#DigitaleRegion – was ist zu tun?

Am Ende gibt es einen Fragebogen zum Thema Wirtschaft und Arbeit – bitte mitmachen: 

Die 11. Initiative des CoLab Internet und Gesellschaft und der Verein „Unternehmen für die Region“ haben die #digitaleRegion in den Fokus genommen. „Aus dem Land – für das Land“.

Von April bis Oktober 2016 kommen ExpertInnen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowie Regionalvertreter zusammen: In einer klassischen Think-Tank-Art auf Grundlage ihrer Expertise  diskutieren und erörtern sie die aktuellen Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für den außerstädtischen Raum interdisziplinär. Ich arbeite für die Bertelsmann Stiftung in dem Gremium mit.

Auf dem Weg #digitaleRegion

Auf dem Weg #digitaleRegion

Ein Aspekt aus der Arbeitsgruppe Wirtschaft und Arbeit ist dabei: Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die klein- und mittelständischen Unternehmen als integraler Bestandteil einer vitalen Kommune. „Darüber hinaus geht es um die gesamtgesellschaftlichen Chancen einer Revitalisierung von Regionen durch die Etablierung regionaler Verbünde, die sich im Sinne von Verantwortungspartnerschaften für den digitalen Wandel in ihrer Region einsetzen.“ So steht es auf der Website des CoLab.

Diese Impulse sind nicht unerheblich auch für die Region OWL (Ostwestfalen-Lippe). Wir basteln als Arbeitsgruppe des Colab gerade an einer Kurzstudie, die wir aufsetzen wollen.

Dazu haben wir in einer ersten Phase einen Fragebogen entwickelt, den wir gerade durch die Social Media Kanäle schicken und um deren Beantwortung wir diejenigen bitten, die sich mit Wirtschaftsförderung und Standortentwicklung beschäftigen.

Hier ist der Fragebogen – wer Zeit und Interesse hat, ist ein geladen, zu antworten und sich zu beteiligen.

Die Ergebnisse fließen dann als Basis in die Studie ein, aus der wir gerne auch konkrete Visionen entwickeln wollen, wie sich eine #digitaleRegion entwickeln lässt. Am Ende wird es zwei konkrete Testphasen geben: in Wennigsen (Deister) und eine in der Region Augsburg. Unser Ziel: von der Theorie in die konkrete Anwendung kommen.

Freue mich über Mitmachen beim Fragebogen. Über den Fortgang des Projektes blogge ich weiter.

Werkstattbericht aus dem CoLab #digitaleRegion

Die 11. Initiatve des CoLab Internet&Gesellschaft zusammen mit dem Verein “Unternehmen für die Region” (UfdR) beschäftigt sich in den kommenden Monaten mit dem Schwerpunkt#digitaleRegion. Über den Start hatte ich schon gebloggt. Ich arbeite hier als Expertin mit.

Zwei Testregionen

Im zweiten Workshop gestern im FraunhoferForum in Berlin kristallisierten sich nun differenzierte Herangehensweisen heraus: Wir werden Grundlagenarbeit in bekannter interdiszipliärer Besetzung betreiben. Die Schwerpunkte sind Wirtschaft&Arbeit, Bildung, Mobilität und Logistik sowie Staat und Verwaltung. Viel herausfordernder aber wird der Realitycheck vor Ort sein. Geplant sind zwei konkrete Workshops in Regionen, die sich teilweise schon sehr erfolgreich auf den Weg gemacht haben, wie Augsburg und Umgebung sowie in einer “Newcomer”-Region mit der Gemeinde Wennigsen (Deister), wo sich ein Netzwerk abzeichnet, welches die digitale Transformation für sich entdeckt. In der Experten-Diskussion fanden gerade diese beidenbipolaren Ansätze großen Zuspruch: Nord-Süd, Starter und Erfahrung, um den Sprung von der Theorie in die Praxis zu bewerkstelligen.

Zum Aufbruch in Wennigsen habe ich Christian Mainka um ein kurzes Statement gebeten, er ist Projektmanager und Wirtschaftsförderer in Wennigsen. Zudem gibt Tina Weber (UdfR) einen kurzen Einblick, wie sehr das Thema “Digitalisierung” auch die Netzwerke in den Regionen bewegt und treibt:

Einen kurzen Zwischenstand vermitteln die Macher der 11. Initiative des CoLab Gerald Swarat und Resa Mohabbat Kar:

AG Wirtschaft und Arbeit 

Ich selbst arbeite in der AG “Arbeit, Wirtschaft und KMUs” mit. Zentrale Arbeitsstränge werden sein, die Lebensqualität für Familien auf dem Land zu verbessern, was besonders Kinder und Schulen berühren wird aber auch das Einsparen von Zeit durch Wegfall der Pendlerzeiten. Zweitens werden wir in den Blick nehmen, welche Rahmenbedingungen das neue Arbeiten eigentlich bräuchte (Arbeit4.0 ist das Schlagwort), berücksichtigt man die Bedarfe der Menschen an erster Stelle – dies aus der Sicht derer, die gerne in der “Fläche” leben möchten und nicht in den Ballungsgebieten.

Das berührt selbstverständlich auch Fragen der Nachhaltigkeit, die Ausformung neuer Berufsbilder sicherlich auch, gekoppelt mit der Überlegung, welche Berufsgruppen man gerne vor Ort ansiedeln möchte. Müssen jetzt alle Designer aufs Land ziehen? Auch der Aspekt der Landwirtschaft als Arbeitsfeld soll betrachtet werden: gibt es etwa digitale Plattformen für neue Geschäftsmodelle des Vertriebs? Wichtig ist mir der Aspekt, dass nicht alles eine Frage der Technik sein muss. Digitale Strategien sollen in erster Linie den Menschen in den Fokus stellen. Nur auf diesem Weg kann man zur Verbesserung (oder für den Erhalt?) der Lebensqualität beitragen.

Um möglichst nah an den Bedarfen in der Region zu bleiben, werden die Fragen der Experten daher an die regionalen Netzwerke auf diese Gesichtspunkte hin geschärft und in einem Fragenkatalog abgefragt. Wir identifizieren hierbei Entscheider und Akteure aus den unterschiedlichen Zusammenhängen. Darauf aufbauen wird eine Schwerpunktstudie, am Ende steht bestenfalls eine Roadmap für neue Impulse der Wirtschaft und des Arbeitens.

Gedacht sind auch Zukunftsszenarien, die einen Schritt weiter über das Mach- und Wünschbare hinausweisen sollen. Klar ist dabei allen Experten: eine digitale Region wird man nicht einfach, weil man eine Idee “von der Stange” für sich kauft. Digitale Region wird man, wenn die Strategie direkt an den Bedarfen vor Ort ausgerichtet ist – und von vielen Aspekten und Beteiligten getragen wird. Alte Hüte – möchte man meinen, doch die Notwendigkeit der Neudefinition von regionalen und ländlichen Lebensräumen hin zu einem smarten Ansatz setzt Kreativität frei, die dringend notwendig ist.

Open Data nutzen 

Zu all diesen Überlegungen sind konkrete Daten notwendig. Spezifische Daten und auch Handlungsempfehlungen aus der Demographie heraus gedacht, gepaart mit digitalen Herangehensweisen können eine gute Grundlage sein, um daraus Konzepte zu entwickeln. Mein Ansatz ist immer der, die Daten aus dem Wegweiser zu nutzen, die sich nach über 100 Kriterien differenzieren lassen, auch was Wirtschaft und Bevölkerung angeht. Und dann kommt man schnell auch zu meinem Lieblingsthema: Nutzen von Offenen Daten aus den Aktenschränken der Kommunen und Regionen, aus denen sehr passgenaue Anwendungen und Muster abzuleiten sind, die beim Nachdenken über digitale Prozesse mehr als hilfreich sind. Ich finde ja, sie sind essentiell.

Aber wir werden sehen, welche Bedarfe die beiden Testregionen Augsburg und Wennigsen anmelden. Es wird auf jeden Fall spannend, vor Ort zu schauen, wie man Luft unter die Flügel einer digitalen Region bekommt. So viel erstmal als kleiner Werkstattbericht aus dem CoLab. Bald mehr.

Der Blogbeitrag ist auch erschienen im Blog „Wegweiser Kommune“ der Bertelsmann Stiftung.

Nächste Dimension – Virtuelle Realität

Virtuelle Realtiät – virtual reality. Was so sprachlich harmlos daherkommt, ist beim Ausprobieren der virtuellen Brillen ein Megahammer. Da ergeben sich neue Welten und Dimensionen, die dem Betrachter förmlich den Boden unter den Füßen wegziehen.

Auf der rp16 ist das ZDF (!!) wohl ein Magnet für das Testen der Brillen, die einen kleinen Eindruck dessen vermitteln, wie künftig Fernsehen oder Kino oder sonstige Bildwelt „elebbar“ werden könnten. Hinter diesen tierischen Masken verbirgt sich ein neuer Kosmos. Ich hab es ausprobiert. VR-Brille auf, Kopfhörer auf die Ohren – und ab geht es in eine andere Dimension. In meinem Fall: explodierende Vulkane, abgrundtiefe Weiten ohne Boden, Himmel und auffliegende Vogelschwärme – und ich mitten drin, ohne Zeit und Raum und ohne Boden oder Orientierung. Einfach mitfliegend, die Bezugspunkte fallen weg, es ist gar nicht mehr so einfach, festen Boden unter den Füßen zu behalten.

Das Foto zeigt den Infostand des ZDF mit den Brillen zur Virtuellen Realität.

Das Jetzt und Hier vergessen.

Hier ein kleiner Bewegtbildeindruck – leider nur von den Menschen, die Schlange stehen, um sich für Momente in eine andere Galaxis zu beamen. Die Aufnahmen im Innern der Brille kann die Kamera nicht aufnehmen.

Ein paar Meter weiter gab es nochmal eine Kostprobe von Samsung. Im Innern des Oculus  tobte eine riesige Wasserwelle, die mich vom Surfbrett gekickt hat, traten Musiker in einem Rockkonzert neben und vor mich hin, zum Anfassen nahe. Ein Zirkuspotpourri mit skurrilen Figuren verzauberte, eine Skifahrt mit Schuss machte mich schwindelig. Ich rang nach Luft und um Gleichgewicht – und saß doch nur auf dem Hocker.

Es war kaum möglich, beim Schauen ruhig zu sitzen oder emotionslos zu bleiben, so real war plötzlich die virtuelle Welt in der Brille. Virtuelle Realtität. In Sekunden wechselt unsere Welt.

Das Foto zeigt eine virtuelle Brille.

durch die VR-Brille

Was macht das künftig mit uns? Auch eine Frage der digitalen Transformation. Wir leben schon mitten drin. Und es braucht nicht nochmal zehn Jahre (rpTEN), bis wir alle es merken. Die Jungen sind schon da, die damit aufgewachsen sind. Sie machen einfach.

Offene Daten – Ein noch sehr selten genutzter Schatz

Warum überlassen wir die Gestaltung der Zukunft eigentlich einer relativ obsoleten Entscheiderriege, die oftmals ohne Bezug zu Partizipation und Transparenz ihren seit Jahrzehnten gewohnten Stiefel durchzieht? Das Durchschnittsalter in den kommunalen Räten ist in der Regel sehr hoch, die Mandate werden seit mehreren Wahlperioden ausgeführt. Fraglich ist, ob das nicht mittlerweile als Lähmschicht gegen den Wandel vom Heute ins Morgen wirkt? Bekanntermaßen befindet sich Deutschland im digitalen Steinzeitalter und ist wenig anschlussfähig an globale Entwicklungen. Und nicht nur das. Die hochkomplexen Herausforderungen sind einfach nicht mehr nach altem Muster von kleinen politischen Eliten zu bewerkstelligen. „Wir regeln das für euch“ – geht nicht mehr!

Das Foto zeigt zahlreiche Notebooks auf einem Tisch bei einem Hackertreffen.

Auf gehts – Daten nutzen.

Ein Beispiel für prospektive Anwendungen wäre die Stärkere Nutzung von Offenen Daten zur Gestaltung und auch zur zukunftsfähigen Simulation von künftigen Entwicklungen. Entscheidungen werden verifizierbarer, granularer und auch sichtbarer in ihren Auswirkungen.

Jeder Bürgermeister sollte sich dafür interessieren, ob nicht gerade in seiner Kommune Menschen leben und wirken, für die sich bisher nur die eingefleischte digitale Community interessiert: Hacker, Softwareentwickler, Interessierte. Sie finden sich bisher in den OK Labs von Code for Germany zusammen.

Die guten Beispiele von Code for Germany zeigen mittlerweile in 24 Städten in Deutschland, was man mit offenen Daten aus den Kommunen etc. alles entwickeln kann. Die Labs sind regionale Gruppen von Designern, Entwicklern, Journalisten und anderen, die sich regelmäßig treffen, um an nützlichen Anwendungen rund um offene Daten zu arbeiten. Sie entwickeln Apps, die informieren, die Gesellschaft positiv gestalten und die Arbeit von Verwaltungen und Behörden transparenter machen. Rund 300 Freiwillige sind dabei. Menschen, die simplen Datensätze zum Leben erwecken.

Wer sich langfristig um die Bindung von Jugendlichen an seine Kommune interessiert, könnte bei insbesondere bei „Jugend hackt“ fündig werden.

„Jugend hackt“ ist ein Format, in dem sich diese talentierten Jugendlichen in regionalen Treffen zusammenfinden. Ihr Ziel ist es, mit Daten eine Idee für Softwareprojekte zu entwickeln, die „die Welt ein bisschen besser machen“. Hier werden z.B. Wetterdaten visualisiert oder intelligente Ampelschaltungen entwickelt, die Wartezeiten vermeiden. In der Flüchtlingshilfe hat u.a. „Jugend hackt“ 2015 das Projekt „Germany says Welcome“ erarbeitet. Es handelt sich sowohl um eine App als auch um eine Plattform im Netz für Informationen, Hilfe und Unterstützung bei der Integration. Flüchtlinge und freiwillige Helfer finden auf dieser Plattform die notwendige Möglichkeit zum bedarfsgerechten Austausch.

Daten und Hacker helfen, eingestaubte Prozesse wieder flott zu machen, den Weg in die digitale Transformation in Angriff zu nehmen. Man muss sie nur finden, ansprechen und einladen. Das geht am besten, wenn schöne Daten in gläsernen Aktenschränken warten.

Die Küchen werden kollektiv und das Kochen wird digital !

Die Zukunft kommt ohne die herkömmliche Küche aus. Einige Indikatoren sprechen für ihr baldiges Verschwinden. Künftige Küchen werden kollektiv und Kochen wird digital.

Generationen trafen sich in der Küche zum Kochen und Essen. Doch die Existenz der Küche, wie wir Babyboomer sie noch kennengelernt haben, ist out. Immer weniger Menschen kochen, immer weniger Menschen essen zuhause, immer mehr geht der Trend dazu über, keine eigene Küche mehr zu nutzen. Küchen mendeln erst zu Wohnzimmern bis sie zur Küche mit Digitalkocher wird und kochen auf Knopfdruck funktioniert. Lieferungen von Nahrungsmitteln werden normal sein, entweder in Teilen als Zutaten oder als fertige Gerichte – und dann immer mehr an Großküchen anstatt an Privathaushalte.

// Gewohnheiten ändern sich

Diese Veränderung lassen sich schon jetzt in Zahlen fassen:

  • So hat sich etwa die Anzahl der Fertiggerichte/Tiefkühlkost in den letzten zehn Jahren fast verdoppelt: 2005 lag der Konsum bei 570,00 Tonnen und im Jahrbuch 2015 werden hier bereits 964,4 Tonnen angegeben.
  • Die durchschnittliche Zeitaufwendung je Tag und Alter zur Zubereitung von Mahlzeiten und Hausarbeit in der Küche liegt 2012/2013 bei durchschnittlich allen Personen bei nur noch 00:40 Minuten, bei der durchführenden Person bei 1:02.
  • Die durchschnittliche Zubereitung dauert bei der Generation zwischen 10 und 17 Jahren nur noch 00:35 Minuten für die zubereitende Person noch bei 1:17 Minuten bei der Generation 65 und älter.
  • Dabei sind Männer schneller: sie brauchen in der Ausführung im Schnitt 00:46 Minuten, Frauen ganze 1:12 Minuten.
  • In Deutschland werden nach Angaben von statista nur noch rund 105 Minuten insgesamt am Tag für Essen und Trinken aufgewendet. In den USA, dem vermeintlichen Fastfoodland, sind es 74 Minuten.
  • Auch die Anzahl der zuhause eingenommenen Mahlzeiten verändert sich nach Angaben von statista radikal, so sank diese Zahl in einem Zeitraum zwischen 2005 und 2015 um insgesamt um mehr als 3 Milliarden Mahlzeiten.

// Ursachenforschung

Die Gründe nach dem „Warum wird weniger gekocht?“ sind vielfältig. Die häufigste Antwort ist „keine Zeit“. De.Statista hat 2013 gefragt „Warum kochen Sie nicht?“ Hier die Antworten:

Das Bild zeigt eine Grafik mit den Angaben, warum nicht gekocht wird.

Warum kochen Sie nicht? Quelle: de.statista

„Keine Zeit“, ein Umstand, der sich auch in unserem veränderten Lebensalltag erkennen lässt. Bezogen auf den Lebenszyklus der Menschen wird das Ausmaß der Veränderungen ebenfalls schnell deutlich:

  • Bereits Kinder und auch Kleinstkinder essen in der Kita. Sie beginnen dort mit dem Frühstück, essen den 10 Uhr-Snack in der Gemeinschaft, das Mittagessen wird meist aus Großküchen geliefert, der Nachmittagskuchen ebenfalls. Höchstens abends gibt es dann noch das schnelle Butterbrot im eigenen Zuhause. Dazu muss man nicht mehr kochen.
  • Auch Schüler und Studierende essen nicht mehr zuhause. Die Mensa ersetzt den heimischen Herd. Oder aber die vielen Schnellimbisse oder Fastfoodketten mit mehr oder weniger gutem Essen werden täglicher Versorger dieser Gruppe.
  • Die Arbeitnehmer pilgern mittags in Restaurants oder Betriebskantinen – oder ebenfalls zur Fastfoodkette. Und weil abends Freizeit, Hobby oder Anschlusstermine anstehen, bleibt oft nur der schnelle Happen – auch gern außer Haus.
  • Die Anzahl der Menschen in Seniorenheimen steigt, sie essen ebenfalls im „Gemeinschaftsraum“. Kochen ist dann höchstens noch eine therapeutische Maßnahme gegen demenzielles Abbauen oder zur Erhaltung der Feinmotorik der Hände, findet dann aber in einer kollektiven Küche statt und nicht mehr der eigenen. Die Anzahl der Menschen, die als ältere und pflegebedürftige ihr Essen auf Rädern bekommen, steigt.
Das Foto zeigt eine Küchenzeile mit Fußboden.

Küche im Wandel

So verdrängt unser Alltagsleben, unser Lebenszyklus die Küche aus dem Mittelpunkt. Das Herdfeuer leuchtet an anderen Orten. Immer weniger bekommen es zu Gesicht.

// Kinder gewöhnen sich an Essen außer Haus 

Das zeigen auch die Ergebnisse einer Gemeinschafts-Studie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e.V. (BVE) mit der Gesellschaft für Konsumforschung GfK Consumers‘ Choice ’15, die im Rahmen der Anuga am 9. Oktober 2015 in Berlin vorgestellt wurde. Ein Fazit vorweg: „Zu Hause wird immer seltener gegessen“.

Weiter heißt es hier: „Frühstück und Mittagessen verlagern sich immer häufiger vom heimischen Tisch nach draußen. Die gestiegene Erwerbstätigkeit und Mobilität sind hier wesentliche Einflussfaktoren. Die größten Veränderungen sind dabei nicht etwa bei den Erwachsenen sondern bei den Kindern und Jugendlichen festzustellen. Von den 3-5jährigen frühstückten beispielsweise vor 10 Jahren noch 77 Prozent zu Hause, heute sind es nur noch 67 Prozent. Das Mittagessen aßen vor 10 Jahren noch 69 Prozent der Kleinen zu Hause, heute sind es nur noch 41 Prozent. Die Essrituale der jungen Generation werden dadurch zunehmend selbstbestimmt und die Bedeutung einer verantwortungsbewussten Ernährungsbildung wächst.“

// Form follows function 

Wenn sich die Gewohnheiten des Essens und Kochens ändern, ändert sich auch die Küchennutzung, ändert sich auch die Form an sich. Den ersten Zwischenstand haben wir bereits erreicht: Küchen sind heute Lebensräume. Selbst in der Werbung steh der Aspekt Leben im Mittelpunkt, nicht mehr das Kochen an sich.

Küchen nehmen Raum ein, wer ein Haus plant, muss immer auch eine Küche mit ihren speziellen Erfordernissen der Versorgung mit Wasser und Anschlüssen im Blick behalten. Wer Mehrfamilienhäuser plant, denkt dabe nicht an eine Küche, sondern an viele Küchen. Das kostet. Küchen sind ein Kostenfaktor. Zwar boomt der Küchenkonsum gerade noch, die Käuferschicht ist eher wohlhabend und in einer fortgeschrittenen Lebensphase gut situiert – für sie ist das Kochen ein Hobby, ein Event mit Freunden und auch ein Genießen ihrer Möglichkeiten. Die neuen Formen des „Familienlebens“ aber wie Ganztag, Frauenerwerbstätigkeit, Mobilität, Pendler, benötigen eher die Form der kollektiven und der schnellen Küche – nicht die der privaten Hochglanzküche, die ihre volle Funktionalität nur noch als verabredetes Koch-Event mit Champuslaune auslebt.

// Kollektive Küche

Kollektive Küchen finden ihren Platz zunehmend in den neuen Wohnformen des Zusammenlebens. Ein Beispiel ist etwa das CoHousing. Es wird schon mehrfach ausprobiert, u.a. in Köln. Das Prinzip beruht auf dem des Teilens: Mehrgenerationenquartiere entstehen, die für die einzelnen Wohnungen kleine Quadratmeterzahlen aufweisen, weil der größte Teil des Alltags in Gemeinschaftsräumen stattfindet. Hier entsteht eine Großküche, in der alle Bewohner gemeinschaftlich versorgt werden. Das spart Zeit und Platz und Räume für ein neues Zusammenleben. Eigentlich ganz archaisch.

Die Vorläufer dieser Art von Gemeinschaft haben wir als Urmenschen noch im Blut aus der Zeit, als wir alle noch gemeinsam ums Feuer saßen. Aber kollektive Küchen sind auch jetzt wieder vorhanden, ohne, dass wir sie so wahrnehmen: in der Kantine, im Restaurant, in der Fressbude an der Ecke. 

// Marketing denkt schon um

In den Möbelhäusern am Stadtrand beansprucht das Konzept „Küche“ noch viel Raum. Aber sie werden anders präsentiert, Küchen sind vom Äußeren immer wohnzimmerlicher, es macht keinen Unterschied, ob ich einen Küchenschrank öffne oder einen Schrank im Wohnzimmer. Der große schwedische Möbelhersteller etwa zeigt in seiner VideoWerbung von Küchen keine Zubereitung von Essen mehr, sondern vielmehr das, was dort stattfindet: Leben. Bilder vom Wassermalkasten bis zu Partys und höchstens noch ein Verzehr von fertigem Toast beim Radfahren durch die Wohnung flimmern über den Bildschirm. 

// Fertigung denkt um – nur langsamer 

Wenn Küchen sich dem Lebensstil anpassen, werden sie in einer moderneren Form gebraucht als sie jetzt produziert werden. Die Fertigungsstraßen von Küchen können heute zwar individualisiert produzieren, eine Küche auf Wunsch geht nach knapp drei Tagen auf den LKW und wird passgenau ausgeliefert. Diese Produktion ist aber endlich. Es ist zu viel dran und drum und zu wenig kompakt digital.

Ein ostwestfälischer Küchenproduzent setzt bereits auf den Bau von Küchengeräten XXL. Auf den ersten Blick sind diese für den amerikanischen Markt befähigt – sie taugen aber auch für den oben beschriebenen Ansatz der kollektiven Küchen, die mehrere Menschen versorgen. Oder aber gänzlich für die Küche außer Haus, also in der Kantine, in CoHousingProjekten oder WGs etc. Die werden jedoch in kleinerer Zahl gebraucht als die individuelle Küche von heute. Auch hier dämmert es: die analoge Küche nach heutiger Sicht läuft langsam vom Band.

// Künstliche Intelligenz ersetzt Kochlöffel

Was aber ist mit der Veränderung, die man nicht sofort sieht: etwa den Einbau von immer mehr Algorithmen in den Geräten, die wir nutzen. Schon heute sind die Einbaugeräte digital, sie funktionieren auf Knopfdruck. Und werden künftig noch digitaler werden. Roboter und künstliche Intelligenz halten Einzug, sie SIND dann die Küche. Es reichen Maschinen – das Drumherum wird uninteressant. Die Rede ist schnell von Internet of Things: unsere Küchengeräte sind vernetzt, sie kommunizieren miteinander, lernen womöglich. Vielleicht sind sie bald sogar in der Lage, unsere Lieblingsgerichte zu speichern oder sogar zu planen. Auf jeden Fall aber werden unsere Daten zu unserem Essverhalten gespeichert und an anderer Stelle analysiert, egal, ob im verbleibenden Küchenblock oder in der Kollektivküche.

Das Foto zeigt ein Küchengerät.

Knopfdruck genügt

Einen ersten Eindruck von „kompakten Küchen“ vermitteln die heiß begehrten Thermomix-Geräte. Bisweilen hochpreisig in die Behausungen der gehobenen Klasse verkauft, bahnen sie sich nun durch den Nachbau auf Aldi-Ebene auch ihren Weg auf die Anrichten der Normalverdiener: Oben Zutaten hinein, Rezept per Wischbedienung ausgesucht, die dem Smartphone ähnelt, Programm programmiert und dann mixt, rührt, gart, kocht und präsentiert das Edelstahl-und PlastikWunderwerk die fertige Mahlzeit während der Zubereiter schon mal Sinnvolleres betreibt. Den Kochlöffel muss niemand mehr schwingen. Was der Kochlöffel aber gerührt hätte, das bleibt als Datenspur zurück.

// Essen auf Rädern und Tastatur

Wem das alles immer noch zu umständlich ist, bestellt. Online. Bequem. Essen auf Rädern war seinerzeit noch verpönt als Halbgares und Lauwarmes für die Älteren unter uns, die sich nicht mehr selbst versorgen konnten.

Essen auf Rädern hat sich heute aber gemausert: vom frischegarantierenden Lieferdienst vieler Supermärkte, die Bestelltes als Einzelteile vor die Haustür stellen bis hin zum Bringedienst von Essen nach Wahl. Die Zahl der Anbieter ist enorm. Insbesondere die junge Generation hat diese Nummern in ihren Smartphones gespeichert – und sie nutzen sie. Nicht nur bei nerdigen WLAN-Partys, sondern auch im real life. Der PizzaBote oder der Bringedienst sind feste Bestandteile ihres Daseins geworden, zudem noch simpel bezahlt per Paydienst, bargeldlos online. Noch mehr Daten, die wir hinterlassen.

// Schrott wird chic 

Auch ein weiterer Trend bringt den Tod der Küche vom Band: Upcycling ist nicht nur Mode, sondern drückt eine ganz neue Haltung aus im wachsenden Konsumwahn, dem immer mehr Bewusste den Rücken zukehren. Möbel und vermeintlicher Schrott erleben ihre Renaissance, wenn sie als Bestandteile von Küchen neu zusammengesetzt werden. Auf diesen alten Holzgestellen oder sonstigem findet auch jedes digitale Kochgerät Platz. Auch ein Thermomix. Individueller geht es dann schon fast nicht mehr.

Denkt man also an disruptive, an kreative zerstörende Geschäftsmodelle, dann rückt auch diese Entwicklung in den Blick. Küchen sind hochgradig nutzergetrieben, so dass sich ihre Hersteller mehr denn je diesem Move anpassen müssen. Ihre Geldquelle wird nicht mehr die Küche sein oder das Kochen, sondern die Vernetzung der Essgewohnheiten und die Vorlieben der Individuen in Ernährungsfragen.

Küchen als Kulturgut alter Gattung können vom digitalen Wandel genau so geschluckt werden, wie jedes andere alte Geschäftsmodell, das heute noch für Cash in den Kassen sorgt. Wer hier weiter mitkochen will, muss aufpassen, dass ihm nichts anbrennt. Und die ehemaligen Nutzer von Küchen und mittlerweile digitalen Kocher sollten sich alsbald dafür interessieren, was aus ihren Daten zusammengekocht wird, wenn Mensch und Maschine in der neuen Küche zusammensitzen. Am digitalen Lagerfeuer.