine Handlung aus. Alles möglich durch mitdenkendes Garn oder intelligente Stoffe.

Ein letzter Aspekt soll nicht unerwähnt bleiben, weil er auf den Smart City Gedanken einzahlt: wenn künftig textile Oberflächen in der Lage sind, Energie zu speichern, bekommen Hausfassaden und auch Stadiensegel etc. eine ganz enorme Bedeutung.

// Tastatur auf Stoff

Und auch das Aufdrucken von Tastaturen auf textile Flächen werden die Bedienerfreundlichkeit von weiteren „Anwendungsgeräten“ künftig revolutionieren. Wozu noch ein Smartphone in die Hand nehmen, wenn dieses „auf der Fläche“ der Kleidung integriert ist?

Faszinierende Eindrücke waren das. Und Erkenntnisse darüber, dass und wie Disruption überall stattfindet. Nur leider der Denk- und Diskussionsansatz darüber eher wenig verbreitet ist. Obwohl er uns alle betrifft.

Ein Vortragender zum Thema smarte Stoffe auf der CeBIT.

der Faden wird smart

1. Mai – Antworten auf neue Herausforderungen?

Heute ist der 1. Mai und damit Tag der Arbeit. Die politischen Fahnen sind am Tag der Maikundgebungen traditionell rot: Alles, was Rang und Namen hat in der eher sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Riege der Stadt war heute auf dem Dreiecksplatz zur traditionellen Kundgebung versammelt. Gehobenes Durchschnittsalter allerdings.

Anke Knopp

Die Redebeiträge 2015 unterscheiden sich nicht viel von den traditionellen Beiträgen der Vorjahre. Immer wieder aber schlich sich der Begriff „Industrie 4.0“ und auch „Digitalisierung“ in die Nebensätze. Und leider auch das große Angstpotenzial, das diese neue Formen der Arbeit mit sich bringen würde. Ich wünsche mir einen Diskurs in der Stadt und für die Stadt, der die Chancen dieser Veränderung aufgreift.

// Gütersloh wird sich verändern

Ob wir das in Gütersloh nun gut oder schlecht finden: der digitale Wandel ist längst im Gang. Wir können das nicht aufhalten. Man kann sich aber dazu positionieren und herausarbeiten, was das für eine Stadtgesellschaft bedeutet.  Vor allem für die nächsten Generationen, die auch noch ihre Arbeitsplätze in Gütersloh finden möchten. Ich will die Chancen vermitteln. Jetzt ist es Zeit, die Menschen in einer Stadt bei diesem historischen Wandel aktiv mitzunehmen. Das Schreckgespenst, dass künftig Roboter „unsere“ Arbeit wegnehmen ist nicht allein die Zukunft. Es wird neue Formen der Arbeit geben, die wir jetzt noch nicht kennen. Es bedarf anderer Qualifikationen, anderer Ansätze der Lösungen.

// Strukturen ändern sich 

Was aber ist mit den Strukturen etwa der Gewerkschaften selbst, die die Antworten auf die künftige Arbeitswelt geben wollen? Ich bin nachdenklich geworden. Denn: Erreichen Gewerkschaften heute die Arbeitnehmer noch mit ihren Ansichten und Haltungen? Sind sie auch ein Zugpferd für Jugendliche? Wie kommen digitale Veränderungen auch in ihren eigenen Reihen an und was heißt das für das Engagement (in Gütersloh)?

Ich habe mich mit einigen Aktiven zum weiterführenden Gespräch verabredet. Ich will mit den gewerkschaftlich Engagierten ins Gespräch kommen. Ich will mehr von ihnen wissen.

Hier noch einige Impressionen:

Digitale Wirtschaftsförderung gestalten

// Veränderung schon jetzt 

Die Digitalisierung verändert die Wirtschaft radikal – nicht erst morgen, sondern heute schon: Daten sind die neue Währung, die sozialen Interaktionen in den neuen Kommunikationskanälen sind der Rohstoff für Wertschöpfung.

Die Mechanismen von „Industrie 4.0“ und „Internet der Dinge“ wirken grundlegend anders als bisherige Geschäftsmodelle. Digitales Wirtschaften ist in der Lage, ganze Industrien alter Erfolge von heute auf morgen hinter sich zu lassen.

Das Foto zeigt mehrere Smartphones in einer Reihe.

Diese Entwicklung und auch damit verbundene neue Formen der Arbeit 4.0 stellen unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen. Auch Gütersloh. Hier gilt es, die kommunale Wirtschaftsförderung digitalfähig aufzustellen.

// Kommunale Aufgabe

Die Wirtschaftsförderung ist eine kommunale Aufgabe. Digitale Wirtschaftsförderung bedeutet Netzwerkarbeit – dies in virtuellen und realen Netzwerken. Dabei ändert sich die Relation zu den Unternehmen, die ihrerseits virtueller werden. Es ändert sich auch die Beziehung zu Kunden, die nicht nur Konsumenten, sondern zunehmend Produzenten sind. Firmen entstehen, die sich teilweise nur noch im Netz abspielen. Sie brauchen keine Werkhallen nach altem Verständnis oder riesige Gewerbeflächen mehr. Sie wirken im Netz, sie nutzen statt dessen Kreativität und Wandlungsfähigkeit der Mitarbeiter. Mit einem Mausklick sind sie online oder bereits an einem anderen Ort aktiv. Darauf muss sich die Stadt Gütersloh künftig noch stärker einstellen. Eine klassische raumbezogene Wirtschaftsordnung ist damit künftig wirkungslos. Es braucht andere Kriterien wie etwa optimale Rahmenbedingungen in Form von guter Bildung, Netzwerkmöglichkeiten, schnelles Netz, Rückkopplung an Wissenscluster. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Technologienetzwerk IT´s OWL. Die Stadt Gütersloh muss virtuelle kommunale Orte schaffen, wichtiges Modul hierbei ist u.a. die Bildung und Qualifizierung der jungen Menschen vor Ort.

// Kompetenz aufbauen

Diese Kompetenzen müssen Stadtverwaltung und Kommunalpolitik in Gütersloh jetzt ausbauen. Es ist eine hohes Maß an Medien- und an Netzwerkkompetenz gefragt. Das bedeutet Neuland für eine Verwaltung sowie einen Mentalitätswandel weg vom Behördendenken hin zum Agieren als Partner auf Augenhöhe.

Für die zukünftige Finanzkraft durch Gewerbesteuereinnahmen wird dieser Wandel eine zentrale Rolle spielen. Die Stadt muss in mobile und vernetzte Kommunikation investieren.

// Verwaltung 4.0  bis 2020 ?

Das jedoch geht nur, wenn auch die Verwaltung zu einer modernen Verwaltung wird, nur so kann sie den Rahmenbedingungen und Bedarfen einer zunehmend veränderten Umwelt gerecht werden. Gütersloh muss im Können und im Handeln digitaler werden. Das Ziel ist eine Verwaltung 4.0 bereits 2020, das schließt eine digitalfähige Wirtschaftsförderung mit ein.

Foto: ak2012

Die Langversion findet sich auf Blickpunkt aus Gütersloh.