Zwei Welten

„Ich hätte gerne einen Roboter als Pausenaufsicht auf dem Schulhof. Der kann mit uns Kindern fangen spielen.“ – Ganz mein Humor.

„Warum sprechen Sie eigentlich immer von Robotern? Die haben mit Digitalisierung doch nichts zu tun!“ Auch ganz mein Humor.

Zwei Welten prallen unvereinbar aufeinander. Während die Welt der Robotermöglichkeiten ganz pragmatisch in einen Kinderalltag der kleinen Grundschülerin Lucy (7) eingebaut werden, ist das in der Erwachsenenwelt ganz anders. Das zweite Zitat stammt von einem Referenten einer hohen Entscheiderpersönlichkeit der deutschen Wirtschaft. Er ist knapp über 30 und sorgt dafür, dass die Chefetage gut informiert ist. Wunderbares Deutschland!

Stolpern kann man sogar bereits über Studien, die belegen, wie sehr das Land schon den Anschluss an die Digitalisierung verliert.

Wie war das noch: Lasst Kinder an die Macht!

Das Foto zeigt ein Karussell mit Löwe und Pferd.

Die Aufholjagd beginnt.

Lasst die digitalen Köpfe ran!

In meiner Heimatstadt vollzieht sich mit schöner Regelmäßigkeit folgendes digitale Trauerspiel – welches mich zu diesem Leserbrief veranlasste:

Die Grundschulen verpassen den Anschluss an den digitalen Wandel. Alle paar Jahre wieder ertönt ein Aufschrei (der Eltern), der Hektik (in Politik und Verwaltung) auslöst. Allein: Es passiert nichts.

Das Foto zeigt die Aufschrift. your story starts now.

Und Du musst den ersten Schritt machen…

Eltern wissen um die Notwendigkeit digitaler Kompetenz. Digitales Wissen erlangen ihre Kinder eher auf dem Pausenhof oder zuhause am Familienrechner. Eine Grundschulkarriere dauert vier Jahre. Ist der Schulwechsel absehbar und keimt die (fatale) Hoffnung auf, in der weiterführenden Schule würde sich dieses digitale Niemandsland in eine digitale Offenbarung verändern, verebbt der Protest. Bis sich die nächste Generation regt, dauert es wieder zwei Jahre. Das System der analogen Hilflosigkeit bleibt. Schließlich fehlt auch das, was Digitales in der Schule ermöglicht: die digitale Infrastruktur, also Fibre to the School. Und es fehlt der Wille, Geld zu investieren in etwas, das die Entscheider gar nicht kennen: Digitales.

Der Grund: Erreicht werden drei Zielgruppen und ihre Entscheider, die gar nicht in der Lage sind, digitale Konzepte für Schulen zu entwickeln. Die Politik: Mit einem Altersdurchschnitt von rund 55+ Jahren arbeitet der Rat noch mit Papier, der digitale Weckruf ist hier weitestgehend lautlos verhallt. Die Verwaltung: Gütersloh ist zwar Modellkommune für e-Government, aber längst keine digitale Verwaltung. Die Grundschulpädagoginnen: Es fehlt an Kompetenz der Nutzung digitaler Unterrichtsformate, die Beharrungskräfte an alter Stoffvermittlung sind enorm. Damit sind diese Akteure überfordert, denn Digitalisierung ist mehr als eine simple Frage der Technik, es ist ein Kulturwandel.

Fazit: Der Unmut bleibt in der Echoblase der überforderten analogen Theoretiker. Seit Jahren schafft keiner Abhilfe, weil die digitalen Köpfe als Entscheider fehlen. Wie diesen Kreislauf durchbrechen? Findet die digitalen Treiber in Politik, Verwaltung und Schulen, die bisher nicht gehört wurden. Gebt ihnen ein Budget und lasst sie machen! Das Internet selbst und die Technik des Netzwerkens helfen: es gibt Kommunen, es gibt Grundschulen, die längst auf dem Weg sind. Fragt, wie das geht! In Netzwerken lernt es sich hervorragend – das wissen schon die Kleinen durch You Tube – aber die fragt niemand.

Wir brauchen digitale Bildungsnetzwerke, ein schnelles Netz, einen Ort, an dem man sich trifft und Fragen stellt, Antworten hört, aus Fehlern lernt und gemeinsam loslegt. Die Schule einer digitalen Welt kann nicht analog sein. Wer die digitalen Köpfe und Treiber weiter in die hinteren Reihen verbannt, zieht der nächsten Generation den Stecker aus der Dose.

Ja - packe sie an!

Ja – packe sie an!

Tauschen

Ich fahre viel und oft im Zug. Nirgends kann man den Menschen so im Feld beobachten wie hier. Nirgends schreibt das Leben schönere Geschichten als in der flüchtigen Begegnung zwischen den Haltepunkten.

Heute diese: Im Zubringer zum ICE checke ich meine Mails, höre nebenbei Musik und bediene die Social Media. Nutze also das Smartphone ganz intensiv.

Neben mir ein kleiner Junge, vielleicht 5 Jahre alt. Er schaut mir sehr aufmerksam zu, was ich da so alles mache. Nach einer Weile sagt er zu mir: „Wollen wir vielleicht tauschen? Ich bekomme dein Smartphone – und du kannst dir was von meinen Spielsachen aussuchen!“

Das Foto zeigt Schattenspiele im Zug fotografiert.

Talk im Zug Foto: Anke Knopp

Eine neue Heimat geben

Die Thematik und das Schicksal der Flüchtlinge in Deutschland ist zur Zeit beherrschendes Thema. Heute möchte ich gerne den Fokus auf die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (im Behördendeutsch heißt das kurz UMF) lenken – und die Frage stellen, wie eigentlich Gütersloh damit umgeht. Hier ist besondere Sorge gefragt.

Das Bild zeigt ein Schild mit der Aufschrift "Zugang".

Heimat für Kinder schaffen

Sprechen wir über die Aufnahme von Flüchtlingen, müssen wir uns darüber klar sein, dass die Menschen lange Zeit bleiben werden. Insbesondere die Kinder und Jugendlichen, die unbegleitet hier ankommen, werden bleiben. Und wir sollten auch wollen, dass sie bleiben. Was heißt das aber konkret als Handlungsauftrag für die Stadt? Die Kinder- und Jugendhilfe ist eine kommunale Aufgabe.  Zudem dürfen die Minderjährigen Asylanträge nicht selbst stellen, zudem sprechen sie kaum Deutsch.

Die Minderjährigen erhalten daher einen Vormund. Der wird oft von Amts wegen gestellt oder auch durch Ehrenamtliche.

Gute und schnelle Lösungen sind gefragt. Mir ist es ein Anliegen, dass sich die Kommune hier besonders offen und kümmernd einbringt.

Hintergrund: Werden unbegleitete minderjährige Flüchtlinge an der Grenze aufgegriffen, leitet die Bundespolizei diese grundsätzlich dem Allgemeinen Sozialen Dienst des örtlichen Jugendamtes, der sie in Obhut nimmt und sich kümmert. Geprüft wird, ob es Verwandte gibt, die bereits in Deutschland leben. Ist das nicht der Fall, kommen Jugendwohnen, stationäre Einrichtungen oder Jugendwohngruppen als Unterbringungsorte in Betracht. Die erste „Kontaktkommune“ bleibt dann für den gesamten Behördenprozess der Regelung Ansprechpartner (Identitätsfeststellung, Gesundheitsprüfung, Vormundschaft etc.) Die Kosten der Jugendhilfemaßnahmen werden im Rahmen eines bundesweiten Verfahrens erstattet. (so schreibt es zudem der BehördenSpiegel in einer Information dazu.)

Asyl und Kinder – Chancen früh ermöglichen

Der Arbeitskreis Asyl hatte einen umfangreichen Fragekatalog zum Thema „Asyl“ geschickt. Hier mein wichtigstes Anliegen: Kindern und Jugendlichen so früh wie möglich alle Chancen zu ermöglichen.

Das Foto zeigt Luftballons, die in den Himmel aufstreben.

Chancen für Flüchtlingskinder durch frühe Integration

Kinder und Jugendliche besonders im Blick

Mir ist insbesondere der Punkt wichtig, wie sich die Situation der Flüchtlingskinder und -jugendlichen gestalten lässt, so dass die Chancen auf eine schnelle Integration sofort genutzt werden können. Dazu braucht es zunächst Datenmaterial – und die Sensibilität des Fachbereiches und der Politik. Bisher ist dazu nichts erkennbar.

Hier nun die konkrete Frage des AK Asyl:

Frage 8: Mit Blick auf Flüchtlingskinder und -jugendliche:
Was muss Ihrer Meinung nach ein Konzept für Kinder und Jugendliche enthalten, damit sie von Anfang an in Gütersloh gute Startbedingungen haben? Welche Auswirkungen müsste Ihrer Meinung nach das Konzept auf Kindergärten und Schulen haben?

Ein Konzept für Kinder und Jugendliche muss in erster Linie von allen Beteiligten entwickelt und getragen werden, die mit der Materie vertraut sind. Es kann nicht „von oben herab“ oder vom „grünen Tisch“ aus verordnet werden. Also müssen auch Kindergärten und Schulen mit am Tisch sitzen.

Im Zentrum müssen die Kinder stehen: Was brauchen sie am dringendsten und wie kann man das gewährleisten. Sind hier besondere Bedarfe zu berücksichtigen, etwa für traumatisierte Kinder. Wie kann man die Eltern der Kinder mit einbeziehen, so dass gleichzeitig auch Sozialkontakte entstehen können, die auf eine langfristige Integration hinführen?

Was zu vermeiden ist: die Kinder zentral unterzubringen und einer Schule oder einem Kindergarten die gesamte Aufgabe stellen, weil diese angeblich besonders geeignet sei. Das bezweifele ich.

Auch die Sozialraumgemeinschaften müssten mit ins Boot. Quartiersscharf könnten dann so konkrete Angebote geschaffen werden, die auch die Freizeit und den Alltag der Kinder im Blick haben.

Insgesamt sehe ich diesen Punkt als einen der dringendsten an, den es in der Stadt Gütersloh in den Blick zu nehmen und zu lösen gilt. Kinder und Jugendliche bedeuten Zukunft. Und wir sind aufgerufen, ihnen überhaupt eine solche Zukunft zu ermöglichen.

Die insgesamt neun Fragen und meine Antworten vom 6.8.2015 habe ich auf meinem Kommunalblog „Blickpunkt aus Gütersloh“ in voller Länge gepostet.